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12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

V. Zur Struktur politischer Bildung

Eine mögliche Handlungskonsequenz ist eine größere Nähe des politischen Bildners zum Bürger und die damit verbundene Möglichkeit zur häufigeren sowie schnelleren "Intervallbildungsarbeit", die - kombiniert mit den vorgestellten Befunden zu den Erwartungen der Menschen an politische Bildungsangebote - zu einer neuen Arbeit und einem neuen Verständnis führt: Der Aufbruch politischer Bildung zu den Menschen und der politische Bildner als Ansprechpartner in Sachen Demokratie vor Ort. Dies ist sinnbildlich zu verstehen und bedeutet, dass politische Bildungsarbeit als ein ständiger Prozess mit den Bürgern als Bildungspartnern an ihrem Lebensmittelpunkt stattfindet und ein Bildungsanbieter in diesem Umfeld ständig präsent sein muss (nicht nur punktuell in einem Gebiet von der Größe eines Bundeslandes). Das Ganze darf zudem nicht nur gelegentlich geschehen, sondern muss zum Merkmal der Bildungspraxis werden. Hier können dann - mit dem Ziel, möglichst viele Bürger einer Region zu erreichen - als einzelne Mosaiksteinchen auch die vielen Bildungsformate eine Funktion erfüllen, die für sich genommen nur geringe Nachfragewerte erzielen. Es gilt, dem Bürger durch eine ständige Präsenz und auch mal nicht so tief gehende Angebote zu zeigen, dass politische Bildung existiert, für ihn da ist und etwas Interessantes zu bieten hat. So führt auch eine Reihe von "Häppchen" zu einer in sich umfangreichen und variantenreichen Bildungsarbeit, mit der besonders die Bildungsfernen zu erreichen sind. Ein Beispiel hierfür wäre der Infostand: Hier kann man Fragen direkt beantworten und Dinge erklären; politische Bildung kommt also zu den Bürgern. Besonders vor dem Hintergrund von Diskussionen um selbst gesteuertes, informelles Lernen und bei der Bildungsberatung ist all dies stärker zu berücksichtigen. Natürlich gibt es durchaus vereinzelte Marktplatzaktionen, beispielsweise von Zentralen für politische Bildung. Ein gängiges Mittel, das systematisch, nachhaltig und flächendeckend eingesetzt wird, ist es allerdings nicht. Zu wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragen findet man keinen politischen Bildner "auf der Straße", der auf die Menschen zugeht und versucht, ihre Fragen zu beantworten oder zumindest erste Anstöße zu bieten. Dieses Feld wird den Medien und den Parteien überlassen, die es unzureichend ausfüllen (siehe spätere Ausführungen zur Dienstleistungsfunktion).

Zu den Bildungsträgern selbst und ihrem Wirkungsfeld ist festzuhalten, dass Bekanntheit, Überparteilichkeit, aber auch Regionalität bzw. örtliche Nähe eine wesentliche Rolle spielen. Aus diesen Kriterien, die von den Befragten herausgehoben wurden, ergibt sich auch die deutliche Rangfolge der ebenfalls von ihnen ausgewählten Trägerbereiche: An erster Stelle steht die "öffentlich-kommunale Trägerschaft" mit den Volkshochschulen (38,8 Prozent), gefolgt von sonstigen "überparteilichen und unabhängigen Einrichtungen" (24,5 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen dann der "staatliche Trägerbereich" mit den Zentralen für politische Bildung (8,8 Prozent) und der "interessengebundene Trägerbereich" (rund 7 Prozent). Der interessengebundene Bereich kann weiter aufgeteilt werden in Einrichtungen der Parteien (6,8 Prozent), der Kirchen (4,5 Prozent), der Arbeitgeber (3,7 Prozent) sowie der Gewerkschaften (3,3 Prozent). Auch wenn bestimmte Bildungsträger Marktvorteile besitzen und dies in der Bildungsplanung sowie bei der Gestaltung (außerschulischer) politischer Bildung als Fach zu berücksichtigen ist, muss ebenso klar sein, dass eine größere Reichweite außerschulischer politischer Bildung nur in der Summe aller Bildungsträger und mit gemeinsamen Anstrengungen zu erreichen ist.

