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26.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Monika Gibas

Der Osten in der Berliner Republik

III. Die politische Kultur nach dem Beitritt der Ostdeutschen

Für die mutige Minderheit der DDR-Bürger, die im Spätsommer und Herbst 1989 bei den riskanten Demonstrationen und öffentlichen Aktionen den Unmut über den Zustand des Landes und die Ziele für eine Reform artikulierte, war das Mehrheitsvotum der Ostdeutschen für die Übernahme des politischen und wirtschaftlichen Systems der Bundesrepublik eine herbe Enttäuschung - "das war doch nicht unsere Alternative" [20] . Das traf auch auf die bedeutend größere Gruppe der systeminternen "Opposition" gegen die Politik der SED-Führung zu, die sich aus Angehörigen der Dienstklassen, der Intelligenz und aus Künstlern und Kulturschaffenden zusammensetzte, die einen reformorientierten, eigenständigen Weg in die Zukunft präferierten.

Diese Sicht der ostdeutschen linken Minderheit auf die deutsche Vereinigung ähnelte auch den Positionen, die westdeutsche linke und linksliberale Intellektuelle bezogen. Sie sahen sich durch die ostdeutschen Wähler bei der Bundestagswahl 1990 um den anstehenden politischen und geistigen Wechsel in der Bundesrepublik gebracht. Die sich als modern, linksliberal und aufgeklärt verstehende Reflexionselite der Bundesrepublik verknüpfte die unbestreitbare Rettung der Konservativen durch die Ostdeutschen rasch mit der Konstruktion eines bestimmten Klischees von "den Ostdeutschen", das weit über das Politische hinausging. Das Bild vom selig-blöden Ossi mit der Banane war eine der ersten Metaphern des nun beginnenden kulturellen Stigmatisierungsdiskurses [21] .

Es war die enorme Reibungsenergie, die im Kontakt zwischen den Ostdeutschen und den Westdeutschen entstand, die diesem Diskurs über Jahre hinweg und in ungeheurer Breite Antrieb verlieh. West- und Ostdeutsche waren einander fremder und verstanden einander weniger gut, als man erwartet hatte, und sie waren auch enttäuscht darüber. Die öffentliche mediale Kommunikation über diesen Zustand wurde fast ausschließlich aus der Westperspektive geführt. Nicht nur hitzige Journalisten, sondern auch Wissenschaftler entdeckten im Jahr nach dem Beitritt im Osten den "resignierten und völlig angepassten Menschen als die sozialistische Persönlichkeit". Neben einem "totalen Wissensmanko" sei "totale Vereinnahmung und Verkollektivierung des Einzelnen" zu konstatieren [22] . Die Ostdeutschen wurden latent als eine Spezies dargestellt, die demokratieunfähig, autoritätsgläubig und konservativ sei. Kulturell wurden sie als provinziell, spießig-piefig und völlig rückständig gezeichnet, insgesamt entsprächen ihre Wertehaltungen jenen "der Bundesrepublik der fünfziger Jahre" [23] . Zum Allgemeinplatz in der populären und sozialwissenschaftlichen Diskussion wurden die "Deformationen" der Ostdeutschen: "Vierzig Jahre antrainierte Unselbständigkeit lassen sich nicht einfach abschütteln. Der Wandel von Befehlsempfängern zu eigeninitiativ und selbstbewusst handelnden Arbeitnehmern braucht Zeit", prophezeite man [24] . Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jene Werte der politischen Kultur der Bundesrepublik, die als Früchte der 68er-Bewegung gelten, die Kritik- und Messpunkte für die Charakteristik der Ostdeutschen wurden: Antiautoritarismus, Antifaschismus und reformpädagogisches Denken. Man diagnostizierte, dass die Ostdeutschen autoritärer [25] seien als die Westdeutschen und dass der "verordnete Antifaschismus der DDR" ohne die richtige Wirkung auf die Bevölkerung geblieben sei [26] , dass in ostdeutschen Familien repressiver als in westdeutschen erzogen worden sei [27] . Dieser Trend hielt auch noch im Jahr 1999 an [28] .

Man stellte also fest, dass den Ostdeutschen all das fehlte, worauf man selbst so stolz war. Das Bild von den Ostdeutschen entsprach dem ins Negative gewendeten idealisierten Selbstbild, das eine sich als modern, linksliberal und aufgeklärt verstehende Gruppe von Westdeutschen von der Kultur ihres Landes hatte. Dieser in Wissenschaft und Feuilleton über beinahe alle politischen Spektren hin und über Jahre anhaltende Diskurs führte in der politischen Kultur der Bundesrepublik zu einem "Konsensschwall" [29] , der den 1989 erreichten Stand einer kritischen Selbstreflexion der politischen Kultur der Bundesrepublik fortspülte.

