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16.12.2002 | Von:
Klaus W. Wippermann

Editorial

Zwei Diktaturen in Deutschland haben deren wissenschaftliche Aufarbeitung erforderlich gemacht. Die Folgen sind oftmals Widersprüche zwischen der Zeitgeschichtsforschung und deren publizistischer Reproduktion einerseits sowie den vielfältigen persönlichen Erinnerungen der "betroffenen" Generationen andererseits.

Einleitung

Zwei Diktaturen in Deutschland haben deren intensive wissenschaftliche Aufarbeitung erforderlich gemacht. Die Folgen waren und sind oftmals Widersprüche zwischen der Zeitgeschichtsforschung und deren publizistischer Reproduktion einerseits sowie den vielfältigen persönlichen Erinnerungen der "betroffenen" Generationen andererseits. Dies muss zwangsläufig zu Kontroversen führen. Der Zeitgeschichtsschreibung steht dann im Extremfall eine Generation gegenüber, die sich ihrer eigenen Erfahrungen enteignet oder bevormundet sieht. Eine Aufgabe wissenschaftlicher wie pädagogischer Vermittlung von Zeitgeschichte bestünde darin, zu einer ebenso aufgeklärten wie vorurteilsfreien historischen Identität beizutragen.

Dass Zeitgeschichtsschreibung per se Aufklärung bedeutet, ist nach der Instrumentalisierung vor allem dieser Wissenschaft durch diktatorische Systeme zumindest zweifelhaft geworden. Die Nutzung zeitgeschichtlicher Forschung für politische Zwecke ist aber auch in einer Demokratie möglich, ja oft notwendig. Problematisch wird dies, so Christoph Kleßmann, wenn damit eine Einschränkung des Pluralismus oder sogar eine Tabuisierung bestimmter Themen und Fragestellungen verbunden ist.

Geschichtsbilder können ganz unterschiedliche Wirkungen haben: Sie vermögen die historische Selbstvergewisserung einer Nation zu bekräftigen und damit zur gesellschaftlichen Integration beizutragen - sie können aber auch durch nationalistische Übersteigerungen selbst zu Konflikten, ja zu Kriegen führen. Karl-Ernst Jeismann vertritt die These, dass in dem Maße, wie Europa zusammenwächst und damit immer mehr auch zu einem gemeinsamen historischen Bezugspunkt wird, nationale Geschichtsbilder ihre z.T. problematische Wirkung verlieren.

Soll Europa kulturell enger zusammenwachsen, so muss es u.a. zu einer vergleichenden Aufarbeitung der nationalen Geschichtsbilder kommen. Michael Gehler gibt daher einen Überblick über den Stand der Zeitgeschichtsforschung in europäischen Ländern wie auch über deren bevorzugte (bzw. tabuisierte) Themen. Sein Fazit lautet, dass die Zeitgeschichte noch zu sehr unter nationalstaatlichen Aspekten dargestellt und vermittelt wird. Eine Europäisierung der europäischen Zeitgeschichte sei bisher noch nicht gelungen.

Eines der zentralen Themen einer solchen "Europäisierung" der Zeitgeschichtsschreibung ist die Auseinandersetzung mit den Diktaturen und autoritären Regimen Europas im 20. Jahrhundert. Noch viel zu sehr werden die europäischen Konfliktbeziehungen ausgeblendet, die seit dem Kriegsausbruch 1914, vor allem aber seit dem Versailler Vertrag von 1919 verhängnisvoll wirksam wurden. Die immer noch eher nationalgeschichtliche Wahrnehmung, so Peter Steinbach, erschwert es, dass ein (selbst)kritischeres historisch-politisches Bewusstein in Europa entsteht. Dieses selbstkritische Verständnis sollte - zeitlich bis in die Jahre 1989/90 - auch die Ursachen für die mangelnde Unterstützung von Widerstandsbewegungen beinhalten.

Die schlimmste Folge der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges war neben dem Holocaust die Flucht und Vertreibung von mehr als zwölf Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen; über zwei Millionen verloren dabei ihr Leben. Diese gleichfalls säkulare Tragödie wurde von der deutschen Zeitgeschichtsschreibung lange vernachlässigt. Bernd Faulenbach beschreibt die einzelnen Phasen der oft eher behinderten wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskussion. Eine diesbezügliche "Vergangenheitsbewältigung" steht hier offensichtlich erst am Anfang, wie u.a. die Reaktionen der Medien auf das jüngste Buch von Günter Grass zeigen.