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16.12.2002 | Von:
Michael Gehler

Zeitgeschichte zwischen Europäisierung und Globalisierung

IV. Vergleichende Betrachtungen europäischer Zeitgeschichten

Eine vergleichende Betrachtung muss sich auf publizierte Werke beschränken. Aber auch diese sind schwierig zu überblicken, abgesehen von der kaum mehr zu bewältigenden Aufsatzflut in Fachzeitschriften. In der Regel bedarf es einiger Zeit, bis neuere Forschungen zur Kenntnis genommen und verarbeitet werden. Sieht man von diesen Einschränkungen ab, ergibt ein grober Vergleich zeitgeschichtlicher Trends in Westeuropa vor allem analoge, aber auch unterschiedliche Befunde.

1. Frankreich: Vive la France! La crise de l'histoire?

Die Zeitgeschichtsschreibung in Frankreich ist auf zahlreiche Institutionen verteilt und wird im großen Rahmen der histoire contemporaine betrieben. Urteile fallen unterschiedlich kritisch aus; [13] ein französischer Beobachter spricht von "la crise de l'histoire" [14] . Forschungen über die äußere Dimension der französischen Geschichte, d.h. über auswärtige Relationen, die über den größeren nichtfrankophonen Kontext hinausgehen, fehlen vielfach. Die großen Zeiten eines Pierre Renouvin, Jean-Baptiste Duroselle oder René Girault [15] scheinen vorbei - sieht man von namhaften Ausnahmen ab: Die relations internationales wurden z.T. modern profiliert. [16] Neuaufgelegte Gesamtdarstellungen zur Europäischen Integration sind zu nennen, [17] und die "klassische" Diplomatiegeschichte wird auf höchstem Niveau vertreten. [18] Während die mittelalterliche und neuere (= moderne) Geschichtsschreibung grosso modo aufgeschlossen, fortschrittlich und internationalisiert ist, gibt es im engeren Bereich der Zeitgeschichte (histoire du temps présent) methodisch nicht immer viel Innovatives und z.T. Theorierückstand.

Von Frankreichs Zeitgeschichtsforschung gehen trotz dieser kritischen Befunde wichtige Impulse aus, wofür Übersetzungen ins Amerikanische sprechen. Zum Vichy-Syndrom wurde im größeren Kontext von Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire übernationale Modellarbeit geleistet, [19] und die französische Perspektive ist internationalisiert worden. [20] Geographisch betrachtet existieren aber so gut wie keine Arbeiten über Großbritannien, kaum etwas nennenswert Neues gibt es über Deutschland, abgesehen von Studien ohne archivalische Basis. Einige Arbeiten sind aufgrund entsprechender Forschungen der Ecole Française de Rome über Italien geschrieben worden; nur wenig liegt über Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion vor. [21] Die USA und ihre Politik stellen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, terrae incognitae dar; einige jüngere Wissenschaftler haben sich der arabischen Welt und Indochina zugewandt. (Nord-) Afrika ist ein Fall für sich: Die Darstellung des Kolonialismus und der Entkolonialisierung ist gekennzeichnet von den Befangenheiten einer political correctness. Es geht um Kolonialismus-Diskurse, Fragen der Kultur und des Rassismus. Hier wäre auf Arbeiten von Alain Ruscio und Claude Liauzu zu verweisen. Es gibt, von Ausnahmen abgesehen, [22] kaum Überlegungen im Maßstab europäischer Geschichte. "Global History" findet nicht statt.

Thematisch folgt französische Zeitgeschichte den Trends der Zeit: l'histoire des intellectuels und Ideengeschichte, Vichy und Résistance. Kontroversen gibt es nach wie vor über den Ersten Weltkrieg. [23] Die Politikgeschichte bewegt sich nur partiell: Zwischen "Traditionalisten" und den "Aposteln alles Kulturellen" (Pierre Grosser) verlaufen noch Trennlinien. [24] Fragestellungen der Politikwissenschaft und Soziologie werden weitgehend ignoriert, anglo-amerikanische Forschungen kaum wahrgenommen. Einen unwiderstehlichen Reiz bilden nach wie vor die dreißiger Jahre sowie faschistoide Splittergruppen. Kaum besteht noch Interesse an der Sozialgeschichte, wie dies in früheren Jahrzehnten der Fall war. Fortschritte verzeichnet aber die Frauengeschichte.

Die Befunde sind auch Ergebnis politischer Entwicklungen: Korruptionsfälle, Krisenerscheinungen und die wechselhaften Erfolge des Front National unter Jean-Marie Le Pen mit nicht unerheblichen Erschütterungen für das politische System. Der Vichy-Komplex mit der das nationale Prestige belastenden collaboration wirkt seit den achtziger Jahren in der öffentlichen Debatte um François Mitterrand und den vélodrome d'hiver (Judendeportation) nach. Die "schwarzen Jahre" (Thomas Angerer) dominieren in der Forschung bis heute. Der Zweite Weltkrieg hat die Grande Revolution als zentrales Thema abgelöst. Frankreich hat keine erstrangige politische Stellung in Europa mehr, und seine globale Rolle als Militär- und Atommacht ist limitiert. "Rang" und "ordre" als Kategorien sind fragwürdig geworden, intellektuelle Selbstbespiegelungen, Rückwärtsorientierungen auf die Zwischenkriegszeit und den Ersten Weltkrieg [25] verwundern kaum. Gefragt wurde zuletzt, wie aktuell die französische Zeitgeschichte überhaupt sei. [26] Ein weiteres Problem besteht nicht nur in ihrem Frankozentrismus, sondern auch in ihrem "Vernetzungsmangel", im "Vorbeischreiben an der internationalen Historiographie" (Angerer). Im Vergleich zum Englischen gibt es z.B. sehr geringe und weiter abnehmende Deutsch- und Deutschlandkenntnisse. [27]

