Mann hält eine EU-Flagge und eine polnischen Flagge, die miteinander verknotet sind.

2.3.2018 | Von:
Krzysztof Mazur

Souveräner Spieler: Polen in Europa - Essay

Wirtschaft

Polens größter Schatz sind die dort lebenden Menschen. Die Geschichte der polnischen Transformation ist vor allem eine Geschichte gesellschaftlicher Aktivität und eines sich explosionsartig entwickelnden Unternehmertums. Zum Symbol für die beginnenden 1990er Jahre ist daher der Kleinhandel geworden, blühten damals doch die Marktplätze und -hallen, in denen die Leute Klappbetten aufstellten, auf denen sie buchstäblich alles feilboten – von Butter bis zu chinesischen Ferngläsern. Die nächste Etappe war die große Lehre von der westlichen Arbeitskultur; sie ging einher mit ausländischen Investitionen. Die größten Weltmarken eröffneten nun Produktionsstandorte und Zentren für BPO-Services (Business Process Outsourcing) in Polen.

Mit dem EU-Beitritt 2004 begannen die Menschen jedoch, scharenweise den besseren Arbeitsplätzen in Westeuropa hinterherzuziehen, daher arbeiten heute fast drei Millionen Polinnen und Polen im Ausland. Seit einigen Jahren schließlich kann Polen eine der prosperierendsten Start-up-Szenen Europas vorweisen, in der junge Menschen sich in neuen Technologien ausprobieren. Angesichts der Barrieren, die traditionelle Branchen wie die Auto- oder die Pharmaindustrie vor neuen Wettbewerbern schützen, setzen polnische Unternehmer derzeit auf die IT-Branche, wo das Wettrennen um den Status des ersten polnischen "Einhorns" im Gange ist, wie junge Unternehmen mit einem Marktwert ab einer Milliarde US-Dollar genannt werden. Betrachtet man all diese Aktivitäten, dann nimmt es nicht wunder, dass Polen laut OECD weltweit zu den arbeitsamsten Nationen zählt.[5]

Zugleich bildet unser Land das Schlusslicht, was den Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttoinlandsprodukt (BIP) angeht. Laut einem Bericht der Europäischen Kommission beträgt der Prozentsatz für Polen 48 Prozent, wohingegen der EU-weite Durchschnitt bei 55,4 Prozent liegt.[6] Dies zeigt, dass die Menschen in Polen im Verhältnis zu allen auf polnischem Gebiet erzeugten Gütern und Werten proportional um einiges weniger verdienen als die Menschen in anderen Ländern. Wie ist das möglich?

Letztlich ist es das Resultat der Position, die unsere Firmen in der "globalen Lieferkette" innehaben: Polens Wirtschaft wird von den hierzulande ansässigen Fabriken internationaler Konzerne dominiert, in denen einfache körperliche Arbeiten verrichtet werden, sowie von heimischen Firmen, die einfache Bauteile an die globalen Spieler liefern. An polnischen global champions, die Endprodukte – am besten mit hoher Marge – in großem Umfang international produzieren und vertreiben, fehlt es hingegen. Polen entwickelte sich jahrelang mit Hilfe ausländischer Investitionen, verfügt es doch über ausgezeichnet qualifizierte und fleißige, zugleich aber niedrig bezahlte Arbeitskräfte. Gleichzeitig ist es kaum gelungen, selbst globale Marken hervorzubringen.

Auch hier sind die Gründe im Transformationsprozess zu suchen. Aufgrund der institutionellen Schwäche der Dritten Republik konnte der polnische Staat seinen Unternehmen keinen Schutz bieten, der sie bei der Umwandlung in moderne und global agierende Firmen unterstützt hätte. Der Ökonom Witold Kieżun beschrieb dies in seinem Buch "Die Pathologie der Transformation".[7] Der ursprüngliche Grund für unsere Schwierigkeiten liegt ihm zufolge in den Prinzipien des sogenannten Washingtoner Konsenses, die Anfang der 1990er Jahre auch den Ländern Mitteleuropas vom Internationalen Währungsfonds und von der Weltbank aufgezwungen wurden. Die damit verbundenen Maßnahmen und ihre Folgen erwiesen sich in den Jahren der Transformation für die polnische Wirtschaft als tödlich: Durch Einhaltung einer strikten finanziellen Disziplin hatten die Staaten kaum Möglichkeiten, negative Folgen der Reformen auszugleichen; die Liberalisierung der Finanzmärkte ermöglichte den unbeschränkten Zufluss von Fremdkapital; die Beibehaltung eines einheitlichen Währungskurses zementierte die Dominanz stärkerer Währungen; die Liberalisierung des Handels und der Abbau von Beschränkungen für ausländische Investoren öffnete den polnischen Markt für starke Player aus dem Ausland; die Privatisierung staatlicher Unternehmen führte zu ihrem Aufkauf durch ausländisches Kapital; und durch die garantierten Eigentumsrechte gab es keinerlei Möglichkeit, staatliches Eigentum zu übernehmen, das die Partei-Nomenklatura sich bereits angeeignet hatte.

