Mann hält eine EU-Flagge und eine polnischen Flagge, die miteinander verknotet sind.

2.3.2018 | Von:
Wolfgang Templin

Die Zweite Polnische Republik 1918–1939. Fakten, Mythen und Legenden

Staatsgründung

Als Piłsudski am 10. November 1918 in Warschau eintraf, lag ihm die Macht nicht zu Füßen, wie in späteren Darstellungen suggeriert wurde (bereits hier setzte die Legendenbildung ein). Durch den Kriegseintritt der USA im April 1917 wurde der US-Präsident Woodrow Wilson zu einer entscheidenden Person der im Januar 1919 beginnenden Pariser Friedenskonferenzen. In seinen berühmten 14 Punkten vom Januar 1918 entwarf er die Umrisse einer künftigen europäischen Friedensordnung. Er forderte für Polen die Wiedererrichtung als unabhängigen Staat, mit einem freien Zugang zum Meer und international gesicherten Grenzen. Was diese Vorstellungen für die Größe und das Gewicht eines polnischen Staates bedeuteten, blieb jedoch vieldeutig und umstritten. Zu endgültigen Entscheidungen darüber kam es durch die abschließenden Vereinbarungen, deren Aushandlung sich bis 1923 hinzog. Politische und militärische Tatsachen wurden von Beginn an in Polen selbst geschaffen.

Die deutsche Seite hatte Piłsudski am 9. November 1918 aus der Festung Magdeburg nach Warschau bringen lassen, da die Revolutionswirren und die Revolte der Truppen bereits auf die polnische Hauptstadt übergriffen. Im deutschen Oberkommando gab es die irrige Hoffnung, dass sich Piłsudski, der jede Loyalitätserklärung verweigerte, mit der Besatzungsmacht unter General Hartwig von Beseler arrangieren würde. Die noch im Osten stehenden deutschen Truppen sollten als Ordnungsfaktor und Faustpfand für die Waffenstillstandsverhandlungen erhalten bleiben. Von den drei Vertretern des polnischen Regentschaftsrates – der mit den Deutschen kooperierenden Pseudoregierung – wurde Piłsudski als weiteres Mitglied empfangen. Erst als er diese Rolle ablehnte und die Entwaffnung sowie den geordneten Abzug der deutschen Truppen in Gang setzte, wurde er vom Regentschaftsrat mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet. Er schuf vollendete Tatsachen und war zugleich nach allen Seiten zu Kompromissen genötigt.

Seine alten Weggefährten, die polnischen Sozialisten, hatten in Lublin bereits eine Gegenregierung gebildet, unterstellten sich ihm aber. Sie hofften, mit seiner Hilfe möglichst viele ihrer politischen und sozialen Forderungen durchsetzen zu können. Piłsudski kannte Polen zu gut, um nicht zu wissen, dass er mit einer einseitig sozialistischen Option alle Chancen auf die Einheit und den Zusammenhalt des Landes verspielt hätte. Er setzte sich jedoch dafür ein, dass bereits unter der ersten Übergangsregierung entscheidende soziale Rechtsakte und Gesetze verabschiedet wurden. Dazu gehörte die Einführung des Achtstundentages, bezahlter Urlaub und der Ausbau sozialer Sicherungssysteme. Ein demokratisches Wahlrecht mit dem allgemeinen Wahlrecht für Frauen folgte. In der im März 1921 verabschiedeten Verfassung wurde der Charakter Polens als säkulare, demokratische Republik festgeschrieben. Für den Staatsaufbau war die Anlehnung an Prinzipien der französischen Verfassung bedeutsam.

