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26.5.2002 | Von:
Dorit Sing

Die Situation älterer Menschen in der Phase nach dem Erwerbsleben

III. Der Übergang aus Arbeitslosigkeit in Rente und ehrenamtliches Engagement

Allerdings ist der Übergang aus der Arbeitslosigkeit in ein ehrenamtliches Engagement insofern problematisch, als es in der Regel weniger die Arbeitslosen sind, die sich ehrenamtlich engagieren. Dies gilt auch für die älteren Arbeitslosen (vgl. Graphik 6), die - gefolgt von den Nichterwerbstätigen - in den vergangenen Jahren nach Auswertungen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) fast immer die geringste ehrenamtliche Beteiligung aufwiesen.

Weitere Auswertungen des SOEP belegen ferner für den Untersuchungszeitraum zwischen 1994 bis 1998: Von den Personen, die 1994 50 Jahre alt und älter waren und die zu diesem Zeitpunkt einer Erwerbsarbeit nachgingen, waren 1998 noch 57 Prozent erwerbstätig, 15,2 Prozent waren in die Erwerbslosigkeit übergegangen, 27,8 Prozent zählten 1998 zu den Nichterwerbstätigen, d. h. Rentnern bzw. Pensionären. Von denen, die 1994 ehrenamtlich engagiert waren, waren 1998 insgesamt noch 73,3 Prozent engagiert [23] .

Auffällig bei der Untersuchung ist vor allem, dass Personen, die in den Jahren nach 1994 in die Erwerbslosigkeit übergingen, zu einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz ihr Engagement beibehielten. 1995 waren noch 87,5 Prozent und 1998 noch 81,8 Prozent von diesen ehrenamtlich engagiert. Dies bedeutet, dass ehrenamtliches Engagement durchaus eine Möglichkeit darstellt, Menschen eine Möglichkeit gesellschaftlicher Integration zu bieten. Allerdings funktioniert dies - wie die Erfahrung zeigt - nur dann gut, wenn das Engagement schon vor der Phase der Erwerbslosigkeit bestand. Denn die Gegenüberstellung mit der Personengruppe, die 1994 ebenfalls 50 Jahre und älter, aber schon zu diesem Zeitpunkt erwerbslos war, zeigt, dass einerseits der Zugang zum ehrenamtlichen Engagement wesentlich seltener gelingt, wenn die Person nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden kann oder sie in die Nichterwerbstätigkeit ausscheidet, andererseits das bestehende ehrenamtliche Engagement umso stärker nachlässt, je länger die Erwerbslosigkeit andauert [24]

[25] .

Eine eigene qualitative Befragung in ausgewählten Arbeitseinrichtungen (wie Arbeitsloseninitiativen, Arbeitslosenzentren etc.) in Bayern im Jahr 2000 zeigt ferner [26] , dass gerade die älteren Arbeitslosen nur sehr selten zu ehrenamtlichem Engagement bereit sind, da sie einerseits finanziell auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, andererseits in einer Gesellschaft, die sie aus einem der zentralsten Lebensbereiche, nämlich der Erwerbsarbeit, ausgeschlossen hat, nicht auch noch unbezahlte Arbeit leisten wollen.

Da auf der anderen Seite in diesen Einrichtungen immer wieder die Erfahrung gemacht wurde, dass engagierte Personen, die in der Regel auch schon vor der Phase der Arbeitslosigkeit aktiv waren, schneller aus dieser Situation wieder herausfinden und in den Arbeitsmarkt integriert werden, wird von einigen Einrichtungen generell versucht, die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen "in Bewegung" zu bringen bzw. zu aktivieren, indem die Arbeitslosen beispielsweise in die Aufgaben der Einrichtungen eingebunden werden oder indem spezielle Gelegenheiten geschaffen werden, bei denen die Einzelnen ihre "Talente" einbringen können. Dies lässt vermuten, dass die Arbeitslosen in einem Rahmen, in dem sie Hilfe erfahren, durchaus zur aktiven Mitarbeit bereit sind. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen sowie das Eingebundensein in soziale Netze können somit als Voraussetzungen für Engagementbereitschaft gewertet werden. Allerdings gelangt man auch hier an Grenzen, wenn z. B. für einfache Tätigkeiten die Grundvoraussetzungen wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit bei den Arbeitslosen nicht vorhanden sind. So wurde neben der häufig fehlenden Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement von den Leitern der Einrichtungen gerade bei Langzeitarbeitslosen auch die nicht vorhandene Qualifikation als Argument für die mangelnde Integrationsfähigkeit angeführt. Denn auch Ehrenamt setzt ein gewisses, oft hohes Maß an Qualifikation bzw. Qualifizierbarkeit voraus [27] .

Dies bedeutet letztlich, dass der Übergang in Rente durch den vorzeitigen (unfreiwilligen) Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt nicht zur absoluten Bruchstelle im Lebenslauf der Gesellschaftsmitglieder werden darf. Mittel- bis langfristig müsste daher ein gesellschaftliches Umdenken einsetzen, so dass rechtzeitig geeignete Maßnahmen getroffen werden können, die eine echte Alternative zur fehlenden Arbeitsmarktintegration bieten bzw. die den negativen Effekten (z. B. "Tunneleffekt" bei Langzeitarbeitslosen etc.) langanhaltender Arbeitslosigkeit frühzeitig entgegenwirken. Denn die Lebenssituation der älteren Arbeitslosen ändert sich häufig gerade dann (man ist versucht zu sagen: glücklicherweise), wenn diese das Rentenalter erreichen und für sie damit - im Sinne einer neuen Statuspassage [28] - eine neue Lebenslage entsteht. Der Betroffene muss nicht mehr als Arbeitsloser, wie von der Gesellschaft erwartet, arbeitsmarktorientiert sein, sondern ist als Rentenempfänger von dieser Pflicht entbunden: Die neue Statuspassage wird als neue Freiheit mit größerer Zeitsouveränität empfunden. Auch über solche Aspekte sollte man nachdenken, wenn es in den Rentenreformdiskussionen um die Verschiebung des Zugangsalters zur Regelaltersrente geht.

Fußnoten

23.
Dem Abgang aus dem ehrenamtlichen Engagement stand ein Zugang aus den bisher nicht Engagierten von 6,4 Prozent gegenüber. Da die Gruppe der im Jahr 1994 Nichtengagierten wesentlich größer war (83,3 Prozent) als die der Engagierten (16,7 Prozent), stieg die Zahl derjenigen, die sich 1998 ehrenamtlich betätigten, im Verhältnis zu denen aus dem Jahr 1994 leicht an (1998: 17,7 Prozent; 1994: 16,7 Prozent).
24.
Vgl. Auswertungen des SOEP 1994 bis 1998, eigene Berechnungen.
25.
Vgl. auch Marcel Erlinghagen, Zur Dynamik von Erwerbstätigkeit und ehrenamtlichem Engagement in Deutschland, DIW-Diskussionspapier 190, Berlin 1999.
26.
Diese Erhebung erfolgte im Rahmen des Projektes "Ehrenamtliche Tätigkeiten und Erwerbsarbeit. Theoretische Aspekte und empirische Befunde zur Arbeitsmarktrelevanz des Ehrenamtes", das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.
27.
"Auf dem Ehrenamts-Markt sind genau dieselben Qualifikationen gefragt, die auch eine erfolgreiche Erwerbsbeteiligung fördern." M. Erlinghagen (Anm. 24), S. 17.
28.
Vgl. Martin Kohli, Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Historische Befunde und Theoretische Argumente, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37 (1985) 1, S. 1-29.