Man braucht sich bloß die Zahlen aus dem Jahr 1990 anzusehen: Die Inflationsrate betrug 600 Prozent (erst 1999 lag sie unter zehn Prozent); die Durchschnittspreise stiegen um das Sechs- bis Siebenfache an; die Durchschnittslöhne fielen dagegen um 24 Prozent; der reale Wert der durchschnittlichen Renten und Pensionen fiel um 19 Prozent. Für die ersten vier Jahre der wirtschaftlichen Transformation von 1989 bis 1994 weist Kieżun ferner darauf hin, dass der Anteil der Menschen, die in Polen unter dem Existenzminimum lebten, von 16 auf 40 Prozent stieg.[8] Es ist heute wahrhaftig kaum vorstellbar, wie die polnische Gesellschaft jene Zeit durchstand.

Auf lange Sicht hatten jedoch die Entwicklungen in der Spitzentechnologiebranche die größte Bedeutung. Entgegen der landläufigen Meinung besaß Polen während der Zeit der Volksrepublik nämlich wichtige Stützpfeiler in Form technologisch hochentwickelter Unternehmen. Für den sogenannten Ostblock war Polen ein wichtiger Produzent von Elektronik und optischen Geräten. Den technologischen Vorsprung büßte es infolge der schlecht umgesetzten Transformation jedoch größtenteils ein. Auch hierzu nennt Kieżun erstaunliche Fakten: Durch Insolvenzen und Schließungen staatlicher Firmen brach das polnische Produktionspotenzial zwischen 1989 und 1994 massiv ein – bei Informationstechnik um 26 Prozent, bei optischen Apparaturen um 37 Prozent, bei Energieanlagen um 45 Prozent und bei elektronischen und teletechnischen Geräten um 67 Prozent.[9] Davon zeugen auch Firmengeschichten wie etwa die der Breslauer Computerfirma Elwro, in der seit den 1960er Jahren einige der weltweit modernsten Computermodelle hergestellt worden waren. 1993 kaufte Siemens die Betriebe auf, "worauf fast die gesamte Belegschaft entlassen und sämtliche Gebäude abgerissen wurden, bis auf eines, in dem eine marginale Produktion von Kabelbündeln für die in Deutschland hergestellten Computer verblieb".[10] Eben zu jener Zeit verlor Polen für die folgenden zwei Jahrzehnte die Chance, mehr zu sein als eine "Montagehalle" oder ein Reservoir an billigen Arbeitskräften für ausländische Konzerne.

Deswegen hat die polnische Regierung 2016 den nach dem heutigen Ministerpräsidenten und damaligen Wirtschafts- und Finanzminister benannten "Morawiecki-Plan" verabschiedet, dessen oberstes Ziel die Unterstützung heimischer Firmen ist, damit auch diese zu global champions werden können. Es geht schlicht darum, in der "globalen Lieferkette" nach oben zu rücken. Die von westlichen Medien als "xenophob" und "nationalistisch" bezeichnete polnische Regierung verleiht einfach nur den zunehmend globalen Bestrebungen der heimischen Unternehmen Ausdruck.

Ihre programmatischen Prinzipien sind dabei von aktuellen wirtschaftlichen Debatten inspiriert. Mateusz Morawiecki bezieht sich etwa auf den französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, der in seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" die Gründe darlegt, warum der Anteil der Gehälter am BIP nicht nur in Polen, sondern auf der ganzen Welt sinkt:[11] Dies rührt von der immer schwächeren Stellung der Arbeitnehmer gegenüber den international agierenden Konzernen her, ist doch Kapital weitaus mobiler als Arbeitskraft. Morawiecki berücksichtigt auch die Erkenntnisse des US-amerikanischen Ökonomen Michael E. Porter, der anhand des Konzepts der sogenannten Wertschöpfungskette gezeigt hat, dass manche Elemente der heutigen Produktionsprozesse um ein Vielfaches lohnender sind als andere.[12] Wenn Polen also den Anteil der Löhne und Gehälter am BIP erhöhen will, dann sollte es sich nicht mehr als Zentrum des Outsourcings positionieren, sondern mit der Herstellung technisch ausgefeilterer Produkte beginnen. Und schließlich stützt sich Morawiecki auf die italienische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato, die in ihrem Buch "Das Kapital des Staates" aufzeigt, dass ein solcher Prozess niemals ohne die aktive und bewusste Industriepolitik eines Staates eintritt.[13] Nur der Staat ist nämlich in der Lage, das Risiko zu tragen, das mit der Investition in bahnbrechende Innovationen einhergeht. Das heutige Polen weicht somit von den weltweiten Trends nicht ab. Im Gegenteil: Wir folgen den Pfaden derzeit populärer ökonomischer Theorien.

Fußnoten

5.
Zuletzt Platz 7 von 38 Staaten. Vgl. Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Average Annual Hours Actually Worked Per Worker, 5.2.2018, https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=ANHRS«.
6.
Vgl. Damian Szymański, Naga prawda o pensjach Polaków. Właśnie lądujemy na szarym końcu UE, 13.11.2017, https://businessinsider.com.pl/twoje-pieniadze/praca/udzial-plac-w-pkb-w-polsce-w-2017-r-pensje-polakow-najnizsze-w-ue/grsr901«.
7.
Vgl. Witold Kieżun, Patologia Transformacji, Warszawa 2012.
8.
Vgl. ebd., S. 131.
9.
Vgl. ebd., S. 138.
10.
Ebd., S. 137.
11.
Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.
12.
Vgl. Michael E. Porter, Wettbewerbsvorteile, Frankfurt/M. 1986.
13.
Vgl. Mariana Mazzucato, Das Kapital des Staates, München 2014.
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