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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

IV. Ansätze der kulturellen Systematisierung

Um einen problemgeschichtlichen Blick auf die Soziokultur zu ermöglichen, soziokulturelle Spuren in der DDR aufzudecken oder aber nach den Perspektiven fragen zu können, lohnt sich zunächst ein genauerer soziologischer Blick auf Kultur und Kulturpolitik nach 1945.

Gerhard Schulze beispielsweise bietet eine vielbeachtete Zusammenschau der kulturpolitischen Leitmotive der Nachkriegsgeschichte [21] . Bei ihrer Wertung ist jedoch stets mitzudenken, dass sie nicht etwa das Resultat administrativer Entscheidungen, sondern vielmehr eine Art Konsensus der an Kulturpolitik beteiligten Akteure darstellen. Seine vier Leitmotive der kulturpolitischen Entwicklung, die nicht in direkter gegenseitiger Ablösung zu denken seien, gehen von einem Hochkulturmotiv aus, das von 1945 bis in die sechziger Jahre gewirkt habe und dessen Ziel im Wesentlichen die Bestandssicherung der Hochkultur, die Pflege des kulturellen Erbes des Abendlandes gewesen sei. Es verlief zeitgleich mit der Restauration der Industriegesellschaft und sorgte für die Wiederherstellung der tradierten Kulturinstitutionen. Folgt man Mitscherlich, dann bedeutet das nominell Edle dieses Leitmotivs auch für die Stadtplanung eher das Gegenteil. Diese verleugne die Zertrümmerung und sieht folglich die Bedürfnisse nicht, denen sie gerecht zu werden hat. "Wir haben planerisch und architektonisch unbrauchbar restauriert und sind vorerst nur zu einer uns oktroyierten Demokratie gediehen." [22] Demokratie aber hieße, Gestaltung auf eine breite Basis zu stellen. Dieses Defizit artikuliert als sozialdemokratische Anknüpfung an die Arbeiterbildungsbewegung das sich parallel herausbildende Demokratiemotiv, dem an einer Popularisierung der Hochkultur im Sinne von "Kultur für alle" gelegen ist, einer Kultur, die stärker bedürfnisorientiert gedacht wird. Gegen Ende der sechziger Jahre entsteht nach Schulze schließlich das Soziokulturmotiv, dessen Auftauchen offenbar in direkter Verbindung mit einem Zurücktreten des Hochkulturmotivs zu sehen ist. Entscheidend dafür sei die neue Vordergründigkeit des Alltagslebens, das durch die entwickelte Konsumgesellschaft gekennzeichnet sei. Die Kunstwerkspolitik tritt zugunsten eines milieupolitischen Ansatzes zurück, dem die ursprünglich als Kommunikationszentren bezeichneten soziokulturellen Einrichtungen der ersten Stunde bereits folgten. Eine wichtige Verschiebung hat es auch auf der Subjektseite gegeben: Nicht mehr der gebildete Mensch wie im Hochkulturmotiv steht als Desiderat, sondern der autonome, sich selbst verwirklichende. Letztlich geht Schulze noch von einem Ökonomiemotiv aus, das die gegenwärtige Kulturpolitik sehr stark präge. Dieses sei bestimmt durch ökonomische und strukturpolitische Begründungsansätze. In der Tat hat sich insbesondere zur regionalen Beschreibung der Kulturlandschaft - auch im Bereich der Soziokultur - der Terminus "kulturelle Infrastruktur" eingebürgert, der vor allem dann Verwendung findet, wenn es um Einrichtungsdichte und "kulturelle Grundversorgung" geht. Dass dabei nicht unbedingt das vorauseilende Demokratiemotiv Niederschlag findet, sondern häufig die Notwendigkeit, Standorte für sekundäre Zwecke attraktiv zu gestalten, versteht sich in der "Erlebnisgesellschaft" mit ihrer Festival- und Eventkultur von selbst.

Albrecht Göschel hat die Kulturauffassungen der verschiedenen Generationen analysiert, die in dieser Zeit agieren [23] . Ich möchte seine Ergebnisse kurz mit Schulzes Periodisierung in Beziehung setzen. Göschel kommt mit seinem generationsspezifischen Blick zu einer vergleichbaren Entwicklung, die zunächst mit einer konservativen Kulturpolitik und einem folglich "engen" Kulturbegriff anhebt und unter dem Reformdruck der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften in ein "Verteilungsdenken" übergeht, also Kultur "weit" zu fassen beginnt. Ein Bruch erfolgt für ihn in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren, charakterisiert durch den Übergang von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft. Ökonomische Krisen führen zu einem größeren Einfluss der Intelligenz und damit der Kultur, als Leitbegriff gelte die "Emanzipation", der auch ein ideologiekritischer Kunstbegriff entspreche. Es folge die 1950er Generation, die Generation der "Humandienstleister" (Pädagogen, Sozialwissenschaftler etc.), die auch Träger der Neuen Sozialen Bewegungen sei. Einen letzten Wandel diagnostiziert Göschel seit Mitte der achtziger Jahre vor dem Hintergrund einer weitreichenden sozialen und kulturellen Differenzierung, deren Distinktionsstrategien für die Erlebnisgesellschaft stehen können. Diese Strategien zelebrieren Unterschiede, die "feine Unterschiede" (Bourdieu) geworden sind und nicht so leicht klassen- oder schichtspezifisch operabel scheinen. Die Lebensstilsoziologie hat gezeigt, dass vielmehr eine genauere typologische Ordnung den "sozialen Raum" zu erklären vermag. Eine Eingrenzung von "Leitmotiven" respektive deren Trägern aber wird damit schwerer.

Fußnoten

21.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main - New York 20008, S. 499 ff.
22.
A. Mitscherlich (Anm. 12), S. 100
23.
Vgl. Albrecht Göschel, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Berlin u. a. 1991.