Der Wortführer der zersplitterten Rechten, Roman Dmowski, stand seit dem Sommer 1917 an der Spitze eines in Paris beheimateten polnischen Auslandskomitees. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Popularität und das Gewicht Piłsudskis anzuerkennen, er rechnete aber mit einer Mehrheit für konservative und rechte Kräfte bei künftigen Wahlen. Die Verhandlungssituation in Paris und der schwierige Beginn der Republik machten einen Kompromiss zwischen Piłsudski und Dmowski nötig. Dieser kam mit Hilfe des weltbekannten Pianisten und Komponisten Ignacy Jan Paderewski zustande, der als Anhänger Dmowskis galt, aber loyal zu Piłsudski stand. Er selbst wurde in einer extrem schwierigen Situation zum Ministerpräsidenten und trug entscheidend dazu bei, dass die Vermittlung zwischen den verfeindeten Seiten im ersten Jahr der Republik halbwegs gelang.[3]

Ohne die Akzeptanz und die Unterstützung der Entente-Mächte – obgleich diese nur zögerlich kam – wäre die Zweite Polnische Republik nicht zustande gekommen. Ein genauerer Blick auf die Vorgeschichte und die Umstände der Staatsgründung zeigt jedoch, wie bedeutsam die Momente der Selbstbefreiung waren. Man kann dem Publizisten Adam Krzeminski folgen, der davon spricht, die Zweite Polnische Republik sei "erkämpft, erschlichen und erzwungen" worden.[4]

Druck von außen und innen

Die Fülle der Aufgaben, die sich vor dem jungen Staat auftürmten, war erdrückend. Der Weltkrieg hatte mit Zerstörungen, Verwüstungen und massenhaften Deportationen alle Teilungsgebiete überrollt. Es galt, aus den extrem unterschiedlich entwickelten und mit diversen Rechts- und Finanzsystemen ausgestatteten Regionen ein gesellschaftlich, ökonomisch und kulturell funktionierendes Staatswesen aufzubauen.

Am drängendsten war jedoch die militärische Herausforderung. Bis zur endgültigen Machtergreifung der Bolschewiki konnte Polen die Hoffnung haben, dass in Russland nach dem Sturz des Zarenreiches konstitutionell-demokratische Kräfte an die Macht kämen. Mit ihnen wären ein Ausgleich und Verhandlungen über die Gestaltung der Verhältnisse im östlichen Europa möglich gewesen. Mit Wladimir Iljitsch Lenin und seinen Genossen setzte sich der imperiale zaristische Herrschaftsanspruch jedoch unter rotem Vorzeichen fort. Die Ukraine, Belarus, die baltischen Staaten und der östliche Teil Polens mussten mit einer militärischen Invasion der gerade erst entstehenden Roten Armee rechnen. Die Bolschewiki wollten die Fackel der sozialen Revolution über Polen nach Deutschland und Westeuropa tragen und bestenfalls ein Räte-Polen als Vasallenstaat neben sich dulden.

Auf der anderen Seite weigerte sich Deutschland als Kriegsverlierer, das Existenzrecht eines unabhängigen Polen anzuerkennen und territoriale Verluste zu akzeptieren. Die Deutsche Revisionspolitik, die mit diplomatischen und politischen Mitteln betrieben wurde, aber auch geheime Militärkooperation mit der Sowjetunion einschloss, wurde zur Bedrohung und permanenten Belastungsprobe für Polen.[5]

In dieser Situation brachten Piłsudski und Offiziere der Polnischen Legionen das schier Unmögliche zustande: Aus dem Kern der rund 30.000 Legionäre und weiterer Freiwilliger entstand bis Ende 1919 eine einsatzfähige Armee mit 700.000 Soldaten. Die notwendige Bewaffnung und Ausrüstung konnte nur mit Hilfe der westlichen Alliierten beschafft werden. Eine eigene polnische Verteidigungsindustrie existierte noch nicht. Die alliierte Hilfe kam spärlich und verspätet, da maßgebliche Politiker in England und Frankreich in Polen einen Aggressor sahen, der die friedliebende Sowjetunion bedrohe. Bis 1922/23 gab es keine endgültigen Festlegungen zur polnischen Ostgrenze, sodass die militärischen Auseinandersetzungen auf den Territorien der Ukraine, der baltischen Staaten und Belarus anhielten. Unter Mithilfe des in allen Teilen Europas präsenten Propagandaapparates der Kommunistischen Internationale (Komintern) und der mit ihr verbundenen nationalen kommunistischen Parteien wirkte die Moskauer Friedenslegende bis weit in sozialdemokratische und bürgerlich-liberale Kreise des Westens hinein. Politiker wie Winston Churchill, die bereits zu dieser Zeit die Gefahr erkannten, die vom Expansionismus und Revolutionsexport der Moskauer Kommunisten ausging, waren die große Ausnahme.[6]

