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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

VII. Soziokultur in der DDR

Soziokultur in dieser Weise für die DDR-Gesellschaft zu beschreiben ist freilich nicht möglich. Zwar gab es eine kulturelle Praxis, die mit einem nachhaltig wirksamen "weiten" Kulturbegriff operierte [35] , doch handelte es sich um zentralistische Strukturen der Planung und Steuerung, die eine selbstbestimmte, von staatlicher Kontrolle unabhängige Kulturarbeit nicht zuließen. Träger dieser breiten Kulturarbeit waren der FDGB und die FDJ; bekannt ist dieses Wirken unter dem Begriff des "kulturellen Volksschaffens". Es gab folglich weder eine basisdemokratische Organisation, die den Aufbau einer Initiative "von unten" ermöglicht hätte, noch einen relevanten Grad zentrumsinterner Freiheit bei der inhaltlichen und personellen Umsetzung kultureller Vorhaben. Rahmen jenes Kulturschaffens blieb stets die Herausbildung einer "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit", die sich vom Fernziel der kommunistischen Gesellschaft her definierte. Es ging weder um eine Kritik an affirmativer Kultur - es sei denn der kapitalistischen in toto - noch um die Schaffung von Einrichtungen mit konkreter Außenwirkung im Sinne kommunalpolitischer Einflussnahme.

Die Frage nach Elementen von Soziokultur in der DDR ist vor allem Resultat der kulturpolitischen Arbeit in den neuen Bundesländern seit 1990. Der Umgang mit den nun zwangsläufig aus der staatlichen Trägerschaft gefallenen Einrichtungen (etwa Kulturhäuser, Klubs, Zirkel) und informellen Initiativen der Wendezeit verlangte nach einer kategorialen Einordnung und Fördermodellen. Die für die DDR typische Diskrepanz zwischen Vorgaben und tatsächlicher Praxis hatte in der Wendezeit schnell zu der Einsicht geführt, dass das, was unter dem Begriff Soziokultur firmiert, der bisherigen Arbeit nicht gänzlich fremd war. Im Rückblick auf ihre DDR- und Wendeerfahrungen formulierte dies Grit Hanneforth kürzlich so: "Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich sehr wohl einen Begriff von Soziokultur hatte und schon seit Jahren selber soziokulturelle Projekte machte. Ich fand in Ostdeutschland eine lebendige Szene vor, die sich, wie eine zu kurz gewordene Decke, den Begriff Soziokultur übergezogen hatte und nun mit den Schwierigkeiten kämpfte." [36] Diese Feststellung lohnt ernst genommen zu werden, denn diese Schwierigkeiten sind vielgestaltiger Natur und wurden im politischen Vereinigungseifer gern marginalisiert. Mindestens drei Ebenen verbergen sich dahinter: die eigenen Schwierigkeiten des Konzeptes Soziokultur, die vordergründig sichtbaren eigentlichen Anpassungsprobleme und schließlich die Überschätzung der "kulturellen Klammer", die eine Teilung Deutschlands nicht wirklich zugelassen habe [37] .

Dennoch ist es nicht zuletzt mangels fundierter Untersuchungen schwierig, die Frage nach einer Soziokultur in der DDR zu beantworten. Interessant wäre eine Analyse des Verhältnisses zwischen der Anverwandlung von historischen Vorläufereinrichtungen und Volksbildungskonzepten, ihrer tatsächlichen Praxis und den sozialen Funktionen, die sie de facto ausübten. Dahinter steckt freilich auch die Frage nach dem Scheitern historisch gewachsener Kulturkonzepte, verdeckt durch ihre ideologische Einkleidung [38] . Auch die Geschichte der "Soziokultur West" müsste zur Beantwortung dieser Fragen stärker untersucht werden.

