APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

V. Soziokultur - Reformerscheinung oder Errungenschaft?

Dieser Blick auf Brüche und Strömungen der Kulturauffassung ist freilich ein recht verkürzter, aber er lässt die Vermutung zu, dass Soziokultur, auch die rasche Praxis ihrer Institutionalisierung, auf ganz konkrete gesellschaftspolitische Bedingungen und Akteure zurückgeht. Das "Demokratiemotiv" bereitet sie als Reformprogramm vor. Hier wirken wichtige Vertreter jener Generation, welche die Hochkultur jenseits des Bildungsbürgertums schätzen, sie aber gleichzeitig für alle zu erschließen trachten, etwa Glaser und Hoffmann [24] . Die lebensweltorientierte 1950er Generation erschließt den Nahraum auf neue Weise und bringt die Soziokultur - trotz der vielen vor allem kommunalpolitischen Widerstände, die zum Scheitern etlicher Initiativen führten - infolge der von ihr getragenen starken Bewegungsmilieus recht schnell und flächendeckend in Fahrt [25] .

Ist Soziokultur nun ",Symbol' einer Reformpolitik", dessen Zeit abgelaufen sein könnte? [26] Oder ist sie gleichsam taktisch eine "Entlastungslegitimation" der Kulturpolitik, deren herkömmliche Felder nicht mehr ausschließlich vertretbar schienen? [27] Ist sie aufgenommen in den Kanon, ruhiggestellt, da sie mehr und mehr das Lied jener singt, auf deren materielle Zuwendungen sie angewiesen ist? Zu konstatieren ist, dass die emanzipatorischen Impulse der Soziokultur - vielleicht notwendig - nicht mehr spürbar sind; vielleicht hat sie eingelöst, was sie sich programmatisch vorgenommen hatte, vielleicht aber hat, so meinen auch viele Kritiker, der Prozess ihrer Institutionalisierung und Professionalisierung ihr rebellisches Temperament gezähmt. Vor allem in den achtziger Jahren seien kritische Impulse und sozialer Anspruch zugunsten der prosperierenden kulturellen Praxis zurückgetreten.

Sind kritische Bewegungen jedoch nicht eigentlich temporärer Natur, um auf neue Herausforderungen immer neu reagieren zu können? Sind heute vielleicht jene Bewegungsmilieus so heterogen [28] , dass sie eine starke und einflussreiche Kraft wie die Soziokultur gar nicht mehr zu etablieren vermögen? Ist aber die Soziokultur nicht gerade deshalb so einflussreich geworden, weil sie mit der Verräumlichung in Zentren die Basis für einen langen Atem schuf?

Soziokulturelle Zentren bieten heute besonders im urbanen Raum, bei aller Unverzichtbarkeit und Vielfalt, ein eher ausgewogenes Profil ohne die ursprüngliche politische und utopische Kraft, die sie zu Orten der Rückgewinnung verlorener Gestaltungsmöglichkeiten machte. Merkmale des "Alternativen" [29] sind allenfalls noch die häufigen Planungsunsicherheiten im Rahmen der öffentlichen Haushalte, die schlechte Bezahlung des Personals und vielleicht das Maß der inneren Autonomie. Reaktionsräume der Aktualität sind sie per definitionem nicht mehr. Das könnte aber auch am Zustand unserer Gesellschaft liegen, der die "große Erzählung" immer mehr abhanden kommt.

Wird nun die Eingangsfrage zugunsten der Reformerscheinung beantwortet, dann muss die Entwicklung der soziokulturellen Zentren, die in hohem Maße selbstreferentiell geworden sind, sehr kritisch hinterfragt werden. Geht man aber von einer grundsätzlich positiven Bewertung des "Projekts Soziokultur" aus, dem der dominant aufklärerische Gestus entzogen und stattdessen das praktizierte "Urvertrauen in die Kulturfähigkeit des Menschen" als Wertebasis unterlegt wird [30] , bleibt Soziokultur eine positive Gegenwarts-, ja sogar Zukunftsgröße. Sie innovatorisch zu füllen ist freilich eine anspruchsvolle Aufgabe; gelingt sie nicht, werden die Zentren selbst einmal jene Kultur verkörpern, die man einst affirmativ nannte.

Fußnoten

24.
Vgl. Max Fuchs, Kulturpolitik als gesellschaftliche Aufgabe. Eine Einführung in Theorie, Geschichte, Praxis, Opladen - Wiesbaden 1998, S. 155 f.
25.
Göschel weist noch auf folgenden Umstand hin, der das Wirken der 1940er Generation betrifft: "Der Westen wird durch den großen Konflikt von ,68' in gewissem Sinne liberalisiert und lernt, mit Abweichungen aus sozialen Bewegungen umzugehen. Die Individualisierung, die die neue soziale Bewegung der siebziger Jahre propagiert, stößt nicht mehr auf die Widerstände, wie sie die ,68er' in den sechziger Jahren vorfanden." Albrecht Göschel, Kulturelle und politische Generationen in Ost und West, in: Berliner Debatte INITIAL. Zeitschrift für sozialwissenschaftlichen Diskurs, 10 (1999) 2, S. 34.
26.
Ders., Thesenpapier, in: Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren (Hrsg.), www.soziokultur.de/20. Bundeskongress soziokultureller Zentren. Dokumentation, Essen 2000, S. 77.
27.
Klaus von Beyme, Kulturpolitik und nationale Identität. Studien zur Kulturpolitik zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Autonomie, Opladen - Wiesbaden 1998, S. 9
28.
Vgl. Dieter Rucht, Gesellschaft als Projekt - Projekte in der Gesellschaft, in: Ansgar Klein/Hans-Josef Legrand/Thomas Leif (Hrsg), Neue soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen, Perspektiven, Opladen-Wiesbaden 1999, S. 20.
29.
Hinzuweisen ist darauf, dass die Bezeichnung "alternativ" oft missverstanden wurde. Soziokultur wollte eher eine "andere" kulturelle Praxis sein, welche die Einlösung bestimmter Forderungen im Umgang mit Kultur und Kunst verkörpert. Es ging ihr nicht um Gegenbegriffe, sondern um die Verwirklichung kultureller Chancengleichheit, die Entwicklung einer demokratischen Kultur. Insofern muss sie nicht "revolutionär" sein. Vgl. etwa den kontextualisierten Überblick von Olaf Schwencke, Kulturpolitik im Spektrum der Gesellschaftspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41/96, S. 9 f.
30.
Vgl. Peter Alheit, Soziokultur - ein unvollendetes Projekt, in: N. Sievers/B. Wagner (Anm. 4), S. 61.