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26.5.2002 | Von:
Bassam Tibi

Leitkultur als Wertekonsens

Bilanz einer missglückten deutschen Debatte

II. Abschnitt

In Westeuropa hat es schon im 19. Jahrhundert Einwanderung von Ost- nach Westeuropa gegeben [9] ; aber die Migranten (z. B. Polen in Deutschland) waren vorwiegend zugleich Europäer und Christen, und so wurden sie schnell assimiliert. Außerdem war die Einwanderung damals eher eine Randerscheinung, die keine allzu großen sozialen Probleme zur Folge hatte. Ausnahmen gab es im 19. Jahrhundert bei den europäischen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien, die asiatische und afrikanische Einwanderer aus ihren Kolonien aufgenommen haben. Hier aber konnten - bis auf die neue große Migration - Nordafrikaner in Frankreich [10] wegen ihrer sehr kleinen Zahl und der positiven Bedingungen schnell integriert, in Einzelfällen sogar assimiliert werden.

Anders ist die Situation unserer Gegenwart, wo die massenhafte Migration zu einem die Identität des Kontinents verändernden Prozess geworden ist [11] . Die deutsche Sprache ist reich und nuanciert, wodurch sie Differenzierungen ermöglicht, die leider zu wenig genutzt werden. Dazu gehört die Unterscheidung zwischen Zuwanderung (wildwüchsig, schließt illegale Migration und Menschenschmuggel ein) und Einwanderung, die gesteuert, geordnet, rational reguliert erfolgt [12] . In Deutschland ist Migration bisher Zuwanderung - und die Statistik zeigt, dass mehr Sozialhilfeempfänger als Computerspezialisten oder dringend benötigtes Pflegepersonal für das Gesundheitssystem ins Land kommen. Ich bin davon überzeugt, dass dies eine Quelle der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ist [13] . Es gehört zur Rationalität einer demokratischen politischen Kultur, dies anzuführen und darüber offen zu diskutieren. Deutschland braucht Einwanderung, nicht Zuwanderung.

Nun ist diese z. T. dramatisch veränderte Situation in Europa der Hintergrund dafür, dass europäische Gesellschaften - also nicht nur die deutsche - sich mit der Problematik der Zuwanderung bzw. Einwanderung auseinandersetzen müssen. Dazu gehört auch, die europäische Identität neu zu bestimmen, um die Einwanderer zu integrieren. Hier ist der Unterschied zwischen denjenigen Gesellschaften in Europa von Belang, deren gewachsene Identität auf den Citoyen/Citizen bezogen ist, also nicht exklusiv ist (d. h. den Einwanderern nicht nur einen Pass, sondern auch eine Identität bietet), und solchen, die der Ethnizität verhaftet sind. Diese anderen europäischen Gesellschaften, die sich ethnisch-exklusiv definieren - wie etwa Deutschland als "Kulturnation" - können den Einwanderern keine Identität geben; sie müssen einen kulturellen Wandel vollziehen, um die Fähigkeit zu einer Integration von Einwanderern zu erlangen. Integration erfordert, in der Lage zu sein, eine Identität zu geben. Zu jeder Identität gehört eine Leitkultur!

Als in Deutschland lebender Einwanderer und Muslim möchte ich mit meinem Konzept einer europäischen Leitkultur (oder auch europäischen Identität) für Deutschland eine Grundlage zum friedlichen Miteinander, nicht Nebeneinander, zwischen Einwanderern und Deutschen schaffen. Diese Grundlage ist kulturpluralistisch [14] , nicht multikulturalistisch. Wie haben die Deutschen diesen Vorschlag aufgenommen?

Fußnoten

9.
Vgl. Saskia Sassen, Guests and Aliens, New York 1999, bes. Kapitel 4.
10.
Vgl. Alec G. Hargreaves, Immigration, "Race" and Ethnicity in Contemporary France, London 1995.
11.
Vgl. Emmanuel Todd, Das Schicksal der Immigranten. Deutschland, Frankreich und Großbritannien, München 1998. Zur islamischen Migration in Frankreich und Großbritannien vgl. Gilles Kepel, Allah im Westen, München 1996, sowie Bassam Tibi, Der Islam und Deutschland. Muslime in Deutschland, Stuttgart 2000. Zur Problematik von Nation und Identität in Deutschland, Frankreich und Großbritannien vgl. Brian Jenkins/Spyros Sofos (Hrsg.), Nation and Identity in Contemporary Europe, London 1996.
12.
Vgl. Bassam Tibi, Einwanderung statt Zuwanderung, in: Focus vom 18. September 2000, S. 102.
13.
Vgl. ders., Illegale Zuwanderung und Schleuserbanden bekämpfen. Nur so sind die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit zu beseitigen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. November 2000, S. 4.
14.
Vgl. Ralph Grillo, Pluralism and the Politics of Difference, Oxford 1998.