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26.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Monika Gibas

Der Osten in der Berliner Republik

V. Perspektiven

Der Beitritt der Ostdeutschen hat die Balance und die Maßverhältnisse der politischen Kultur der Bundesrepublik verändert. Die politische Kultur ist nun gewissermaßen wieder komplettiert, und zwar um den egalitaristischen und etatistischen Teil der Modernisierungsansätze des einst gesamtdeutschen Traditionsbestandes. Diese Komplettierung geschah allerdings nicht durch die Legitimierung dieses Traditionsstranges und damit durch seine Aufnahme in den Werte-Kanon des vereinigten Deutschlands, sondern sie geschah durch die Aufnahme einer Bevölkerung, die in mehreren Generationen unter dem in der DDR durchgesetzten Modernisierungsmodell sozialisiert wurde [44] . Seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sind also die Träger egalitär und etatistisch akzentuierter Wertebestände nicht mehr lediglich eine Minderheit von engagierten und idealistischen Intellektuellen und Ideologen, sondern eine relativ große, sich aus verschiedenen sozial-moralischen Milieus zusammensetzende Bevölkerungsgruppe. Das symbolische Gewicht dieser Werte ist zwar nach wie vor gering, aber sein "statistisches Gewicht" hat deutlich zugenommen.

Aus diesen Fakten resultiert die Akzentverschiebung in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Sie macht sich aber nur durch die spezifische Politik-Rezeption [45] des ostdeutschen Wahlvolkes bemerkbar, weniger durch eine klare Modifizierung der Politikgestaltung durch ostdeutsche Politiker oder durch spürbare Politikbeeinflussung mittels eines speziellen "ostdeutschen Lobbyismus". Pointiert gesagt: Die Ostdeutschen stellen einen anderen politischen Resonanzboden dar - sie machen nicht die Musik, aber sie verändern doch ihren Klang.

Der Beitritt der Ostdeutschen hat also die politische Kultur Deutschlands vervollständigt, pluralisiert und damit auch gewissermassen normalisiert. Das berühmte Alt-Kanzler-Wort, demgemäß nun zusammenwachse, was zusammengehöre, hat sich insoweit erfüllt, als man "Zusammengehörigkeit" nicht nach einem altbackenen Harmonie- oder Identitätsverständnis interpretiert. Die Diskussion der ostdeutschen Lebensmodelle und Wertehorizonte begann zu einer Zeit, als sich innerhalb der Westkultur bereits eine Verunsicherung hinsichtlich der hochindividualisierten und flexibilisierten Identitätsmodelle und die Suche nach anders akzentuierten Lebensmodellen abzeichneten. Während die übergroße Mehrheit der Ostdeutschen der Meinung ist, dass "sie im vereinigten Deutschland ihre kulturellen Werte beibehalten sollten", meinen nur zwei Drittel der Westdeutschen, dass sie die eigenen kulturellen Werte behalten sollten [46] . Der Wandel in Gesellschaften ist oft ein "Wandel durch Minderheiten". Möglicherweise können die Ostdeutschen mit ihren anderen Werten und einer anderen kulturellen Praxis, ihren Erfahrungen, Erinnerungen und Sinnkonstruktionen der Diskussion um den beginnenden alltagskulturellen Wandel produktive Impulse geben. Damit hätte der Beitritt "des Ostens" in "den Westen" für die Berliner Republik auch ein Moment des Kulturtransfers.

Fußnoten

44.
Insofern ist ein Repräsentationsdefizit in Bezug auf ostdeutsche Werte festzustellen. Vgl. dazu die Überlegungen zu "Ostalgie" (Anm. 32).
45.
Obwohl es keine Institutionen und kaum Medien gibt, die explizite die spezifische ostdeutsche Sicht präsentieren, bieten jedoch die Ost-Positionen in den regelmäßig veröffentlichten Meinungsumfragen Reibungspunkte für die Debatte.
46.
Vgl. Ursula Piontkowski/Sonja Öhlschlegel, Ost und West im Gespräch. Zur Bedeutung sozialer Kategorisierungen in der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen, Münster 1999, S. 85. Offenbar wird das in Wirtschaftskreisen auch sehr ernst genommen und als Hemmnis, wenn nicht gar als Gefahr für den angestrebten radikalen neoliberalen Umbau der bundesdeutschen Gesellschaft gesehen. Seit Mitte Oktober 2000 läuft eine vom BDI initiierte, zunächst für fünf Jahre geplante Großkampagne unter dem Slogan "Chancen für alle. Neue Soziale Marktwirtschaft" mit TV-Werbespots, Anzeigen in allen großen Zeitungen und über das Internet (www.chancenfueralle.de). Unter Rückgriff auf den bewährten und akzeptierten Begriff "Soziale Markwirtschaft" sollen nun unter dem Label "Neue Soziale Marktwirtschaft" neoliberale Reformvorstellungen popularisiert werden. Die Kampagne erinnert in wesentlichen Details stark an die oben beschriebenen "Waage-Kampagnen" der fünfziger Jahre.