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26.5.2002 | Von:
Laurence McFalls

Die kulturelle Vereinigung Deutschlands

Ostdeutsche politische und Alltagskultur vom real existierenden Sozialismus zur postmodernen kapitalistischen Konsumkultur

I. Abschnitt

Mit der Behauptung, dass der kulturelle Vereinigungsprozess abgeschlossen ist, meine ich nicht, dass alle subjektiven Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen aufgehoben worden sind. Das wäre ebenso unwahrscheinlich wie nicht wünschenswert. Ich verfechte vielmehr die These, dass Ostdeutsche längst ein ganz neues Repertoire an Fähigkeiten erworben haben, die meisten von ihnen unbewusst. Sie haben gelernt, in einer Gesellschaftsstruktur zu leben, die sich durch hohe geographische und soziale Mobilität auszeichnet; die auf Flexibilisierung und berufliche Unsicherheiten baut sowie auf das Bewusstsein der globalen Kräfte des Marktes, dem sie sich zunehmend unterordnen; eine Struktur, die erhöhte Individualisierung und soziale Fragmentierung fördert, deren Kommunikationsnetz sich nahezu ausschließlich aus den kommerzialisierten elektronischen Massenmedien speist und die das wachsende Konsumpotential als vorrangige Größe für soziale Legitimation begreift. Eine solche Gesellschaftsordnung ist den Mitgliedern hoch entwickelter, postindustrieller, westlicher Gesellschaften geläufig, ebenso die mit ihr verbundenen Werte, für die Ostdeutschen ist sie neu. Die damit verbundenen Anforderungen stellen einen radikalen Bruch mit ihrer bisherigen Lebenserfahrung dar, die sich an einer stagnierenden, wenn nicht gar statischen, äußerst kargen sozioökonomischen Gemeinschaftsordnung orientierte. Dank der durch die Einheit induzierten Schocktherapie waren die Ostdeutschen jedoch nicht nur zur raschen Anpassung an irgendein System gezwungen, sondern an eine spätkapitalistische Konsumgesellschaft in Reinform. Dieser Crashkurs in postmodernem Wirtschaftsgebaren katapultierte die "Ossis" sozusagen von heute auf morgen auf den gemeinschaftlichen Weg mit den "Wessis" in die globalisierte neoliberale Gesellschaft, diesen allerdings des raschen Anpassungsdrucks und der Mobilitätserfahrung wegen immer eine Nasenlänge voraus.

Ich stütze diese Behauptung auf die Ergebnisse einer achtjährigen Feldstudie, der die Befragung von Ostdeutschen zu ihren Erfahrungen mit der deutschen Einheit zugrunde liegt. Zwischen 1990 und 1991 befragte ich 202 zufällig ausgewählte frühere DDR-Bürger und -Bürgerinnen sämtlicher Altersgruppen und unterschiedlicher sozioökonomischer Vorbedingungen aus vier Regionen: aus dem südlichen Thüringen, dem Dreistädte-Eck Halle-Leipzig-Jena, aus Ost-Berlin und aus Vorpommern. In ausführlichen und persönlichen Interviews mit jeweils über 200 offenen und geschlossenen Fragen erfuhr ich Einzelheiten aus dem Leben, den Erfahrungen und den politischen Positionen meiner Gesprächspartner zu den abrupten Ereignissen der so genannten Wende zwischen 1989 und 1990. Außerdem berichteten sie über ihre ersten Eindrücke von der Wiedervereinigung [1] . Drei Jahre später wiederholte ich die Befragung bei 40 der ursprünglichen Gesprächspartner, um ihren Erfahrungen mit dem raschen sozialen Umbau seit dem Zusammengehen der beiden Staaten nachzugehen, und 1998 konnte ich sogar 80 der Erstbefragten ausfindig machen und sie über den weiteren Verlauf der Anpassung an die neuen sozialen Verhältnisse befragen. Während ich die Betroffenen in den Jahren 1990 bis 1991 noch in vorsichtiger, aber zustimmender Erwartung hinsichtlich der dramatischen Lebensveränderungen antraf, waren sie 1994 bereits wieder so weit, sich mit dem alten System auszusöhnen. Ihre intellektuelle Einstellung zu den neuen Anforderungen hatte wieder Raum für die emotionale Verbundenheit mit Teilen der alten Ordnung geschaffen [2] . 1998 schien es mir schließlich offensichtlich, dass meine Gesprächspartner aufgrund der frappierenden Ähnlichkeiten ihrer Erlebnisse und Einstellungen am Ziel "angekommen" und sich ihrer neuen Lebenswelt dauerhaft angepasst hatten [3] . Dabei identifizierten sie sich zumindest teilweise mit der DDR-Vergangenheit und den Werten des alten Systems und waren selbstverständlich von ihren westdeutschen Landsleuten unterscheidbar. Ihr kultureller Bezugsrahmen hatte jedoch gänzlich gewechselt und enthielt jetzt auch die Formen der postindustriellen, postmodernen gesellschaftlichen Realität.

