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16.12.2002 | Von:
Michael Gehler

Zeitgeschichte zwischen Europäisierung und Globalisierung

VI. Europäisierung und Globalisierung als Chancen für Zeitgeschichte

Dieser Beitrag plädiert darüber hinaus für eine Öffnung der bisherigen eher kleineuropäischen Perspektive, dies zumal im Hinblick auf die latecomer im Kontext der Erweiterungen der Europäischen Gemeinschaften. [87] Dabei ist nicht nur an eine "alte" Geschichtsschreibung von Staaten in ihrem Verhältnis zur Integration gedacht, sondern an eine vergleichende transnationale Gesellschafts-, Identitäts- und Öffentlichkeitsgeschichte, die für Teile Westeuropas ja bereits vorhanden ist, samt ihrer Verbindung mit moderner Diplomatie-, Politik- und Wirtschaftshistoriographie. [88]

Das Postulat einer "integrativen Zeitgeschichte" (Wolfram Kaiser) [89] kann nur eingelöst werden, wenn sie differenziert, d.h. von einem umfassenden Ansatz, einem breiten integrationspolitischen und gesellschaftsgeschichtlichen Begriffsinstrumentarium ausgeht und dieses sowohl zeitlich in die Entwicklung des 20. Jahrhunderts einbettet, als auch räumlich diversifiziert. "Integrative Zeitgeschichte" schließt exklusives Denken aus. Sie setzt neben einer nuancierenden Beurteilung von "Abweichlern" und Sonderfällen eine umfassende geographische Betrachtung voraus. [90] Eine Geschichtsschreibung der Integration wird Mittel- und Osteuropa nicht erst einbeziehen können, wenn es der "Union" angehört, sondern muss schon die Beziehungen zum "Binnenmarkt" ("Europa-Abkommen", Assoziierungsverträge), aber auch das Verhältnis der Staaten untereinander (COMECON und Visegràd) sowie deren EG-Perzeptionen vor 1989 berücksichtigen. Kooperationen mit Historikern aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn etc. werden notwendiger.

Eine europäisierte Geschichtsschreibung kann nicht nur über Verbindendes, sondern muss auch über Trennendes berichten. Es kann nicht nur um "Integration" gehen; "Desintegration" war im 20. Jahrhundert mindestens ebenso bedeutsam, wenn nicht geschichtsmächtiger. Es sind ferner Tendenzen erkennbar, bei der Darstellung des Integrationsprozesses supranationale Elemente zurückzudrängen. Die liberal-intergouvernementale Interpretation als Erklärung für die Motive der Integration erlebt z.B. durch Andrew S. Moravcsik [91] eine Renaissance, ausgehend von der These staatlicher Interessenpolitik mit zweckrationalem Handlungskalkül. [92] Trotz "Binnenmarkt", einheitlicherem Rechtsraum und der weitgehend realisierten Währungsunion, trotz Konvergenz- und Homogenitätsstreben bei gleichzeitiger Denationalisierung sind parallele Tendenzen zur Renationalisierung in Europa unübersehbar. Für eine stärkere Würdigung des neorealistischen Ansatzes mit einer "liberal-intergouvernementalistischen Synthese" [93] sprechen nicht nur die Schwierigkeiten mit der anstehenden EU-Erweiterung.

In einem ähnlich dialektischen Verhältnis stehen Tendenzen der Nationalisierung und die Globalisierung zueinander. [94] Die lange schon zunehmende Globalisierung beeinflusst Zeitgeschichte bereits; die Problematisierung ihrer festgelegten Positionen hat eingesetzt, die Öffnung verengter Blickwinkel beginnt, nationalstaatliche Positionen werden immer mehr obsolet, und selbst die Relativierung begonnener eurozentrierter Perspektiven zeichnet sich ab. Europäisierung ist nur eine Übergangsform bzw. Zwischenstufe zur Globalisierung. Nationalzentrierte Zeitgeschichte wird weiter möglich sein im Zeichen einer europäisierten und globalisierten Welt, aber das Wissen um internationale Trends und spezifische Globalisierungseffekte ermöglicht, ja erfordert erweiterte Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten auch für die nationale und regionale Geschichtsschreibung.

Ein neues Bewusstsein für die verschiedenen Ebenen im historischen Prozess und ihrer Darstellung beginnt sich zu entwickeln. Neben territorialen Räumen sind traditionell wie innovatorisch historische, geographische, ethnische, mentale und kulturelle Räume intensiver wahrzunehmen. Da sich die Globalisierung primär im Welthandel, auf den Finanz- und Kapitalmärkten sowie in den Kommunikationstechnologien abspielt, ist eine Um- und Neuorientierung der Forschungspraxis hinsichtlich entsprechender Wissenskategorien erforderlich. Teamarbeit ist die logische Folge; die Verknüpfung mit unkonventionellen Ansätzen ist zu leisten.