2. Großbritannien: Der äußeren Welt noch am nächsten

Die britische Zeitgeschichte wird mit 1939/45 beginnend datiert. Das Journal of Contemporary History hat erst kürzlich beschlossen, primär über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu veröffentlichen. [28] In der Historiographie lassen sich verschiedene Schwerpunkte benennen: [29] "Großbritannien und die Welt" ist ein erster Komplex, der sich mit der "Weltmacht im Niedergang" [30] und ihrer stärkeren Zuwendung zum Kontinent befasst. Es gab zuletzt umfangreiche Forschungen zu den auswärtigen Beziehungen des Vereinigten Königreichs, vor allem zu "UK and Europe." [31] Hier liegt der Schwerpunkt bei den Jahren bis 1961, dem Jahr des ersten britischen EWG-Beitrittsantrags bzw. bis zu de Gaulles paukenschlagartiger Ablehnung am 14. Januar 1963. [32] Den Untersuchungen ging es nicht nur um diplomacy and statecraft, sondern um wirtschaftliche Interessen, die Eliten und ihre gewandelten Einstellungen zu "Europa", auch hinsichtlich historischer Vorbelastungen der britischen Politik.

Ein zweiter Themenbereich berührt die Beziehungen zu den USA; aus ihm sind zahlreiche Arbeiten hervorgegangen, vor allem Überblicksdarstellungen, die sich mit der special relationship, u.a. hinsichtlich der Nuklearpolitik, [33] sowie auch mit der Rolle als junior partner und den Folgen - u.a. den enger werdenden Beziehungen zu Europa - befassen. [34] Daraus ergibt sich wieder ein Bezug zum decline, eine der zentralen Kategorien, um die sich breite Diskussionen entfaltet haben, z.B. über den relativen britischen Niedergang mit Blick auf Wirtschaft, Militär und Politik, die unterschiedlich gewichtet werden. Diese Diskussion ist vergleichbar mit ähnlichen europäischen Debatten über das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, korrespondierend mit kultur- und wirtschaftshistorischen Thesen vom Niedergang ehemaliger Großmächte.

Decolonisation ist ein dritter Forschungsschwerpunkt, [35] der mit Arbeiten über Indien und die zunehmende Entkolonialisierung in den sechziger Jahren hervorsticht, der inzwischen auch - etwa zur Rhodesien-Frage - stärker die Problematik der kolonialpolitischen Belastung für das Königreich und dessen Rolle in der säkularen Phase der Dekolonialisierung in den Blick nimmt. Hierbei werden auch die Interessen der USA und der "Abwehrkampf" gegen den Kommunismus in der "Dritten Welt" in Betracht gezogen. Vergleichbare Historikerkommissionen wie in der Schweiz oder Österreich zu strittigen Fragen der eigenen Zeitgeschichte, z.B. zu den englischen Kolonialkriegen, gibt es in Großbritannien allerdings nicht.

Ein viertes Themenfeld ist mit der Gesellschaftspolitik gegeben. Hier wird u.a. danach gefragt, inwieweit zwischen 1945 und 1970 eher Konsens in der britischen Wirtschafts- und Sozialpolitik existierte mit Blick auf den Ausbau des Sozialwesens, die Reprivatisierungen bzw. die Beibehaltung teilweiser Verstaatlichungen, oder aber ob die konservativen und sozialdemokratischen gesellschaftspolitischen Konzepte nicht doch sehr verschieden voneinander waren. [36]

Ein fünfter Themenkomplex bezieht sich auf die identity. Ältere Forschungen zur "imperialen Identität" spielten im Hinblick auf die Außenpolitik eine Rolle, während neuere Arbeiten Ansätze aus der Politikwissenschaft über "äußere" und "periphere" Identitäten, die geforderte Dezentralisierung und den tatsächlichen Dezentralisierungsprozess - bis zu den Volksabstimmungen in Wales und Schottland 1997 über die Bildung von Regionalparlamenten - berücksichtigen. In diesem Zusammenhang stellt sich die zentrale Frage: "What is England in a decentralized and more globalized world?" - zumal wenn nationale bzw. ethnische Identitäten an der "Peripherie" stärkeres Profil gewinnen als die eigene "innere" Identität. Es scheint, dass Großbritannien den Verlust seines Empire relativ verzögert wahrgenommen und erst sehr spät verarbeitet hat. Zeitgeschichte ist im Vereinigten Königreich weiterhin nationalstaatlich definiert und wenig komparativ oder transnational ausgerichtet. Aufgrund der Commonwealth-Dimension der britischen Geschichte sind die international relations intensiver ausgeprägt als auf dem Kontinent. Eine stärkere Einbeziehung der Sozialwissenschaften ist nicht feststellbar; Cultural Studies sind aber auch in der Zeitgeschichte einflussreich geworden.

3. Italien: Erosion des "antifaschistischen Paradigmas"

Das Risorgimento, die Resistenza, die Arbeiterbewegung, die Kommunismus- und zuletzt Antisemitismusforschung, aber auch die Agrargeschichte im engeren und die Sozialgeschichte im weiteren Sinne sind nennenswerte Themen der storia contemporanea. [37] Wenige Spezialisten nur beschäftigen sich mit den äußeren bzw. internationalen Beziehungen sowie der italienischen Europa- und Integrationspolitik. [38] Fragen zur Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der nationalen Identität standen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, die seit Ende der achtziger Jahre geführt wurde. [39] Erstens ging es hier um die Relevanz von Widerstand und Antifaschismus als Basis für das republikanische Italien, zweitens um Zukunftsorientierung vor dem Hintergrund eines kriselnden Staats- und Nationalbewusstseins. Das Ende des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa sowie in der Sowjetunion stellte auch das italienische parteipolitische System in Frage. Der kommunistische PCI musste mit seiner stalinistischen Vergangenheit brechen und den Wandel zu einer sozialdemokratischen Partei vornehmen. Aber auch das über Jahrzehnte funktionierende System der Democrazia Cristiana brach zusammen. Giulio Andreotti stand unter dem Verdacht mafioser Verstrickung, während der Sozialist Bettino Craxi auf der Flucht war. Die Urnengänge brachten 1994 die Nachlassverwalter des Faschismus (vormals Movimento Sociale Italiano, umbenannt in Alleanza Nazionale) im Verbund mit Silvio Berlusconi an die Regierung. Vor diesem Hintergrund gewann eine revisionistische Historiographie Oberwasser, die fragte, ob der die Verfassung kennzeichnende Antifaschismus noch Sinn habe. Damit einher ging eine Relativierung der Resistenza. Strittig war und ist vor allem die konfliktbeladene Zeit vom Sommer 1943 bis April 1945, als Italien mit drei Kriegen konfrontiert war: mit einem "klassischen" zwischen regulären deutschen und anglo-amerika-nischen Armeen, ferner mit einem nationalen Befreiungskrieg zwischen Widerstand und deutschen Truppen, sodann mit einem italienischen Bürgerkrieg zwischen Resistenza und Faschisten. [40]

