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16.12.2002 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

IV. Nationale Geschichtsbilder als Konkretion der Universalgeschichte

Neben und mit diesem "Projekt" formten sich länger angelegte, aber seit den napoleonischen Kriegen virulent werdende nationale Geschichtsbilder. Sie verstanden sich als die Konkretisierungen des universalen Fortschrittspostulats; denn "Menschheit" ist ein Abstraktum, existiert real nur in den zahlreichen Sprach- und Geschichtsgemeinschaften, die sich als Nationen zu konstituieren anschickten. So wurden die National-Geschichten - nicht mehr die der Herrscher - als der eigentliche Gegenstand der Wissenschaft und der Lehre begriffen, [19] entstanden partikulare Geschichtsbilder mit universalem Anspruch. Diese Geschichtsbilder schufen eine nationale Vergangenheit gemäß der neuen Zukunftserwartung von universalem Zuschnitt.

Die großen Nationen - angesichts der industriellen, politischen, demographischen und wissenschaftlichen "Revolutionen" - nahmen für sich in Anspruch, an der Spitze der Bewegung der Geschichte zu marschieren: Frankreich, in Verklärung der Ideen der Revolution, expandierte politisch und militärisch mit der Legitimation, Freiheit und Gleichheit unter den Nachbarn, schließlich auch in den Kolonien zu befördern. Wegen seines egalitären, menschheitlichen Zivilisationsauftrages reklamierte die "Grande Nation" ein Recht, als Zentrum der Freiheits- und Gleichheitsideen zu gelten mit den daraus folgenden Ansprüchen auf Einfluss und politische oder kulturelle Hegemonie. Widerstand dagegen erschien als Reaktion oder als Barbarei.

England - der Feind der revolutionären Republik, der politischen Ideen von 1789 und des französischen Empire - identifizierte seine Nationalgeschichte gleichfalls mit dem Fortschritt der Freiheit in der Welt. John Robert Seeley zeichnete die Entstehung und Ausbreitung des britischen Empire als einen vorherbestimmten teleologischen Prozess, in dem der Sinn der englischen Geschichte als Weltmission der Freiheit und des Fortschritts in einem föderalen Weltreich sich entfalte. [20] Die Welt zu zivilisieren, materiell zu entwickeln, die Freiheit des englischen Rechtssystems und Aufklärung durch Unterricht zu bringen, das erforderte formelle und informelle Herrschaft, brachte eine Schlüsselrolle in der Weltwirtschaft, galt zugleich als Dienst an der Menschheit, als "the white man's burden".

Solchen herrschaftsgestützten Zivilisationsansprüchen selbst ernannter Träger des Fortschritts stand - abgesehen von allen konkreten Verhältnissen - ein Element der universalgeschichtlichen Doktrin selbst im Wege: das der Freiheit und Individualität, der Besonderheit und des politischen wie kulturellen Selbstbestimmungsrechtes jedes Volkes. So ist zu verstehen, dass in der Folge Geschichtsbilder entstanden, die angesichts der Übermacht der Fremden das Recht auf Autonomie der eigenen Nation proklamierten. Nationalgeschichtsbilder des 19. Jahrhunderts bildeten sich hier über den Willen zum Widerstand gegen fremde, universale Ansprüche und damit alsbald über den Katalysator von Feindbildern: Vorstellungen vom Feind, der die eigene Art und Unabhängigkeit unterdrückt, wurden zur schwarzen Folie des Selbstbildes. Das führte zur Entstehung von Geschichtsbildern der "kleinen Nationen" in Europa. Auch das herrschende Geschichtsbild des kleindeutschen Nationalstaats erhielt seine Impulse aus solchem Widerstand. [21]

Die Vorstellung vom universalen Fortschritt der Geschichte hielt das deutsche Geschichtsverständnis gleichwohl fest, freilich mit einem anderen Modell als dem französischen der "Gleichheit" oder dem angelsächsischen der "Mission": dass nicht ein generelles Muster, sondern die Entwicklung vielfältiger "Individualitäten" die Triebkraft des Fortschritts auf "Sonderwegen" sei. [22] Kein einstimmiger Chor, sondern ein Konzert verschiedener Stimmen sei die Weltgeschichte, und jede müsse rein ausgebildet werden, damit das Ganze vollendet klinge. So habe jedes Volk das Recht, gemäß seiner Eigenart und seiner besonderen Situation seine inneren Verhältnisse so zu entwickeln, dass es mit der Ausbildung seiner "Individualität" seinen besonderen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit leiste. [23]