Der Staat bleibt vorerst Reverenzpunkt zeitgeschichtlicher Forschung; seine Verfassungsgewalt in der longue durée ist wirkungsmächtig. [95] Aber es ist hier wieder auf Hans Rothfels und seine Auffassung zurückzukommen, wonach nationale Zeitgeschichte nur aus der "universalen Konstellation" [96] heraus begriffen werden könne. Der Beitrag endet daher mit dem Plädoyer für eine interdependente Zeitgeschichte, die regionale, nationale, internationale, europäische und globale Ebenen einzuschließen versucht. [97] Einen Teilbereich herauszugreifen oder nur noch "Weltgeschichte" betreiben zu wollen wäre Ausdruck einer neuen Einseitigkeit, denn es gilt, die vielfältigen wechselseitigen Einflussnahmen und Abhängigkeiten zwischen Regionen, Staaten und Nationen, internationalen Arenen, Europa und der Welt zu erfassen. Der breite Sockel regionaler und nationaler Geschichte bleibt unverzichtbar, um die Europäisierungs- und Globalisierungsprozesse zu untersuchen und besser zu verstehen. Nicht nur Verbindendes und Integrierendes, sondern auch Gegenläufiges und Widersprüchliches ist im Auge zu behalten. Europäisierung und Globalisierung schließen sowohl desintegrative wie integrative Elemente ein.

Fußnoten

87.
Vgl. Michael Gehler, Finis Neutralität? Historische und politische Aspekte im europäischen Vergleich: Irland, Finnland, Schweden, Schweiz und Österreich, Bonn 2001; wegweisend: Thomas Angerer, Exklusivität und Selbstausschließung. Integrationsgeschichtliche Überlegungen zur Erweiterungsfrage am Beispiel Frankreichs und Österreichs, in: Revue d‘Europe Centrale, 6 (1998) 1, S. 25-54, sowie die Tätigkeit der Sektion Geschichtswissenschaft in: Rosita Rindler-Schjerve (Hrsg.), Europäische Integration und Erweiterung. Eine Herausforderung für die Wissenschaften, Napoli 2001, S. 61-115.
88.
Vgl. Hartmut Kaelble, Auf dem Weg zu einer europä‘ischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuropas 1880-1980, München 1987; ders./Martin Kirsch/Alexander Schmidt-Gernig (Hrsg.), Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. - New York 2002; Jürgen Osterhammel, Transnationale Gesellschaftsgeschichte: Erweiterung oder Alternative?, in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001) 3, S. 464-479; H. Schauer (Anm. 75).
89.
Vgl. Wolfram Kaiser, Globalisierung und Geschichte. Einige methodische Überlegungen zur Zeitgeschichtsschreibung der internationalen Beziehungen, in: Guido Müller (Hrsg.), Deutschland und der Westen. Festschrift für Klaus Schwabe zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1998, S. 31-48, bes. S. 37, 40, 47.
90.
Vgl. Thorsten B. Olesen, Choosing or Refuting Europe? The Nordic Countries and European Integration, 1945-2000, in: Scandinavian Journal of History, 25 (2000) 1-2, S. 147-168.
91.
Vgl. Andrew S. Moravcsik, The Choice for Europe. Social Purpose & State Power from Messina to Maastricht, Ithaca 1998, London 1999.
92.
Vgl. Wolfgang Merkel, Die Europäische Integration und das Elend der Theorie, in: Geschichte und Gesellschaft, 25 (1999) 2, S. 302-338, hier S. 304-310; Ben Rosamond, Theories of European Integration, Basingstoke - New York 2000; Wilfried Loth/Wolfgang Wessels (Hrsg.), Theorien europäischer Integration, Opladen 2001.
93.
Vgl. W. Merkel, ebd., S. 310-315.
94.
Vgl. M. Gehler (Anm. 8), S. 109-145.
95.
Vgl. Wolfgang Reinhard, Geschichte als Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2000².
96.
H. Rothfels (Anm. 3), S. 4.
97.
Vgl. auch Eric Hobsbawm, The Historian between the Quest for the Universal and the Quest for Identity, in: François Bedarida (Hrsg.), The Social Responsibility of the Historian, Oxford 1994, S. 63.