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26.5.2002 | Von:
Stefan Müller
Martin Kornmeier

Globalisierung als Herausforderung für den Standort Deutschland

II. Globalisierung als vermeintliche Ursache des Standortproblems

Unter den Nationalstaaten sorgt die Globalisierung für einen verschärften Standortwettbewerb: "Global Player" wie General Motors, Unilever oder Siemens suchen für immer mehr Phasen der Wertschöpfungskette weltweit Standorte, die ihnen die besten Bedingungen bieten (z. B. Infrastruktur, effiziente Bürokratie, qualifizierte Mitarbeiter, Investitionsanreize). Nicht zuletzt deshalb hat sich in den vergangenen Jahren die Diskussion um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland verstärkt [2] . Diese Verknüpfung der Globalisierungs- mit der Standort-Diskussion ist allerdings aus zumindest zwei Gründen problematisch:

Aus gesellschafts- bzw. wirtschaftspolitischer Perspektive wird dabei zumeist ein Zusammenhang zwischen Globalisierung und dem Abbau von Arbeitsplätzen konstruiert und zu (verteilungs-) politischen Zwecken missbraucht. Hierzu wird oft der komplexe Sachverhalt simplifizierend auf folgenden "Argumentationsstrang" verkürzt:

- Der Standort Deutschland ist aufgrund der zunehmenden Globalisierung nicht mehr wettbewerbsfähig (zu teuer, zu rigide, zu saturiert).

- Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müssen primär die Arbeitskosten gesenkt werden.

- Falls dies den Unternehmen verwehrt wird, müssen sie Humankapital durch eine effizientere Technologie ersetzen, weshalb die Zahl der Arbeitslosen wächst.

Eine solche äußerst skeptische Sichtweise lässt sich beispielsweise mit folgendem Zitat veranschaulichen: "In Deutschland herrscht Weltuntergangsstimmung. Kaum ein Tag vergeht ohne Hiobsbotschaft. Die Arbeitslosigkeit steigt, offenbar unaufhaltsam. Die Staatsverschuldung ist nicht in den Griff zu bekommen. Optimisten gibt es nur an der Börse, wo immense und - nach Ansicht vieler - unanständige Gewinne gemacht werden. Schnell ist ein Sündenbock gefunden: die Globalisierung. Wie eine Naturkatastrophe scheint sie hereingebrochen zu sein und zieht Deutschland unerbittlich in den Niedergang. Globalisierung schafft die Arbeit ab, dem Land der sozialen Marktwirtschaft zwingt sie einen gnadenlosen Kapitalismus auf." [3]

Aus wissenschaftlicher Sicht kommt es dabei zu einer naiven Vereinfachung des Ursache/Wirkungs-Zusammenhangs: Die meisten Diskutanten reduzieren das Standortproblem auf "die" Kosten, womit sie im Regelfall die Lohn(neben)kosten meinen. Strukturelle Schwachstellen, welche nicht minder bedeutsam sind, werden dagegen "übersehen". Dabei handelt es sich, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, um spezifische Standortfaktoren wie Bürokratiekosten (z. B. Dauer der Genehmigungsverfahren), kulturelle Offenheit, Rechtssicherheit, Zukunftsorientierung u. v. a. m.

Fußnoten

2.
Vgl. Stefan Müller/Martin Kornmeier, Internationale Wettbewerbsfähigkeit: Irrungen und Wirrungen der Standort-Diskussion, München 2000.
3.
Jürgen Wiegand, Lohnkosten der Angst, in: Süddeutsche Zeitung, vom 7. 8. 1997, S. 13.