APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Frank Brunssen

Das neue Selbstverständnis der Berliner Republik

II. Die Neubewertung der Bundesrepublik

Ende der achtziger Jahre führten die politischen Eruptionen in Mittel- und Osteuropa zu einer grundlegenden Verschiebung der historiographischen Perspektive: Zunehmend affirmative Wahrnehmungen deutscher Zeitgeschichte begannen sich abzuzeichnen. Schon die Titel internationaler Publikationen verkünden eine "Annäherung an Deutschland" [42] , geben Deutschland eine "zweite Chance" [43] oder enthalten gar eine "Liebeserklärung" an die "schrecklichen Deutschen" [44] . Zahlreiche Veröffentlichungen deutscher Autoren weisen einen ähnlichen Tenor auf: Während Kurt Sontheimer zum Beispiel behauptet, dass die Geschichte der Bundesrepublik "seit 1949 wahrlich ein differenziertes Lob verdient" [45] , fühlt sich Arnulf Baring gar zu dem Ausruf legitimiert: "Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!" [46] In den Schriften dieser und anderer Deutschlandexperten bildet nicht mehr vorrangig das Jahr 1945, sondern die Zäsur von 1989/90 den eigentlichen Bezugspunkt und Bewertungsmaßstab für deutsche Zeitgeschichte.

Für diese neuen, affirmativen Interpretationen gibt es eine Reihe von Gründen. Der erste betrifft die "Wiederkehr der Geschichte" mit der Zeitenwende von 1989/90, als die Bürger der DDR zum ersten Mal seit dem Arbeiteraufstand vom Juni 1953 ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nahmen und sich in einer friedlichen Revolution von einem diktatorischen Regime befreiten. Der folgende Vereinigungsprozess zeigte ebenfalls, dass die Deutschen den "Wartesaal der Geschichte" verlassen hatten: Kanzler Kohls Zehn-Punkte-Programm, die Volkskammerwahlen im März 1990, die Einführung der D-Mark im Sommer und die offizielle Vereinigung am 3. Oktober desselben Jahres waren Akte der Selbstbestimmung. In ihrer Verbindung zeigen sie, dass die Deutschen in den Jahren 1989/90 zum ersten Mal seit 1945 wieder begannen, eine gemeinsame Geschichte zu schreiben.

Ein zweiter Grund war der Glaube, dass die Öffnung der Grenzen nicht nur die territoriale und ökonomische Asymmetrie, sondern auch die kulturelle und mentalitätsbedingte Zerrissenheit beenden würde, die die Deutschen nicht erst seit 1945 gespalten hat. In einer eindrucksvollen Studie hat Fritz Stern gezeigt, dass vor allem anderen "das Drama der deutschen Zerrissenheit" [47] der Grund dafür war, dass es Deutschland nicht gelang, im 20. Jahrhundert eine konstruktive Rolle zu spielen, ja der es Hitler überhaupt erst ermöglichte, zur Macht aufzusteigen. In Anbetracht der Zäsur von 1989/90 allerdings erscheint deutsche Geschichte für Stern in einem anderen Licht, und zwar insofern, als er konstatiert, dass die "alte Bundesrepublik etwas geleistet hat, was in den vorhergehenden Jahrzehnten nicht erreicht wurde - die Überwindung der alten Zerrissenheit" [48] . Die gleiche, von vielen Deutschen seinerzeit geteilte Überzeugung brachte ja auch Willy Brandt am Tag nach der Maueröffnung zum Ausdruck, als er vor dem Schöneberger Rathaus sagte, dass jetzt zusammenwachse, was zusammengehöre [49] .

Ein dritter Grund liegt in der Tatsache, dass die Vereinigung Deutschland normaler, das heißt, seinen europäischen Nachbarn ähnlicher gemacht hat. Es bestehe kein Zweifel, schreiben Andrei S. Markovits und Simon Reich, bis 1989 sei Deutschland aufgrund seiner Teilung entlang der Frontlinie des Kalten Krieges "in no way normal" [50] gewesen. Nach der jüngsten Zeitenwende allerdings haben durchschnittliche Bürger die Zusammenfügung der beiden Staaten auch im Sinne einer psychologischen Normalisierung erlebt, und zwar weil die Teilung von vielen als eine Art Strafe für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust empfunden worden war [51] . In Anbetracht des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik und der vertraglichen Regelung aller Grenzfragen muss die Deutsche Frage heute als gelöst gelten. Zum ersten Mal in der Geschichte respektiert oder unterstützt die Mehrheit der Deutschen das demokratische System und die Institutionen des Landes und erkennt die Grenzen mit allen neun Nachbarstaaten an.

