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26.5.2002 | Von:
Dorit Sing

Die Situation älterer Menschen in der Phase nach dem Erwerbsleben

II. Der Übergang in Rente und ehrenamtliches Engagement

Die Lebenssituation in der Phase nach dem Erwerbsleben wird durch die Erfahrungen geprägt, die die Menschen vor ihrem Austritt aus dem Arbeitsleben gemacht haben. So wird ehrenamtliches Engagement häufig schon weit vor dem Erreichen der Rente bzw. Pension aufgenommen (vgl. Graphik 3). [13]

Das durchschnittliche Alter, das Menschen zu Beginn des Engagements nach Ehrenamtsbereichen haben, zeigt, dass ein ehrenamtliches Engagement in jungen Jahren vor allem bei der freiwilligen Feuerwehr (ca. 22 Jahre) oder in der außerschulischen Jugendarbeit (ca. 30 Jahre) aufgenommen wird. Im sozialen Bereich engagieren sich Menschen erst im Alter von durchschnittlich 42 Jahren, bürgerschaftliche Aktivitäten am Wohnort oder im Gesundheitsbereich werden im Alter von etwa 41 Jahren begonnen. Tatsächlich sind der "Soziale Bereich" (42 Prozent) und der "Gesundheitsbereich" (16 Prozent) vor allem auch die Bereiche, in denen ehrenamtlich Interessierte im Alter von 60 und mehr Jahren noch freiwillig Aufgaben übernehmen würden [14] .

Inwiefern die frühere Erwerbstätigkeit im Zusammenhang mit dem ehrenamtlichen Engagement steht, kann aus Graphik 4 entnommen werden. Man sieht, dass gerade bei den älteren freiwillig Engagierten doch eine gewisse Verbundenheit zu ihrer früheren Erwerbstätigkeit besteht. [15]

Entscheidend für die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, dürfte jedoch vor allem die individuelle Motivation der Beteiligten bzw. der an ehrenamtlichem Engagement Interessierten sein. Dabei stehen, wie Graphik 5 zeigt, weniger Gründe wie der berufliche Nutzen oder die soziale Anerkennung im Vordergrund, sondern vor allem der "Spaß" an der Tätigkeit oder die sozialen Kontakte.

Zwar sind die Hintergründe bzw. Motive zu ehrenamtlichem Engagement generell äußerst vielfältig [16] - aus verschiedenen empirischen Untersuchungen lassen sich jedoch vor allem drei biographisch beeinflusste Motivmuster identifizieren [17]

[18] , die "je nach konkreter Aufgabe, Lebenslage und Persönlichkeit . . . unterschiedlich kombiniert" [19] sein können.

Von diesen scheint bezüglich der hier relevanten Problemstellung vor allem der Aspekt der Bewäl-tigung von Lebenskrisen bzw. von aktuellen Problemlagen [20] sowie der Wunsch nach einer biographischen Um- bzw. Neuorientierung [21] interessant. Auch wenn eine christlich-moralische oder humanistisch-weltanschauliche Haltung als dritter genannter Punkt immer noch für ehrenamtliches Engagement relevant ist und nicht in Frage gestellt werden sollte, so können vor dem Hintergrund der hier betrachteten Lebensphase vor allem die beiden erstgenannten Motive Hinweise auf die Gründe bzw. Ziele des individuellen Engagements geben.

Gerade die "Brucherfahrungen" beim Übergang von der Erwerbstätigkeit in die Arbeitslosigkeit bzw. in den (Vor-) Ruhestand könnten damit ein wesentlicher Anlass für diese Personengruppe sein, sich ehrenamtlich zu engagieren: "Die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche bilden mithin eine brisante Mischung ,riskanter Chancen'." [22] Denn während Erwerbsarbeit eine strukturierende Größe im Alltag darstellt, besteht für viele in der Nacherwerbsphase - Gleiches gilt übrigens auch für nicht erwerbstätige Frauen nach Abschluss ihrer Familientätigkeit (Kindererziehung etc.) in der so genannten "Leeres-Nest-Phase" - die Gefahr des "structural lag", d. h., in dieser Lebensphase gibt es (zunächst) keine vorgegebenen Tätigkeitsstrukturen mehr.

Fußnoten

13.
Vgl. Ulrich Brendgens/Joachim Braun, Freiwilliges Engagement von Senioren, in: Bernhard von Rosenbladt (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Zusammenfassender Gesamtbericht, hekt. Ms., München 2000, S. 110.
14.
Vgl. Bernhard von Rosenbladt, Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten und bürgerschaftliches Engagement. Repräsentative Erhebung 1999. Materialband, hekt. Ms., München 1999.
15.
Vgl. Hans Günter Abt/Joachim Braun, Zugangswege zu Bereichen und Formen des freiwilligen Engagements in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement in Deutschland, hekt. Ms., Köln 2000, S. 30.
16.
Vgl. D. Sing/E. Kistler (Anm. 12).
17.
Vgl. B. v. Rosenbladt (Anm. 13), Tabelle 47 und 95 der personenebezogenen Auswertung.
18.
Vgl. Gisela Jakob, Zwischen Dienst und Selbstbezug. Eine biographieanalytische Untersuchung ehrenamtlichen Engagements, Opladen 1993.
19.
Irene Kühnlein, Motivlagen, Sinnquellen und Identitätsrelevanz erwerbsarbeitsunabhängiger sozialer Tätigkeiten, hekt. Ms., München 1997, S. 2.
20.
"Ausgangspunkt für eine ehrenamtliche Tätigkeit dieses Typus ist eine persönliche Problemlage oder eine Lebenskrise. Es geht zentral um die Bewältigung von biographischen Bruchsituationen. Das freiwillige soziale Engagement dient als ,Form einer Bearbeitungsstrategie für biographische Verletzungs- und Verlusterfahrungen' und als ,Problembearbeitungsstrategie bei eigener Betroffenheit'. Das Motiv für die Bereitschaft, anderen zu helfen, ist mit dem eigenen Bedürfnis verknüpft, neue Sinnhorizonte erschließen zu können, Bewältigungsmöglichkeiten für die eigene Problematik zu finden oder auch dazu, von den eigenen Problemen abgelenkt zu werden." I. Kühnlein (Anm. 19), S. 4.
21.
"Diese Motivlage kann mit sehr verschiedenen individuellen Zielrichtungen und Lebenslagen verbunden sein. In diesem Fall ist eine Nähe bzw. fließender Übergang zu professionellen Tätigkeiten durchaus erwünscht. Konzentration auf effektive Zielerreichung, Neuerwerb von Fertigkeiten und Qualifizierung sind wichtige Folgemotivationen." I. Kühnlein (Anm. 19), S. 4.
22.
Heiner Keupp, Individualisierter Gemeinsinn. Über gesellschaftliche Solidarität, in: UNIVERSITAS, (1997) 7, S. 641.