BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.12.2002 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

V. Das "Zerbrechen der Zeit": Das Schwinden der nationalen Geschichtsbilder und der Gewissheit des Fortschritts

Wir erleben seit einiger Zeit die Umbildung des Primats einst sakrosankter nationaler Geschichtsbilder als sinnstiftender Orientierungen. Das gilt nicht nur für eine hybride Deutung der deutschen Nationalgeschichte, die im sog. "Dritten Reich" real und mental zerbrochen ist; es gilt - weniger dramatisch - auch für die anderen großen europäischen Nationen, deren Selbstverständnis immer weniger auf sich selbst zentriert ist, vielmehr in ein supranationales Geflecht integriert wird. Der ausschließlich nationale Selbstbezug trifft kaum noch unsere Daseinserfahrung und Zukunftserwartung. Die Walhalla, so der die Zeittendenzen vorausnehmende Künstler, wird in einem Bild Anselm Kiefers zur leeren Scheune. Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald, 1875 im Beisein des Kaisers mit dem Choral "Ein' feste Burg ist unser Gott" eingeweiht, wird zum Gegenstand eines "Events", wenn der Cherusker im Trikot von "Arminia Bielefeld" für die Sponsorfirma "Herforder Pils" wirbt und uns das keineswegs empört, sondern eher belustigt. Die Frage ist, wie wir uns im Angesicht der Vergangenheit als Nation begreifen sollen.

Aber nicht nur die nationalen Geschichtsbilder, auch die Gewissheit vom Fortschritt der Menschheit als Sinn und Ziel der Nationalgeschichten ist ins Wanken geraten. Den demokratisch-liberalen Ordnungsvorstellungen vom nationalen Rechtsstaat traten nach dem Ersten Weltkrieg eine Reihe autoritärer, faschistischer oder kommunistischer Gesellschaftskonzepte entgegen. Von den Denkweisen und Verfahren europäischer Kolonialherrschaft gingen illiberale Rückwirkungen auf die Mutterländer aus, [25] welche die Glaubwürdigkeit des universalen Geschichtsbildes in nationaler Konkretion infrage stellten - am radikalsten in Ideologie und Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus, mit sozialdarwinistischen und biologischen Letztbegründungen bis zum Genozid. Dass sich zudem das Projekt der Geschichte als Selbstvollendung der Menschheit in sich spaltete und dem Glauben an individuelle und soziale Perfektibilität das Dogma vom Klassenkampf und der Diktatur des Proletariats als dem eigentlichen Inhalt und Ziel der Geschichte feindlich gegenübertrat, war die fundamentale Herausforderung des "Projekts der Moderne", die aus seinen inneren Widersprüchen selbst entstand.

Können wir nach dem politischen Untergang der faschistisch-rassistischen Ideologie und der Marginalisierung der politischen Bedeutung des "Histomat" dem westlich-liberalen Deutungsmuster der Geschichte noch Realität zusprechen: die Verbindung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts mit der Erweiterung der Emanzipation, die Realisierung der Menschenrechte überall, gerechte Verteilung der Ressourcen des Globus, Freiheit des Individuums und Autonomie gewachsener Kulturen? Hat das "Konzept der Moderne" noch Glaubwürdigkeit und Kraft angesichts der Widersprüche und Ungewissheiten der selbst produzierten Komplexität und Antinomien der Evolution? Wird es Fortschritt und Freiheit glaubwürdig vorantreiben, sodass die wiederbelebten ethnischen und nationalen Selbstdeutungen der Völker des ehemaligen Sowjetimperiums oder der Kolonialreiche sich in diesem weltgeschichtlichen Programm wiederfinden können? Oder könnte auch das "westliche" universale Geschichtsbild mit dem Postulat menschheitlichen Fortschritts zu Freiheit und Wohlstand zerbrechen, wie es dem marxistisch-kommunistischen Konzept kurz vor dem Ende des Sowjetsystems geschah?

Wieder kann ein Auftragsbild diese Frage an die kommende Geschichte symbolisch vermitteln. Werner Tübkes Panoramabild in Frankenhausen sollte den Beginn der letzten Periode des Klassenkampfes und in der Niederlage der Bauern den künftigen Sieg des Proletariats beschwören. [26] Das Panorama zeigt jedoch eher das Zerbrechen des universalen Geschichtsbildes von der Selbsterlösung des Menschen als dessen kommende Verwirklichung. Mitten im Gemetzel der Schlacht, in einem gegliederten Rund von Menschheitssituationen voller Mord, Laster und Bosheiten, durchwebt von dunklen Symbolen des "apokalyptichen Jahrhunderts", steht Thomas Müntzer. Ratlos und suchend, nicht in trotziger Gewissheit künftigen Sieges, blickt er über das trostlose Weltbild mit seiner Heillosigkeit und Rätselhaftigkeit der Geschichte, deren Herr der Mensch nicht ist. Man hat dieses Panorama als künstlerisch verschlüsselte Vorwegnahme des Scheiterns des sozialistischen Geschichtsbildes gedeutet. Aber betrifft es uns nicht in gleicher Weise? Welches Bild der kommenden Geschichte können wir uns machen?

Fußnoten

25.
Vgl. Hannah Arendt, Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft, Frankfurt/M. 1955.
26.
Vgl. Günter Meißner, Das theatrum mundi einer Utopie. Frühbürgerliche Revolution in Deutschland, Dresden 1989, S. 153; Karl Max Kober (Hrsg.), Reformation - Revolution. Panorama Frankenhausen. Monumentalbild von Werner Tübke, Dresden 1988 (Einleitungstext); Brigitte Tübke-Schellenberger/Martin Mosebach (Hrsg.), Werner Tübke - das malerische Werk. Verzeichnis der Gemälde 1976 bis 1999, Dresden 1999.