So sollte außerschulische politische Bildung - auch förderpolitisch akzeptiert - in eine Breitenbildung auf der einen und eine Elitenbildung auf der anderen Seite aufgeteilt werden. Die Breitenbildung müssten dann die interessenungebundenen Träger leisten, da sich die breite Masse nur durch sie und ihre überparteiliche Arbeit erreichen lässt. Besonders in diesem Bereich sind die oben und im Folgenden beschriebenen Änderungen in den Arbeitsweisen zu vollziehen. Auch müssen diese Bil-dungsträger (hier besonders die Volkshochschulen) den Mut zur politischen Bildung wieder finden, die sie aus weiten Teilen des Programms gestrichen haben, und dabei die Überparteilichkeit konsequent durchhalten. Die Elitenbildung fällt (auch heute schon faktisch) den interessengebundenen Trägern zu, die in eng umgrenzten Milieus arbeiten. Dies sollte anerkannt und nicht durch eine förderungspolitisch bedingte, künstliche Verpflichtung zur Offenheit dieser Einrichtung gegenüber jedermann blockiert werden. Zudem sollte es generell nur noch sehr wenige Internatsbetriebe geben. Die wenigen verbleibenden Einrichtungen mit Übernachtungsmöglichkeit sollten arbeitsteilig von den anderen Bildungsträgern entsprechende aufgeschlossene Klientel zugeführt bekommen. Die Masse der Bildungsträger sollte sich (zumindest im Bereich der Breitenbildung) auf eine regionale Bildungsarbeit mit kompakten Formaten am Lebensmittelpunkt der Menschen konzentrieren.

Diese Veränderungen werden viele Bildungseinrichtungen sicherlich vor große Herausforderungen stellen, da sie das Selbstverständnis berühren und - vor allem im interessenungebundenen Trägerbereich - mit dem heutigen Stand auch infrastrukturell nicht leicht zu realisieren sein werden. Dies und das Verteidigen von Besitzständen könnte dazu führen, dass die Forderungen in Gänze als utopisch abgelehnt werden. Allein schon eine mutige Auseinandersetzung mit ihnen kann aber die Randständigkeit politischer Erwachsenenbildung nachhaltig erschüttern - der große Teil der bisher nicht erreichten Menschen bliebe so nicht weiter ausgeklammert und nicht mehr mit seinen Fragen alleine. Außerdem würden Mittel durch die Umfunktionierung der internatsbasierten Bildungsarbeit und die oben angesprochene förderpolitische Neugewichtung frei. Die Bildungseinrichtungen auf ihrem Weg zu begleiten und die angedeuteten strukturellen Veränderungen herbeizuführen sind wesentliche Zukunftsaufgaben auch der Zentralen für politische Bildung, die eine wichtige Klammerfunktion zwischen dem Bereich der Breiten- und der Elitenbildung übernehmen sollten. Aber auch die Weiterbildungsgesetzgebung muss entsprechende Spielräume und neue Abrechnungsmodelle erst noch schaffen.

Ein zwar kostenintensives, aber im Hinblick auf mehr Einvernehmen und Arbeitsteilung leicht zu realisierendes Vorhaben könnte der Aufbau einer gemeinsamen Kursdatenbank sein, über die politische Bildungsangebote aller Träger und aller Regionen erfasst sind. Dies würde der von den Bürgern geforderten Transparenz und besseren Auffindbarkeit der Angebote Rechnung tragen. Interessenten und auch Weiterbildungsberatungsstellen könnten hier leicht recherchieren. Dabei sind allerdings auch Wege zu finden, wie eine solche Datenbank nicht nur online für medienkompetente Anwender zur Verfügung gestellt werden könnte. Ein weiterer Vorteil läge darin, dass der Anbietermarkt übersichtlicher wird und politische Bildung so ein "Gesicht" erhielte. Kognitive Pretests bei den Umfragen zum Berichtssystem ergaben nämlich, dass kaum jemand von sich aus einen Träger politischer Bildung nennen konnte. Wenn, dann wurde die Schule oder sehr vereinzelt die Bundeszentrale für politische Bildung genannt. Mit Hilfe einer solchen Datenbank würde gewährleistet, dass die Bürger auch wüssten, wo es Ansprechpartner für bestimmte Fragen gibt. Dass es diese gibt, sollte in einer begleitenden Werbekampagne verdeutlicht werden.