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16.12.2002 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

III. Das Konzept der "Moderne" - Geschichte als Fortschritt

Keineswegs das einzige, wohl aber das dominante Geschichtsbild - das Grundmuster, zu dem sich fortan partikulare Geschichtsbilder ins Verhältnis setzen mussten - ist die Vorstellung der Geschichte als eines immanenten Fortschritts zum Besseren: ein Geschichtsbild europäischer Herkunft, das universelle Geltung beansprucht. Es bestimmt seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Vergangenheitsdeutung und Zukunftserwartung.

An seinem Beginn stand die Erfahrung der Perfektibilität menschlicher Erkenntnisse und Verhältnisse. Der Aufstieg der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert, ihre Lösung von den antiken Dogmen, aber auch die Verbesserung der Umstände des Lebens und schließlich die Rationalisierung von Verwaltung und Recht, von Finanz- und Kriegswesen führten zu der Vermutung oder Gewissheit, dass Geschichte nicht immergleiche Wiederholung von Aufstieg und Fall von Herrschaft sei, sondern dass ihr eine in die Zukunft weisende eigene Energie zur Verbesserung aller menschlichen Verhältnisse innewohne. Geschichte war nicht mehr nur Bühne, sondern Bewegung in der Zeit, deren Ziel Verbesserung der menschlichen Gesellschaft und Entwicklung der menschlichen Natur zu der ihr innewohnenden Vernunft und Humanität sein müsste. [15]

Damit weitete sich das universale Geschichtsbild zum Weltbild. Durch die Geschichte beantwortet sich die zentrale Sinnfrage: Was ist der Mensch? Darauf gibt sie als Prozess der Verwirklichung der Vernunft die Antwort. Kant hat als Erster den Entwurf einer "Universalgeschichte in weltbürgerlicher Absicht" aufgestellt, Schiller sah zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Menschheit schon fast am Ziel der "Universalgeschichte". [16] Und wiederum Kant glaubte die Zeit reif, mit seinem Traktat "Zum ewigen Frieden" das Programm eines Völkerbundes "republikanischer" Staaten nicht mehr als bloße Utopie entwerfen zu können. [17] Dieses universale Bild vom Lauf der Geschichte trug eine ambivalente Spannung in sich und fand von Beginn an Widerspruch und Konkurrenz in anderen Konstruktionen des Weltlaufs. Dennoch blieb dieses "Projekt der Moderne" das am weitesten verbreitete universale Geschichtsbild bis in unsere Tage. [18]

Fußnoten

15.
Vgl. R. Koselleck(Anm. 11), S. 17 ff.; ferner ders., Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte, ebd., S. 38-66; zum Hintergrund vgl. den Artikel "Geschichte", in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 593-717; Reinhard Wittram, Die Zukunft in den Fragestellungen der Wissenschaft, in: ders., Zukunft in der Geschichte, Göttingen 1966, S. 5-29.
16.
Vgl. Odo Marquardt, Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Aufsätze, Frankfurt/M. 1973, zu Schillers Antrittsvorlesungen in Jena vom Mai 1789.
17.
Vgl. Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht; Mutmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf (1796), Werke, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Bd. 9, Darmstadt 1968.
18.
Vgl. Rudolf Vierhaus, Fortschrittsidee, Fortschrittsskepsis, Fortschrittskritik. Das Erbe der Aufklärung, in: Martin Kintzinger (Hrsg.), Das Andere wahrnehmen. Beiträge zu einer europäischen Geschichte. August Nitschke zum 65. Geburtstag gewidmet, Köln - Weimar - Wien 1991, S. 535-545; m. E. am umfassendsten zur Problematik des Bildes vom "Fortschritt" als Deutung der Geschichte: Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt/M. 19882; in der Perspektive unterschiedlicher Wissenschaften: Rudolf W. Meyer, Das Problem des Fortschritts - heute, Darmstadt 1969.