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16.12.2002 | Von:
Peter Steinbach

Zur Wahrnehmung von Diktaturen im 20. Jahrhundert

III. Diktatur und Widerstand

Dieser Hinweis soll die Tatsache in den Blick rücken, dass "moderne Diktaturen" durch ihre Eingriffe in soziale Strukturen permanent die Voraussetzungen der in diesen Systemen lebenden Menschen für die Auseinandersetzung mit politischen oder religiösen Autokraten verändern, sodass sich die Bedingungen für Opposition und Widerstand verschlechtern: die strukturellen Voraussetzungen für Widerständigkeit und Selbstbehauptung, für Protest und Auflehnung. Mit der Dauer von Diktaturen werden die Bedingungen für die Widerständigkeit schwieriger, denn im Zeitablauf nimmt die Eigenständigkeit und Eigengewichtigkeit resistenter Traditionen und Milieus ab, kommt es mit der Zerstörung sozialer Strukturen schließlich auch zur Veränderung von Handlungs- und Verhaltensbedingungen der widerständigen Individuen. Umso wichtiger ist es aber, dass antitotalitärer Widerstand Unterstützung von außen bekommt.

Diktatorisch legitimierter Wandel ist immer sozialrevolutionär; er strebt nicht nach Anpassung und Reformen, sondern nach dem "Neuen", das nur in der radikalen, geschichtsfeindlichen Absetzung gegen das Alte plausibel gemacht werden kann. Und er setzt sich willkürlich über das Grundrecht des Individuums auf die Entfaltung seiner Persönlichkeit in Freiheit hinweg. Die von Diktatoren und ihren Apparaten gewaltsam durchgesetzte "Überwindung des Überkommenen", des "Alten" bedeutete zugleich immer, die Träger alter Strukturen, die Anhänger überkommener Vorstellungen sowie diejenigen Vertreter politischer Werte, die angeblich auf eine weit zurückliegende, "unmoderne" Zeit verwiesen, an den Rand zu drängen, sie zu neutralisieren, zu marginalisieren oder gar zu eliminieren. Im Repräsentanten des sozialrevolutionär abgelehnten "Überkommenen" wurde nicht mehr der politisch Andersdenkende gesehen, sondern der Vertreter eines feindlichen Prinzips, der "Gegenmensch". Er war zu bekämpfen, indem man seine Wurzeln, seine Bindungen zerstörte. Diese Absicht wurde bereits in der politischen Terminologie der Endgültigkeit sichtbar: "Ausmerzung", "Endlösung", "Ziel der Geschichte". Wem klänge nicht in den Ohren, dass die Berliner Mauer noch in einhundert Jahren stünde? So gesehen lässt sich das 20. Jahrhundert durchaus als Jahrhundert eines Weltbürgerkriegs bezeichnen, der seinen Ausdruck im prinzipiellen Gegensatz von Diktaturen und Demokratien fand.

Gegen die Methoden und die ebenso absehbaren wie spürbaren Nachwirkungen dieser sozialrevolutionären Eingriffe - die sich nicht selten durch die Verherrlichung des Neuen auch moralisch legitimieren wollten - regte sich in allen Diktaturen Widerstand. Dies oft aus unterschiedlichen Gründen, aber doch in der Regel aus einem gemeinsamen Credo heraus: als Folge einer nicht ganz verdrängten Betonung der Würde des Menschen; aus der Bereitschaft, Mitmenschlichkeit auch stellvertretend für jene zu praktizieren, die nicht in der Lage waren, zu reagieren; aus dem Willen zur Verteidigung von Ordnungsprinzipien des freiheitlichen Verfassungsstaates sowie nicht zuletzt als Konsequenz der Absicht, durch diktatorische Regime verdrängte Wertvorstellungen wieder bewusst zu machen und so zum kulturellen Neuaufbau nach der Befreiung von der Diktatur beizutragen.

In allen Diktaturen lassen sich Traditionsbestände finden, die eine Distanzierung des Oppositionellen von seinem gegenwärtigen politischen Umfeld gestatten und erklären, warum er als Widerständiger nicht dem "Sog" erlag, der viele andere seiner Zeitgenossen übermächtig in den Bann zog und zu Mitläufern machte. Dabei ist er auf Unterstützung von außen, durch Sympathisanten, die sich zu Deutern und Sprechern seiner Haltung machen, angewiesen. Gerade daran hat es aber in vielen Demokratien zumeist gefehlt. Man beobachtete zwar das Wirken von Oppositionellen in diktatorischen Systemen, aber man unterstützte sie nicht aktiv. Dabei orientierten sich viele der Regimegegner in Diktaturen an den Prinzipien der Menschenrechte und des Verfassungsstaates. Sie beschworen gemeinsame Wertvorstellungen: Gemeinsame Traditionen könnten Solidaritäten stärken, Unterstützung mobilisieren - in der Praxis aber geschah das nur sehr selten, wie es etwa die Reaktion eines nur sehr kleinen Teiles der deutschen Öffentlichkeit auf die Unterdrückung von Robert Havemann oder die Ausbürgerung von Wolf Biermann gezeigt hat.

