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26.5.2002 | Von:
Joachim Rupp

Neue Wirtschaft - Neues Management?

Überlegungen zum deutschen Management in der New Economy

Der Begriff New Economy, "neue Wirtschaft", ist hoch aktuell. Im Mittelpunkt des Textes steht das deutsche Management der alten und der neuen Wirtschaft.

I. Einleitung

Der Begriff New Economy, "neue Wirtschaft", ist hoch aktuell und sehr populär. Er ist jedoch unscharf und wird in der Literatur nicht einheitlich verwendet. Er dient so dem Transport ganz unterschiedlicher Annahmen und Werte und eignet sich gerade deshalb zur Orientierung in einer Wirtschaft, deren Strukturen sich derzeit erheblich verändern. Die vielfältige Verwendung des Begriffes wird durch einen kurzen Überblick deutlich:

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  • Netzwerke und immaterielle Ressourcen wie Ideen, Informationen, Wissen und Beziehungen sind für die neue Wirtschaft charakteristisch [1] . Die OECD stellt fest, dass der Begriff meistens der Beschreibung der Wirtschaft der USA und der hier zu beobachtenden intensiven Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien dient [2] . Makroökonomische Befunde aus der amerikanischen Wirtschaft legen nahe, dass in der neuen Wirtschaft ein enormes ökonomisches Wachstum ohne Inflation möglich ist [3] . Sehr häufig wird die neue Wirtschaft mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und deren Produktivitätssteigerungen verbunden [4] . In der neuen Wirtschaft entstehen neue wettbewerbspolitische Herausforderungen an den Staat, da monopolistische Marktstrukturen - wie das Beispiel Microsoft zeigt - zu einer ungeheuren Marktmacht führen können [5] . Mit dem Eintreten in diese neue Form der Wirtschaft lässt man die "alte Wirtschaft" als Ganzes oder teilweise hinter sich, so die Überzeugung derjenigen, die von der neuen Wirtschaft sprechen und schreiben.

    Mit alter und neuer Wirtschaft werden Typen beschrieben, die in der Realität heterogen sind und Endpunkte eines Kontinuums von alter zu neuer Wirtschaft darstellen. Hält man beispielsweise neue Technologien und immaterielle Ressourcen für zentrale Elemente der Unternehmen der neuen Wirtschaft, dann heißt das nicht, dass alte Technologien und materielle Ressourcen vollständig verdrängt wären und keine ökonomische Bedeutung mehr hätten, und auch nicht dass Unternehmen der alten Wirtschaft nicht ebenso gut neue Technologien verwenden können. Allerdings findet sich häufig die eine oder andere Art der Verkürzung in der Diskussion über die neue Wirtschaft.

    Im Mittelpunkt dieses Textes soll das deutsche Management der alten und der neuen Wirtschaft stehen [6] . Die Praktiken des Managements und deren Wandel werden in der Diskussion über die neue Wirtschaft nur erwähnt, aber weniger systematisch analysiert [7] . Die Ausgangsüberlegung dieses Textes ist, dass anhand der Veränderung von Managementpraktiken und -modellen einerseits der Wandel der Strukturen in einer Wirtschaft eingeschätzt werden kann und dass neue Managementpraktiken andererseits einen ganz wesentlichen Bestandteil der neuen Wirtschaftsstruktur darstellen [8] . Neue Managementpraktiken sind also eine Art Indikator dafür, ob und wie sich die alte Wirtschaft in eine neue Wirtschaft, ob und wie sich das Management unterschiedlicher Unternehmen gewandelt hat. Mit dieser Annahme geht einher, dass man die neue Wirtschaft nicht auf die Verwendung einer neuen Technologie verkürzt oder einseitig durch die gestiegene Relevanz einer neuen Branche erklärt. Ein Unternehmen, das neue Informations- und Kommunikationstechnologien verwendet, in eine neue Branche vorgedrungen ist oder an neuen Märkten wie dem Neuen Markt oder dem Nasdaq [9] notiert ist, kann durchaus von einem Management geleitet werden, das man als Management der alten Wirtschaft bezeichnen würde.

