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16.12.2002 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

II. Universale und partikulare Geschichtsbilder

Damit sind wir bei Geschichtsbildern jenseits einzelner Gemeinschaften, die den Verlauf und den Sinn, den Ursprung und das Ziel der Geschichte der gesamten Menschheit mit dem Anspruch auf universale Gültigkeit deuten. Das nationale Geschichtsbild weitet sich zum Weltbild, und umgekehrt wirken solche Weltbilder auf nationale Geschichtsbilder zurück. [10] Hier gewinnen Geschichtsbilder eine ontologische Qualität. Sie verankern sich in der Religion oder der Philosophie und führen damit auch zu Ausschließlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Für den Umgang mit Geschichtsbildern und für das Verständnis ihrer Konstruktion und Rezeption ist dieser Zusammenhang zwischen den partikularen und den universalen Vorstellungen von zentraler Bedeutung. Er stiftet die Legitimation partikularer und die Konkretion universaler Geschichtsbilder. Beide beziehen ihre Kraft aus der Glaubwürdigkeit dieses Zusammenhanges; sie werden geschwächt oder obsolet, wenn Widersprüche zwischen partikularen und universalen Geschichtsbildern zu Symptomen politischer Turbulenzen in Zeiten verunsicherter Vergangenheitsdeutung und verstörter Zukunftserwartung werden. Genau dies ist unser Fall an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Immer wieder haben Künstler in solchen Zeiten Vorstellungen und Deutungen von Geschichte in Bildern verdichtet. Sie können, wie Leitfossilien, Wegweiser für die Funktion von "Geschichtsbildern" im metaphorischen Sinne sein. Wir erinnern an ein bekanntes Beispiel: Altdorfers Bild "Die Alexanderschlacht" (1529) ist kein Abbild der Schlacht bei Issos 333 v. Chr., sondern ihre weltgeschichtliche Deutung. [11] Die in den Kostümen des 16. Jahrhunderts kämpfenden Heerscharen versinnbildlichen einen im universalen Geschichtsbild der späten Antike und des Mittelalters zentralen "Drehpunkt" - den Übergang vom zweiten zum dritten Weltzeitalter: Nach der assyrischen und persischen folgt nun die griechische und damit die abendländische Weltmonarchie. Diese Schlacht zwischen zwei Kulturen wird durch eine gewaltige Bewegung des gesamten Kosmos: Sonne und Mond, Erde und Meer, Licht und Finsternis begleitet. Irdisches und kosmisches Geschehen korrespondieren miteinander, als das dritte Weltzeitalter gewaltsam heraufgeführt wird. Dieser griechischen Weltmonarchie wird als vierte und letzte die römische folgen. Wenn einst das Römische Reich zerfällt, wird das Jüngste Gericht die Geschichte der Menschheit beenden.

Im Jahre 1529 stehen die Türken vor Wien. Altdorfers Bild beschwört angesichts der Türkengefahr den Sieg des Abendlandes über das Morgenland. Der auf den Perserkönig zustürmende Alexander trägt die Züge Maximilians I. Das Bild ist ein Appell an Kaiser und Fürsten, das Römische Reich, die letzte Weltmonarchie, die nun die Deutschen tragen, zu retten. Die Erhaltung des Reiches ist die Voraussetzung für das Fortdauern der Geschichte, für das Noch-Fernesein des Jüngsten Gerichts, das man im Volk bereits kommen sah. [12]

Altdorfer hat in seinem Bild eine durch Jahrhunderte überlieferte Deutung des Geschichtsverlaufs den Bedrohungen der Gegenwart als Hoffnung entgegengehalten. Es ist wahrhaft universal: Alles menschliche Dasein eine Bühne, auf der sich die Geschichte der Menschheit, gegliedert in vier Akte zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht, abspielt. Auf diesem theatrum mundi erscheint die Geschichte der Völker und Herrscher als universales Arsenal der Vorbilder rechten Lebens (und der Gegenbilder), als "magistra vitae", als die sie schon Cicero gepriesen hatte.

Die Universalität dieses Geschichtsbildes bot nicht nur Raum, sondern erforderte geradezu die Ausfüllung durch engere, auf bestimmte Völker oder Herrscher bezogene Geschichtsbilder. Die Sachsen leiteten ihre Herkunft und Macht von den Assyrern, die Franken von den Trojanern legitimierend ab. Die klassische Konkretion ist die Deutung des göttlichen Auftrages an die Römer in Vergils Aeneis. Vergangenheit enthält die Zukunft als Aufgabe: "Du bist ein Römer, dies sei Dein Beruf, die Welt regiere, denn Du bist ihr Herr ..." Die deutschen Könige übernahmen als Kaiser des Römischen Reiches Deutung und Anspruch dieses universalen Bildes der Geschichte, das ihnen die Priorität unter den Fürsten der Christenheit verlieh.