Manche der Regimegegner, die sich gegen eine Diktatur des 20. Jahrhunderts wandten, wurden erst durch ihren Protest - der sich keineswegs immer aus dem Zentrum der Macht heraus gegen das Gesamtsystem der Diktatur richtete, sondern oft auch Ausdruck einer ganz persönlichen, einer ganz individuellen Auflehnung war - öffentlich wahrgenommen. Aus Regimegegnern wurden aber immer wieder auch Vertreter von Prinzipien, die sich angesichts der existenziellen Herausforderung des Menschen in totalitären Systemen bewährten. Dies gilt für Maximilian Kolbe und Edith Stein ebenso wie für Anne Frank, für Vaclav Havel und Andrej Sacharow, für Alexander Solschenizyn und Dietrich Bonhoeffer, für Alfred Delp und Primo Levi - sie alle gelten nicht primär als Repräsentanten ihrer Nation und ihrer Gesellschaft, ihrer Partei oder ihrer Konfession, sondern sie werden von den Nachlebenden als Vertreter eines Prinzips wahrgenommen, in dem sich das Lebensrecht und die Würde des Individuums gegen den totalitären Anspruch des Staates ausdrückt.

Das 20. Jahrhundert war deshalb keineswegs allein ein Jahrhundert der Diktaturen, sondern es war auch ein Jahrhundert, dem gerade durch den Gegensatz von demokratisch und rechtsstaatlich geprägten Verfassungsstaaten und "modernen", sich sozialrevolutionär legitimierenden Diktaturen auch der Widerstand sein Gesicht gab. Dieser prinzipiell begründete Widerstand kam in wohl keinem Land unmittelbar an sein Ziel (nicht einmal in der DDR des Jahres 1989), denn er vermochte nirgends aus eigener Kraft die Diktaturen zu überwinden. Er war immer von Entwicklungen abhängig, die von außen kamen, aber von ihm wenig beeinflusst werden konnten.

Widerstand scheiterte so zwar vielfach im unmittelbar politischen Sinn, aber er scheiterte nicht historisch oder gar ethisch. Insofern ist für die sich erinnernden Menschen nicht allein entscheidend, was der Widerstand gegen Diktaturen bewirkte. Sie müssen sich vielmehr selbst fragen, wie sie den Widerstand wahrgenommen, wie sie - in einer freien Gesellschaft - auf die radikale, nicht selten menschenverachtende Praxis diktatorischer Systeme reagiert haben. Dann kann aus der historischen Betrachtung auch eine Selbstkritik entstehen, die insofern politisch relevant ist, weil sie gegen neue politische Fehler, die aus Gleichgültigkeit oder ideologischer Verblendung begangen werden, schützen kann. Das bedeutet zugleich, jene innere Abwehr zu überwinden, die entsteht, weil viele Jahre hindurch Diktatur und Widerstand nicht mit der gebotenen Schärfe, Sensibilität und politischen Konsequenz wahrgenommen wurden.

Heutige Zeitgenossen wussten, welche Verfolgungen in Chile und Argentinien, in der Sowjetunion und in Osteuropa, in Spanien und Griechenland, in China, Korea und Kambodscha - um nur einige Staaten zu nennen - stattfanden. Aber sie lähmten ihre Empörungsbereitschaft, hinderten andere sogar an ihrer Kritik, weil man diese Übergriffe nicht selten nach politischer Opportunität bewertete. Zeitgenossen wussten, dass in der chinesischen "Kulturrevolution" Millionen von Menschen gejagt und ermordet wurden, aber viele wollten in Mao ein Idol politischer "Befreiungsbewegungen" sehen und unterdrückten ihre Kritikfähigkeit. Anhänger der politischen Linken hielten Kritik an der politischen Unterdrückung im Ostblock, zumal in der DDR, in der Tschechoslowakei und in Polen, für "unsolidarisch"; sie prangerten lieber "Rechtstendenzen" an, setzten jeden verbalen Missgriff gleich mit nationalsozialistischer Praxis und verschenkten so unbestreitbar die Chance, aus objektiver Kritik an diktatorischen Systemen Maßstäbe einer generellen humanen Orientierung abzuleiten. Gegenüber Diktaturen gibt es keine Neutralität.