Ausgehend von dieser komplizierten Konstellation formulierte der renommierte Mussolini-Biograph Renzo De Felice Kritik an der Zeitgeschichte, die einer radikalen Revision gleichkam. [41] Erst der Fall der Berliner Mauer, der Untergang des Sowjetimperiums und die Öffnung russischer Archive hätten einen "Anfang der Wende" in der Widerstandshistoriographie eingeleitet. [42] Viele Mythen seien bewusst geschaffen worden, wonach z.B. die Resistenza eine Massenbewegung gewesen sei. Der PCI habe daraus politische Legitimation gewonnen. Der Widerstand habe jedoch nur aus einer Minderheit existiert; die große Masse der Bevölkerung habe zwischen beiden Lagern gestanden. [43] Damit berührte De Felice auch ein Problem des Widerstands gegen Hitler in anderen europäischen Ländern. De Felices Kritiker wandten ein, dass gerade diese Minderheiten durch ihre Aktivitäten zum Umschwung beigetragen und damit die Zukunft ihrer Länder (mit)gestaltet hätten. Mit der Absetzung Mussolinis durch nationalkonservative Eliten habe sich Italien aufgrund der Resistenza z.T. zweifellos selbst befreit, was De Felice ignoriere. Dieser warf seinerseits der Widerstandsforschung vor, die Konfrontation der Resistenza mit der Repubblica Sociale Italiana (RSI), jenem Marionettenstaat von Hitlers Gnaden, ausgeblendet und damit die Krise des Staates verdeckt zu haben. Der Widerstand sei nicht in der Lage gewesen, die Probleme des Landes zu lösen, ja er habe diese noch verschlimmert. Mussolini habe aus patriotischer Motivation mit der RSI eine Schutzschild-Funktion entwickelt, um zu verhindern, dass Hitler aus Italien ein zweites Polen machen würde. [44] Apologie vermengte sich hier mit Revisionismus.

Das Thema wurde auch von der Politologie aufgegriffen: Wenn der italienische Staatsgedanke 1943 tot gewesen sei, dann deswegen, weil vorher bereits ein großer Teil der Italiener die Niederlage ihres Staates gewünscht habe, während Widerstand und die RSI mit ihren Aktivitäten vieles nur noch verschlechterten, indem sie dem Faschismus die Alleinverantwortung für Krieg und Niederlage zugeschoben hätten, [45] um von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Bei aller Polemik setzte eine Historisierung des Faschismus ein - bis dahin galt eine seriös-wissenschaftliche Befassung mit dem Faschismus eher als "an sich schon unmoralisch" [46] . Laut De Felice habe der Faschismus zur Modernisierung Italiens (Innovationen, Verstaatlichung der Industrie, Ausbau des Sozialsystems etc.) beigetragen. Seine Schuld sei begrenzt, da er im Unterschied zum Nationalsozialismus "vor der Anklage des Genozids geschützt" [47] sei und daher nicht für den Holocaust mitverantwortlich gemacht werden könnte - wobei De Felice die Entrechtung der Juden durch die Rassengesetze Italiens von 1938 und die effiziente Zusammenarbeit mit der NS-Verfolgungspolitik ausblendete. Die wiederholt heruntergespielten Zusammenhänge zwischen dem immer noch als human geltenden römischen Kolonialismus, dem faschistischen Rassismus und dem späteren Holocaust waren tatsächlich weit enger. [48] Kritik ist inzwischen kaum mehr möglich. Die Direktorin des Staatsarchivs, Paola Carucci, Vizepräsidentin des Forschungsinstituts des Widerstands, ist kürzlich vom Kultusminister abgesetzt worden, weil sie einen Sammelband über Faschismus mitveröffentlicht hat (Süddeutsche Zeitung, 13. 11. 2002).

Die strittige Debatte über Fascismo und Resistenza ist in Italien noch nicht abgeschlossen. Erst wenn sie ihre politische Funktion verliert, können historisierende Kräfte ganz die Oberhand gewinnen. Dieser Prozess scheint mit der Entsakralisierung des "antifaschistischen Paradigmas" - laut De Felice ein "dogma insincero" [49] - eingeleitet worden zu sein. Die Folgen bleiben abzuwarten.

4. Die Schweiz: Ein Igel mit weniger Stacheln

Der Begriff "Zeitgeschichte" wird in der deutschsprachigen Schweiz unterschiedlich verwendet. [50] Seit Mitte der neunziger Jahre setzte eine intensive Auseinandersetzung mit der Rolle der Eidgenossenschaft im Zweiten Weltkrieg ein. Dank der Stärke der Armee sei es gelungen, von NS-Deutschland nicht erobert zu werden, die Unabhängigkeit zu wahren und neutral zu bleiben, lautete die offizielle Lesart, die jahrzehntelang in den Geschichtsbüchern nachzulesen war. Dieses Bild wankte spätestens seit bekannt wurde, dass in der Schweiz ein Großteil des von den Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten geraubten Goldes gehortet wurde. Der Genfer Soziologe und sozialdemokratische Abgeordnete im Schweizer Parlament, Jean Ziegler, verfocht die massiv am bisherigen staatlichen Selbstverständnis rüttelnde These, dass damit die Bankiers seines Landes den Zweiten Weltkrieg verlängert hätten. Motive für die Komplizenschaft mit Hitler wären beabsichtigte Kriegsgewinne und ungebändigte Raffgier gewesen. Der "Mythenschlächter" sprach von einer unglaublichen Heuchelei und der Neutralitätslüge. [51]

