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12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

IV. Was wollen die Bürger?

Die Ergebnisse aus dem Berichtssystem können hier nur zusammenfassend geschildert werden. Auf Einzelergebnisse zu den 26 zur Auswahl stehenden Themen(feldern) und weiteren 22 inhaltlichen Aspekten oder den 22 Bildungsformaten, den Erwartungen und Motiven, der Attraktivität der Bildungsträger oder gar auf detaillierte Ausführungen zum Antwortverhalten einzelner Gruppen muss aus Platzgründen verzichtet werden. Hierzu sei auf den veröffentlichten Gesamtbericht verwiesen. [6] Gleiches gilt für erste Interpretations- und Handlungsvorschläge. Hier erfolgt daher eine Fokussierung auf einige wichtige Aspekte und Konsequenzen für das Gesamtfach.

Zunächst ein kurzer Blick auf die bevorzugten Inhalte: Abgesehen von Angeboten in politischen Ausnahmesituationen - wie etwa die zum 11. September - sind es (in dieser Reihenfolge) besonders (1) politische Bildungsangebote zur Gesundheits- und Sozialpolitik, (2) Inhalte mit kommunalem Bezug, (3) Hintergrundinformationen zu wichtigen medienvermittelten Nachrichten, (4) Unterstützungsangebote in Wahlkampfzeiten, (5) Informationen zum Schutz vor und zum Erkennen von Manipulationen sowie (6) Tipps zum besseren Umgang mit Behörden und Institutionen, die auf ein großes Interesse in der Bevölkerung stoßen.

Die Befunde zu den Inhalten - aber vor allem zu den Nutzungsmotiven -, den Erwartungen an Angebote und Träger sowie die Häufigkeitsverteilung zur Auswahl bestimmter Bildungsformate entsprechen der eingangs skizzierten Situation und den Lebensverhältnissen der Bürger. Ein Angebot zur politischen Bildung muss aus Sicht der Bürger vor allem aktuelle und konkrete Themen behandeln, es muss leicht zu finden sein, darf nur wenig kosten und es muss überparteilich sein. Das sind die vier Auswahlkriterien, denen jedes politische Bildungsangebot unbedingt gerecht werden sollte. Mit 65 bis 80 Prozent erhalten diese Kriterien die höchste Priorität. Die Vielfalt und Breite der im Angebot behandelten Themen sowie die Zeiteffizienz sind ebenfalls Auswahlkriterien, die in der Bildungsplanung beachtet werden sollten. Diese zwei Kriterien werden von jedem zweiten Befragten als bedeutend ("sehr wichtig" oder "wichtig") genannt, sind aber weniger Bürgern "sehr wichtig" als die zuerst genannten Kriterien.

Wollen Bildungsträger eine ausreichende Nachfrage für einzelne Angebote erfahren und die Reichweite ihrer politischen Bildungsarbeit erweitern, muss die Bildungsplanung zudem verstärkt kompakte Informationsangebote aufbauen. So ist eindeutig festzustellen, dass größere Teile der Bevölkerung mit Inhalten politischer Bildung, für die sie sich interessieren, nur auf diese Weise erreichbar sind. Die Befunde zeigen aber auch, dass die Befragten dabei sehr genau nach den Inhalten differenzierten. So wurden bei Aspekten, die eventuell als abstrakter, erklärungsbedürftiger, lernintensiver oder einfach wichtiger angesehen wurden, stärker als bei anderen Themenfeldern tiefer gehende Bildungsangebote gewünscht. Dazu zählen offensichtlich "Werte- und Moralverständnis in der Gesellschaft" oder die "Funktionsweise von Wirtschaftsprozessen". Wer sich für komplexere Zusammenhänge interessiert, ist auch eher bereit, ein lern- und zeitintensiveres Bildungsformat zu nutzen.

