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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

Der Beitrag versucht, die Entstehung von Soziokultur, aber auch deren Bedingungen zu problematisieren. Ausgehend von einem reformierten Kulturpolitikbegriff wird beispielsweise die Organisation soziokultureller Zentren nachgezeichnet.

I. Von der Geschichte zur Perspektive

Soziokultur ist eine problematische Größe, sowohl vor dem Hintergrund ihrer Geschichte als auch vor dem ihrer Zukunftsaussicht, denn sie entzieht sich einer eindeutigen Beschreibung. Beide Dimensionen werden oft unzureichend in Beziehung gesetzt, doch scheint ihre kritische Zusammenschau immer dringlicher. Gehen wir davon aus, dass die Geschichte dessen, was wir als Soziokultur bezeichnen, wie jegliche Geschichte eine Erkenntnisqualität besitzt, dann stehen Gegenwart und Zukunft mit ihr in einem wichtigen Verhältnis. Dieses Verhältnis zeichnet sich zunächst durch eine Brüchigkeit aus, denn Geschichte ist zum einen der Versuch einer (Re-)Konstruktion des Vergangenen (und somit Verlorenen), zum anderen verlangt sie aber auch ein bestimmtes Erkenntnisinteresse. "Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet", schreibt Walter Benjamin, "muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn auszustreuen, wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt." [1] Hinter Geschichte verbirgt sich ein unermüdlicher Wille zur Erkenntnis, aber gleichzeitig auch ein Wille zur Kritik, denn jede Erkenntnis wird von einem Standpunkt bestimmt. Nach Ortega y Gasset ist die Perspektive eine entscheidende Komponente der Wirklichkeit [2] . Schließlich verkörpert sich in der Geschichte auch ein Wille zur Macht, zur Festschreibung im wahrsten Sinne, die das Kommende prägt.

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  • Eine "Geschichte der Soziokultur" gibt es noch nicht, wohl aber propädeutische (einführende) und systematische Versuche, etwas über deren Wesen auszusagen. Das mag unter anderem daran liegen, dass sie ein notwendig zurückhaltendes Verhältnis zu Traditionsbildungen hat, aber auch an ihrem praktischen Erfolg, der den analytischen Blick gleichsam erst nach sich zieht. Aus durch und durch kritischen Impulsen geboren und in der Gegenwart agierend, ist das kritische Prinzip selbst Gegenstand des suchenden Rückblickes geworden. Je stärker dabei nach dem Warum des Erfolges, nach zeitgeschichtlichen, aber auch historischen Wurzeln soziokulturellen Denkens gefragt wird, um so bedeutsamer kann die geschichtliche Rekonstruktion für die Gestalt zukünftiger Praxis oder Theorie sein. Eine Theorie der Soziokultur, wie sie in allgemeiner Form für die Subkultur existiert [3] , steht freilich ebenfalls noch aus. Eines aber ist gewiss: Wo Geschichte entsteht - und sie entsteht zwangsläufig -, entstehen Fragen an Vergangenheit und Zukunft, insbesondere bei jenen, denen die Zeitzeugenschaft in großen Teilen verwehrt blieb. Je produktiver dabei die Arbeit an der Geschichte aufgefasst wird, desto vielgestaltiger wird diese sein, desto vielgestaltiger werden auch die Erkenntnisse sein, die in die Diskussion um konzeptionelle Neubestimmungen Eingang finden.

    Die folgenden Gedanken, die einen Überblick über Geschichte und Perspektiven der Soziokultur zu geben versuchen, wollen zugleich ein Impuls zu einer gründlichen und differenzierten Auseinandersetzung mit Konzepten, Geschichte und bisheriger Praxis sein. Sie gehen davon aus, dass Soziokultur trotz definitorischer Schwierigkeiten als ein Prinzip der Moderne beschrieben werden kann, dessen Ausformungen diskurs- und bewegungsabhängig sind.

    II. Soziokultur und Neue Kulturpolitik

    Aus kulturpolitischer Sicht verbirgt sich hinter dem Begriff Soziokultur zunächst ein Reformanspruch, der Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre formuliert wurde und sich gegen die bis dahin eher restaurative Kulturpolitik des Nachkriegsdeutschlands West wandte. Den Begriff selbst brachten Hermann Glaser und Karl Heinz Stahl in die deutsche Debatte ein [4] . Es ging ihnen darum, die Gesellschaft durch Kultur zu demokratisieren und mit einem Kulturverständnis zu brechen, das die Welt des Geistes adelte und zur eigentlichen Kultur erhob, zu einem bürgerlich-idealistischen Reich, das sich von den Niederungen bloßer Zivilisation abwandte. Herbert Marcuse bezeichnete diese Kultur, in der dem Leben das Gute, Wahre und Schöne enthoben sei, bekanntlich als affirmativ - also bejahend. Mit ihr werde "ein Reich scheinbarer Einheit und scheinbarer Freiheit aufgebaut", worin die antagonistischen Daseinsverhältnisse eingespannt und befriedet werden sollten. Die Kultur bejahe und verdecke die neuen gesellschaftlichen Lebensbedingungen [5] . Kritik ist aber nur möglich, wenn mit diesem eigentlich aus der deutschen Klassik herrührenden Muster für das Bildungsbürgertum gebrochen wird, nach dem die "Niederungen" der Politik für Dichter und Künstler nicht von Bedeutung zu sein hätten [6] . Mit Kultur demokratisieren hieß folglich - und dazu diente die Vorsilbe "Sozio" -, sie ganzheitlich zu fassen, sie mit dem Leben zu versöhnen, Chancengleichheit zu verwirklichen und Mitbestimmung zu ermöglichen; hieß weg von einer elitären Hegemonialkultur des schönen Scheins, hin zu pluralisierten Formen ästhetischer Praxis mit einer "Kultur für alle" und "von allen" [7] . Programmatisch hieß dies die Überwindung tradierter Trennungen, etwa der von kulturellem und öffentlichem Raum, von Publikum und Künstler oder hoch professionalisierter Kunst und selbst organisiertem künstlerischem Schaffen. Jener Entwurf partizipativer Soziokultur bricht folglich mit dem Mentalitätsmuster, das die autonome bürgerliche Kultur trug, mit dem "unpolitischen Kulturmenschen". Kommunikation, ein Schlagwort dieser Stunde, müsse die Einseitigkeit aufbrechen, in der man neutral blieb.

