APUZ Dossier Bild

16.12.2002 | Von:
Michael Gehler

Zeitgeschichte zwischen Europäisierung und Globalisierung

III. Selbstkritik, Streitkultur und Unabhängigkeit einer innovativen Zeitgeschichte

In der Zeitgeschichte besteht immer wieder die Gefahr der Politisierung und Ideologisierung. Enthüllungen und Moralisieren sind aber nicht mehr so gefragt. Der Kalte Krieg ist zu Ende; Weltanschauungen müssen nicht mehr produziert werden. Umfassende Analysen, nüchterne Rekonstruktionen und Historisierungsversuche sind in einem neuen internationalen System mit Blick auf die alte Ordnung erforderlich. Zeitgeschichte darf sich dabei weder von Stimmungen des politischen Moments erfassen noch sich beim Vergleich von Unterschieden für tagespolitische Vorteile, weltanschauliches Wunschdenken oder für schnelllebige Parteipolitik einspannen lassen.

Der Blick zentraleuropäischer Zeitgeschichte ist überwiegend auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - den Faschismus, Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg - konzentriert (gewesen). Überbetonungen blieben aufgrund dieser Fokussierungen nicht aus. Unausgewogenheit in der Themenwahl und Einseitigkeiten bei der Beurteilung waren daher auch für die Darstellung der Zeit nach 1945 die Folge. Unzureichend reflektierte Begriffe und fallweise undifferenzierter Umgang mit der "Erlebnisgeneration" kamen hinzu. Nachdenklich sollte stimmen, dass erst durch den Zusammenbruch des "real existierenden" Sozialismus in Mittel- und Osteuropa und vor allem der Sowjetunion das Ausmaß der Verbrechen dieser Regime allmählich ins Bewusstsein rückte, aber nur kurzzeitig in die medienvermittelte Geschichtsdebatte Eingang fand. Bis dahin genoss der Kommunismus infolge seiner Bündnispartnerschaft mit dem demokratisch-kapitalistischen Westen gegen Hitler einen beträchtlichen politischen Bonus. Ideologische Rücksichtnahme und Tabuisierungen des Diktatur-Vergleichs standen tiefer gehenden Erkenntnissen für die Zeit vor 1989 eher im Weg.

Erst das nicht unumstrittene "Schwarzbuch des Kommunismus" und weitere Publikationen zu diesem Themenkomplex [9] machten deutlich, was vorher nur unmittelbare Zeitzeugen wussten oder von Fachleuten erahnt werden konnte: Der Unrechtscharakter, der Repressionsapparat, das Verfolgungssystem und das Zerstörungspotenzial des Kommunismus waren umfassender und eliminatorischer als das Instrumentarium des Nationalsozialismus - von der Quantität der Opfer nicht zu sprechen, was aufgrund der längeren Herrschaftszeit und der damit verbundenen größeren Wirksamkeit des weltweiten Terrors nicht verwundert. Der Wahn von der klassenlosen Gesellschaft kostete über 80 Millionen Menschen das Leben. Was man sich durchaus schon vor 1989/90 denken konnte, wagte aber selbst in den westlichen Demokratien kaum jemand offen auszusprechen. Diese nicht unerheblichen Lücken der Zeitgeschichte - u.a. auch bedingt durch die jahrzehntelange Unzugänglichkeit ostmitteleuropäischer und sowjetisch-russischer Archive - können erst jüngere Forschergenerationen füllen. [10]

Neben dem rassenpolitischen Massenmord der Nationalsozialisten und dem klassenpolitischen Massenmord der Kommunisten - beide genozidartig angelegt - ist an die kolonialpolitischen Massenmorde zu erinnern. So hat es in Afrika durch die Ausbeutungspolitik Belgiens unter König Leopold II. bis 1908 etwa zehn Millionen Sklaventote gegeben - ein völlig tabuisiertes Kapitel europäischer Politik der Neuzeit. Nahezu völlig der westlich-europäischen Wahrnehmung verborgen blieb ebenso Maos Massenmord, der große chinesische Hungertod von 1958 bis 1961, der zwischen geschätzten 15 bis 40 Millionen Opfer gekostet haben soll. Zu den gleichfalls tabuisierten Verbrechen gehört auch der türkische Genozid an den Armeniern. [11] Nicht zuletzt sei hier hingewiesen auf die immer wieder verschwiegene oder relativierte völkermordartige Vertreibung der Deutschen. Von den dabei betroffenen über zwölf Millionen Menschen sind etwa zweieinhalb Millionen umgekommen. Große Teile Deutschlands wurden ohne Friedensvertrag annektiert.

Neben mangelnder Bereitschaft zur Beschäftigung mit derartigen Themen - wobei insbesondere nach den Gründen dafür zu fragen wäre - gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Aufarbeitung von Vergangenheiten. Die "Weltmeister" der Minimierung, Verdrängung und Verleugnung von Geschichtsverbrechen sind oft weniger in zentraleuropäischen Ländern zu finden, als gemeinhin durch eurozentrierte Betrachtungen suggeriert wird. In Europa wird Zeitgeschichte weit mehr als Bürde empfunden als z.B. in den USA, in deren Geschichtsbewusstsein die eigenen Völkermorde (Indianer) und Kriegsverbrechen kaum eine Rolle spielen. Durch die zunehmende Moralisierung der Geschichtspolitik (samt finanzieller Entschädigungen) ist ferner eine daraus erwachsende neue staatliche Verantwortung für Verfehlungen und Versäumnisse in der Aufarbeitung der eigenen jüngeren Geschichte - und dies nicht nur für Deutschland - feststellbar. [12] Daraus resultierten neue Verpflichtungen für die Zeitgeschichte insgesamt. Mehr Mut zu kontroversen Fragestellungen und nonkonformistischen Thesen ist notwendig.

Fußnoten

9.
Vgl. François Furet, Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996; Stéphane Courtois/Nicolas Werth/Jean-Louis Panné/Andrzej Paczkowski/Karel Bartosek/Jean-Louis Margolin, Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München - Zürich 1998³; Christopher Andrew/Wassili Mitrochin, Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf gegen den Westen, Berlin 1999.
10.
Vgl. u. a. Robert Conquest, Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933, München 1988; ders., Der große Terror. Sowjetunion 1934-1938, München 1992; Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin, Göttingen 2000; Mark Mazower, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrundert, Berlin 2000.
11.
Vgl. Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, Stuttgart 2000; Josef Nussbaumer, Die große chinesische Hungersnot (1958-1961), in: Zeitgeschichte, 26 (1999) 2, S. 127-153.
12.
Vgl. Elazar Barkan, The Guilt of Nations: Restitution and Negotiating Historical Injustices, Baltimore 2000.