Georg Kreis verwies dagegen historisch differenzierter auf vier Nachkriegsdiskurse: erstens über Kollaboration und "Verräter", zweitens die Rolle der Neutralität, drittens die Armee und viertens die Behandlung von Asylsuchenden und Flüchtlingen sowie Antisemitismus. Er erkannte darin gesellschaftspolitisch ausgerichtete "Bewährungsdebatten", inwieweit die Schweiz den selbst gestellten Ansprüchen und propagierten Idealen auch gerecht geworden sei. Ende der neunziger Jahre habe dann "eine Reaktivierung aller Teildiskurse" eingesetzt. Die Historikerzunft hätte hierauf keinen bestimmenden Einfluss gehabt und bestenfalls "nachträglich ordnend und vertiefend" als eine Art "Aufräumkommando" mitgewirkt. [52]

Feststeht heute, dass die Schweiz ihre Unabhängigkeit nicht ihrem Militär, sondern vor allem ihren Wirtschafts- und Finanzbeziehungen verdankte, und zwar sowohl mit Blick auf NS-Deutschland als auch auf die Alliierten, vor allem die USA. Nach 1945 sei die Armee als entscheidender Faktor hochstilisiert worden, während sich die Industrie- und Bankenwelt so klein gemacht hätte, "dass sie in der nostalgischen Rückschau auf die Kriegsjahre verschwand" [53] .

Überblicksdarstellungen zur Geschichtsforschung [54] zeigen, dass inzwischen Arbeiten zur Sozial-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte dominieren, welche die ältere Geschichte des (National-)Staates vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945 ablösten. Eine gewisse Rückbesinnung auf die Politikgeschichte erfolgte mit dem Nationalen Forschungsprogramm NFP 42; auch die im Zuge der öffentlichen Debatten und des internationalen Drucks eingesetzte "Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg" (UEK), auch benannt nach ihrem Vorsitzenden Jean-François Bergier, zeitigte umfangreiche Ergebnisse: 25 Einzelstudien und ein Syntheseband schlossen größere Lücken, vor allem im Bereich der Unternehmensgeschichte sowie der Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz zum NS-Staat. [55] Grundlage war ein Zugangsprivileg zu Firmen- und Privatarchiven (einschließlich Exportfirmen, Banken, Versicherungen usw.). Das von der UEK gezeichnete Geschichtsbild war differenziert, entmythologisierte die neutralité permanente und machte klar, in welch hohem Maß von 1939 bis 1945 die in der Gesellschaft vorhandenen erheblichen Handlungsspielräume nach allen Seiten hin genutzt worden sind. Die Ergebnisse der Bergier-Kommission haben auf das Schweizer Geschichtsbild eingewirkt und zur Bewusstseinsänderung beigetragen. Bei der Abstimmung am 3. März 2002 gab es nicht zuletzt deshalb eine 54,6 Prozent-Ja-Mehrheit für den UNO-Beitritt. Inzwischen wird aber wieder nachlassendes öffentliches Interesse an der Zeitgeschichte registriert. [56]

Ein Kritikpunkt an der UEK besteht darin, dass sie klassische Nationalgeschichtsschreibung praktiziert und davon abgesehen hat, die Schweiz und ihre Gesellschaft in einen größeren Kontext zu stellen, sie etwa mit anderen kleineren und mittleren Staaten zu vergleichen. Größere wissenschaftliche Debatten und bilanzierende Darstellungen zur Zeit nach 1945 gibt es kaum. [57] Die eidgenössische Forschung ist wie die österreichische durch die Kleinräumigkeit des Landes gekennzeichnet. Man kennt sich gut bis persönlich, was Kontroversen kaum fördert und Ausdruck politischer Konsens- und Kompromissverhältnisse ist. Das Schweizer Parlament weist seit 1959 eine Regierung in stets der gleichen Parteienzusammensetzung auf. [58]

5. Österreich: Erosion der Opferthese - Löchrige "Käseglocke" Neutralität

Nach 1945 gab es in der zweiten Alpenrepublik eine insgesamt über 30 Jahre währende Große Koalition von Konservativen (ÖVP) und Sozialdemokraten (SPÖ) (1947-1966; 1987-2000). Die österreichische Zeitgeschichte weist der Schweiz ähnliche Charakteristika auf: Lange herrschte Konsens. Österreichs Zeitgeschichte stand und steht im "langen Schatten des Staates" [59] - daneben war und ist sie einer starken (Partei-)Politisierung ausgesetzt. [60] Tabus wurden nur berührt, wenn sie unausweichlich geworden waren. [61] "Heiße" Themen nahm man in Angriff, wenn es politisch opportun war. Dies lässt sich z.B. für die Debatte um Kurt Waldheim und die krude Diskussion über die "Lebenslüge" [62] der Zweiten Republik (vor allem die "Opferthese" [63] ) sagen: Eine von der Bundesregierung 1987 beschlossene und dann eingesetzte Internationale Historikerkommission befand 1988 in einem einmaligen Akt der Weltgeschichte über die Kriegsvergangenheit eines amtierenden Staatsoberhaupts. Das Ergebnis: Kriegsverbrechen konnten dem ehemaligen UNO-Generalsekretär und Bundespräsidenten (1986-1992) nicht nachgewiesen werden, aber auf seine Mitwisserschaft wurde insistiert. Waldheim hatte im Wahlkampf 1986 selbst mit seiner Äußerung von der Pflichterfüllung in der Wehrmacht zur Erosion der offiziellen Selbstdarstellung des österreichischen "Opferstatus" beigetragen und damit den Skandal erst ausgelöst. [64] Seine Aussage lenkte die Aufmerksamkeit der Forschung stärker auf Anpassung, Mitwirkung und Täterschaft von Österreichern im NS-System. Sie machte damit auch Versäumnisse und die Marginalisierung des Widerstands deutlich. Der 1995 geschaffene "Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus" war eine reichlich verspätete Geste gegenüber den Überlebenden des Terrorregimes und zeigte auf, wie schwer sich Österreich bis dahin mit der selbstkritischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit getan hatte. [65]