    In einem ersten Zugang soll das Management der alten Wirtschaft Deutschlands, seine Position und Funktion erläutert werden. Daraufhin werden einige aktuelle Veränderungen in den Managementpraktiken identifiziert, die auf eine neue Wirtschaft schließen lassen.

    Fußnoten

    1.
    Diese Studie ist im Rahmen des Projektes "Corporate Governance, Innovation and Economic Performance in the EU" am Wissenschaftszentrum Berlin unter der Projektleitung von Prof. Dr. Ulrich Jürgens entstanden. Das Projekt wird von der Europäischen Union finanziert und von INSEAD, Paris, koordiniert (nähere Informationen zu dem Projekt unter: http:/www.insead.fr/projects/cgep/). 1 Vgl. Kevin Kelly, New Rules for the New Economy, London 1998, S. 2, S. 33.
    2.
    Die OECD selbst spricht etwas zaghaft von einer neuen Wirtschaft, die einen höheren Wachstumstrend implizieren kann, die den Wirtschaftszyklus beeinflusst und die im Vergleich zur alten Wirtschaft andere Quellen des Wachstums zur Grundlage hat. Vgl. OECD, A New Economy? The Changing Role of Innovation and Information Technology in Growth, Paris 2000.
    3.
    Vgl. Michael H. Stierle, New Economy - Wunschtraum oder Realität, in: Wirtschaftsdienst, (2000), S. 549-557, sowie seinen Beitrag in diesem Heft.
    4.
    Vgl. Horst Siebert, The New Economy - What is really new?, Diskussionspapier, Institut für Weltwirtschaft, Kiel 2000; kritisch hierzu: Ingo Schmidt, Computer.com & @ktien - die neuen Quellen des Wachstums, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, (2000) 8-9, S. 486-496.
    5.
    Vgl. Reiner Clement, Braucht die New Economy eine neue Regulierung?, in: Wirtschaftsdienst, (2000), S. 542-548; K. Kelly (Anm. 1), S. 26-27.
    6.
    Was genau "Management" ist, wird in der Literatur unterschiedlich definiert. Ich möchte im Folgenden das Management als spezifische Gruppe von Arbeitnehmern eines Unternehmens verstehen, die andere Arbeitnehmer leiten, kontrollieren und deren Arbeit koordinieren. Vgl. Wolfgang H. Staehle, Management: Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive, München 19947; Horst Steinmann/Georg Schreyögg, Management: Grundlagen der Unternehmensführung: Konzepte - Funktionen - Fallstudien, Wiesbaden 1993³.
    7.
    Die OECD stellt z. B. in ihrem Bericht fest, dass Produktivitätsgewinne im Wesentlichen Resultat technologischer Entwicklungen und intelligenterer Formen des Arbeitens sind. Die Arbeitspoduktivität wird durch Praktiken des Managements und organisationalen Wandel beeinflusst. Vgl. OECD (Anm. 2), S. 7.
    8.
    Vgl. Paul Ostermann (Hrsg.), Broken Ladders: managerial careers in the new economy, New York - Oxford 1996. In diesem Buch wird explizit nach der Arbeit und den Karrierewegen von Managern in der neuen Wirtschaft gefragt. Der Herausgeber führt drei Ansätze aus, die den Wandel der Arbeit des Managements erklären. Die zentralen Argumente der drei Ansätze, nämlich ein Interessenskonflikt mit Aktionären (Prinzipal-Agenten-Theorie), neue Formen der Arbeitsorganisation und neue Informationstechnologien, werden in diesem Text aufgenommen.
    9.
    Der Neue Markt ist ein Segment der Börse, das 1997 von der Deutschen Börse AG eingerichtet wurde und in erster Linie jungen, innovativen Unternehmen die Möglichkeit zur Eigenkapitalaufnahme bieten soll. Der Nasdaq ist das ältere, amerikanische Vorbild des Neuen Marktes, an dem Unternehmen wie Microsoft etc. notiert sind. Nasdaq (National Association of Securities Dealers for Automated Quotation) ist eine Handelsplattform für Unternehmen, die in den Branchen Computer, Internet, Biotechnologie und Software tätig sind. Diese Unternehmen gelten als Wachstumswerte.