    Glaser und Stahl ging es im Zuge der Vollendung des Projekts Aufklärung um die "Wiederherstellung der Politik" (von Hentig), die sie an die "Wiederherstellung des Ästhetischen" knüpften [8] . Ästhetisches Lernen, gezielter Umgang mit Informationen, Kritikfähigkeit, die Vermittlung von Ethik und Ästhetik - dies sind Themen, deren umfassende Bewältigung zum Rückgewinn eines "Behagens in der Kultur" führen könne, wenn "die Mitbestimmung des Individuums durch Mitbestimmung in und an der Gemeinschaft . . . in den Spielräumen der Kultur" [9] eingeübt werde. Insofern ist für sie Soziokultur "der Versuch, vorrangig, neben anderen Aspekten, Kunst als Kommunikationsmedium zu begreifen . . ., die plurale Gesellschaft auf der kommunikativen Ebene zusammenzubringen" [10] . Damit überwinden sie einen "engen", abgeschotteten Kulturbegriff zugunsten einer Revitalisierung der Kunst als Medium lebendiger Auseinandersetzung. Mehr noch, Kunst wird nicht nur für den gesellschaftlichen Raum zurückgewonnen, sondern Kultur selbst infolge des Bedeutungszuwachses "weit" gefasst, nicht mehr auf Kunst eingeengt. Es geht nicht mehr nur um das kanonische Erbe, denn auch die Orte und Formen des eigenen Lebens und Handelns sind jetzt Gegenstand von Kultur.

    Auf der räumlichen Ebene trifft sich diese Kritik mit jener am Städtebau nach 1945. Nicht erst die Erklärung des Deutschen Städtetages von 1973 zeigte, dass Bildung und Kultur als Elemente der Stadtentwicklung zu begreifen sind [11] , sondern schon eindringliche Appelle aus den sechziger Jahren wie etwa Alexander Mitscherlichs Streitschrift "Die Unwirtlichkeit der Städte" [12] verwiesen auf die Zersiedelung und typisierten Neubauten, die Entmischung von Wohnen und Arbeiten, die Identitätslosigkeit der Zentren, die einst Herzen der Stadt waren, fehlende Spielplätze oder Stätten der Begegnung und die daraus resultierenden sozialen Folgen. Die Wiederaneignung des Raumes, die sich auch mit der Forderung nach einer Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden verband, ist ein soziokulturelles Thema. Schon Mitscherlich forderte "städtische Begegnungsorte", in denen sich die Meinungsverschiedenheiten mit politischen Folgen kundgeben könnten [13] . Glaser und Stahl sprechen von "Orte[n] des Informationszugriffs, des Kommunikationsprozesses und eingreifenden Handelns" [14] , die möglichst ubiquitär (überall verbreitet) zu schaffen seien.

    III. Soziokultur als räumliche Praxis

    Diese Orte wurden in der Tat geschaffen, und sie sind wohl auch das Herzstück dessen, was heute als Soziokultur verstanden wird. Es würde aber zu kurz greifen, diese in der Folge als soziokulturelle Zentren zusammengefassten Einrichtungen ausschließlich auf die politischen Initiativen zurückzuführen, die mit dem Terminus Neue Kulturpolitik bezeichnet werden. Bereits vorher formten sich aus widerständigen Milieus und gegenkulturellen Strömungen Zentren, die für diesen Einrichtungstyp stehen können. Joachim Schulze betont in seiner Untersuchung von 1993, die sich mit Entstehungsgeschichten, Einflussmöglichkeiten und Wirkungen soziokultureller Einrichtungen auf die Stadtentwicklung auseinandersetzt, dass die Wurzeln selbstverwalteter Zentren in den "linken" Bewegungen der letzten 25 (nunmehr über 30) Jahre lägen und zumindest in Teilbereichen auf die Gegenentwürfe der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauenbewegung, Ökologiebewegung, Friedensbewegung) zurückgingen [15] . Die Entstehung der Zentren selbst sei ein Indikator für die Elaboriertheit, also den Entwicklungsgrad, des örtlichen Bewegungsmilieus, wichtig seien aber neben der Erweiterungsabsicht kultureller Angebote unter anderem auch die Existenz geeigneter Bauten, die genutzt werden können, die Suche nach parteiunabhängigen Partizipationsmöglichkeiten im kommunalpolitischen Bereich oder auch das Interesse an der Schaffung neuer Arbeitsplätze [16] . Die Zentren selbst ermöglichen eine gewisse Stabilität und Kontinuität in der Auseinandersetzung mit Positionen und deren Vertretung im städtischen Raum; sie schaffen Treffpunkte und konkurrierende Entwürfe zu bestehenden Einrichtungen, verräumlichen schließlich ihr kritisches Potential.

