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26.5.2002 | Von:
Frank Brunssen

Das neue Selbstverständnis der Berliner Republik

IV. Schlussbetrachtung

Für das neue Selbstverständnis der Berliner Republik ist die historische Zäsur von 1989/90 von entscheidender Bedeutung. Mit ihr wurde die Negativfixierung auf die nationalsozialistische Vergangenheit gelockert zugunsten einer Neubewertung der Geschichte der Bundesrepublik seit 1949. Deren fünfzigjährige Existenz wird heute weithin als "Erfolgsgeschichte" begriffen, nicht zuletzt weil der Beitritt der DDR so etwas wie eine gesamtdeutsche Ratifizierung des Grundgesetzes vollzog. "Für die Bundesrepublik hat der Zusammenbruch des Staatssozialismus in der DDR zunächst einmal einen Selbstanerkennungsstoß sondergleichen ausgelöst." [73] Nach Jahrzehnten deutscher Systemkonkurrenz beglaubigte der Untergang der DDR gleichsam die historische Legitimität der Bundesrepublik. Fritz Stern hat die Vereinigung deshalb treffend als "eine Art zweiter Anerkennung der Bundesrepublik" [74] bezeichnet.

In Anbetracht der ganzen deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts bleibt allerdings zu fragen, ob diese neue "historische Interpunktion" gerechtfertigt ist, oder ob der Einschnitt von 1945 nicht doch weiterhin als entscheidende historiographische Orientierungsmarke begriffen werden sollte. Es besteht wohl kein Zweifel, dass die fundamentale Umgestaltung Mittel- und Osteuropas eine kritische Revision der alten Positionen und Maßstäbe erfordert. Deshalb wird der "große Umbruch" von 1989/90, wie Jürgen Kocka betont hat, "nicht vorbeigehen an der Art, in der wir Geschichte schreiben" [75] . Das kann allerdings nicht bedeuten, dass der Zivilisationsbruch von 1945 eingeebnet oder durch 1989/90 überdeckt werden sollte. Für die Deutschen steht 1945 weiterhin für eine nicht zu bewältigende Vergangenheit, deren Ungeheuerlichkeiten als Warnung der Geschichte Geltung haben müssen - nicht zuletzt, weil sie die Deutschen lehren, wer sie waren, wer sie nicht mehr sind und wer sie nicht wieder sein wollen. In ihrem Enthusiasmus für die bundesdeutsche "Erfolgsgeschichte" verlieren einige konservative Kommentatoren diese Lektion aus dem Blick und propagieren eine Position, die versucht, "to ,normalise' Auschwitz, to render it part of Germany's lively pluralist political culture like any other topic" [76] .

Auf der anderen Seite werden aber auch linke Kritiker der Sache nicht in vollem Umfang gerecht, wenn sie 1945 zur einzigen Messlatte deutscher Geschichtsbetrachtung erklären. Diese Sicht ist zwar verständlich, zumal wenn man berücksichtigt, dass zum Beispiel Jürgen Habermas und Günter Grass der "Auschwitz-Generation" angehören, also jenem Jahrgang, dem "inmitten der üblichen Daten, das Datum der Wannsee-Konferenz eingeschrieben war" [77] . Für einige aus dieser Altersgruppe, vor allem für die Überlebenden, ist der Holocaust deshalb zum Maß aller Dinge geworden. Zugleich aber lässt sich die Tatsache nicht übersehen, dass die große Mehrheit der Deutschen von heute nicht mehr direkt vom Nationalsozialismus geprägt wurde. Den wirklich formenden Einschnitt in der Biographie vieler Menschen markieren vielmehr die Jahre 1989/90, insbesondere in Ostdeutschland, wo die jüngste Zeitenwende die Lebensläufe und Lebensbedingungen fast aller Bürger radikal veränderte. Eine rationale und realistische Lesart deutscher Zeitgeschichte sollte daher beide Daten als zentrale Bezugspunkte ins Auge fassen: Es ist zum einen unerlässlich, die eminente Bedeutung von 1945 als Niederlage, Zivilisationsbruch und Befreiung von außen zu erfassen. Diese Einsicht sollte jedoch auf der anderen Seite nicht die Dimension von 1989/90 verkleinern; denn als positive Zäsur steht diese wichtigste Jahreszahl seit 1945 immerhin für die friedliche Selbstbefreiung von einer Diktatur und den Wiederbeginn einer selbstbestimmten Geschichte in ganz Deutschland.

Richard Schröder hat sich dafür ausgesprochen, dass es heute "nichts Besonderes" mehr bedeuten dürfe, Deutscher zu sein. Im Vergleich betrachtet ist die Berliner Republik in der Tat normaler, als es die Mehrzahl der deutschen Staatsgebilde im zwanzigsten Jahrhundert je war. Jenen fragwürdigen "Sonderweg", der die Nation vor 1945 der westlichen Welt entfremdete und unter dem Nationalsozialismus in einem absurden "Sonderbewusstsein" gipfelte, hat das Land längst verlassen; mit der Vereinigung legte Deutschland auch seine bilateralen und internationalen "Sonderrollen" ab; es stellt also keinen "Sonderfall" mehr dar, wie Hans Magnus Enzensberger noch in den Zeiten der Teilung formuliert hatte. Vielmehr spricht der deutsche Außenminister heute zu Recht davon, dass die "Vollendung der EU . . . das oberste nationale Interesse Deutschlands" [78] sei.