Das Jahr 1920 zeigte, wie berechtigt die polnischen Befürchtungen waren. Nach militärischen Auseinandersetzungen während des gesamten Jahres 1919 und dem gescheiterten Versuch Piłsudskis, die ukrainische Staatsbildung unter Symon Petljura zu unterstützen, kam es im Sommer 1920 zur Großoffensive der Roten Armee. Die Reiterarmeen Semjon Michailowitsch Budjonnys und Michail Nikolajewitsch Tuchatschewskis drangen bis Warschau vor. Sie hätten bei weiteren Vorstößen sogar noch die Unterstützung der deutschen Reichswehr gehabt, deren Führung das Ende eines souveränen Polen herbeisehnte. Gegen Skeptiker, Zweifler und falsche Ratschläge westlicher Militärbeobachter setzten Piłsudski und ein Teil der polnischen Militärführung im Angesicht höchster Gefahr auf die Kampfkraft ihrer Armee, die Tapferkeit ihrer Soldaten und eine bespiellose gesellschaftliche Mobilisierung. Zu Hilfe kam ihnen die Konkurrenz unter den sowjetischen Militärführern, vor allem zwischen Tuchatschewski und Josef Stalin. In einer als "Wunder an der Weichsel" in die Militärgeschichte eingegangenen Abwehrschlacht mit nachfolgendem Umfassungsmanöver wurden die Roten Truppen im August 1920 zum panikartigen Rückzug gezwungen.[7] Der Begriff des "Wunders" wurde von rechten Gegnern Piłsudskis eingeführt und sollte durch die mystische Überhöhung der Ereignisse die tatsächliche militärische Leistung des Marschalls relativieren.

Trotz des militärischen Sieges und seiner Popularität in breiten Teilen der Gesellschaft musste Piłsudski in den Folgemonaten seine bitterste politische Niederlage hinnehmen. Im polnischen Parlament und in der Regierung waren rechte und nationalistische Kräfte so dominant, dass sie die Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion bestimmten. Sie und Vertreter der westlichen Alliierten legitimierten die Kontrolle der sowjetischen Seite und der ukrainischen Kommunisten über den Großteil der ukrainischen Territorien. Ein Teil der westlichen Regierungen hoffte immer noch auf ein künftiges nichtbolschewistisches Russland als Partner, ein anderer Teil auf die zähmende Kraft eines "Wandels durch Handel". Das Ergebnis dieser "Zähmung" ließ sich wenige Jahre später im Terrorsystem Stalins besichtigen.

Polnische Nationalisten waren eher bereit, sich mit sowjetrussischen und sowjetukrainischen Gegenübern zu arrangieren, als den ukrainischen Unabhängigkeitskräften eine Chance zu geben. Damit waren die Föderationspläne der polnischen Sozialisten und ihrer liberalen Verbündeten gescheitert. Der Konflikt zwischen einer Politik, die auf Assimilation und Unterordnung von Minderheiten setzte, und den Bemühungen von Sozialisten und Liberalen, für Ausgleich und die Durchsetzung von Minderheitenrechten zu sorgen, durchzog die Folgejahre und rückte die Zweite Republik ins Zwielicht.

Fußnoten

3.
Vgl. Adam Zamoyski, Paderewski, New York 1982.
4.
Adam Krzeminski, Polen im 20. Jahrhundert. Ein historischer Essay, Berlin 1997, S. 13.
5.
Vgl. Martin Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, München 1963.
6.
Zur Gesamtgeschichte der Komintern vgl. Margarete Buber-Neumann, Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern, München 1967.
7.
Vgl. Norman Davies, White Eagle, Red Star. The Polish-Soviet War 1919–20, London 2003.
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