Tabu-Themen reichten in Österreichs Zeitgeschichte weiter zurück als in der deutschen. Es fällt auf, dass erste Analysen zu Themen wie Antisemitismus, Heimwehren und Faschismus oder "Heimatfront" in Österreich von britisch-amerikanischen Historikern (Peter G. Pulzer, Bruce F. Pauley, Francis L. Carsten, Radomir Luža, Evan Burr Bukey) stammten, bevor die heimischen Kollegen sich trauten. Eine Biographie des gebürtigen Österreichers Adolf Hitler seitens der österreichischen Zeitgeschichte ist nicht zu nennen, was auf die anhaltende "Externalisierung" des NS-Täter-Komplexes (Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, Arthur Seyß-Inquart etc.) verweist und sich erst sehr spät ändern sollte. [66] Allein die Bestsellerautorin Brigitte Hamann widmete sich den prägenden Jahren des späteren Diktators in Wien, [67] während Evan Burr Bukey über "Hitlers Österreich" publizierte. [68]

Eine durch staatlichen Beschluss vom 29. September 1998 eingesetzte Historikerkommission mit einer größeren Zahl von Mitarbeitern [69] forschte seither gezielt über Arisierungen, Banken, Lebensversicherungen und Firmen in der NS-Zeit, über den Vermögensentzug, Übernahmen von NS-Enteignungen nach 1945 wie auch über verzögerte bzw. verhinderte Entschädigungen sowie über die Zwangsarbeiter und deren Entschädigung. [70] Mit größeren dokumentarischen Publikationen ist zu rechnen. Die im Kontext der im Februar 2000 eingeleiteten EU-14 Staaten-Sanktionen unter massiven internationalen Druck geratene ÖVP-FPÖ-Regierung machte dann ab 2001/2002 mit der materiellen Entschädigung für arisierte Vermögen, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Ernst - ein Anliegen, welches die Große Koalition lange verschleppt hatte. [71]

Die Öffentlichkeit bewegende Debatten wie in der Bundesrepublik die "Fischer-Kontroverse" oder der "Historikerstreit" [72] fehlen allerdings nach wie vor. [73] Gegenwartsbezüge sind Österreichs Zeitgeschichte fremd, auch internationale Perspektiven gehören nicht zu ihrer Präferenz. Arbeiten zu den siebziger, achtziger und neunziger Jahren sind kaum vorhanden. Die europäische Dimension fehlte bis in die neunziger Jahre fast völlig. Trotz der mit dem EU-Beitritt verbundenen Öffnung des Landes ist österreichische Zeitgeschichte weiterhin fast nichts anderes als Zeitgeschichte Österreichs. Dieses hier besonders stark ausgeprägte Phänomen ist allerdings kein Austrospezifikum.

6. Exkurs: Deutsche Wendungen nach innen

In Deutschland verhält es sich kaum anders. [74] Internationale Geschichte hat dort nach wie vor einen schweren Stand. [75] Hochkarätige Arbeiten zu Außenpolitik und internationalen Beziehungen sind selten. [76] Spätestens aber mit dem Ende des Kalten Krieges und der alten Grabenkämpfe zwischen "Diplomatie-" und "Gesellschaftsgeschichte" ist die Politik(geschichte) wieder zurückgekehrt. Damit beschäftigen sich nun auch ihre traditionellen Kritiker. [77] Der Zusammenbruch des Kommunismus und die Rolle Michail Gorbatschows sind allein gesellschaftsgeschichtlich kaum erklärbar. Aber auch die (moderne) Politikgeschichte kann bisher nicht für sich reklamieren, eine umfassende und überzeugende Interpretation für diesen einmalig schnellen Zerfallsprozess eines Großreichs geleistet zu haben.

In Deutschland wirkt das Zweistaatlichkeits-Paradigma bzw. das Teilungssyndrom weiter nach: Der lange Schatten des westlichen Frontstaats als zentraler Akteur im Kalten Krieg ist immer noch lebendig. Deutsche Zeitgeschichte, jedenfalls die institutionalisierte, ist überwiegend Geschichtsschreibung aus west(staat)licher Perspektive mit einem impliziten Alleinvertretungsanspruch: eine Art Hallstein-Doktrin-Zeitgeschichte, mit der Bundesrepublik als dem "guten", "besseren" und "wahren" und der DDR als dem lange nonexistenten, dann "bösen", "schlechteren" und "unwahren" Deutschland. Spätestens 1989/1990 wurde allen, die von der Bundesrepublik wie selbstverständlich als "Deutschland" sprachen, bewusst, dass es die DDR auch noch gab - mit all ihren Schattenseiten. Das führte in der Forschung zu einer noch stärkeren Wendung nach innen und erschwerte ihre Öffnung für Perspektiven nach außen. [78]

Ob mit "Westernisierung" für eine mehr internationalisierte und globalisierte deutsche Zeitgeschichte als "master narrative" [79] eine befriedigende Lösung gefunden werden kann, erscheint fraglich, zumal die Veröstlichung (oder Russifizierung) der ehemaligen DDR ebenso mit überlegt werden müsste, wenn nicht der (neue oder gar alte) bundesrepublikanische Raster einfach auf den historischen Raum der fünf neuen Bundesländer übergestülpt werden soll. Deutsche Zeitgeschichte nach 1990 kann schwerlich die fortgesetzte Festschreibung einer ("westernisierten") Teil-Geschichte Deutschlands sein. Internationalisierung und Globalisierung als rein westliche Phänomene zu begreifen, bleibt außerdem einseitig und entspricht nicht einer synthetisierenden und integrierenden Zeitgeschichte. Vor neuer Ideologie-Produktion wurde bereits gewarnt [80] wie auch selbst von Vertretern des Konzepts "Westernisierung" (ein Unwort, das viel über seine Herkunft verrät) gefragt wird, ob die Berliner Republik eine "sinnstiftende Meistererzählung" brauche. [81]