Ein letzter Grund für die Neubewertung der Geschichte ist, dass die jüngste Zeitenwende den Weg zur Beantwortung der Frage nach der nationalen Identität frei gemacht hat. Zuvor hatten die nationalsozialistische Vergangenheit und die Teilung eine allen Deutschen offen stehende Identifikation mit ihrer Geschichte versperrt. Die ungeheuerlichen Ereignisse vor 1945 und die beiden zutiefst unterschiedlichen deutschen Geschichten seit 1949 hatten diese Option nicht zugelassen. "Viele der verworrenen und neurotischen Versuche einer deutschen Identitätsfindung während der vergangenen vierzig Jahre waren ganz offensichtlich Resultat der abnormen Teilung in zwei Staaten." [52] Erst die Zäsur von 1989/90 beendete diese Anomalie und führte dazu, dass die Deutschen wieder begannen, eine gemeinsame Geschichte zu schreiben, auf die sie sich - wenn sie es wünschen - affirmativ beziehen können. Allerdings hat diese gemeinsame Geschichte kaum erst begonnen, und die alten und neuen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West verursachen weiterhin große Probleme. Richard Schröder hat deshalb zu Recht betont, dass die Deutschen ihre unterschiedlichen Geschichten vereinigen müssen, wenn die Vereinigung als Ganzes gelingen soll. Um dies zu erreichen, so Schröder, müssten sie sich wieder als ein Volk verstehen, und zwar nicht, indem sie sich - wie zwischen 1871 und 1945 - gegen ihre Nachbarn und die angeblichen inneren Feinde abgrenzen, sondern sich von dem Grundsatz leiten lassen, dass es "nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes" [53] bedeute, heute Deutscher zu sein.

In diesem Zusammenhang sollte überdies bedacht werden, ob in einem zusammenwachsenden Europa überhaupt weiterhin von "deutscher" oder "nationaler Identität" die Rede sein muss und ob es nicht zeitgemäßer wäre, statt dessen von einem "deutschen Selbstverständnis" zu sprechen. Sicher lassen sich beide Begriffe nicht vollkommen voneinander trennen, aber es gibt Unterschiede, sowohl auf der denotativen als auch auf der konnotativen Ebene. Gängigen Definitionen zufolge ist mit "Identität" eine "Übereinstimmung, Gleichheit in allen Merkmalen" oder gar "Wesenseinheit" gemeint. Auf das Konzept der Nation bezogen, wirkt das dem Begriff inhärente Ideal einer Art absoluter Identifikation oder Symbiose von Subjekt und Nation ausgesprochen anachronistisch. Im Kontext der europäischen Integration gesehen zeigt sich zudem, dass derartigen Definitionen die Wahrnehmung der Nachbarnationen vollkommen abgeht. Überdies kann man sich mit Blick auf Deutschland der Assoziation der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" kaum erwehren. Zwei Gründe sprechen dafür, dem Begriff "Selbstverständnis" mehr Platz einzuräumen. Zum einen ist er frei von jenen prekären geschichtlichen Konnotationen; zum anderen kommt er ohne den Aspekt der Symbiose von Subjekt und Nation aus. Man kann sich ja zum Beispiel durchaus als Deutscher verstehen, ohne gleich eine "Wesenseinheit" mit der Nation zu verspüren. Und es gibt noch einen dritten Grund, auf der sprachlichen Ebene, der für die Verwendung des Begriffs spricht. In der jüngsten Forschung ist zu Recht betont worden, dass "nationale Identität", wie andere Identitäten auch, nicht als eine zeitunabhängige, quasi absolute Essenz, sondern vielmehr als relatives Konstrukt, als menschliches Modell, verstanden werden sollte. "There is no such thing as an ,essential' national identity" [54] , schreibt Mary Fulbrook und spricht deshalb von "national identity construction" [55] . Auch wenn man in der Debatte um die Berliner Republik nicht am Begriff der "nationalen Identität" vorbeikommt, scheint doch die Rede vom "Selbstverständnis" in diesem Zusammenhang angemessener, zumal dieser Begriff den Konstruktionscharakter stärker hervortreten lässt: Die gängigen Definitionen betonen, dass mit dem "Selbstverständnis", das eine Person oder Gruppe von sich hat, vor allem eine "Vorstellung", etwas Konstruiertes also, gemeint ist.

Fußnoten

42.
David Schoenbaum/Elizabeth Pond, Annäherung an Deutschland. Die Strapazen der Normalität, Stuttgart 1997.
43.
Fritz Stern, Die zweite Chance? Deutschland am Anfang und am Ende des Jahrhunderts, in: ders., Verspielte Größe. Essays zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 1996.
44.
Angelo Bolaffi, Die schrecklichen Deutschen. Eine merkwürdige Liebeserklärung, Berlin 1995.
45.
K. Sontheimer (Anm. 2), S. 253.
46.
A. Baring (Anm. 2).
47.
F. Stern (Anm. 43), S. 17.
48.
Ebd. S. 23.
49.
Vgl. Willy Brandt, . . . und Berlin wird leben. Berlin, John-F.-Kennedy-Platz, 10. November 1989, in: ders., ". . . was zusammen gehört". Reden zu Deutschland, Bonn 1990, S. 39.
50.
Andrei S. Markovits/Simon Reich, The German Predicament: Memory and Power in the New Europe, Ithaca-New York 1997, S. 8.
51.
Vgl. Peter Schneider, Wenn die Wirklichkeit die Ideen verrät, in: ders., Vom Ende der Gewissheit, Berlin 1994, S. 13; Martin Walser, Über Deutschland reden (Ein Bericht), in: ders., Über Deutschland reden, Frankfurt/M. 1989, S. 82.
52.
Timothy Garton Ash, in: Jewgenij A. Jewtuschenko u. a., Reden über Deutschland, München 1990, S. 112.
53.
Richard Schröder, Was heißt: "Ich bin Deutscher?", in: Zeitpunkte, Vereint, doch nicht eins. Deutschland fünf Jahre nach der Wiedervereinigung, Nr. 5, 1995, S. 14.
54.
Mary Fulbrook, German National Identity after the Holocaust, Cambridge 1999, S. 15.
55.
Ebd. S. 23.