    Der Hintergrund der "Karriere" soziokultureller Einrichtungen ist sicher sowohl in der kulturellen Praxis freier Initiativen, Gruppen und Bewegungsmilieus zu suchen als auch in den Bemühungen reformorientierter Kulturpolitiker. Der kulturpolitische Einfluss auf die Bewertung von Soziokultur zeigt sich am eindrucksvollsten wohl an der Beantwortung der Großen Anfrage an die Bundesregierung von 1990, die mit dem weihevollen Satz anhebt: "Die Soziokultur ist in den letzten Jahren zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Bundesrepublik Deutschland geworden." [17]

    Was sind nun aber genau "soziokulturelle Einrichtungen"? Nach Udo Husmann und Thomas Steinert ist eine inhaltliche Eingrenzung kaum möglich. Die Autoren wählen zur Bewertung in einem ersten Schritt jene Einrichtungen, die in der 1979 als eingetragener Verein gegründeten "Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren" respektive den Landesarbeitsgemeinschaften organisiert sind. Weiterhin gehen sie von einer Reihe gemeinsamer Merkmale aus, wie sie in der Satzung der Bundesvereinigung festgehalten werden, etwa Basis- und Nutzerorientierung, Praktizierung von Formen sozialer Arbeit sowie demokratischer Kultur, Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten und Nationalitäten, Offenheit und Transparenz, nichtkommerzielle Ausrichtung etc. [18] Joachim Schulze definiert ein soziokulturelles Zentrum als "eine selbstverwaltete, von (Bürger-) Initiativen aus den ,Neuen Sozialen Bewegungen' durchgesetzte, aufgebaute und getragene Einrichtung, die eine in der Perspektive politisch begründete und ausgerichtete Kultur- und Sozialarbeit mit hohen Anteilen an Eigenaktivität der Nutzer(innen) entweder selbst leistet oder durch eine entsprechende Infrastruktur ermöglicht. Dabei bietet sie eine (bewusste) Alternative zu profitorientierten oder partei- beziehungsweise verbandskontrollierten Institutionen und zu kommunalen Einrichtungen." [19]

    Ein wichtiger Akzent soziokultureller Arbeit besteht dabei in der Postition, dass "sozio-" nicht mit sozial identisch sei. Wenngleich auch Sozialarbeit und insbesondere Gemeinwesenarbeit eine gewichtige Rolle spielen und Vertreter dieses Bereichs zu Recht auf die mangelnde Stichhaltigkeit des oft behaupteten Gegensatzes zwischen Sozialarbeit und (Sozio-)Kulturarbeit in soziokulturellen Zentren verweisen [20] , liegt die Befürchtung wohl darin begründet, dass Sozialarbeit gemeinhin von konkreten Problemfällen her wirkt und der Begriff Soziokultur auf eine allgemeine Rückgewinnung des öffentlichen Raumes und seine Gestaltung (Autonomie, Selbstorganisation) verweist, also keinen "Reparaturcharakter" im Sinne eines Engagements für Benachteiligte verkörpert. Dessen ungeachtet ist die verbreitete Forderung nach einer gemeinsamen Quartierspolitik, in der Kultur- und Sozialpolitik zusammengedacht werden, sehr zu begrüßen, denn es geht schließlich um die Gestaltung einer Lebenspraxis "von unten", in der sowohl Lebensstile, kulturelle Praxen und sozialräumliche Gestaltungen als auch die Aktivierung von etwa für die Gemeinwesenarbeit typischen Gruppen (z. B. Jugendliche, Ausländer) eine Rolle spielen. So hat wohl die Denkformel Soziokultur in vergleichbarem Maße Einfluss auf Sozialarbeit wie diese auf die Soziokultur. Dennoch sind soziokulturelle Zentren nicht mit sozial-kulturellen Einrichtungen bzw. Nachbarschaftsheimen zu verwechseln.

    IV. Ansätze der kulturellen Systematisierung

    Um einen problemgeschichtlichen Blick auf die Soziokultur zu ermöglichen, soziokulturelle Spuren in der DDR aufzudecken oder aber nach den Perspektiven fragen zu können, lohnt sich zunächst ein genauerer soziologischer Blick auf Kultur und Kulturpolitik nach 1945.

    Gerhard Schulze beispielsweise bietet eine vielbeachtete Zusammenschau der kulturpolitischen Leitmotive der Nachkriegsgeschichte [21] . Bei ihrer Wertung ist jedoch stets mitzudenken, dass sie nicht etwa das Resultat administrativer Entscheidungen, sondern vielmehr eine Art Konsensus der an Kulturpolitik beteiligten Akteure darstellen. Seine vier Leitmotive der kulturpolitischen Entwicklung, die nicht in direkter gegenseitiger Ablösung zu denken seien, gehen von einem Hochkulturmotiv aus, das von 1945 bis in die sechziger Jahre gewirkt habe und dessen Ziel im Wesentlichen die Bestandssicherung der Hochkultur, die Pflege des kulturellen Erbes des Abendlandes gewesen sei. Es verlief zeitgleich mit der Restauration der Industriegesellschaft und sorgte für die Wiederherstellung der tradierten Kulturinstitutionen. Folgt man Mitscherlich, dann bedeutet das nominell Edle dieses Leitmotivs auch für die Stadtplanung eher das Gegenteil. Diese verleugne die Zertrümmerung und sieht folglich die Bedürfnisse nicht, denen sie gerecht zu werden hat. "Wir haben planerisch und architektonisch unbrauchbar restauriert und sind vorerst nur zu einer uns oktroyierten Demokratie gediehen." [22] Demokratie aber hieße, Gestaltung auf eine breite Basis zu stellen. Dieses Defizit artikuliert als sozialdemokratische Anknüpfung an die Arbeiterbildungsbewegung das sich parallel herausbildende Demokratiemotiv, dem an einer Popularisierung der Hochkultur im Sinne von "Kultur für alle" gelegen ist, einer Kultur, die stärker bedürfnisorientiert gedacht wird. Gegen Ende der sechziger Jahre entsteht nach Schulze schließlich das Soziokulturmotiv, dessen Auftauchen offenbar in direkter Verbindung mit einem Zurücktreten des Hochkulturmotivs zu sehen ist. Entscheidend dafür sei die neue Vordergründigkeit des Alltagslebens, das durch die entwickelte Konsumgesellschaft gekennzeichnet sei. Die Kunstwerkspolitik tritt zugunsten eines milieupolitischen Ansatzes zurück, dem die ursprünglich als Kommunikationszentren bezeichneten soziokulturellen Einrichtungen der ersten Stunde bereits folgten. Eine wichtige Verschiebung hat es auch auf der Subjektseite gegeben: Nicht mehr der gebildete Mensch wie im Hochkulturmotiv steht als Desiderat, sondern der autonome, sich selbst verwirklichende. Letztlich geht Schulze noch von einem Ökonomiemotiv aus, das die gegenwärtige Kulturpolitik sehr stark präge. Dieses sei bestimmt durch ökonomische und strukturpolitische Begründungsansätze. In der Tat hat sich insbesondere zur regionalen Beschreibung der Kulturlandschaft - auch im Bereich der Soziokultur - der Terminus "kulturelle Infrastruktur" eingebürgert, der vor allem dann Verwendung findet, wenn es um Einrichtungsdichte und "kulturelle Grundversorgung" geht. Dass dabei nicht unbedingt das vorauseilende Demokratiemotiv Niederschlag findet, sondern häufig die Notwendigkeit, Standorte für sekundäre Zwecke attraktiv zu gestalten, versteht sich in der "Erlebnisgesellschaft" mit ihrer Festival- und Eventkultur von selbst.

