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26.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Monika Gibas

Der Osten in der Berliner Republik

IV. Erbschaften

Dennoch sind und waren die Ostdeutschen nicht das "kollektive Subjekt", das die SED-Führung angestrebt hatte, sondern eine Bevölkerung, die sich aus unterschiedlichen sozial-moralischen Milieus zusammensetzte und zusammensetzt. Auch heute sind die Ostdeutschen keine Gruppe mit klarem, politisch formulierbaren Gruppenbewusstsein, es gibt keine markanten politischen Ziele, für die sich "die Ostdeutschen" gemeinsam einsetzen. Dennoch gibt es als typisch ostdeutsch zu bezeichnende Abweichungen im Verhältnis zur westdeutschen Durchschnittsverteilung politischer Werte und Einstellungen.

In den Untersuchungen der empirischen Sozialforschung zu politischen Präferenzen und gesellschaftsbezogenen Werten der Bevölkerung, zu Ordnungskonzepten und Zielvorstellungen zeigt sich regelmässig, dass deren jeweilige Ausprägung von solchen Variablen wie Bildungsstand, sozialer Status, Geschlecht und Alter abhängt. Zehn Jahre nach dem Beitritt kann man immer noch feststellen, dass "Herkunft DDR" in Bezug auf gesellschaftsbezogene Werte eine gleichermassen relevante Variable ist, wie Bildungsstand und Sozialstatus. Das zeigt sich vor allem am Konstrukt "Gerechtigkeit" [33] und daran, inwieweit dem Staat soziale Verantwortung [34] zugeschrieben wird. Aber auch hinsichtlich "Vertrauen zu den Institutionen der Bundesrepublik" [35] ist eine Ostspezifik auszumachen. Selbst Inhaber von Elitepositionen unterscheiden sich - entgegen dem bisherigen Trend zu einer "konsensuell geeinten" und einstellungshomogenen Elite - nach der Ost-West-Herkunftslinie und das selbst dann, wenn sie den gleichen politischen Lagern angehören. Beispielsweise zeigte sich, dass 93 Prozent der sich als links definierenden Eliteangehörigen ostdeutscher Herkunft die "Sicherung des Sozialstaates" für sehr wichtig halten, während nur 63 Prozent der sich als links definierenden West-Elite eine solche Position vertreten. Linke westdeutsche Eliteangehörige präferieren mit 24 Prozent das Ziel der "Verhinderung des Sozialmissbrauchs" während es bei der Gruppe der sich als links definierenden Eliteangehörigen ostdeutscher Herkunft nur 13 Prozent sind [36] .

Auch in der Bewertung der bundesdeutschen Demokratie zeigen sich sehr deutliche Differenzen. Nach wie vor und mit großer Mehrheit befürwortet die ostdeutsche Bevölkerung die Einführung eines demokratischen Systems. Dass aber die bundesdeutsche Demokratie die "beste Staatsform" [37] ist, glauben nur die Westdeutschen. Im Jahr 1997 waren über zwei Drittel von ihnen dieser Meinung, im Osten denkt das nur ein Drittel der Bevölkerung. Die Ostdeutschen kritisieren zudem, dass sich "demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten im Vergleich zur DDR-Zeit" kaum verbessert hätten [38] . Auch die Wählerbindung ist beim ostdeutschen Wahlvolk eine andere als die im Westen zu beobachtende Milieubindung. Die Volkskammer- und Bundestageswahlen 1990 waren reine Themenwahlen, "die Wähler traten im März 1990 also nicht als Glieder sozialer Gruppen, sondern als Einzelne an die Wahlurnen. So gesehen war die deutsche Wahllandschaft nunmehr in zwei Gebiete gespalten, ein westliches, in dem gruppenbezogenes Wählen nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, und ein östliches, in dem rational nutzenkalkulierende Individuen den dominanten Wählertyp darstellen." [39] Diese Orientierung der Ostdeutschen ist offenbar relativ stabil, und sie trug dann 1998 auch maßgeblich zur Abwahl der Kohl-Regierung bei, aber auch zur prompten "Abstrafung" der rot-grünen Regierungskoalition in den Landtagswahlen des Jahres 1999.