Wie verblassen Geschichtsbilder, wie wurden sie relativiert? Im gleichen Jahr, als Altdorfer sein Bild vollendete, wurde Jean Bodin geboren, dessen politische Theorie am Ende des 16. Jahrhunderts am schärfsten die universale Weltreichlehre als Herrschaftsideologie der deutschen Könige und Kaiser verwarf, deren Suprematie bestritt und an ihrer Stelle die Souveränität der Monarchien Europas begründete - ein neuer Deutungsversuch der politischen Ordnung als polyzentrischer Mächtekonstellation. [13] Das Zeitalter der Entdeckungen, die Religionskriege mit der Spaltung der abendländischen Christenheit sowie die Ausbildung des Systems absolutistischer Königsmacht waren die realhistorischen Voraussetzungen, die das alte, universale Geschichtsbild obsolet und zur künftigen Orientierung untauglich machten. Es sank ab zum Element antiquarischer Bildung oder ins Dekor wie andere antike Motive. An seine Stelle traten die partikularen Geschichtsbilder nationaler Monarchien mit ihren je besonderen Legitimationen - ein Mit- und vor allem ein Gegeneinander der "Großen Mächte". [14]

Auch diese parzellierten Geschichtsbilder waren hungrig nach - wenigstens rhetorischer - universaler Beglaubigung. Zunächst bezogen sie diese noch aus dem religiösen Weltbild: Die spanischen Monarchen nannten sich "die Katholischen", der französische König der "allerchristlichste", Cromwells Ironsides fühlten sich alttestamentlich legitimiert, und noch die "Heilige Allianz" bettete ihr Programm der Ordnung Europas in ein religiös-christliches Weltbild ein. Aber dieser Universalitäts-Bezug war ohne realhistorische Entsprechung und Kraft, war - modern gesprochen - Ideologie. Es folgte der Kampf der Monarchien untereinander. Im prekären Konzept von Gleichgewicht oder Hegemonie, im ius publicum Europaeum, entstand ein Bild Europas als eines Bezirks politischer Ordnung mit gleichartigen Formen und Konventionen, der sich vom Rest der Welt deutlich absetzte.

Fußnoten

10.
Vgl. Günter Dux, Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Frankfurt/M. 1982, Kap. II.
11.
Zu diesem Bild existiert eine breite Literatur; vgl. Barbara Eschenburg, Altdorfers "Alexanderschlacht". Ihr Verhältnis zum Historienzyklus Wilhelms IV., in: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunst und Wissenschaft, XXXIII (1970), S. 16-67; Cord Meckseper, Zur Ikonographie von Altdorfers Alexanderschlacht, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, XXII (1961), S. 179-185; Jacqueline Guillaud (Hrsg.), Altdorfer und der fantastische Realismus in der deutschen Kunst, Stuttgart 1985. Zum Bild als Zeugnis einer statischen vormodernen Geschichtssicht vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M, 20004. Leider sind hier Reproduktionen der Bilder, auf die ich verweise, nicht möglich - aber sie sind so bekannt, dass dieser Mangel in Kauf genommen werden kann, zumal es nicht um eine kunsthistorische Betrachtung, sondern nur um die inhaltliche Aussage geht.
12.
Vgl. dazu Will-Erich Peuckert, Die große Wende. Das apokalyptische Saeculum und Luther. Geistesgeschichte und Volkskunde, Hamburg 1948.
13.
Die Begründung der inneren Souveränität und der äußeren Unabhängigkeit der Monarchien sind bei Bodin zwei Seiten des gleichen Politikverständnisses. Jean Bodin, Les six livres de la République (1576) - dt.: Sechs Bücher über den Staat, eingel. und hrsg. von Peter C. Meyer-Tasch, München 1981, Buch I, Kap. 9 "Über die Souveränität", S. 249 ff., S. 255, s. auch die Einleitung S. 43 ff.
14.
So ist von der Endzeitbefürchtung der Vier-Reiche-Lehre bei der zweiten Belagerung Wiens 1683 und der türkischen Niederlage keine Rede mehr - wohl aber wirkt die Deutung dieses Ereignisses als Stärkung absoluter Herrschaftsformen und der zentralen Stellung der Höfe; vgl. Matthieu Lepetit, Die Türken vor Wien, in: E. François/H. Schulze (Anm. 9), Bd. I, S. 401 f.