Das Bild vom so genannten "Durchschnittsossi", das meine Interviews zu Tage förderten, korrespondiert keineswegs mit gängigen Stereotypen, dennoch ist es auffallend vertraut: Die Ostdeutschen sind keine nostalgischen Nörgler, widerstrebend jeder Neuerung gegenüber und gezeichnet vom sozialistischen Unrechtssystem, wie dies die westlichen Medien und Wissenschaftler gerne streuen [4] . Stattdessen geben sie das typische Bild der gequälten, besorgten, sozial isolierten, politisch desillusionierten, dafür umso eifriger konsumierenden Bürger einer postindustriellen Gesellschaft um die Jahrtausendwende ab. Tatsächlich behaupte ich, dass die Ostdeutschen die Überleitung vom Sozialismus in den Kapitalismus längst persönlich vollzogen haben: vollzogen, nicht nachvollzogen. Mit anderen Worten: Der kulturelle Einigungsprozess ist zwar de facto abgeschlossen, wird von seinen Trägern jedoch noch nicht entsprechend empfunden und intellektuell umgesetzt. Mit dieser Behauptung stehe ich freilich im Widerspruch zur Meinung der Befragten, die alle explizit bestritten, dass der Prozess der deutschen Einigung abgeschlossen sei. Ob jung oder alt, arm oder reich, allesamt waren sie der Ansicht, dass sie das Ende des deutsch-deutschen Zusammenwachsens nicht mehr zu Lebzeiten erfahren würden. Denn ihrer Sicht der Dinge zufolge würde eine entsprechende Schließung der deutschen Doppelakte die Uniformierung und Standardisierung der Lebensbedingungen und Mentalitäten der Menschen aus den alten und den neuen Ländern bedeuten [5] . Sie hatten noch nicht realisiert, dass es ihnen längst gelungen war, den Westen zu überholen, ohne ihn einzuholen - wie es einst von Walter Ulbricht propagiert worden ist!

In einem kurzen Aufsatz lassen sich die Ergebnisse von über 200 Interviewstunden kaum zusammenfassen [6] . Zwei repräsentative Anekdoten und die Antworten der gesamten Befragungsgruppe auf einige Fragen können aber wichtige Einsichten bieten. In Halle sprach ich mit einem Ehepaar, das typische Nachwendeerfahrungen mit Arbeitslosigkeit, Umschulungen und Vorruhestand gesammelt hatte. Die Frau erzählte, dass sie zu DDR-Zeiten die seelische Belastung, die Arbeitslosigkeit mit sich bringen kann, nie begriffen hätte. "Wir waren damals bestens über die Bundesrepublik durch Westfernsehen und Westbesuch informiert. Wir haben aber nie verstanden, wie die Westdeutschen sich über Arbeitslosigkeit beschweren konnten, denn wir sahen, dass die Arbeitslosen mit dem eigenen Auto zum Arbeitsamt gefahren sind." Nur wenige Minuten nach dieser Erklärung schob ihr Mann den Satz nach: "Heute bekommen wir keinen Parkplatz am Arbeitsamt in Halle." Mit dieser Bemerkung fasste er vielleicht am besten die heutige Lage der Ostdeutschen zusammen. Sie sind in der neuen Gesellschaft, und zwar mitten in ihrem Hauptwiderspruch, gelandet: existenzielle Unsicherheit bei materiellem Überfluss.