Offensichtlich fühlen sich die Ostdeutschen auch stärker von der Regulierung durch die Politik abhängig und sorgen sich mehr um die "richtige" politische Steuerung als die Westdeutschen. Das ist ein entscheidender Hinweis zur Einordnung aktueller und künftiger Systembewertungen. Jeder zweite Ostdeutsche befürwortet eine stärkere Kontrolle der Wirtschaft durch die Politik [40] . Diese Präferenz dürfte einerseits spezifisches Erbe der politischen Sozialisation in der DDR sein, andererseits dürften aber in hohem Maße auch die sozialen Absturzerfahrungen aus der Transformationszeit Anteil daran haben. Diese werden weniger einem persönlichen Verschulden, sondern mehr dem Kollaps eines Systems zugerechnet. Die Ostdeutschen interpretieren die Politik als ein der Wirtschaft übergeordnetes und nicht nur beigeordnetes System. Im "freien Spiel der Kräfte" sehen sie mehr als die Westdeutschen die Gefahr, dass Gesellschaft zu einem Freiraum für die Stärkeren und Verantwortungsloseren wird und ihre Funktion als Lebensraum verliert - und dass sie die Leidtragenden dieser Entwicklung sind. Viele Ostdeutschen erwarten ein System, das Stabilität und Solidarität zumindest befördert und Kontingenz, Partialinteressen und die zentrifugalen Kräfte des Marktliberalismus im Zaume zu halten versucht.

Damit kommt man auch zur zweiten, für die deutsch-deutsche politische Kultur wichtigen Dichotomie, nämlich der von Freiheit und Gleichheit. Dreiviertel der Westdeutschen sind stolz auf die persönliche Freiheit in Deutschland, nur die Hälfte der Ostdeutschen teilt diesen Stolz [41] . Entsprechend "aufgeregt" werden auch ostdeutsche Statements, die Freiheit nicht über Gleichheit stellen wollen, diskutiert. In einer der Erhebungen des Allensbacher Institutes kommentiert Elisabeth Noelle-Neumann den Befund, dass 48 Prozent der Ostdeutschen dem Satz: "Wir waren alle gleich, und wir hatten alle Arbeit - darum war es eine schöne Zeit" zustimmen: "Aber sie irren sich, es war keine schöne Zeit! . . . Wie groß ist die Gefahr, die Freiheit, gerade gewonnen, Stück für Stück wieder zu verlieren, sie einzutauschen gegen das Linsengericht der Gleichheit, genannt: ,soziale Gerechtigkeit'? Gleichheit macht nicht glücklich, macht passiv, die eigenen Kräfte verfallen." [42] Dass politische Freiheit ein hoher Wert ist, wissen die Ostdeutschen sehr wohl. Ein Teil von ihnen hat sich höchst engagiert im Herbst 1989 für die Demokratisierung der Gesellschaft eingesetzt. Und immerhin sind "die Montagsdemonstrationen" neben der "Einheit" die einzigen politischen Symbole in der deutschen Kultur, bei denen Identifikation und Stolz der Ostdeutschen noch größer ist als bei den Westdeutschen, die ansonsten sehr viel Stolz auf ihr politisches System zeigen [43] . Die Ostdeutschen wissen politische Freiheiten sehr wohl zu schätzen, aber sie haben seit 1989 erlebt, dass diese allein nicht ausreichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Formulierung vom "Linsengericht der Gleichheit" bringt die unterschiedlichen Erwartungen, oder besser, die tendenziöse Beschreibung der unterschiedlichen Erwartungen von Ostdeutschen und Westdeutschen, auf den Punkt. Es ist die Attitüde derer, die sich um das tägliche Linsengericht nicht mehr sorgen, sondern nur noch um die Raffinesse des Desserts und dessen stilvolle Zelebrierung. Es ist die Perspektive einer sich unerschütterbar fühlenden Saturiertheit jener, zu deren Erinnerungsrepertoire soziale Absturz- und Desintegrationserfahrungen oder Ängste vor politischen und ökonomischen Bedrohungen nicht mehr gehören und denen folglich auch die "Witterung" für drohende soziale und ökonomische Verwerfungen verloren gegangen ist. Genau diese Wahrnehmungsweisen gehören aber zu dem in den letzten beiden Dekaden geformten Erinnerungsbestand der Ostdeutschen. Damit bringen die Ostdeutschen in die politische Kultur der Bundesrepublik einen gebeutelten, geläuterten Realismus mit ein, der zu den künftigen gesellschaftlichen Belastungen im sich einigenden Europa wahrscheinlich besser passt als die Wahrnehmungsmuster einer breiten westdeutschen Bevölkerungsgruppe, die sich in der historischen Ausnahmeperiode der Wohlstands-Bundesrepublik herausgebildet hatten.