Bald zeigte sich, dass auch viele Ostdeutsche ihre kulturelle Andersartigkeit reflektierten, mehr noch, sie bestanden auch darauf, anders zu sein. Insgesamt 60 Prozent der Ostdeutschen haben ein spezifisch ostdeutsches Wir-Bewusstsein und die Gewissheit, "nicht westdeutsch zu sein", nur 20 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich als Bundesbürger und nicht oder weniger als Ostdeutsche. Doch genau jenes Fünftel hat die meisten Ressourcen und westdeutsche Unterstützung, in den Medien ihre Wirklichkeitsdefinition als die "der Ostdeutschen" auszugeben [30] . Die kommunikative Situation im vereinigten Deutschland ist dadurch gekennzeichnet, dass im Offizialdiskurs und dem der meinungsbildenden Medien die positiven Bezüge zum Osten, zur DDR und dem Leben in ihr tabuisiert, ignoriert und stigmatisiert werden [31] . Bei vielen Menschen in den neuen Bundesländern gibt es aber einen gesteigerten Kommunikationsbedarf darüber, was ihr Leben, ihre Werte und Erfahrungen aus der DDR wie auch ihre Identifikationen als Ostdeutsche im Lichte der oft sehr problematischen Nach-Wende-Zeit bedeuten. Da diesem Selbstverständigungs- und Selbstvergewisserungsbedarf das professionelle Pendant fehlt, wird er in einer Art Laien-Diskurs in Form von Ostalgie [32] befriedigt. Zum Teil unreflektiert, unbegrifflich, oft ironisch gebrochen, ist Ostalgie damit sowohl ein laienhafter Kommentar zum professionellen Diskurs über die DDR und die Ostdeutschen wie auch dessen Komplettierung.

Fußnoten

20.
Bernd Gehrke/Wolfgang Rüddenklau (Hrsg.) ". . .das war doch nicht unsere Alternative. DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, Münster 1999.
21.
Als Otto Schily (damals Grüne Partei) in einem Fernsehinterview um einen Kommentar zum Ausgang der Volkskammerwahl 1990 gebeten wurde, zog er wortlos und lächelnd eine Banane aus der Tasche und hielt sie in die Kamera. Die taz schmückte ihre Wahlstatistik mit einem abgewandelten DDR-Emblem, statt Hammer und Zirkel war im Ährenkranz eine Banane.
22.
Peter Eisenmann, Die Jugend in den neuen Bundesländern. Sozialistische Bewußtseinsbildung und ihre Folgen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 27/91, S. 3-10, hier S. 8 f.
23.
Martin Greiffenhagen, Die Bundesrepublik Deutschland 1945-1990. Reformen und Defizite der politischen Kultur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 1-2/91, S. 16-26, hier S. 25.
24.
Werner Weidenfeld/Karl Rudolf Korte, Die pragmatischen Deutschen. Zum Staats- und Nationalbewusstsein in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 32/91, S. 3-12, hier S. 8.
25.
Was sich als empirisch nicht haltbar erwies. Vgl. Hendrik Berth/Wolf Wagner/Oliver Decker/Elmar Brähler, Und Propaganda wirkt doch! . . . ? Eine empirische Untersuchung zu Autoritarismus in Deutschland und zur Überprüfung von Theorien über die Entstehung von Einstellungsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen, in: Hendrik Berth/Elmar Brähler (Hrsg.), Deutsch-deutsche Vergleiche. Psychologische Untersuchungen 10 Jahre nach dem Mauerfall, Berlin 1999, S. 141-159.
26.
Empirisch lässt sich dagegen bei den Ostdeutschen ein höheres Problembewusstsein feststellen. Wolf Wagner, Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick, Hamburg 1999, S. 116 f.
27.
Hier scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Vgl. Elmar Brähler/Horst-Eberhard Richter, Ost- und Westdeutsche - 10 Jahre nach der Wende, in: H. Berth/E. Brähler (Anm. 25), S. 9-27.
28.
Vgl. Thomas Ahbe, Hohnarbeit und Kapital. Westdeutsche Bilder vom Osten, in: Deutschland Archiv, 33 (2000) 1, S. 84-89. Im Sommer 2000 meinten drei Historiker, die deutlich angestiegene Quote fremdenfeindlicher Gewalttaten bei ostdeutschen Jugendlichen mit dem in der DDR angeblich kultivierten Klima von latentem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit erklären zu können, eine Spekulation, die sich so plausibel wähnte, dass sie ohne sozialisationstheoretische oder entwicklungspsychologische Argumente und Befunde auszukommen glaubte. Vgl. Patrice G. Poutrus/Jan C. Behrends/Dennis Kuk, Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/2000, S. 15-21.
29.
So Lutz Niethammer im Januar 1998 auf einer Konferenz an der TU Dresden.
30.
Thomas Koch, Wohin treibt der Osten? Parteienwettbewerb und Deutungsmacht im vermeintlichen Niemandsland, in: Deutschland Archiv, 23 (1999) 3, S. 440-451.
31.
Vgl. Werner Früh/Uwe Hasenbrink/Friedrich Krotz/Christoph Kuhlmann/Hans-Jörg Stiehler, Ostdeutschland im Fernsehen, Bd. 5 der Schriftenreihe der Thüringer Landesmedienanstalt, München 1999.
32.
Vgl. Thomas Ahbe, "Ostalgie" als eine Laien-Praxis in Ostdeutschland. Ursachen, psychische und politische Dimensionen, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR in Deutschland. Politische und historische Rückblicke, Berlin (i. E.); ders.: Ostalgie als Laienpraxis. Einordnung, Bedingungen, Funktion, in: Berliner Debatte INITIAL, 10 (1999) 2, S. 87-97.