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26.5.2002 | Von:
Dorit Sing

Die Situation älterer Menschen in der Phase nach dem Erwerbsleben

I. Entwicklungen im Rentenzugang

In der Vergangenheit wurde der Rückgang der Alterserwerbsbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland eine Vielzahl von (Früh-)Verrentungsmöglichkeiten gefördert, die aufgrund der angespannten Arbeitsmarktsituation sowohl von den Unternehmen als auch von Gewerkschaften und vom Staat begrüßt wurden. So wurde und wird z. T. bis heute in Deutschland der Übergang in den Ruhestand aufgrund von Vorruhestandsregelungen, einer erweiterten Erwerbsunfähigkeitsbetrachtung, des § 428 SGB III (Bezug von Arbeitslosengeld unter erleichterten Voraussetzungen), einer verlängerten Bezugsdauer von Arbeitslosengeld in Verbindung mit der "Rente wegen Arbeitslosigkeit" (ab einem Alter von 60 Jahren [3] ) sowie - teilweise - durch betriebliche Abfindungen erleichtert. Gerade auch in Ostdeutschland wurden massiv vorgezogene Renten - z. T. über den Umweg der "Stillen Reserve in Maßnahmen" bzw. der "Stillen Reserve im weiteren Sinn" [4] - als adäquate Lösung für die dramatischen Engpässe auf dem Arbeitsmarkt angesehen.

Graphik 1 gibt die Entwicklung des Rentenzugangs wegen Arbeitslosigkeit in die gesetzliche Rentenversicherung in West- und Ostdeutschland wieder. Während 1960 nur etwa 1,6 Prozent aller Rentenzugänge in Westdeutschland "Altersrenten wegen Arbeitslosigkeit" waren, stieg deren Anteil im Jahr 1997 auf 16,1 Prozent an. Seitdem ist wieder - aufgrund der etwas besseren konjunkturellen Lage und der zusätzlich demographisch bedingten Abnahme der Arbeitslosigkeit - ein leicht fallender Trend zu beobachten (1999: 14,1 Prozent). In Ostdeutschland lag, sofern methodische Probleme wie die Änderung des Datensatzaufbaus oder die Einführung des Rentenreformgesetzes (RRG '92) in den Jahren 1993 und 1994 die tatsächlichen Entwicklungen nicht überlagerten, der Höhepunkt der "Altersrenten wegen Arbeitslosigkeit" mit einem Anteil von 40,5 Prozent an allen Rentenzugangsarten im Jahr 1995.

Darüber hinaus zeigen Daten des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger, dass nur etwa 10 Prozent der ostdeutschen Männer und 15 Prozent der ostdeutschen Frauen am 31. Dezember 1995 - ein Jahr vor ihrem Rentenzugang im Jahr 1996 - versicherungspflichtig beschäftigt waren, sich aber etwa 83 Prozent der Männer und 77 Prozent der Frauen im Vorruhestand bzw. in Arbeitslosigkeit befanden [5] . Somit hat vor allem Anfang bis Mitte der neunziger Jahre eine Entlastung des ostdeutschen Arbeitsmarktes insbesondere über die Ausgliederungsprozesse der älteren Arbeitnehmer stattgefunden. Dabei ist zu beachten, dass die Inanspruchnahme der Vorruhestandsregelungen in einem nicht unerheblichen und zunehmenden Maß weniger den Präferenzen der Arbeitnehmer als vielmehr den Rationalisierungsstrategien mit entsprechenden Ausgliederungsmaßnahmen der Unternehmen entsprach bzw. entspricht [6]

[7] .

Die Betrachtung der Versichertenrenten nach Jahrgangsgruppen (Kohorten) - hier für Westdeutschland - zeigt noch deutlicher, dass das Risiko, über eine Phase der Arbeitslosigkeit aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden, in der Vergangenheit drastisch zugenommen hat (vgl. Graphik 2). Während Angehörige der Alterskohorte der 1904 geborenen Frauen und Männer nur sehr selten (1,8 Prozent) Altersrenten wegen Arbeitslosigkeit bezogen, erhielten bereits 12,5 Prozent der Angehörigen des Geburtsjahrganges 1933 - jede bzw. jeder Achte - eine solche Rente.