Fußnoten

33.
Vgl. Eva Wagner, Ist soziale Ungleichheit gerecht? Wahrnehmungen und Bewertungen im Ost-West-Vergleich, in: Walter Müller (Hrsg.), Soziale Ungleichheit. Neue Befunde zu Strukturen, Bewusstsein und Politik, Opladen 1997, S. 139-167.
34.
Vgl. Markus Gangl, Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat in den alten und neuen Ländern, in: W. Müller, ebd., S. 169-203, hier S. 181.
35.
T. Gensicke (Anm. 1), S. 202 f.
36.
Vgl. Jörg Machatzke, Einstellungen zum Umfang staatlicher Verantwortung - Zum Staatsverständnis der Eliten im vereinten Deutschland, in: Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf (Hrsg.), Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997, S. 321-350, hier S. 336.
37.
T. Gensicke (Anm. 1), S. 187. Eine Forsa-Umfrage im Jahr 1999 ergab, dass 61 Prozent der Ostdeutschen vom Zustand der Demokratie enttäuscht waren, während 60 Prozent der Westdeutschen damit zufrieden sind. Vgl. Leipziger Volkszeitung vom 16. September 1999, S. 2.
38.
Dass sich die "demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten im Vergleich zur DDR-Zeit" verbessert haben, meinen in Bezug auf den Arbeitsplatz 10,2 Prozent, in Bezug auf die Kommune 23,5 Prozent und in Bezug auf die "große Politik" nur 15,8 Prozent der Ostdeutschen. Jürgen Hofmann, Ostdeutsches Wir-Bewusstsein: Altlast oder Transformationseffekt?, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR - Politik und Ideologie als Instrument, Berlin 1999, S. 153-174, hier S. 166 u. 170.
39.
Karl Schmitt, Umbrüche im Osten. Die Wahllandschaft ist gespalten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 27. Oktober 1999, S. 14.
40.
Vgl. E. Brähler/H.-E. Richter (Anm. 27), S. 21.
41.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, zit. in: T. Gensicke (Anm. 1), S. 200 f.
42.
Dies., Zauber der Freiheit. Über unbewusste Zusammenhänge in unserem Leben und in der Politik, in: FAZ vom 29. Mai 1999, S. 12.
43.
Vgl. ebd. Im September 2000 fragte dieselbe Autorin: "Worauf kann man als Deutscher stolz sei?" Die Antwort "Auf unser System, auf unser Grundgesetz" wählten 70 Prozent der Westdeutschen und 41 Prozent der Ostdeutschen. "Die Mehrheit der Ostdeutschen, 53 Prozent, ist der Ansicht, Deutschland müsse einen dritten Weg zwischen Marktwirtschaft und Sozialismus suchen. Nur 19 Prozent sprechen sich dagegen aus." Vgl. FAZ vom 27. September 2000, S. 5.