    Albrecht Göschel hat die Kulturauffassungen der verschiedenen Generationen analysiert, die in dieser Zeit agieren [23] . Ich möchte seine Ergebnisse kurz mit Schulzes Periodisierung in Beziehung setzen. Göschel kommt mit seinem generationsspezifischen Blick zu einer vergleichbaren Entwicklung, die zunächst mit einer konservativen Kulturpolitik und einem folglich "engen" Kulturbegriff anhebt und unter dem Reformdruck der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften in ein "Verteilungsdenken" übergeht, also Kultur "weit" zu fassen beginnt. Ein Bruch erfolgt für ihn in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren, charakterisiert durch den Übergang von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft. Ökonomische Krisen führen zu einem größeren Einfluss der Intelligenz und damit der Kultur, als Leitbegriff gelte die "Emanzipation", der auch ein ideologiekritischer Kunstbegriff entspreche. Es folge die 1950er Generation, die Generation der "Humandienstleister" (Pädagogen, Sozialwissenschaftler etc.), die auch Träger der Neuen Sozialen Bewegungen sei. Einen letzten Wandel diagnostiziert Göschel seit Mitte der achtziger Jahre vor dem Hintergrund einer weitreichenden sozialen und kulturellen Differenzierung, deren Distinktionsstrategien für die Erlebnisgesellschaft stehen können. Diese Strategien zelebrieren Unterschiede, die "feine Unterschiede" (Bourdieu) geworden sind und nicht so leicht klassen- oder schichtspezifisch operabel scheinen. Die Lebensstilsoziologie hat gezeigt, dass vielmehr eine genauere typologische Ordnung den "sozialen Raum" zu erklären vermag. Eine Eingrenzung von "Leitmotiven" respektive deren Trägern aber wird damit schwerer.

    V. Soziokultur - Reformerscheinung oder Errungenschaft?

    Dieser Blick auf Brüche und Strömungen der Kulturauffassung ist freilich ein recht verkürzter, aber er lässt die Vermutung zu, dass Soziokultur, auch die rasche Praxis ihrer Institutionalisierung, auf ganz konkrete gesellschaftspolitische Bedingungen und Akteure zurückgeht. Das "Demokratiemotiv" bereitet sie als Reformprogramm vor. Hier wirken wichtige Vertreter jener Generation, welche die Hochkultur jenseits des Bildungsbürgertums schätzen, sie aber gleichzeitig für alle zu erschließen trachten, etwa Glaser und Hoffmann [24] . Die lebensweltorientierte 1950er Generation erschließt den Nahraum auf neue Weise und bringt die Soziokultur - trotz der vielen vor allem kommunalpolitischen Widerstände, die zum Scheitern etlicher Initiativen führten - infolge der von ihr getragenen starken Bewegungsmilieus recht schnell und flächendeckend in Fahrt [25] .

    Ist Soziokultur nun ",Symbol' einer Reformpolitik", dessen Zeit abgelaufen sein könnte? [26] Oder ist sie gleichsam taktisch eine "Entlastungslegitimation" der Kulturpolitik, deren herkömmliche Felder nicht mehr ausschließlich vertretbar schienen? [27] Ist sie aufgenommen in den Kanon, ruhiggestellt, da sie mehr und mehr das Lied jener singt, auf deren materielle Zuwendungen sie angewiesen ist? Zu konstatieren ist, dass die emanzipatorischen Impulse der Soziokultur - vielleicht notwendig - nicht mehr spürbar sind; vielleicht hat sie eingelöst, was sie sich programmatisch vorgenommen hatte, vielleicht aber hat, so meinen auch viele Kritiker, der Prozess ihrer Institutionalisierung und Professionalisierung ihr rebellisches Temperament gezähmt. Vor allem in den achtziger Jahren seien kritische Impulse und sozialer Anspruch zugunsten der prosperierenden kulturellen Praxis zurückgetreten.

    Sind kritische Bewegungen jedoch nicht eigentlich temporärer Natur, um auf neue Herausforderungen immer neu reagieren zu können? Sind heute vielleicht jene Bewegungsmilieus so heterogen [28] , dass sie eine starke und einflussreiche Kraft wie die Soziokultur gar nicht mehr zu etablieren vermögen? Ist aber die Soziokultur nicht gerade deshalb so einflussreich geworden, weil sie mit der Verräumlichung in Zentren die Basis für einen langen Atem schuf?

    Soziokulturelle Zentren bieten heute besonders im urbanen Raum, bei aller Unverzichtbarkeit und Vielfalt, ein eher ausgewogenes Profil ohne die ursprüngliche politische und utopische Kraft, die sie zu Orten der Rückgewinnung verlorener Gestaltungsmöglichkeiten machte. Merkmale des "Alternativen" [29] sind allenfalls noch die häufigen Planungsunsicherheiten im Rahmen der öffentlichen Haushalte, die schlechte Bezahlung des Personals und vielleicht das Maß der inneren Autonomie. Reaktionsräume der Aktualität sind sie per definitionem nicht mehr. Das könnte aber auch am Zustand unserer Gesellschaft liegen, der die "große Erzählung" immer mehr abhanden kommt.

