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26.5.2002 | Von:
Frank Brunssen

Das neue Selbstverständnis der Berliner Republik

III. Selbstverständnis und "Normalität"

Affirmative Lesarten deutscher Zeitgeschichte sind von Teilen der politischen Linken in Deutschland heftig kritisiert worden. Insbesondere Jürgen Habermas hat hervorgehoben, dass der Einschnitt des Jahres 1945 in der "alten" Bundesrepublik aus gutem Grund einen zentralen historiographischen Bezugspunkt repäsentierte. Für Habermas kommt dieser Jahreszahl vor allem dadurch eine singuläre Bedeutung zu, weil sie auf Auschwitz verweist, das seiner Überzeugung zufolge "zur Signatur eines ganzen Zeitalters" [56] geworden ist; eine Lesart, die ja beispielsweise auch Günter Grass teilt, für den die deutschen Verbrechen dergestalt eine Zäsur darstellen, "dass es nahe liegt, die Menschheitsgeschichte und unseren Begriff von menschlicher Existenz mit Ereignissen zu datieren, die vor und nach Auschwitz geschehen sind" [57] . Allein die kritische Reflexion auf diesen Zivilisationsbruch, so Habermas, habe in der Bundesrepublik seit 1949 die Entstehung politisch zivilisierter Verhältnisse erlaubt, ja eine "liberale politische Kultur" habe sich überhaupt nur "wegen Auschwitz" ausbilden können [58] . Aus dieser Perspektive avancieren das Jahr 1945 und insbesondere der Holocaust zu einem alles andere überragenden Maßstab, an dem die Bewertung von Zeitgeschichte sich ausrichten soll. Affirmative Geschichtsinterpretationen neueren Datums werden als "revisionistische Lesarten" [59] verworfen, weil sie Habermas zufolge eine "historische Interpunktion" anstreben, die auf zweierlei zielt: zum einen darauf, den Bruch von 1945 zugunsten einer Relativierung von Auschwitz einzuebenen, und zum anderen darauf, 1989/90 als das Ende einer vorübergehenden Anomalie zu begreifen, das den Deutschen die Rückkehr zur Normalität erlaubt [60] .

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums weigern sich Historiker wie Arnulf Baring, Auschwitz als das "zentrale Datum" oder die "Essenz unserer Geschichte" [61] zu verstehen. "Es ist falsch zu glauben, unsere Geschichte müsse und könne nur im Lichte der Vernichtungslager gesehen werden." [62] Statt dessen spricht er sich für eine umfassendere Perspektive aus, die die "Vielgestaltigkeit, Vieldeutigkeit und Offenheit unserer Geschichte" [63] mit in Betracht zieht. Den Holocaust begreift Baring daher nur als eines von vielen Geschichtskapiteln, obwohl er eingesteht, dass diese Vergangenheit schwer auf den Deutschen lastet: "Nichts wird uns von ihr erlösen." [64] Barings Lesart rückt nicht die NS-Zeit, sondern die "demokratische Erneuerung" der vergangenen fünfzig Jahre in den Vordergrund, die den Deutschen das Recht auf eine "freudige Bejahung der Staatsform, die wir uns gegeben haben" [65] , einräume. Eine Bemerkung von Angela Merkel, der neuen Vorsitzenden der CDU, illustriert, wie weit diese affirmative Neubewertung von Zeitgeschichte bereits ins Alltagsbewusstsein vorgedrungen ist: "Wir sollten ein natürliches Gefühl für unsere ganze Geschichte entwickeln und dann sagen: Wir sind auch froh, Deutsche zu sein." [66]

Der zentrale Punkt an diesen unterschiedlichen Lesarten ist, dass es Habermas und Baring gleichermaßen darum geht zu definieren, welche Art "Normalität" das neue Selbstverständnis der Berliner Republik prägen soll. So gesehen dreht sich alles - wie beim Historikerstreit Mitte der achtziger Jahre - um die Deutungshoheit über Zeitgeschichte [67] . Für Habermas ist das Bemühen um die Herstellung einer quasi genuinen Normalität in Deutschland inakzeptabel, weil sie die Relativierung und Einebnung jenes Zivilisationsbruchs zur Voraussetzung haben würde. Die Bürger der "alten" Bundesrepublik hätten wenigstens ein gewisses Gespür dafür entwickelt, "dass nur die Vermeidung eines auftrumpfend-zudeckenden Bewusstseins von ,Normalität' auch in unserem Land halbwegs normale Verhältnisse hat entstehen lassen" [68] . Bedenklich sei deshalb, dass revisionistische Historiker wie Michael Stürmer heute Fragwürdigkeiten verkündeten, die auf die Devise hinausliefen: "Um wieder eine normale Nation zu werden, sollten wir uns der selbstkritischen Erinnerung an Auschwitz erwehren." [69]

Andere Deutschlandexperten hingegen verstehen die Zäsur von 1945 kaum mehr als maßgebend, sondern beschreiben das heutige Deutschland als "finally normal - ,stinknormal', in the Berlin argot" [70] . Die neue Normalität des Landes, so die beiden Autoren, "probably grants it the same tolerance for mistakes that others enjoy" [71] . Kurt Sontheimer schliesslich betont, noch bestehende Unterschiede zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn werden "doch überwölbt von einer gemeineuropäischen modernen Normalität, in der nun endlich auch die Deutschen ihren Platz und ihre Rolle gefunden haben" [72] .

Fußnoten

56.
Jürgen Habermas, Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identität. Die Westorientierung der Bundesrepublik, in: ders., Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977-1992, Leipzig 1992, S. 161 f.
57.
G. Grass (Anm. 7), S. 10.
58.
J. Habermas (Anm. 3), S. 170.
59.
Ebd., S. 172.
60.
Vgl. ebd., S. 173.
61.
A. Baring (Anm. 2), S. 330.
62.
Ebd., S. 328.
63.
Ebd., S. 336.
64.
Ebd., S. 327.
65.
Ebd., S. 337.
66.
"Ich habe gern den Kopf oben". Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel im Gespräch mit ZEIT-Chefredakteur Roger de Weck, in: Die Zeit vom 4. 5. 2000, S. 3.
67.
Vgl. Michael Stürmer, Geschichte in geschichtslosem Land, in: "Historikerstreit" (Anm. 4), S. 36.
68.
J. Habermas (Anm. 3), S. 171.
69.
Ebd., S. 9.
70.
David Schoenbaum/Elizabeth Pond, The German Question and other German Questions, London 1996, S. 230.
71.
Ebd. S. 236.
72.
K. Sontheimer (Anm. 2), S. 239.