Fußnoten

13.
Vgl. Gérard Noiriel, Qu‘est-ce que l‘histoire contemporaine?, Paris 1998; T. Angerer (Anm. 3), S. 120-123.
14.
So die Einschätzung von Dr. Pierre Grosser, Paris, dem ich für entsprechende Hinweise danke.
15.
Vgl. Jean-Baptiste Duroselle, L‘Europe, l‘histoire de ses peuples, Paris 1990; René Girault, Peuples et nations d‘Europe au XIXe siècle, Paris 1996; Hommage à René Girault. Pour une histoire des relations internationales, in: Matériaux pour l‘histoire de notre temps, (2002), S.'65-66.
16.
Vgl. z. B. Robert Frank, La hantise du déclin. Le rang de la France en Europe, 1920-1960. Finance, défense et identité nationale, Paris 1994.
17.
Vgl. Pierre Gerbet, La construction de l‘Europe, (Neuauflage) Paris 1998; Marie-Thérèse Bitsch, Histoire de la construction européenne, (Neuauflage), Brüssel 1998.
18.
Vgl. Georges-Henri Soutou, L‘Or et le Sang. Les buts de guerres économiques de la Première Guerre Mondiale, Paris 1989; ders., La guerre des Cinquante Ans. Les relations Est-Ouest 1943-1990, Paris 2001. Die Bände der Nouvelle histoire de la France contemporaine (z. B. J.-J. Becker über die Ära Giscard und Mitterrand) zeigen, dass es nach René Rémond mit seiner Darstellung Frankreichs seit 1919 auf hohem Niveau weitergeht. Hinweise verdanke ich Dr. Thomas Angerer/Universität Wien.
19.
Vgl. Üric Conan/Henry Rousso, Vichy, un passé qui ne passe pas, Paris 1996².
20.
Vgl. Pieter Lagrou, The Legacy of Nazi-occupation. Patriotic Memory and National Recovery in Western Europe 1945-1965, Cambridge 2000.
21.
Z. B. von Nicolas Werth, Histoire de l‘Union Soviétique de l‘empire russe à la Communauté des Ütats Indépendants, 1900-1991, Paris 1995.
22.
Vgl. Didier Musiedlak/Jacqueline Musiedlak, Les totalitarismes fasciste et nazi. La Documentation Française, Paris 1996; Didier Musiedlak, Lo stato Fascista e la sua classe politica (1922-1943), Bologna 2001; Christophe Charle, Les intellectuels en Europe au XIXe siècle, Paris 1996; ders., La crise des sociétés imperiales. Allemagne - France - Grand Bretagne, Paris 2001.
23.
Vgl. Annette Becker, Oubliés de la Grande Guerre, Paris 1998; Stéphane Audoin-Rouzeau, L‘enfant de l‘ennemie, 1914-1918, Paris 1995.
24.
Die klassische Politikgeschichte ist angesichts neuer Themen wie politischer Kulturen (Serge Berstein, Sciences Po), parlamentarischer Eliten (Gilles Le Beguec, Paris X, Nanterre) und der von Bourdieu beeinflussten Schule von Christophe Charle (Paris I) herausgefordert.
25.
Vgl. Stéphane Audoin-Rouzeau/Annette Becker, 14-18 Retrouver la Guerre, Paris 2000.
26.
Vgl. Pieter Lagrou, De l‘actualité de l‘histoire du temps présent, in: Bulletin de l‘Institut d‘Histoire du Temps présent, 75 (2000), S. 10-22; abgeschwächt Henry Rousso, L‘histoire du temps présent, vingt ans après, ebd., S. 23-40.
27.
Hinweise von Dr. Angerer.
28.
Vgl. T. Angerer (Anm. 3), S. 124.
29.
Vgl. Peter Catterall, What (if anything) is Distinctive about Contemporary History?, in: Journal of Contemporary History, 32 (1997) 4, S. 441-452; Brian Brivati/Julia Buxton/Anthony Seldon (Hrsg.), The Contemporary History Handbook, Manchester - New York 1996. Für Hinweise danke ich Dr. Wolfram Kaiser/ University of Portsmouth.
30.
Vgl. Andreas Wirsching, Internationale Beziehungen, in: Joachim Eibach/Günther Lottes (Hrsg.), Kompass der Geschichtswissenschaft, Göttingen 2002, S. 112-125, S. 117 f.
31.
Vgl. Christopher Lord, Absent at the Creation: Britain and the Formation of the European Community, 1950-1952, Aldershot 1996; Wolfram Kaiser, Using Europe, Abusing the Europeans. Britain and European Integration, 1945-1963, London 1996; Jacqueline Tratt, The Macmillan Government and Europe, Basingstoke 1996; N. Piers Ludlow, Dealing with Britain. The Six and the First UK Application to the EEC, Cambridge 1997; Hugo Young, This blessed Plot. Britain and Europe from Churchill to Blair, London 1998; James Ellison, Threatening Europe. Britain and the Creation of the European Community 1955-1958, Basingstoke - London 2000; John W. Young, Britain and European Unity 1945-1999, Basingstoke 2000.
32.
Vgl. Rolf Steininger, Großbritannien und de Gaulle. Das Scheitern des britischen EWG-Beitritts im Januar 1963, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 44 (1996) 1, S. 87-118; Richard Davis, The "Problem of de Gaulle": British Reactions to General de Gaulle‘s Veto of the UK Application to Join the Common Market, in: Journal of Contemporary History, 32 (1997) 4, S. 453 ff.
33.
Vgl. Ian Clark, Nuclear Diplomacy and the Special Relationship. Britain‘s Deterrent and America, 1957-1962, Oxford 1994.
34.
Vgl. Klaus Larres (Hrsg.), Uneasy Allies. British-German Relations and European Integration since 1945, Oxford 2000.
35.
Vgl. John Darwin, Britain and Decolonisation. The Retreat from Empire in the Post-War World, London 1988.
36.
Auskunft von Dr. Wolfram Kaiser.
37.
Vgl. Rolf Wörsdörfer mit konzisem Überblick über Instrumente und Themen der italienischen Geschichtsforschung, in: ders. (Hrsg.), Sozialgeschichte und soziale Bewegungen in Italien 1848-1998, in: Mitteilungsblatt des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung (IGA), (1998) 21, S. 7-26, hier S. 15 ff.