Auf dem Höhepunkt nationaler Geschichtsbilder - die immer stärker wurden, je weniger die Realpolitik sich an die Zielsetzungen des universalen "Projekts der Moderne" hielt - findet sich eine Botschaft in einem Bild, das in die Zukunft blickt und zugleich die Vergangenheit beschwört: "Völker, Europas, wahrt Eure heiligsten Güter!" Auf hohem Fels stehen gerüstete, edle Frauengestalten - Allegorien der großen europäischen Nationen - und schauen hinab in eine weite Ebene, die von unendlichen Scharen heranstürmender, mongolenähnlicher Feinde bedeckt ist. Dieses Bild, von Wilhelm II. in Auftrag gegeben, thematisiert die zunächst in den USA beschworene Zukunftsangst vor der "Gelben Gefahr" als Bedrohung einer europäischen Kulturgemeinschaft. [24]

Diese Vision der kommenden Geschichte zeigt, wie weit Geschichtsbilder von der Wirklichkeit entfernt sein können. Nicht die Chinesen bestürmten um die Jahrhundertwende die Festung Europa, sondern die Europäer erweiterten ihre Weltherrschaft mit der Gewalt der Technik, des Geldes und der Waffen, und die europäischen Staaten waren weit davon entfernt, sich als Verteidigungsgemeinschaft "heiligster Güter" zu fühlen; sie standen vielmehr kurz vor dem Ersten Weltkrieg, dem europäischen Bürgerkrieg, der auch ein Krieg der nationalen Geschichtsbilder war. Und dennoch deutet dieses Bild eine zukunftsträchtige Wendung an: eine neue Epoche, in der die Nationen sich als europäische Kulturgemeinschaft gegen eine vermeintliche Bedrohung zusammenfinden, in Verteidigung des einst universalgeschichtlichen Programms, das hier zum europäischen erklärt wird.

Fußnoten

19.
Der erste umfassende Lehrplan für den Geschichtsunterricht an Gymnasien als eigenständiges Fach versuchte noch eine große Synthese: In der Unterstufe lernte man die individuellen Biografien großer Männer kennen, in der Mittelstufe die Biografien der bedeutendsten Nationen und in der Oberstufe die Universalgeschichte, d. h. die religiösen und kulturellen Schöpfungen der Menschheit. Hier war in der persönlichen, der kollektiven, der universalen Mitte zusammengefügt, was man als "Bildung" des Menschengeschlechts verstand. Vgl. Karl-Ernst Jeismann, Friedrich Kohlrausch (1780-1867), in: Siegfried Quandt (Hrsg.), Deutsche Geschichtsdidaktiker des 19. und 20. Jahrhunderts. Wege, Konzeptionen, Wirkungen, Paderborn u. a. 1978.
20.
Vgl. John Robert Seeley, The Expansion of England (1883) - dt. Ausgabe "Die Ausbreitung Englands", bis zur Gegenwart fortgeführt von Michael Freund, Berlin - Frankfurt/M. 1954. Gegen die Gefühlsmächtigkeit dieses Geschichtsbildes konnten kritische Stimmen im eigenen Land nichts ausrichten, z. B. J. A. Hobson, Imperialism. A Study, London 1902. Imperialismus sei, so der letzte Satz dieser dicht mit ökonomischen Daten belegten Studie, "the besetting sin of an successful state, and its penalty is unalterable in the order of nature" - ein um 1900 nicht zugekräftiges, abseitiges Geschichtsbild.
21.
Vgl. zum deutsch-französischen Fall Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918, Stuttgart 1992.
22.
Vgl. Bernd Faulenbach, Ideologie des deutschen Weges: die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980.
23.
Die Kontroverse um den "deutschen Sonderweg" - der Ausdruck ist zum politischen Schlagwort verkommen - hat hervorgehoben, dass die Realgeschichte keine vorbildliche Norm, sondern nur "Sonderwege" der westlichen Nationen kennt. Die Metapher gehört, zunächst positiv besetzt, in ein professorales deutsches Geschichtsbild, das nach 1918 zugleich eine Verengung und eine pejorative Konnotation im Hinblick auf die Verfassung und den Entwurf alter Eliten im Kaiserreich erhielt. Erst als das universalistische "Projekt der Moderne" unter der NS-Herrschaft gekündigt und ein biologisch-rassistisches Konzept der Weltgeschichte verkündet (und praktiziert) wurde, gewann die Metapher den Sinn eines "Irrweges". Auf die Besonderheiten der Auseinandersetzung der slawischen Welt und den Anspruch des Westens, Modell des Fortschritts zu sein, kann ich hier nicht eingehen.
24.
Vgl. Helmut Gollwitzer, Die Gelbe Gefahr. Geschichte eines Schlagwortes. Studien zum imperialistischen Denken, Göttingen 1962.