Subkulturelle oder kulturkritische Strömungen in der DDR waren nicht getragen von sich öffentlichkeitswirksam artikulierenden Bewegungsmilieus, sondern durchsetzten entweder die offizielle Kultur oder etablierten sich infolge der starken Rückzugsbewegung ins Private eher in kleineren Kreisen [39] . Kulturpolitisch ähnlich wie in der Alt-Bundesrepublik verlief zunächst die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, indem ein starker Bezug auf die bürgerlich getragene Hochkultur genommen wurde, freilich mit anderen (hier zu vernachlässigenden) Zielen. Korrekturbewegungen allerdings konnten in der Folge nur kleingruppenbezogen oder als individuelle Strategien glücken. Aber das Bedürfnis nach Formen von Selbstentfaltung, nach Erprobung neuer Artikulationspraxen und einer Öffnung zur Lebenswelt hin bestand auch; vielleicht ein soziokulturelles Denken mit Ansätzen einer Praxis, die weniger mit utopischen Potentialen kalkulierte (denn die Utopie war bis zum Überdruss vorgegeben), sondern stärker an kleinen Projekten jenseits des gesellschaftlichen Raumes arbeitete. Die Räume, in denen dies erfolgte, werden gern als Nischen bezeichnet. Ihre strukturelle Bedeutung jedoch ist von der Transformationsforschung noch nicht hinreichend erhellt worden [40] .

Was man als Soziokultur in der DDR bewertet, hängt davon ab, wie man diesen Befund eingrenzt. Es wird meiner Ansicht nach ebenso wenig möglich sein, die gesamte breitenkulturelle Praxis für soziokulturell zu erklären wie all jenes, was heute mit Boheme oder Gegenkultur beschrieben wird.

Fußnoten

35.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Kulturelles Interesse und Kulturpolitik. Eine Repräsentativumfrage über die kulturelle Partizipation, den Kulturbegriff der deutschen Bevölkerung und die Bewertung der Kulturpolitik, Allensbach 1991, S. 14 f. (Kulturbegriffe in Ost und West).
36.
Grit Hanneforth, Vom Kunststück, Sinn zu stiften. Eine Aufforderung zur historischen Spurensuche in der Soziokultur, in: Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren (Anm. 26), S. 24.
37.
Vgl. z. B. Hans Mayer, Wendezeiten. Über Deutsche und Deutschland, Frankfurt am Main 1995: "Trotz der Auferstehung von fünf potenten und vitalen deutschen Ländern kann von Übereinstimmung in Grundfragen der Kultur die Rede nicht sein." (S. 218) oder auch Heinrich-Böll-Stiftung/Lothar Probst (Hrsg.), Differenz in der Einheit. Über die kulturellen Unterschiede der Deutschen in Ost und West, Berlin 1999.
38.
Vgl. Horst Groschopp, Gab es in der DDR Soziokultur?, in: Arbeitsgruppe Soziokultur im Freistaat Sachsen (Hrsg.), Soziokultur in Sachsen. Analysen-Anmerkungen-Ausblicke, Dresden 1994, S. 29 ff., hier S. 44.
39.
Vgl. z. B. Paul Kaiser/Claudia Petzold, Boheme und Diktatur. Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin 1997.
40.
In welcher Weise das Wirken ostdeutscher Soziokultur-Protagonisten von der Art ihrer Auseinandersetzung mit Kulturstrukturen in der DDR geprägt wurde, versucht eine jüngst eingereichte Diplomarbeit nachzuzeichnen. Möglicherweise ist dieser an Lebenswegen orientierte Ansatz für die Suche nach "soziokulturellem Denken" in der DDR sehr hilfreich, denn er zeigt nicht nur exemplarisch das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Vorgaben und individuellen Handlungsspielräumen, sondern genau jene Strategien, die später soziokulturell "passfähig" wurden. Vgl. Uta Karstein, Kulturschaffen als Handlungs- und Bewältigungsstrategie?! Voraussetzungen und Spezifika der Entstehung soziokultureller Praxis in der DDR, Berlin 2000 (unveröff. Diplomarbeit).