    Wird nun die Eingangsfrage zugunsten der Reformerscheinung beantwortet, dann muss die Entwicklung der soziokulturellen Zentren, die in hohem Maße selbstreferentiell geworden sind, sehr kritisch hinterfragt werden. Geht man aber von einer grundsätzlich positiven Bewertung des "Projekts Soziokultur" aus, dem der dominant aufklärerische Gestus entzogen und stattdessen das praktizierte "Urvertrauen in die Kulturfähigkeit des Menschen" als Wertebasis unterlegt wird [30] , bleibt Soziokultur eine positive Gegenwarts-, ja sogar Zukunftsgröße. Sie innovatorisch zu füllen ist freilich eine anspruchsvolle Aufgabe; gelingt sie nicht, werden die Zentren selbst einmal jene Kultur verkörpern, die man einst affirmativ nannte.

    VI. Zur "Frühgeschichte" soziokulturellen Denkens

    Löst man sich von diesen zeitgeschichtlichen Beschreibungen, mit denen eine wesentliche Dimension der kulturellen Demokratisierung eingegrenzt und terminologisch erfasst wurde, stellt sich die Frage nach deren strukturellen Ursachen. Anders formuliert: Wann kommen Bewegungen auf, die etwa bestimmte Vorstellungen von Kultur neben der herrschenden Praxis stabilisieren können oder diese herausfordern? Welche gesellschaftlichen und politischen Bedingungen erfordern sie und welches sind ihre Träger? In welcher praktischen Weise werden sie umgesetzt, und wie ist ihr Einfluss auf die Hegemonialkultur? Wenngleich diesen Fragen hier nicht umfassend nachgegangen werden kann, weiten sie doch den Blick und engen die Spurensuche nicht auf die eher unergiebige Geschichte von Vorläufereinrichtungen ein. Gefragt ist vielmehr nach Anhaltspunkten für ein soziokulturelles Denken, nach einem problemorientierten Blick in die Moderne. Soziokultur in diesem Sinne ist keine Erfindung der siebziger Jahre.

    Nach Horst Groschopp liegen die Anfänge der Kulturarbeit und der frühen Soziokultur in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Als Akteure nennt er glaubensbesorgte Christen, kulturbewusste Dissidenten (Abweichler, hier vor allem: Religionslose), machtpolitisch denkende Beamte und arbeitsuchende Akademiker, als Rahmenbedingung die Tendenz der Moderne, auch kulturelle Einrichtungen zu demokratisieren [31] . So kam es neben der kommerziellen Massenkultur, die ebenfalls für Demokratisierung steht, zu einer Öffnung von kulturellen Stätten mit dem Ziel ästhetischer Bildung. Wichtig in diesem Kontext ist der fortschreitende Prozess der Säkularisierung und der gesellschaftliche Geltungsanspruch von sozialen Bewegungen, die erst dann im modernen Sinne wirksam werden können, wenn mit der Tradition grundsätzlich gebrochen und Gesellschaft als Projekt begreifbar wird [32] . Denn die Aufwertung und Aufladung der Kultur, die notwendig zu Diskussionen über die Vermittlung und Teilhabe an ihrer Sinnstiftung führt, findet sowohl Niederschlag im Bereich staatlicher Politik als auch in zentralen Bewegungen wie etwa der Gebildeten-Reformbewegung oder später der Arbeiterbewegung. Hier besteht im Gegensatz zu vormodernen Bewegungen wie etwa der Reformation nicht mehr das Ziel, eine ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen, also zu korrigieren, sondern vielmehr die Absicht, im Vollzug einer Korrektur zu Neuem zu gelangen. Soziokultur scheint sich, so betrachtet, genau dort herausbilden zu können, wo innerhalb der (modernen) Gesellschaft der Zugriff auf Sinn und Gestaltung zu Schieflagen führt und Aneignungen "von unten" erzwingt. Soziokultur wird dabei zum Richtungsimpuls, sie ist abhängig von progressiven Diskursen und Bewegungsmilieus oder zumindest homogenen Gruppen Andersdenkender, die einen sozial eingefärbten Kulturbegriff transportieren und in konkreten Formen der Praxis stabilisieren. Ihre Korrekturbewegungen, wie sie Groschopp sieht, erinnern sehr an die Strategien bekannter soziokultureller Praxis: "Ihr Beitrag zur Ausbildung von ,Soziokultur' beruhte erstens auf einer größeren Staatsferne als bei anderen . . .; zweitens, wegen der freien Vereinsorganisation, auf einer größeren Nähe zu Demokratie und Kommunalität; drittens auf einem deutlichen sozialen Impetus, der aus dem Bedürfnis nach Milderung der sozialen Gegensätze resultierte und auf Hilfe zur Selbsthilfe zielte; viertens auf der Bevorzugung bildender Angebote gegenüber unterhaltenden und ästhetischen . . .; fünftens auf der Absicht, nach ,weltlichen' Entsprechungen für alles Religiöse zu suchen, was den Kulturbegriff ausweitete; und schließlich sechstens, aus dem letzten Punkt folgend, im Stellen einer historisch idealen Aufgabe: durch freie Organisation und Aufklärung die dogmatische Kirche überwinden und eine neue Religiosität bzw. gänzlich neue Kultur errichten." [33]

    Joachim Schulze macht bei seiner Spurensuche nach Vorläufern soziokultureller Arbeit auf das "räumliche Gegenmilieu" des Bohemiens im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufmerksam, das Café. Der Begriff "Boheme" wird auch zur Beschreibung der Abwendung vom offiziellen Kulturbetrieb in der DDR verwendet, doch hier fällt die Spurensuche nach Soziokultur schwerer. Wichtig aber ist auch sein Hinweis auf die Verräumlichung der Arbeiterbewegung, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, zunächst in Arbeitervereinslokalen, später im Kontext mit den Gewerkschaften in Volkshäusern [34] . Diese Ansätze institutioneller Verwandtschaft sollen hier allerdings nicht weiter verfolgt werden.

