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26.5.2002 | Von:
Dorit Sing

Die Situation älterer Menschen in der Phase nach dem Erwerbsleben

IV. Maßnahmen zur Förderung des Ehrenamtes

Da neben der Erwerbsarbeit auch andere gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten zu Identifikation, Sinnerfahrung und sozialer Integration der Individuen in die Gesellschaft wesentlich beitragen können, ist es wichtig, einen Weg zu finden, auf dem der Übergang - und insbesondere der vorzeitige Übergang - von der Erwerbstätigkeit in Rente sowohl aus Sicht der Betroffenen als auch im Sinne gesellschaftlicher Interessen (Erhalt von Human- bzw. Sozialkapital) als positiver Prozess gelingen kann. Denn die älteren Arbeitnehmer sind nur zum geringeren Teil auf die Ausgliederung vorbereitet und können die neuen "Freiheiten" oft nicht als Chance für neue Lebensinhalte bzw. -gestaltung nutzen - nicht zuletzt auch, weil ihnen die entsprechenden Grundlagen in dieser Situation fehlen [29] . Hierzu zählen z. B. Informationen über mögliche Einsatzfelder, das Wissen um die eigenen Neigungen und Interessen, aber auch die entsprechenden Qualifikationen. Ehrenamt - hier speziell für Ältere - sollte daher auf der einen Seite durch die Schaffung geeigneter (Infra-) Strukturen, auf der anderen Seite durch die gleichzeitige Befähigung ("empowerment") zu Engagement gefördert werden, und das schon frühzeitig! Dazu sind entwicklungsfähige und zukunftsträchtige Projekte bezüglich einer Weiterentwicklung von Gelegenheitsstrukturen und der Aktivierung bzw. dem Ausbau von Handlungsressourcen nötig [30] .

Allerdings ist bei Modellprojekten - wie der "Bürgerarbeit" in Bayern oder der "Aktion 55" in Sachsen - zur Stärkung ehrenamtlichen Engagements als "Ersatz" für immer weiter erodierende Arbeitsplätze zu beachten, dass die Aussicht auf einen Erfolg solcher Ansätze wohl nicht nur bereichsspezifisch unterschiedlich ist und von dem jeweiligen sozialen Umfeld, sondern auch von den Individuen selbst, ihrer Sozialisation und insbesondere auch von ihrer spezifischen Lebenslage und Lebensphase abhängt. Welche organisatorischen Formen bzw. Umfelder (auch nach Regionen bzw. in der Differenzierung nach Stadt/Land bzw. Wohngebieten), kurz: welche institutionellen Arrangements allerdings für eine soziale Integration Älterer eher förderlich oder eher hinderlich sind, ist aus dem gegenwärtigen Forschungsstand mit seinen teils faszinierenden, jedoch weitestgehend singulären Befunden bisher weder generell noch gar im Sinne von tragfähigen Handlungsanleitungen ableitbar. So existieren zahlreiche theoretische [31] , aber auch praktische Modelle - die jedoch in ihrer Tragfähigkeit wenig erforscht sind. Auch der viel gelobte und in zahlreichen Studien untersuchte Ansatz des bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg [32] ist hinsichtlich der Frage, warum dies ein "Erfolgsmodell" ist und welche Erkenntnisse für andere Initiativen übertragen werden können, letztlich noch nicht evaluiert.

Dennoch zeigt die Fülle von erfolgreichen Initiativen in diesem Bereich [33] , dass gerade spezielle, für bestimmte Bevölkerungsgruppen geeignete Rahmenbedingungen (z. B. durch die Einrichtung von Seniorengenossenschaften, Seniorenbüros etc.) es durchaus ermöglichen [34] , auch außerhalb des Arbeitsmarktes vorhandene (Human-)Ressourcen sinnvoll und sinnstiftend einzusetzen und gleichzeitig dabei die Integration älterer Menschen in die Gesellschaft zu erreichen bzw. zu verbessern. Dennoch wäre es erforderlich, für jedes einzelne Modell genau zu prüfen, von welchen Auswirkungen sowohl für die am Projekt Beteiligten selbst als auch für die direkt oder indirekt partizipierende Gesellschaft ausgegangen werden kann bzw. welches genau die jeweiligen Effekte (und Verbesserungsmöglichkeiten) sind.

Fußnoten

29.
Vgl. Helmut Klages, Engagementförderung: Perspektiven zur Neugestaltung des Verhältnisses zwischen Verwaltung und Bürgern, in: Engagementförderung als neuer Weg der kommunalen Altenpolitik, Stuttgart u. a. 1998.
30.
Vgl. z. B. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Engagementförderung als neuer Weg der kommunalen Altenpolitik. Tagungsdokumentation, Stuttgart u. a. 1998; dass. (Hrsg.), Ältere Menschen im sozialen Ehrenamt, Stuttgart u. a. 1996.
31.
Zu einem Überblick über verschiedene Konzepte und Modellansätze sowie ihre Verortung als Bewältigungsstrategien von Arbeitslosigkeit vgl. D. Sing/E. Kistler (Anm. 12), S. 49 ff.
32.
Vgl. Konrad Hummel, Engagementförderung als politische Aufgabe. Bürgerschaftliches Engagement am Beispiel eines Landesnetzwerkes, in: http://buerger.aktiv.de/htm1/artikel/engagement.htm.
33.
Vgl. Jürgen Schumacher/Karin Stiehr, Ältere Menschen im sozialen Ehrenamt. Exemplarische Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen, Stuttgart - Berlin-Köln 1996.
34.
Vgl. Joachim Braun/Frauke Claussen, Freiwilliges Engagement im Alter. Nutzer und Leistungen in Seniorenbüros, Stuttgart u. a. 1997.