Eine weitere Anekdote mag dieses Bild ergänzen: Eine Befragte in der Nähe von Jena erzählte mir von politischen Enttäuschungen, Arbeitsproblemen und all den seelischen Belastungen, die der Fall der Mauer in ihrer Familie mit sich brachte. Als sie aber eine persönliche Bilanz der Vereinigung zog, fiel diese - wie übrigens bei fast allen Befragten - positiv aus, denn schließlich würde sie sich doch freuen, dass sie nun zum Geburtstag im Januar immer frische Blumen auf den Tisch bekäme. Anders gesagt: Die Blumen kommen, auch ohne dass sich die "blühenden Landschaften" des alten Kanzlers realisiert hätten, stets frisch auf den Tisch.

Solche Antworten auf meine Fragen untermauern die Behauptung, dass sich die Ostdeutschen in die Widersprüchlichkeiten der spätindustriellen Überflussgesellschaft eingelebt haben. Zu meinem Erstaunen vermochten nur die wenigsten meiner Befragten von größeren Schwierigkeiten bei der Umgestaltung ihres Lebens seit der Wende zu berichten. Obwohl fast jeder die Vereinigung der beiden Staaten als einen wichtigen Einschnitt in der persönlichen Biographie erlebt hat, blieben die meisten dabei, dass sie fast nahtlos, das heißt ohne bemerkenswerte Brüche im Lebensgefühl, in der gesamtdeutschen Gesellschaft angekommen seien. Aus diesem Grund hatten sie auch Schwierigkeiten, sich eindeutig als Gewinner oder Verlierer einzustufen. Klare Gewinne oder Verluste wären als Bruch empfunden worden.

Interessant sind in diesem Zusammenhang ferner die Antworten auf meine abschließenden Fragen, welche meine Gesprächspartner dazu bewegen sollten, den historischen Prozess der letzten zehn Jahre zu reflektieren. Darauf gaben sie überwiegend an, dass sie heute ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Mitmenschen, zur Zeit, sogar zu ihrem Körper hätten und ihre Zukunftserwartungen auch nicht mehr die gleichen wären. Sie seien sozusagen in eine neue Kultur geschlüpft. Die Tatsache, dass ihnen diese radikale Andersheit vorher nicht aufgefallen war, werte ich als Zeichen dafür, dass ihnen die neue kulturelle Wertigkeit im Alltag schlicht selbstverständlich wurde.

Es lohnt sich, einige Details, die zu dieser Schlussfolgerung führten, wiederzugeben. Als ich gegen Ende meiner Umfrage wissen wollte, ob sie die DDR vermissen würden, antworteten alle Befragten ausnahmslos mit nein, fügten jedoch sofort ungefragt etliche Beispiele für Lebensformen an, die ihnen heute fehlen würden. Erwähnung fand etwa der viel langsamere und stressfreiere Lebens- und Arbeitsrhythmus. Diese Antwort war insofern frappierend, als sie mir zeigte, dass meinen Gesprächspartnern erst durch die von mir provozierten Fragen wieder bewusst wurde, dass sie einst ein anderes Zeitmaß besaßen. Der Maßstab ihrer Bewertung hatte sich also, wenn auch unfreiwillig, geändert. Ihre heutigen Vorstellungen entsprachen dem Kanon der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und konnten nur durch ungewohnte Abläufe "aufgebrochen" und in der Erinnerung auf das alte Maß zurückgeschraubt werden.

Ein anderes Beispiel ziehe ich aus zwei unabhängig voneinander geführten Interviews. Beide Gesprächspartner gaben an, die weit verbreiteten Nacktbadestrände der DDR zu vermissen. Sie berichteten, dass in den achtziger Jahren jeder Strand eine Option fürs Kleidertragen hatte, die Badenden also völlig frei in ihrer Entscheidung waren. Die Ostdeutschen hätten daraufhin nur sehr wenige Probleme mit "Spannern" gehabt. Seit der Vereinigung seien die Strände jedoch wieder strikt unterteilt worden, was dazu geführt habe, dass sich viel weniger Menschen fürs Nacktbaden entschieden. Die neue Badeordnung, die dem Standard der alten BRD-Etikette entspricht, hatte so gesehen ein anderes Körperbewusstsein zur Folge. Man ist heute insgesamt besorgter um sein Aussehen. Wie bei der Erinnerung an die alte Langsamkeit zeitigte die Erinnerung an die alten Gewohnheiten der Körpersprache, dass sich die neue Ordnung verfestigt hatte und von den Befragten verinnerlicht worden war.