    VII. Soziokultur in der DDR

    Soziokultur in dieser Weise für die DDR-Gesellschaft zu beschreiben ist freilich nicht möglich. Zwar gab es eine kulturelle Praxis, die mit einem nachhaltig wirksamen "weiten" Kulturbegriff operierte [35] , doch handelte es sich um zentralistische Strukturen der Planung und Steuerung, die eine selbstbestimmte, von staatlicher Kontrolle unabhängige Kulturarbeit nicht zuließen. Träger dieser breiten Kulturarbeit waren der FDGB und die FDJ; bekannt ist dieses Wirken unter dem Begriff des "kulturellen Volksschaffens". Es gab folglich weder eine basisdemokratische Organisation, die den Aufbau einer Initiative "von unten" ermöglicht hätte, noch einen relevanten Grad zentrumsinterner Freiheit bei der inhaltlichen und personellen Umsetzung kultureller Vorhaben. Rahmen jenes Kulturschaffens blieb stets die Herausbildung einer "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit", die sich vom Fernziel der kommunistischen Gesellschaft her definierte. Es ging weder um eine Kritik an affirmativer Kultur - es sei denn der kapitalistischen in toto - noch um die Schaffung von Einrichtungen mit konkreter Außenwirkung im Sinne kommunalpolitischer Einflussnahme.

    Die Frage nach Elementen von Soziokultur in der DDR ist vor allem Resultat der kulturpolitischen Arbeit in den neuen Bundesländern seit 1990. Der Umgang mit den nun zwangsläufig aus der staatlichen Trägerschaft gefallenen Einrichtungen (etwa Kulturhäuser, Klubs, Zirkel) und informellen Initiativen der Wendezeit verlangte nach einer kategorialen Einordnung und Fördermodellen. Die für die DDR typische Diskrepanz zwischen Vorgaben und tatsächlicher Praxis hatte in der Wendezeit schnell zu der Einsicht geführt, dass das, was unter dem Begriff Soziokultur firmiert, der bisherigen Arbeit nicht gänzlich fremd war. Im Rückblick auf ihre DDR- und Wendeerfahrungen formulierte dies Grit Hanneforth kürzlich so: "Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich sehr wohl einen Begriff von Soziokultur hatte und schon seit Jahren selber soziokulturelle Projekte machte. Ich fand in Ostdeutschland eine lebendige Szene vor, die sich, wie eine zu kurz gewordene Decke, den Begriff Soziokultur übergezogen hatte und nun mit den Schwierigkeiten kämpfte." [36] Diese Feststellung lohnt ernst genommen zu werden, denn diese Schwierigkeiten sind vielgestaltiger Natur und wurden im politischen Vereinigungseifer gern marginalisiert. Mindestens drei Ebenen verbergen sich dahinter: die eigenen Schwierigkeiten des Konzeptes Soziokultur, die vordergründig sichtbaren eigentlichen Anpassungsprobleme und schließlich die Überschätzung der "kulturellen Klammer", die eine Teilung Deutschlands nicht wirklich zugelassen habe [37] .

    Dennoch ist es nicht zuletzt mangels fundierter Untersuchungen schwierig, die Frage nach einer Soziokultur in der DDR zu beantworten. Interessant wäre eine Analyse des Verhältnisses zwischen der Anverwandlung von historischen Vorläufereinrichtungen und Volksbildungskonzepten, ihrer tatsächlichen Praxis und den sozialen Funktionen, die sie de facto ausübten. Dahinter steckt freilich auch die Frage nach dem Scheitern historisch gewachsener Kulturkonzepte, verdeckt durch ihre ideologische Einkleidung [38] . Auch die Geschichte der "Soziokultur West" müsste zur Beantwortung dieser Fragen stärker untersucht werden.

    Subkulturelle oder kulturkritische Strömungen in der DDR waren nicht getragen von sich öffentlichkeitswirksam artikulierenden Bewegungsmilieus, sondern durchsetzten entweder die offizielle Kultur oder etablierten sich infolge der starken Rückzugsbewegung ins Private eher in kleineren Kreisen [39] . Kulturpolitisch ähnlich wie in der Alt-Bundesrepublik verlief zunächst die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, indem ein starker Bezug auf die bürgerlich getragene Hochkultur genommen wurde, freilich mit anderen (hier zu vernachlässigenden) Zielen. Korrekturbewegungen allerdings konnten in der Folge nur kleingruppenbezogen oder als individuelle Strategien glücken. Aber das Bedürfnis nach Formen von Selbstentfaltung, nach Erprobung neuer Artikulationspraxen und einer Öffnung zur Lebenswelt hin bestand auch; vielleicht ein soziokulturelles Denken mit Ansätzen einer Praxis, die weniger mit utopischen Potentialen kalkulierte (denn die Utopie war bis zum Überdruss vorgegeben), sondern stärker an kleinen Projekten jenseits des gesellschaftlichen Raumes arbeitete. Die Räume, in denen dies erfolgte, werden gern als Nischen bezeichnet. Ihre strukturelle Bedeutung jedoch ist von der Transformationsforschung noch nicht hinreichend erhellt worden [40] .

    Was man als Soziokultur in der DDR bewertet, hängt davon ab, wie man diesen Befund eingrenzt. Es wird meiner Ansicht nach ebenso wenig möglich sein, die gesamte breitenkulturelle Praxis für soziokulturell zu erklären wie all jenes, was heute mit Boheme oder Gegenkultur beschrieben wird.

    VIII. Zur Perspektive

    Wie wichtig soziokulturelle Angebote sind, zeigt nicht zuletzt ihre hohe Wertschätzung in den neuen Bundesländern. Hier zählt weniger die konkrete Entstehungsgeschichte von Soziokultur, die mit der Einführung des Begriffs mit übernommen wurde, als vielmehr die Notwendigkeit, derartig breite Betätigungsmöglichkeiten in Anknüpfung an bisheriges Kulturverständnis vorfinden zu müssen. Dennoch macht sich neben Gestaltungswillen und großem Engagement auch eine Zerfaserung der als Soziokultur bezeichneten Praxis bemerkbar, die langfristig problematisch werden dürfte. In Ostdeutschland ist sie möglicherweise stärker spürbar, weil die soziokulturelle Landschaft notwendig aus sehr heterogenen Einrichtungen entstanden ist, aber auch die identitätsstiftende Gründergeneration fehlt.