Da auch für die Zukunft - trotz mittel- bis langfristig zu erwartender demographisch bedingter Abnahme der Erwerbsbevölkerung - eine Beschäftigungslücke bzw. eine Arbeitslosenquote zwischen 4,0 Prozent und 12,6 Prozent (je nach Szenario) im Jahr 2040 prognostiziert wird [8] , wird das Problem hoher Arbeitslosigkeit - insbesondere wohl für Ältere - in der Bundesrepublik Deutschland in Zukunft weiterhin bestehen. Darüber hinaus wird eher mit einer Verschärfung der Problematik zu rechnen sein, denn nach dem Rentenreformgesetz 1999 ist in Zukunft die vorzeitige Inanspruchnahme der "Rente wegen Arbeitslosigkeit" oder nach Altersteilzeit nur noch unter Inkaufnahme von Abschlägen möglich. Somit besteht auch zukünftig die Gefahr, dass "die Zahl derjenigen Personen (wächst, d. Verf.), die in die Ökonomie nicht mehr integriert werden können und gleichzeitig durch die Maschen wohlfahrtsstaatlicher Netze fallen, . . . [9] - Menschen werden nicht mehr ausgebeutet und nicht mehr beherrscht, sie sind vielmehr einfach überflüssig" [10] .

Damit könnte es wichtig werden, neben dem Arbeitsmarkt einen weiteren Bereich zu haben, in dem Menschen gesellschaftliche Ausschlusserfahrungen überwinden können. Zwar gibt es eine Reihe von Modellen und Strategien zur Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit Älterer für den Arbeitsmarkt [11] , allerdings wird diesen - sofern sie sich nur auf arbeitsmarktpolitische Instrumente beschränken - oft aus Kosten- bzw. Effizienzgründen nur begrenzter Erfolg unterstellt. Gesellschaftliche Integration könnte daher auch durch die gezielte Förderung der Teilhabe an der vielfach vorhandenen gesellschaftlichen Arbeit - vor allem im Bereich der sozialen Dienste oder aber auch der Ökologie - stattfinden. Diese gesellschaftlich nützlichen Tätigkeiten könnten sowohl zur Identifikation, Sozialisation und sozialen Integration der betroffenen Menschen in die Gesellschaft beitragen als auch dazu dienen, deren wertvolles Human- und Sozialkapital für die Gesellschaft zu erhalten. Es müsste allerdings gewährleistet sein, dass dadurch kein Prozess der Substitution von Erwerbsarbeit ausgelöst wird [12] . Generell kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sich bei ehrenamtlichem Engagement um eine spezifische "Qualität" von Tätigkeiten handelt, die ansonsten in der Regel nicht erbracht werden würden (z. B. Hol- und Bringdienste für Behinderte zu kulturellen Veranstaltungen etc.).

Fußnoten

3.
Nach dem Gesetz haben auch diejenigen Arbeitnehmer Anspruch auf Arbeitslosengeld, die das 58. Lebensjahr vollendet haben, auch wenn sie die Regelvoraussetzung, nämlich als registrierter Arbeitsloser dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen, nicht erfüllen.
4.
Die "Stille Reserve in Maßnahmen" bzw. die "Stille Reserve in weiterem Sinn" umfasst die Personen, die weder arbeitslos gemeldet noch erwerbstätig sind, sich aber in arbeitsmarkt- oder sozialpolitischen Aktivitäten befinden oder von verschiedenen Regelungen (z. B. Vorruhestandsregelung) betroffen sind. Vgl. Autorengemeinschaft, Der Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1999 und 2000, in: MittAB, 33 (2000) 1, S. 5 ff. (MittAB = Mitteilungen der Arbeitsmarktberichterstattung).
5.
Vgl. Uwe Rehfeld, Der Arbeitsmarkt: Eckpfeiler für die gesetzliche Rentenversicherung. Anmerkung aus statistisch-empirischer Sicht, in: INIFES/ISF/SÖSTRA (Hrsg.), Erwerbsarbeit und Erwerbsbevölkerung im Wandel. Anpassungsprobleme einer alternden Gesellschaft, Frankfurt/M. - New York 1998, S. 169 f. (INIFES = Internationales Institut für empirische Sozialökonomie; ISF = Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V.; SÖSTRA = Institut für sozialökonomische Strukturanalysen e.V.).
6.
Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (Hrsg.), Rentenversicherung in Zeitreihen. Ausgabe 2000, Frankfurt am Main 2000, S. 51.
7.
Vgl. Dieter Bogai/Doris Hess/Helmut Schröder/Menno Smid, Binnenstruktur der Langzeitarbeitslosigkeit älterer Männer und Frauen, in: MittAB, 27 (1994) 2, S. 74 ff.
8.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Zweiter Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel", Bonn 1998, S. 227.
9.
Vgl. Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (Anm. 6), S. 66.
10.
Marion Müller/Larissa von Paulgerg-Muschiol/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Exklusion? Das Beispiel Wohnungslosigkeit, in: Hermann Schwengel (Hrsg.), Grenzenlose Gesellschaft?, Band II/1. Sektionen, Forschungskomitees, Arbeitsgruppen, Pfaffenweiler 1999, S. 508.
11.
Siehe auch den Beitrag von Ernst Kistler und Markus Hilpert in diesem Heft.
12.
Vgl. Dorit Sing/Ernst Kistler, Neue Chancen für Frauen? Zwischen Arbeit und Ehrenamt, Düsseldorf 2000.