38.
Hier sind Arbeiten des an der Universität Florenz lehrenden Antonio Varsori zu nennen sowie die seit 1995 bestehende Reihe "Italien in Geschichte und Gegenwart", hrsg. von Luigi Vittorio Ferraris, Günter Trautmann (ç+) und Hartmut Ullrich.
39.
Vgl. hierzu Hans Heiss, Regionale Zeitgeschichte. Zur Differenzierung der zeithistorischen Forschung Tirols und Südtirols seit 1986, in: Geschichte und Region/Storia e regione, 5 (1996), S. 267-313, S. 272 ff.; Gian Enrico Rusconi, Resistenza e postfascismo, Bologna 1995; Giovanni De Luna/Marco Revelli, Fascismo/Antifascismo. Le idee, le identitè, Florenz 1995; Didier Musiedlak/Jlvo Diamanti/Alain Dieckhoff/Marc Lazar, L‘Italie, une nation en suspens, Brüssel 1995; Ernesto Galli Della Loggia, La morte della patria. La crisi dell‘idea di nazione tra Resistenza, antifascismo e Repubblica, Rom-Bari 1996; kritisch-bilanzierend: Bruno Groppo, Antifaschismus, Widerstand, nationale Identität in der aktuellen geschichtswissenschaftlichen und politischen Debatte, in: R. Wörsdörfer (Anm. 37), S. 242-257.
40.
Vgl. B. Groppo, ebd., S. 247.
41.
Vgl. Renzo De Felice, Rosso e nero, Milano 1995.
42.
Ebd., S. 14.
43.
Vgl. ebd., S. 53 ff.
44.
Vgl. ebd., S. 114 f.
45.
Vgl. E. Galli Della Loggia (Anm. 39), S. 12, 15.
46.
Wolfgang Schieder, Faschismus als Vergangenheit. Streit der Historiker in Italien und Deutschland, in: Walter H. Pehle (Hrsg.), Der historische Ort des Nationalsozialismus. Annäherungen, Frankfurt/M. 1990, S. 135-154, hier S. 138.
47.
Zit. nach H. Heiss (Anm. 39), S. 273.
48.
Vgl. Angelo Del Boca (Hrsg.), Le guerre coloniali del fascismo, Bari - Roma 1991; Francesco Germinario, Gas und "zivilisatorischer Kolonialismus". Eine historisch aufschlussreiche Debatte im sommerlichen Italien, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 11 (1996), S. 97-109; Anna Bravo, Der Umgang mit der Shoah in Italien, in: Rolf Steininger/Ingrid Böhler (Hrsg.), Der Umgang mit dem Holocaust. Europa - USA - Israel, Wien 1994, S. 347-369, hier S. 349; Katharina Walter, Die Judenpolitik unter Mussolini, in: Zeitgeschichte, 24 (1997) 1/2, S. 3-29.
49.
Zit. nach H. Heiss (Anm. 39), S. 273.
50.
Vgl. Georg Kreis, Plädoyer für eine zeitgemäße Zeitgeschichte, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17./18. 8. 1985, S. 37, reklamierte sie für die Zeit nach 1945. Anders in seinem Beitrag: Zurück in den Zweiten Weltkrieg. Zur schweizerischen Zeitgeschichte der 80er Jahre, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 52 (2002) 1, S. 60-68, wo er unter Zeitgeschichte auch die Zeit von 1933 bis 1945 versteht.
51.
Vgl. Jean Ziegler, Die Schweiz, das Gold und die Toten, München 1997.
52.
Vgl. Georg Kreis, Vier Debatten und wenig Dissens (Einleitung), in: ders./Bertrand Müller (Hrsg.), Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg. La Suisse et la Seconde Guerre mondiale (Sonderausgabe von Vol. 47 [1997] 4 der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte) (Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz/Société Générale Suisse d‘Histoire/Societè Generale Svizzera di Storia), Basel 1997, S. 449-491, S. 462, 464.
53.
Ebd., S. 459; vgl. auch den Beitrag von Jakob Tanner, Die internationalen Finanzbeziehungen der Schweiz zwischen 1931 und 1950, in: ebd., hier S. 492-519, hier S. 513.
54.
Vgl. Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz (Hrsg.), Geschichtsforschung in der Schweiz. Bilanz und Perspektiven, Basel 1992.
55.
Vgl. Peter Hug, Schweizerische Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialhandel zur Zeit des Nationalsozialismus. Unternehmensstrategien - Marktentwicklung - Politische Überwachung, Zürich 2002.
56.
Vgl. "Der Bergier-Bericht wird politisch ad acta gelegt", in: Basler Zeitung vom 10. 10. 2002, S. 9.
57.
Wegweisend immerhin Erich Gruner/Peter Gilg/Beat Junker (Hrsg.), Die Schweiz seit 1945, Bern 1971, und Christoph Dejung, Schweizer Geschichte seit 1945, Frauenfeld 1984; kaum übertroffen Peter Gilg/Peter Hablützel, Beschleunigter Wandel und neue Krisen (seit 1945), in: Beatrix Mesmer (Hrsg.), Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Basel 1986, S. 821-968; anregend Mario König, Wohlhabenheit. Vom Erfolg einer kleinen offenen Volkswirtschaft, in: Manfred Hettling u. a. (Hrsg.), Eine kleine Geschichte der Schweiz. Der Bundesstaat und seine Traditionen, Frankfurt/M. 1998, S. 265-289; Jean-Daniel Blanc/Christine Luchsinger (Hrsg.), Achtung: die 50er Jahre! Annäherungen an eine widersprüchliche Zeit, Zürich 1994, und Mario König/Georg Kreis/Franziska Meister/Gaetano Romano, Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren, Zürich 1998.
58.
Dank für Auskünfte schulde ich Dr. Peter Hug, Historisches Institut der Universität Bern.
59.
Das Standardwerk mit diesem Titel stammt von Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Wien 1994.
60.
Vgl. Ernst Hanisch, Die Dominanz des Staates. Österreichische Zeitgeschichte im Drehkreuz von Politik und Wissenschaft, in: Zeitgeschichte als europäische Geschichte, Sonderheft von Geschichte und Gesellschaft (i. E.).