Die neue soziale Struktur sowie die neue Kultur, zu der die Ostdeutschen heute gehören, ist selbstverständlich nahezu identisch mit derjenigen Westdeutschlands, selbst mit derjenigen Nordamerikas. Den Neubundesbürgern erscheint diese Ordnung jedoch in einem grelleren Licht, und sie erfahren deren kulturelle Widersprüche viel zugespitzter als die Bürger der alten Bundesrepublik. Einige der Befragten, die sehr gesellschaftskritisch waren, gaben an, ähnlich extreme Erfahrungen bereits kurz vor dem Zusammenbruch des alten Staates gemacht zu haben. Damals waren es die Widersprüche zwischen den schönen Parolen der sozialistischen Ideologie und dem trüben Alltag; heute fällt ihnen der Widerspruch zwischen den zeitsparenden Annehmlichkeiten einer hochmodernen Gesellschaft und dem immer eklatanteren Zeitmangel oder der Widerspruch zwischen Überstunden und Arbeitslosigkeit auf. Auch die Untragbarkeit einer primär wachstumsorientierten Politik - auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts und der Schwellenländer - ist ihnen schnell bewusst geworden. Die meisten Befragten äußerten jedoch nur das typische Unbehagen, das die Postmoderne begleitet, seit mit dem Ende der Moderne auch ihr Fortschrittsglaube erschüttert wurde. Ganz gleich, wie der Einzelne den postmodernen Rahmenbedingungen gegenübersteht, ganz gleich, ob er sie überhaupt anerkennt, orientiert sich der Ostdeutsche wie seine Landsleute im Westen an ihren ungeschriebenen Gesetzen und mischt in der vordersten Reihe der Trendsetter mit, hilft eine Gesellschaft mitbauen, die zunehmend auf soziale und geographische Beweglichkeit setzt, ein hohes Maß an wirtschaftlicher Dynamik und Flexibilität anstrebt und die damit verbundenen Unwägbarkeiten in Kauf nimmt, eine Gesellschaft, die soziale Desintegration, kulturelle Fragmentierung, Entpolitisierung und den Zerfall traditioneller Parteibindungen produziert.

Fußnoten

1.
Vgl. Laurence McFalls, Communism's Collapse, Democracy's Demise? The Cultural Context and Consequences of the East German Revolution, New York 1995.
2.
Vgl. ders., Political Culture, Partisan Strategies, and the PDS: Prospects for an Eastern German Party, in: German Politics and Society, Band 17, (Frühjahr 1995) 1.
3.
Obwohl es statistisch gesehen unwahrscheinlich sein mag, dass die Ergebnisse von bei 80 Ostdeutschen durchgeführten Befragungen mit all ihren Nuancen für die Gesamtbevölkerung repräsentativ ist, stimmen die Aussagen der überwältigenden Mehrheit der Befragten hinsichtlich der zentralen Fragenkomplexe dennoch auf bemerkenswerte Weise miteinander überein.
4.
Vgl. Detlef Pollack, Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung: Der Wandel der Akzeptanz von Demokratie und Marktwirtschaft in Ostdeutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 13/97, S. 3-14. Der ostdeutsche Soziologe widerlegt, was er die "Deformationsthese" und ihre "Annahme der Persistenz" nennt, die von westlichen Wissenschaftlern und Medien kolportiert werden.
5.
Nur einer der Befragten gab eine erheiternde und originelle Antwort auf meine Frage: "Wann wird Ihrer Ansicht nach der Prozess der deutschen Einheit abgeschlossen sein?" (bzw. falls bereits geschehen: "Wie und wann ist Ihnen bewusst geworden, dass die Einheit vollzogen wurde?"). Ein Elektroingenieur aus Ostberlin antwortete daraufhin: "Sie haben mich nun schon 7 Jahre mit diesen Fragen verfolgt. Wenn Sie nicht mehr hier auftauchen werden, dann endlich weiß ich, dass die Einheit geschafft ist."
6.
Vgl. Laurence McFalls, Eastern Germany Transformed, in: German Politics and Society, Band 21, (Sommer 1999) 2.