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26.5.2002 | Von:
Johann Behrens

Was uns vorzeitig "alt aussehen" lässt

Arbeits- und Laufbahngestaltung - Voraussetzung für eine länger andauernde Erwerbstätigkeit

Manche glauben, einige Menschen wären mit 70 Jahren noch innovativ und produktiv. Andere wiederum vertreten die Meinung, dass bestimmte Arbeitnehmer - zumindest in den Augen ihrer Vorgesetzten - schon mit 45 zu alt wären.

I. Der Trend zur Frühverrentung und seine Nebenwirkungen [1]

Seit den siebziger Jahren ist die Erwerbsbeteiligung der Männer im Alter von über 55 Jahren in der alten Bundesrepublik Deutschland - ganz im Unterschied zu jener in der DDR - erst schnell, dann etwas langsamer gefallen. Dieser Trend zum früheren Ausscheiden aus der versicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit war auch bei Frauen zu beobachten, besonders deutlich bei den jüngeren Jahrgängen [2] . Die Sozialversicherungen haben dazu wahrscheinlich ungewollt beigetragen: Insbesondere die Rentenversicherung hat von den drei Strategien, die Betriebe im Umgang mit "begrenzter Tätigkeitsdauer" bei alternden Beschäftigten verfolgen können - "Arbeitsplatzgestaltung", "Laufbahngestaltung" und "Externalisierung" -, vor allem die Externalisierung, die Verlagerung des Problems nach außen, subventioniert. Sie finanzierte in der Vergangenheit ein historisches Bündnis zwischen Betrieben, Belegschaftsvertretern und Staat zur kostenträchtigen Bewältigung zweier Problemfelder: zur Bewältigung des Problems gesundheitlicher Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz und zur Bewältigung des Mangels von Erwerbschancen am Arbeitsmarkt. Dieses Bündnis beugte gesundheitlichen Beeinträchtigungen dabei nur begrenzt vor und normalisierte die Erwartungen von Beschäftigten auf frühen Austritt aus der Erwerbstätigkeit. So entstand eine Vorstellung der optimalen Verteilung der Erwerbstätigkeit im Lebensverlauf, die ebenso illusionär wie weit verbreitet ist.

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  • 1. Das illusionäre Modell: Mit 55 in den Ruhestand



    Das Modell "Hau rein bis 55 - und genieße dann einen frühen Ruhestand" liegt zumindest in den alten Bundesländern voll im Trend. Nicht nur die überwiegende Anzahl aller von uns untersuchten Handwerksbetriebe, der Industriebetriebe und der Dienstleistungsbetriebe präferieren dieses Modell und suchen staatliche Regelungen nach Lücken ab, um es umsetzen zu können. Es wird auch - wenngleich unbeabsichtigt - von der Renten- und Arbeitsmarktpolitik subventioniert. Auf diese Weise entstehen ungewollt Anreize zur frühen Ausgliederung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus dem Erwerbsarbeitsleben [3] .

    Viele der von uns befragten Beschäftigten sind sich zwar dessen durchaus bewusst, dass sie mit diesem Modell, in dem sie durch ständige Überstunden frühzeitig verschlissen werden, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, aber es lockt das "Reich der Freiheit", das mit der Rente anbrechen soll. Banken, Lebensversicherungen und Bausparkassen tragen mit großformatigen Plakaten von aktiven Alten am Meer und im Garten Eden sowie mit einschlägigen Sparplänen ihren Teil bei zur Illusionierung. In Industriebetrieben, die von der Montagearbeit leben wie die Autoindustrie, und in Dienstleistungsbetrieben, die auf junge Mitarbeiter setzen, gilt das gleiche Denkmuster: Wie kann ein Teil des (Über-)Stundenlohns der Dreißig- und Vierzigjährigen für Fonds abgezogen werden, aus denen Lohnsubventionen für ältere Leistungsgewandelte - der Begriff bezieht sich auf die abnehmende Leistungsfähigkeit älterer Menschen -, Teilzeit- und Frührentner zu bezahlen sind [4] .

    Die Unterstellungen dieses Trendmodells lassen sich leicht hermeneutisch in folgender Lebensverlaufskurve (vgl. Abbildung 1) darstellen, in der alles seine Zeit hat: Es gibt eine Zeit der Ausbildung, eine Zeit der zeitlich und körperlich besonders belastenden, überstundenreichen Arbeit unter starkem Termindruck, eine Zeit der Oberaufsicht vom Büro aus, eine Zeit der Kindererziehung, eine Zeit des Ehrenamtes und des bürgerschaftlichen Engagements, eine Zeit des Gartens, eine Zeit des Reisens, eine Zeit der Universität des dritten Lebensalters.

    Alle diese Zeiten liegen im Trendmodell, das faktisch von der Mehrheit der Beschäftigten und der Betriebe angestrebt wird, hintereinander - auf die Zeiten der "Knechtschaft" folgen die Zeiten der Freiheit.

    2. Was spricht eigentlich gegen das Trendmodell des Lebensverlaufes?



    So sehr das Modell im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trend liegt und so massenhaft es angestrebt wird, so sehr kommen einem doch Zweifel, ob es wirklich realisierbar ist:

    Die Finanzierbarkeit des frühen Ausstiegs aus der Erwerbstätigkeit ist noch das geringste Problem, obwohl diese am meisten diskutiert wird. Sicher, die Rente muss finanziert werden. Das geht nicht mit dem bisherigen Beitragssatz und dem bisherigen Erwerbsausmaß. Aber lässt sich nicht vielleicht durch Ausweitung der Erwerbstätigkeit in frühen Jahren die frühere Verrentung finanzieren, entweder über die gesetzliche Rentenversicherung oder über Zusatzversicherungen und Vermögensbildung schon in jüngeren Jahren [5] ? Das läge ganz in der Logik des Modells.