61.
Vgl. Anton Pelinka/Erika Weinzierl (Hrsg.), Das große Tabu. Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit, Wien 1987; kritisch: Thomas Angerer, An Incomplete Discipline: Austrian Zeitgeschichte and Recent History, in: Contemporary Austrian Studies, 3 (1994), S. 207-251.
62.
Vgl. Felix Butschek, Österreichs Lebenslügen - oder wie wissenschaftlich ist Geschichtsschreibung?, in: Europäische Rundschau, 24 (1996) 1, S. 17-27; darauf antwortete u. a. Gerhard Botz, Lebenslüge - das stimulierende Prinzip ... Eine Auseinandersetzung mit neuen Verfechtern der österreichischen "Opferthese", in: ebd., S. 29-45.
63.
Umsichtig dazu Gerald Stourzh, Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1955, Wien - Köln - Graz 19984, S. 23-27.
64.
Vgl. Michael Gehler, "... eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes ..." Die Waldheim-Affäre 1986-1992 , in: ders./Hubert Sickinger (Hrsg.), Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim, Thaur - Wien - München 1996², S. 614-678, hier S. 617 ff., S. 647 ff.
65.
Vgl. Helmut Wohnout, Eine "Geste" gegenüber den Opfern? Der Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus und der schwierige Umgang Österreichs mit den Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung, in: Thomas Angerer/Birgitta Bader-Zaar/Margarete Grandner (Hrsg.), Geschichte und Recht. Festschrift für Gerald Stourzh zum 70. Geburtstag, Wien - Köln - Weimar 1999, S. 247-278.
66.
Vgl. Hans Safrian, Die Eichmann-Männer, Wien - Zürich 1993; ders., Eichmann und seine Gehilfen, Frankfurt/M. 1995.
67.
Vgl. Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München - Zürich 1996³.
68.
Vgl. Evan Burr Bukey, Hitlers Österreich. "Eine Bewegung und ein Volk", Hamburg 2001.
69.
Vgl. Gertraud Diendorfer/Heidrun Schulze/Gudrun Wolfgruber, Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution. Österreich 1938-1945/1945-1999, Innsbruck - Wien 1999; Oliver Rathkolb, Die späte Wahrheitssuche. Historikerkommissionen in Europa, in: Fritz W. Kramer/Alf Lüdtke/Edith Saurer (Hrsg.), Historische Anthropologie. Kultur-Gesellschaft-Alltag, Köln - Weimar - Wien 2001, S. 445-453, hier S. 449-451.
70.
Vgl. Peter Böhmer, Wer konnte, griff zu. "Arisierte" Güter und NS-Vermögen im Krauland-Ministerium (1945-1949), Wien - Köln - Weimar 1999; Dieter Stiefel, Die österreichischen Lebensversicherungen und die NS-Zeit. Wirtschaftliche Entwicklung. Politischer Einfluss. Jüdische Polizzen, Wien - Köln - Weimar 2001; Oliver Rathkolb (Hrsg.), NS-Zwangsarbeit am Standort Linz der Reichswerke Hermann Göring AG Berlin, 1938-1943, Bd. 1: Zwangs- und Sklavenarbeiterinnen in den Linzer Werken der Hermann Göring AG Berlin, Bd. 2: Karl Fallend (Hrsg.), (Auto-)Biographische Einsichten, Wien - Köln - Weimar 2001.
71.
Vgl. Günter Bischof, "Watschenmann der europäischen Erinnerung"? Internationales Image und Vergangenheitspolitik der Schüssel/Riess-Passer ÖVP/FPÖ Koalitionsregierung, in: Michael Gehler/Anton Pelinka/Günter Bischof (Hrsg.), Österreich in der Europäischen Union (i. E.).
72.
Vgl. M. Peter/H. J. Schröder (Anm. 7), S. 68-97.
73.
Zu internen Streitfragen vgl. Ernst Hanisch, Der forschende Bick. Österreich im 20. Jahrhundert. Interpretationen und Kontroversen, in: Carinthia I 189 (1999), S. 567-583.
74.
Vgl. Eckart Conze, Nationale Vergangenheit und globale Zukunft. Deutsche Geschichtswissenschaft und die Herausforderung der Globalisierung, in: Jörg Baberowski/ders./Philipp Gassert/Martin Sabrow, Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte, Stuttgart - München 2001, S. 43-65; vgl. auch die Besprechung des Bandes von Wilfried Loth/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Internationale Geschichte. Themen-Ergebnisse-Aussichten, München 2000 von Wolfram Kaiser, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 49 (2001) 5, S. 454-456.
75.
Die zuletzt wachsende Reihe "Studien zur Internationalen Geschichte" von Wilfried Loth, Anselm Doering-Manteuffel, Jost Dülffer und Jürgen Osterhammel will dieses Defizit beseitigen. Vgl. ferner Hans Schauer, Europäische Identität und demokratische Tradition. Zum Staatsverständnis in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, München 1996.
76.
Vgl. Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, Stuttgart 1995.
77.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Politik in der Geschichte, München 1998.
78.
Ohne (selbst)kritische Bewertung und Reflexion: Horst Möller/Udo Wengst (Hrsg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999.
79.
E. Conze (Anm. 74), S. 51-54.
80.
Vgl. Philipp Gassert, Die Bundesrepublik, Europa und der Westen. Zu Verwestlichung, Demokratisierung und einigen komparatistischen Defiziten der zeithistorischen Forschung, in: J. Baberowski u. a. (Anm. 74), S. 67-89.
81.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel, Eine politische Nationalgeschichte für die Berliner Republik. Überlegungen zu Heinrich August Winklers "Der lange Weg nach Westen", in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001) 3, S. 446-462.