Mit diesem Selbstverständnis will Richard Schröder aber nicht nur die relative Normalität der Deutschen in Europa, sondern eben auch "etwas Bestimmtes" verbunden wissen. Es reiche nicht, sich heute ins unverbindliche Menschheitspathos zu flüchten, weil man damit den anderen in seiner "Nationalität und Geschichte" [79] nicht erkenne. Was die Deutschen in der Tat wesentlich von den Bürgern anderer Staaten unterscheidet, ist ihre Geschichte - auch wenn sich heute die Lebensformen und Mentalitäten in Europa einander annähern. Während zum Beispiel die Briten ihr Selbstverständnis nicht zuletzt über die gewonnenen Weltkriege und die bemerkenswerte Kontinuität ihrer demokratischen Traditionen definieren, wurden die Deutschen zu dem, was sie heute sind, durch zwei verlorene Weltkriege und das Holocaust-Verbrechen, durch vier Jahrzehnte der Teilung, schliesslich durch die friedlich geglückte Revolution in der DDR und die Zusammenfügung der beiden Staaten zur Berliner Republik. Diese zutiefst ambivalente, von Brüchen geprägte Vergangenheit hat bei den Nachkriegsgenerationen eine oft kritischere Einstellung gegenüber der eigenen Geschichte herausgebildet, als das anderswo zuweilen der Fall ist. Zumindest in den letzten drei Jahrzehnten konnte sich deshalb die Aufarbeitung fragwürdiger Geschichtsabschnitte zu einer spezifischen Qualität der politischen Kultur in Deutschland entwickeln. Die neueren öffentlichen Debatten lassen erkennen, dass nicht wenige Bürger die Normalität der Berliner Republik durchaus im Licht der problematischen deutschen Geschichte sehen.

Zum Selbstverständnis der Berliner Republik gehört auch die Zäsur von 1945. Dies dokumentiert am eindringlichsten die öffentliche Debatte über die Errichtung des Holocaust-Mahnmals im Zentrum von Berlin. Diese erste gesamtdeutsche Kontroverse zeigte von den späten achtziger Jahren bis zum Bundestagsentscheid vom Juni 1999, dass Politiker, Akademiker, Publizisten, Künstler und durchschnittliche Bürger die deutsche Vergangenheit kritisch in der Gegenwart repräsentiert sehen wollen - nicht irgendwo in Deutschland, sondern an einem von niemandem zu übersehenden öffentlichen Ort zwischen dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor. Die Debatte und die anschließende Entscheidung zum Bau des Mahnmals haben im Grunde die von Andrei S. Markovits und Simon Reich geäußerte Befürchtung entkräftet, wonach Deutschland in seinem Wunsch nach Normalität möglicherweise sein "collective memory" aufgeben könnte "to normalise its relations with the past" [80] . Das Selbstverständnis der Deutschen ist überwiegend nicht von dem Drang geprägt, eine unkritische Normalität zu etablieren. Im Gegenteil, selbst Jürgen Habermas hat bei allen Vorbehalten über das Mahnmal-Projekt bemerkt: "Mit dem Denkmal bekennen sich die heute lebenden Generationen der Nachkommen der Täter zu einem politischen Selbstverständnis, in das die Tat . . . als persistierende Beunruhigung und Mahnung eingebrannt ist." [81] Genau dort also, wo man die in den vergangenen Jahren oft zitierte Neue Mitte findet, unter den brandneuen und restaurierten Bauwerken der Stadt, wird sich das von Peter Eisenman entworfene Stelenfeld zum Gedenken an die ermordeten europäischen Juden wie eine Art Kainsmal in die Züge der Berliner Republik einprägen. So sehen sich, so wollen viele Deutsche heute offenbar gesehen werden.

Fußnoten

73.
J. Kocka (Anm. 3), S. 24.
74.
F. Stern (Anm. 43), S. 22.
75.
J. Kocka (Anm. 3), S. 60.
76.
A. S. Markovits/S. Reich (Anm. 50), S. 205.
77.
G. Grass (Anm. 7), S. 19.
78.
Joschka Fischer, Vorwort, in: Andrei S. Markovits/Simon Reich, Das deutsche Dilemma. Die Berliner Republik zwischen Macht und Machtverzicht, Berlin 1998, S. 15.
79.
R. Schröder (Anm. 53), S. 14.
80.
A. S. Markovits/S. Reich (Anm. 50), S. 206.
81.
Jürgen Habermas, Der Zeigefinger: Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit vom 31. 3. 1999, S. 42.