Betrachtet man die Auswahl der Bildungsformate näher, so erhält man ein ähnliches Bild: Die Analyse zu konkreten Bildungsformaten zeigt, dass viele der Angebotsformen, die Werte über 20 Prozent erreichen und auf den ersten sieben der insgesamt 22 Plätze rangieren, diesen kompakten Informationscharakter aufweisen. Dazu zählen Broschüren, Informationsstände, Bürgertelefone und Ausstellungen. Auf den nachfolgenden Rangplätzen tauchen weitere Angebotsformen auf, die ebenfalls diese Kriterien erfüllen. Sie sind allerdings durch ihre besondere Eigenart nur auf kleine Kreise zugeschnitten bzw. sprechen nur eine Minderheit an. Das betrifft beispielsweise Informationsangebote im Internet und Gesellschaftsspiele. Tiefer gehende Bildungsangebote, die auf eine stärkere Einbindung des Einzelnen, eine Dialogkultur oder eine (zeit)intensivere Lerntätigkeit aufbauen - wie Bücher, Seminare, Rollenspiele etc. -, finden sich im "Mittelfeld" oder im unteren Drittel der Skala. Es gibt aber auch Bildungsformate, die von der beschriebenen Regel abweichen. Dazu zählen der klassische Vortrag, der immerhin auf Platz zwei liegt, sowie kleine Gesprächskreise mit Experten (auf Platz fünf) und Podiumsdiskussionen (auf Platz sechs). Der Bildungsurlaub, das Buch, das Tagesseminar, Internetangebote und Filme befinden sich im "Mittelfeld" der bevorzugten Bildungsformate. Immerhin zehn von 22 Bildungsformaten erreichen dagegen nur Werte unter 10 Prozent. Hier findet man fast alle alternativen bzw. neueren Bildungsformate wie Gesellschaftsspiele und Angebote, die kulturelle und politische Bildung miteinander verbinden; außerdem sehr zeitintensive Lernangebote wie Mehrtagesseminare, Rollenspiele und Studienreisen, die im Gegensatz zum Bildungsurlaub ohne eine Freistellung vom Dienst stattfinden.

Diejenigen, die zum konkreten Potenzial politischer Bildung zählen bzw. sie schon oft nutzen, erreicht man auch durch tiefer gehende Bildungsangebote. Der überwiegende interessierte, aber noch distanzierte Teil der Bevölkerung ist jedoch eher über kompakte Informationsangebote zu erreichen. Generell ist in allen Segmenten der beschriebene Trend auszumachen: Wenn man sich politisch weiterbilden will, dann in einem sehr begrenzten Zeitfenster und oft auch selbst gesteuert "im Vorbeigehen". Nun mag es vielleicht verwundern, dass zum Beispiel der Vortrag oder eine Ausstellung obere Plätze belegen - widerspricht doch die eigene Erfahrung oft diesem Befund. Hier sollte man sich fragen, ob bei den nicht so gut angenommenen Vorträgen oder Ausstellungen der Inhalt bzw. das Thema richtig gewählt war, ob eine ausreichende Werbung stattfand oder eventuell die Rahmenbedingungen ungünstig waren. Denn auch das Verständnis davon, wie eine Ausstellung konzipiert sein sollte, kann ein unterschiedliches sein: Der Bildner wird versuchen, möglichst viel und Vertiefendes zu vermitteln und gestaltet eine Ausstellung dementsprechend detailliert. Der Bürger verbindet - darauf deuten die Gesamtergebnisse hin - (nicht nur) mit diesen Bildungsformaten eine Chance, in kompakt aufgearbeiteter und ansprechender Form für ihn relevante Informationen mitgeteilt zu bekommen und das am besten an Orten, an denen er sich ohnehin aufhält und Zeit dazu hat.

Durchweg kommt die angedeutete zeitliche Belastung bzw. Prioritätensetzung zum Ausdruck, die politische Weiterbildung eben nur als einen (nachgeordneten) Aspekt in der Aktivitätenliste des Einzelnen sieht. Dem muss die Bildungsplanung Rechnung tragen. Erste Anzeichen in dieser Richtung sind erkennbar. Allerdings muss die Angebotspalette politischer Bildungsträger auf diese Bedürfnisse noch stärker eingehen und sich von den gängigen klassischen Bildungsformaten - also Seminaren, Studienreisen oder dem Bildungsurlaub - verabschieden; nicht völlig, aber doch größtenteils, mit Blick auf bestimmte Zielgruppen auch ganz.

Will man mehr Menschen erreichen und ihre Auseinandersetzung mit politischen Fragen und Lerninhalten fördern, muss man zu einer intervallartigen Bildungsarbeit finden, die in kurzen Abständen und zu verschiedenen nachgefragten Themen Angebote macht, die kurz sind und angenommen werden. Diese Bildungsarbeit in "Häppchen" mag den traditionellen politischen Bildner abschrecken, erfüllt sie auf den ersten Blick doch nicht den Anspruch eines intensiven Lernprozesses politischer Bildung, bei dem man sich beispielsweise in eine Bildungsstätte zurückzieht und sich tagelang eingehend mit sich, der Politik und gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Die Erfahrung aber nimmt zu, dass die meisten Menschen dazu nicht bereit sind und - betrachtet man die Konstanz der (geringen) Reichweite politischer Bildung - es wahrscheinlich auch nie waren. Man erreicht sie folglich nur auf ganz anderen Wegen.

Fußnoten

6.
Vgl. Karsten Rudolf, Bericht politische Bildung 2002. Was wollen die Bürger? Eine Marktanalyse zur außerschulischen politischen Bildung in Deutschland (Politische Bildung und Markt, Band 2), Büdingen 2002.