    Um zur Revitalisierung des kritischen Denkens, aber auch zur Aufrechterhaltung des Netzwerkes beizutragen, scheint eine Grundlagendiskussion unumgänglich. Gegenwärtig befindet sich die Soziokultur in einer Phase der umfassenden Würdigung, wie auch die zweite Große Anfrage an die Bundesregierung in der Geschichte der Soziokultur belegt [41] . Dennoch hat sie, wie auch dort vermerkt wird, noch nicht alle Ziele verwirklichen können.

    Notwendig ist neben der Diskussion der Protagonisten selbst eine stärkere Erforschung von Soziokultur, und zwar sowohl bezogen auf die Geschichte und Praxis der Zentren vor dem Hintergrund ihrer Gründungskontexte und Aufgaben im Wandel der gesellschaftlichen Bedingungen als auch bezogen auf Theorie und Geschichte soziokulturellen Denkens allgemein, denn hier schlummert der Fundus an Erkenntnissen über große Zusammenhänge, der meist dem Pragmatismus der Tagesaufgaben geopfert wird. Dass die Praxis häufig so schlecht sei, weil ihr die Theorie fehle, wie Glaser und Stahl 1974 schrieben, ist noch immer ein Wort, das gern aufgegriffen, aber wenig beherzigt wird.
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    Fußnoten