Die Betonung des Widerstands auch als Element postdiktatorischer, also demokratischer Traditionsbildung ist in vielen Fällen gewiss Ausdruck einer rückwärtsgewandten Konstruktion, eines Versuches, neue Kontinuitäten zu begründen, der die Last dieser Diktaturen zumindest im Rückblick erträglicher machen soll. Dies ist nicht selten problematisch, denn Widerstand ist ja nur zu verstehen vor dem Hintergrund von weitgehender Anpassung, als Kontrast zu einer weitestgehenden Anpassung, Denunziationsbereitschaft, einer weitgehenden Folgsamkeit. Der Widerstand gegen Diktaturen zeigt, dass es immer Alternativen zu Anpassung, Gehorsam und Mitläufertum gab. Widerstand verdeutlicht so einen charakteristischen Anspruch gerade des liberalen Verfassungsstaates, der das eigene Recht des Menschen gegenüber dem Staat betont. Wohl deshalb finden sich in allen liberalen Gesellschaften - in ihrer Hervorhebung in der Regel gegen die reale Geschichte konstruierte - Erinnerungen an Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Mut bewiesen und sich den Zumutungen derjenigen entgegenstellten, die willkürliche Macht ausübten und keine Selbstbindungen akzeptierten.

Dennoch ist die Konzentration auf den Widerstand keine Fiktion, sondern - und dies zeigt vor allem die Konfrontation der Deutschen mit zwei Diktaturen - ein Spannungsfeld, das oft auch geschichtspolitisch bestimmt wird. Weil fast alle europäischen Gesellschaften - England, Schweden, die Schweiz ausgenommen - im 20. Jahrhundert die Erfahrung ihrer Gefährdung durch Ideologien und totalitäre Bewegungen, durch Kollaboration und Unterwerfung machten, gibt es keine Gesellschaft Europas, die nicht ihre eigenen Gegner moderner Diktaturen verehrt. Dies hat man auch als Versuch gedeutet, die kollektiven und auch ganz persönlichen Verstrickungen von Zeitgenossen in das totalitäre Zeitalter zu ertragen. Deshalb sind die Erinnerungen an Regimegegner für postdiktatorische Gesellschaften so wichtig. Sie können Maßstäbe politischen Verhaltens begründen. Dieses Gedenken sollte aber sehr viel mehr beinhalten als die politische Bemühung um eine Erinnerungs- oder Gedenkkultur, die sich in der Zelebrierung von Jahrestagen erschöpft. Es sollte auch der Versuch sein, die Substanz einer postdiktatorischen Anstrengung und Selbstverpflichtung zu verdeutlichen, die dem Individuum nicht mehr die Sicherheit kollektiver Verhaltensnormen bieten kann, sondern eine ganz individuelle Verantwortungsethik begründet. Insofern stehen Versuche, die Voraussetzungen und Folgen persönlicher Zivilcourage zu deuten, immer neben der Entfaltung partei-, traditions- und lagerübergreifender Wirkungs- und Kontextgeschichten des Widerstands.

Das Symbol des Widerstands aber bleibt der Einzelne, welcher der Staatsmacht gegenüber steht. Wer wäre nicht durch das Bild Carl von Ossietzkys beeindruckt, durch den aufrechten Mut eines Menschen, der vor den Schranken des Gerichts oder Aug in Aug mit seinen Peinigern steht, der Hitler offen als den "Vollstrecker des Bösen" zu bezeichnen wagte. Es sind augenscheinlich nicht Narren, die mit beeindruckender Tapferkeit den Herrschenden die Wahrheit sagen. Es sind zugleich die politischen Regimegegner in den modernen Diktaturen.

Wenn sich europäische Gesellschaften ihres Bezugs zum Widerstand versichern, kommt darin eine Gemeinsamkeit antitotalitärer europäischer Grundorientierung zum Ausdruck. Das Bekenntnis zum Widerstand gegen eine vorangegangene, nunmehr überwundene Diktatur ist Ausdruck eines souveränen Umgangs postdiktatorischer Gesellschaften mit ihrer Geschichte. Deshalb brauchten postdidaktorische Gesellschaften nach dem Sturz von Diktatoren Zeit, denn natürlich bestimmt zunächst die Selbsterklärung, die Selbstentlastung, die Rechtfertigung der Mitläufer und Angepassten das kollektive Bild vom Widerstand. Dies war in der Bundesrepublik nach 1945 so, dies war bzw. ist nach dem Ende der DDR so, und dies erklärt auch die bisherigen Defizite einer öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Widerstand in der SBZ und in der DDR trotz der Kenntnisse, die wir haben, trotz der Namen, die wir kennen, trotz der widerständigen Gruppen sowie der Ereignisse, die mit der Erinnerung vor allem an den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, der zum Volksaufstand wurde, uns bewusst sind. Auch der Widerstand gegen sozialistische Diktaturen wird in Zukunft einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis bekommen.