    Hier liegt zweifellos eine Schwierigkeit, die jeder beim ersten Blick auf die Abbildung 1 bemerkt hat: Die Medizin ist weit davon entfernt - falls es überhaupt wünschbar wäre -, die Gebärfähigkeit in das für Arbeitsmarkt und Betriebe günstigere Alter von 60 an aufwärts legen zu können, selbst wenn dies praktische Erkenntnisse verlangten. Hier zeigt sich zum ersten Mal und wird sich im Folgenden noch öfter zeigen, dass das zeitliche Hintereinander der Lebensaufgaben im Trendmodell sich nicht gut realisieren lässt.

    Die Zeit der Familiengründung und Kindererziehung fällt ungünstigerweise mit der Zeit zusammen, die für hundertfünfzigprozentiges "Reinhauen" im Erwerbsleben, für Überstunden und Vermögensbildung vorgesehen ist [6] . Das in Abbildung 1 dargestellte zeitliche Hintereinander der Lebensaufgaben (Trendmodell) lässt sich also nicht oder nur schwer realisieren.

    Was bei der Geburtenplanung offensichtlich ist, ist bei den anderen in der Abbildung 1 genannten Lebensaktivitäten zwar weniger offensichtlich, stellt sich dafür aber eher noch krasser dar: Ein Hintereinander ist kaum möglich. Das Trendmodell lässt uns vielmehr, während wir noch auf die Zeit der Freiheit warten, schon vorzeitig sehr "alt aussehen".

    Die Folge ist, dass Weiterbildung für Ältere, dass horizontale Laufbahnen, dass Einstellung Älterer auf Arbeitsplätzen mit herausfordernden Tätigkeiten unterlassen werden. Je früher die Frühverrentung möglich ist, umso früher gelten wir als zu alt. Fähigkeiten in den mittleren Jahren sind aber eine Frage des Umgangs mit Belastungen in jüngeren Jahren, der Gewohnheit, der Übung, der Herausforderung und des Trainings. Ist es denn wirklich so erstaunlich, dass nicht alle Berufe gleichmäßig ins Ehrenamt, ins bürgerschaftliche Engagement, in die Universität des dritten Lebensalters führen? Das Trendmodell, das die Lebensphasen kompensierend hintereinander setzt, erweist sich trotz massenhaften Zuspruchs als Illusion. Nicht überall in Deutschland wird übrigens dieser Illusion in gleicher Stärke nachgehangen. In den neuen Bundesländern halten viele, insbesondere Frauen, ganz gegen den Trend an der Vorstellung fest, bis zum gesetzlichen Rentenalter in Vollzeit erwerbstätig zu sein und trotzdem Kinder zu haben.

    Über Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung, die nur zum Teil demographisch bedingt sind, geriet das historische Bündnis schon in der alten Bundesrepublik unter Druck. Versuche der Trendumkehr von Frühverrentung bis zur Heraufsetzung des gesetzlichen Rentenalters sind zu beobachten. Aber es stellt sich die Frage, ob die Sozial-, insbesondere die Rentenversicherung den gleichen Einfluss bei der Trendumkehr hat, den sie bei der Trendetablierung hatte. Findet sie Anknüpfungspunkte bei den Unternehmen, die sich auf das alte Bündnis eingestellt haben? Die Antworten auf diese Fragen hängen von unserer Einschätzung der Prozesse der Arbeits- und Laufbahngestaltung ab, die nicht nur durch die Strategien von Betrieben und Beschäftigten, sondern auch von der Risiko- oder richtiger: Kosten-Aufteilung sozialpolitischer Träger bestimmt werden.

    Fußnoten

    1.
    Dieser Beitrag berichtet aus den Ergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie unter dem Förderkennzeichen 01 HH 9901/0 geförderten Projekts "Arbeits- und Laufbahngestaltung zur Bewältigung begrenzter Tätigkeitsdauer im Generationenaustausch". Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.
    2.
    Vgl. Martin Kohli/Martin Rein/Anne-Marie Guillemand/ Hermann van Gunsteren (Hrsg.), Time for Retirement: Comparative Studies of Early Exit from the Labor Force, New York 1991.
    3.
    Vgl. Johann Behrens, Gnade, bürgerliche Autonomie, Krankheit. Staatliche Sozialpolitik und betriebliche Sozialverfassung, in: Zeitschrift für Sozialreform, 36 (1990) 11/12, S. 803-827; ders/Martina Morschhäuser/Holger Viebrock/Eberhard Zimmermann, Länger erwerbstätig aber wie?, Wiesbaden 1999.
    4.
    Vgl. Johann Behrens, Die Reservearmee im Betrieb. Machttheoretische Überlegungen zu den Konzepten der "Kontrolle", der "Eigentumsrechte" und der "Sozialen Schließung", in: Ulrich Jürgens/Frieder Naschold (Hrsg.), Arbeitspolitik. Materialien zum Zusammenhang von politischer Macht, Kontrolle und betrieblicher Organisation der Arbeit, Leviathan, Sonderheft 5/1983, Opladen 1984, S. 133-155; ders., Gnade (Anm. 2); ders./M. Morschhäuser/H. Viebrock/E. Zimmermann (Anm. 2).
    5.
    Vgl. Anm. 3.
    6.
    Vgl. Johann Behrens, Was Demographie mit Kinderkriegen zu tun hat und was uns vorzeitig alt aussehen lässt - Illusionen im Trendmodell der Erwerbszeit in: Chr. von Rothkirch (Hrsg.), Altern und Arbeit: Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin, 2000.