    1.
    Walter Benjamin, Allegorien kultureller Erfahrung, Leipzig 1984, S. 78
    2.
    Vgl. José Ortega y Gasset, Die Aufgabe unserer Zeit (1923), Gesammelte Werke, Bd. 2, Augsburg 1996, S. 137
    3.
    Vgl. Rolf Schwendter, Theorie der Subkultur (1973), Frankfurt am Main 1978.
    4.
    Vgl. Hermann Glaser/Karl Heinz Stahl, Die Wiedergewinnung des Ästhetischen. Perspektiven und Modelle einer neuen Soziokultur, München 1974 (erweiterte Neuauflage unter dem Titel "Bürgerrecht Kultur", Frankfurt am Main u. a. 1983). Zur Herkunft des Begriffs aus der europäischen Diskussion vgl. Norbert Sievers/Bernd Wagner, Soziokultur und Kulturpolitik, in: dies. (Hrsg.), Bestandsaufnahme Soziokultur. Beiträge-Analysen-Konzepte, Schriftenreihe des BMI, Stuttgart u. a. 1992, S. 12 (Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Bernd Wagner in dieser Ausgabe), und Hubert Kirchgäßner, Texte zur soziokulturellen Animation, Remscheid 1983. Eine Übersicht zur Neuen Kulturpolitik bietet Thomas Röbke (Hrsg.), Zwanzig Jahre Neue Kulturpolitik. Erklärungen und Dokumente 1972-1992, Hagen 1993.
    5.
    Herbert Marcuse, Über den affirmativen Charakter der Kultur, in: Kultur und Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt am Main 1965, S. 64
    6.
    Vgl. Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, München 1994, oder auch als essayistisches Beispiel Peter Merseburger, Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht, München 2000, S. 96, S. 111.
    7.
    Ein wichtiger Vertreter, auf den diese Formeln zurückgehen, die an Comenius' "Bildung für alle" erinnern, ist Hilmar Hoffmann. Vgl. etwa: Kultur für alle. Perspektiven und Modelle (1979), aktualisierte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 1981. Die praktischen Forderungen für die Kulturpolitik fasst der folgende Band zusammen, in dem wichtige Vertreter dieser Diskussion, etwa Dieter Sauberzweig, Hermann Glaser, Olaf Schwencke und Dieter Baacke, vertreten sind: Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Perspektiven der kommunalen Kulturpolitik. Beschreibungen und Entwürfe, Frankfurt am Main 1974.
    8.
    Vgl. H. Glaser/K. H. Stahl (Anm. 4), S. 145.
    9.
    Ebd., S. 141.
    10.
    Ebd., S. 25 f.
    11.
    Vgl. Deutscher Städtetag, Bildung und Kultur als Element der Stadtentwicklung, Köln 1973.
    12.
    Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit der Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 19696.
    13.
    Vgl. ebd., S. 83.
    14.
    H. Glaser/K. H. Stahl (Anm. 4), S. 141.
    15.
    Vgl. Joachim Schulze, Soziokulturelle Zentren - Stadter-neuerung von unten, Essen 1993, S. 18, auch S. 125 ff. Vgl. auch Jörg Stüdemann, Soziokulturelle Zentren im Umfeld der Neuen Sozialen Bewegungen. Die bundesdeutsche Situation, in: Olaf Schwencke u. a. (Hrsg.), Kulturelle Modernisierung in Europa. Regionale Identitäten und soziokulturelle Konzepte, Hagen 1993, S. 220 ff.
    16.
    Vgl. J. Schulze (Anm. 15), S. 133 ff.
    17.
    Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD vom 25. 4. 1990, Drs. 11/6971, S. 1. Hier findet sich auch eine Darstellung der Grundzüge von Soziokultur, wie sie insbesondere für die Kulturpolitik der Neuen Bundesländer in den frühen 90er Jahren angewandt wurden, etwa im Strukturförderprogramm Soziokultur des Freistaates Sachsen.
    18.
    Vgl. Udo Husmann/Thomas Steinert, Soziokulturelle Zentren. Rahmenbedingungen und Grundfunktionen, Berufsfeld und Qualifikationsvoraussetzungen, Hagen 1993, S. 27 f.
    19.
    J. Schulze (Anm. 15), S. 232.
    20.
    Vgl. etwa Joachim Schulze, Gemeinwesenorientierung der Soziokultur. Beiträge zur (Wieder-) Herstellung von Autonomie der Lebenspraxis in einer "Sozialen Stadt", in: LAG Soziokultur Sachsen/Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Soziokultur in Sachsen. Ein gesellschaftliches Experimentierfeld, Dresden 1998, S. 41.
    21.
    Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main - New York 20008, S. 499 ff.
    22.
    A. Mitscherlich (Anm. 12), S. 100
    23.
    Vgl. Albrecht Göschel, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Berlin u. a. 1991.
    24.
    Vgl. Max Fuchs, Kulturpolitik als gesellschaftliche Aufgabe. Eine Einführung in Theorie, Geschichte, Praxis, Opladen - Wiesbaden 1998, S. 155 f.
    25.
    Göschel weist noch auf folgenden Umstand hin, der das Wirken der 1940er Generation betrifft: "Der Westen wird durch den großen Konflikt von ,68' in gewissem Sinne liberalisiert und lernt, mit Abweichungen aus sozialen Bewegungen umzugehen. Die Individualisierung, die die neue soziale Bewegung der siebziger Jahre propagiert, stößt nicht mehr auf die Widerstände, wie sie die ,68er' in den sechziger Jahren vorfanden." Albrecht Göschel, Kulturelle und politische Generationen in Ost und West, in: Berliner Debatte INITIAL. Zeitschrift für sozialwissenschaftlichen Diskurs, 10 (1999) 2, S. 34.
    26.
    Ders., Thesenpapier, in: Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren (Hrsg.), www.soziokultur.de/20. Bundeskongress soziokultureller Zentren. Dokumentation, Essen 2000, S. 77.
    27.
    Klaus von Beyme, Kulturpolitik und nationale Identität. Studien zur Kulturpolitik zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Autonomie, Opladen - Wiesbaden 1998, S. 9
    28.
    Vgl. Dieter Rucht, Gesellschaft als Projekt - Projekte in der Gesellschaft, in: Ansgar Klein/Hans-Josef Legrand/Thomas Leif (Hrsg), Neue soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen, Perspektiven, Opladen-Wiesbaden 1999, S. 20.
    29.
    Hinzuweisen ist darauf, dass die Bezeichnung "alternativ" oft missverstanden wurde. Soziokultur wollte eher eine "andere" kulturelle Praxis sein, welche die Einlösung bestimmter Forderungen im Umgang mit Kultur und Kunst verkörpert. Es ging ihr nicht um Gegenbegriffe, sondern um die Verwirklichung kultureller Chancengleichheit, die Entwicklung einer demokratischen Kultur. Insofern muss sie nicht "revolutionär" sein. Vgl. etwa den kontextualisierten Überblick von Olaf Schwencke, Kulturpolitik im Spektrum der Gesellschaftspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41/96, S. 9 f.
    30.
    Vgl. Peter Alheit, Soziokultur - ein unvollendetes Projekt, in: N. Sievers/B. Wagner (Anm. 4), S. 61.
    31.
    Vgl. Horst Groschopp, Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland, Berlin 1997, S. 315 (Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag des Autors in diesem Heft.); zum großen Kontext vgl. Dieter Claessens, Kapitalismus und demokratische Kultur, Frankfurt am Main 1992, S. 180 ff.
    32.
    Vgl. D. Rucht (Anm. 28), S. 16.
    33.
    Dies schreibt Groschopp speziell bezogen auf die Freidenker als Akteure. H. Groschopp (Anm. 31), S. 379 f.
    34.
    Vgl. J. Schulze (Anm. 15), S. 28 ff.
    35.
    Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Kulturelles Interesse und Kulturpolitik. Eine Repräsentativumfrage über die kulturelle Partizipation, den Kulturbegriff der deutschen Bevölkerung und die Bewertung der Kulturpolitik, Allensbach 1991, S. 14 f. (Kulturbegriffe in Ost und West).
    36.
    Grit Hanneforth, Vom Kunststück, Sinn zu stiften. Eine Aufforderung zur historischen Spurensuche in der Soziokultur, in: Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren (Anm. 26), S. 24.
    37.
    Vgl. z. B. Hans Mayer, Wendezeiten. Über Deutsche und Deutschland, Frankfurt am Main 1995: "Trotz der Auferstehung von fünf potenten und vitalen deutschen Ländern kann von Übereinstimmung in Grundfragen der Kultur die Rede nicht sein." (S. 218) oder auch Heinrich-Böll-Stiftung/Lothar Probst (Hrsg.), Differenz in der Einheit. Über die kulturellen Unterschiede der Deutschen in Ost und West, Berlin 1999.
    38.
    Vgl. Horst Groschopp, Gab es in der DDR Soziokultur?, in: Arbeitsgruppe Soziokultur im Freistaat Sachsen (Hrsg.), Soziokultur in Sachsen. Analysen-Anmerkungen-Ausblicke, Dresden 1994, S. 29 ff., hier S. 44.
    39.
    Vgl. z. B. Paul Kaiser/Claudia Petzold, Boheme und Diktatur. Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin 1997.
    40.
    In welcher Weise das Wirken ostdeutscher Soziokultur-Protagonisten von der Art ihrer Auseinandersetzung mit Kulturstrukturen in der DDR geprägt wurde, versucht eine jüngst eingereichte Diplomarbeit nachzuzeichnen. Möglicherweise ist dieser an Lebenswegen orientierte Ansatz für die Suche nach "soziokulturellem Denken" in der DDR sehr hilfreich, denn er zeigt nicht nur exemplarisch das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Vorgaben und individuellen Handlungsspielräumen, sondern genau jene Strategien, die später soziokulturell "passfähig" wurden. Vgl. Uta Karstein, Kulturschaffen als Handlungs- und Bewältigungsstrategie?! Voraussetzungen und Spezifika der Entstehung soziokultureller Praxis in der DDR, Berlin 2000 (unveröff. Diplomarbeit).
    41.
    Vgl. Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der CDU/CSU vom 24. 8. 2000, Drs. 14/4020.