BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Stefan Müller
Martin Kornmeier

Globalisierung als Herausforderung für den Standort Deutschland

IV. Notwendigkeit einer Versachlichung der Diskussion

Kaum einer wird bestreiten, dass Globalisierung zahlreiche Risiken in sich birgt. Beispielsweise wächst aufgrund der weltweiten Verflechtung der Finanzmärkte die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise. Allzu deutlich hat 1997 die so genannte Asien-Krise vor Augen geführt, wie schnell und flächendeckend sich instabile wirtschaftliche Verhältnisse in Ländern bzw. Regionen (z. B. Südostasien) binnen kürzester Zeit ausbreiten können.

Risiken und Gefahren aber sind das eine, die mit der Globalisierung einhergehenden Chancen das andere. Diese Chancen werden jedoch - bewusst oder unbewusst - noch allzu häufig übersehen. Viel einfacher ist es, die Globalisierung negativ zu instrumentalisieren, z. B. als Sündenbock für allerlei Ungemach - angefangen beim Abbau von Arbeitsplätzen über spektakuläre Aufkäufe von Unternehmen bis hin zur "grenzenlosen Macht der Multis" [15] .

Dass solche Befürchtungen ihre Wirkung haben, belegen u. a. die bereits zitierten Ergebnisse von Ipos. Viele Bürger sind noch immer davon überzeugt, dass

- die durch die Globalisierung größer werdenden Firmen zu mächtig werden (74,6 Prozent);

- weltweiter Wettbewerb dazu führt, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit zunimmt (49,5 Prozent);

- Globalisierung die soziale Sicherheit in Deutschland gefährdet (45 Prozent);

- Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern zunehmen werden (46 Prozent);

- Umweltschäden sich ausweiten (36,5 Prozent).

Da Globalisierung bisher vor allem mit Begriffen wie Angst und Verlust in Verbindung gebracht wird, forderte der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, zu einer "Debatte über die Chancen der Globalisierung" auf. Mehr denn je stehen dabei die nationalen Regierungen, Banken, Unternehmen und andere Vertreter der Wirtschaft, aber auch die Medien in der Pflicht. Sie müssen durch "bürgerorientierte" Informationspolitik und sachliche Aufklärung auch über die Chancen der Globalisierung informieren, ohne die damit verbundenen Probleme schönzureden.

Ganz schlecht stehen die Vorzeichen für eine differenziertere Meinung in der Bevölkerung nicht: So haben 74,8 Prozent der in der Ipos-Studie Befragten der Aussage, dass Menschen verschiedener Länder und Kulturen durch die Globalisierung mehr Verständnis füreinander entwickeln, (eher) zugestimmt, was tendenziell für kulturelle Offenheit spricht. Und dessen bedarf es, damit der vermutlich unausweichliche soziokulturelle Wandel nicht nur als Bedrohung erlebt wird. Gleichzeitig aber offenbart die Studie auch die innere Zwiespältigkeit der Befragten: 51,1 Prozent heißen die Übernahme ausländischer Unternehmen durch deutsche Firmen gut, hingegen halten es 53,2 Pro-zent für gefährlich, wenn deutsche Unternehmen das "Objekt der Begierde" sind. Zwar ist das St. Florians-Prinzip ein allzu menschliches; das Beispiel verdeutlicht allerdings, dass wirkliche kulturelle - und ökonomische - Offenheit noch Utopie ist.

Fußnoten

15.
Vgl. Stefan Müller/Martin Kornmeier, Streitfall Globalisierung, München 2001.