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12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

VII. Die Bedeutung der Aktualität

Wie bereits erwähnt, ist die Aktualität der Themen bei der Auswahl eines politischen Bildungsangebotes das mit Abstand wichtigste Kriterium. Dies lässt sich auch anhand der Nachfrageentwicklung in den zeitlich versetzt stattfindenden Untersuchungen zum Berichtssystem nachweisen. Die erste Befragung fand am Wochenende unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 statt. Hier wurde in einer telefonischen Befragung der Bedarf an Informations- und Bildungsangeboten in einer solchen Lage ermittelt. Abgefragt wurden nur Inhalte und Formate, die in kurzer Zeit von Bildungsträgern hätten realisiert werden können. Insbesondere waren das konkrete Tipps und dialogorientierte Veranstaltungen, in denen man sich mit Menschen austauschen konnte. So ist festzustellen, dass Krisensituationen bzw. wichtige aktuelle Lageentwicklungen, die die Menschen bewegen, und der Bedarf an politischer Bildung in einem engen Zusammenhang stehen. In diesen Zeiten erreicht das Interesse bzw. der Bedarf an Angeboten politischer Bildung Spitzenwerte, und es können Menschen angesprochen werden, die sonst nicht zum potenziellen Nutzerkreis zählen. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Befund, der sich auf den 11. September bezieht, auch auf andere aktuelle und hoch politisierte Ausnahmesituationen zutrifft. Ein anderes Beispiel für eine solche Situation aus der Vergangenheit wäre die BSE-Krise. Warum traten politische Bildner hier nicht mit Veranstaltungen auf den Markt, um die Fragen der Menschen zu beantworten und dadurch auch weitere Hintergründe zu beleuchten? Eine regionale Podiumsdiskussion eines Metzgermeisters mit Wissenschaftlern, Politikern und Verbraucherschützern stieß zumindest auf eine sehr große Resonanz. Auch die Sensibilisierung der Menschen durch die Jahrhundertflut in Ostdeutschland hätte, will man den Menschen Hilfestellungen zu ihren Fragen bieten, intensiv aufgegriffen werden können und müssen. Fragen des Umweltschutzes, der Lebensplanung und der Flussbefestigungen spielten nicht nur in den betroffenen Gebieten Ostdeutschlands, Bayerns und Niedersachsens eine Rolle und bewegten die Menschen. Wann, wenn nicht in solchen Situationen, sollte das Interesse an Politik und damit auch an politischer Bildung steigen und die Notwendigkeit ihrer Existenz allen Beteiligten einsichtig werden?

Je nach Entwicklung des politischen Ereignisses und Normalisierung des Alltags kann dieser Bedarf aber auch schnell wieder sinken. Hinsichtlich des Ereignisses des 11. September war dies nach zwei Monaten der Fall. Der Vergleich mit den Ergebnissen der nachfolgenden Umfragen im November und Dezember des gleichen Jahres sowie ein Blick auf die Entwicklung der Auflagen vor allem der politischen Magazine haben dies gezeigt. So äußerten kurz nach den Ereignissen beispielsweise (abgefragt wurden insgesamt zwölf Inhalte und Formate) 70 Prozent der Bevölkerung ein Interesse an "Analysen zu den langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen, die diese weltweiten Ereignisse haben werden". Kleine Gesprächskreise in seiner Gegend, in denen man mit anderen Menschen zusammenkommt und über die Ereignisse reden kann, wollte immerhin jeder zweite Befragte. Ebenso viele wünschten Veranstaltungen, in denen man mit in Deutschland lebenden Menschen islamischen Glaubens zusammenkommt und mit ihnen über die Ereignisse reden kann. 62 Prozent der Bevölkerung wollten "Tipps dazu, wie ich mich in einer solchen Zeit politisch engagieren kann, um zum Beispiel einen Krieg zu verhindern oder den Opfern meine Solidarität zu zeigen". In "Normalzeiten" sind es dagegen nur sieben Prozent, die wissen wollen, wie sie sich gemeinnützig engagieren können. Für internationale Zusammenhänge (auch wenn diese mit dem 11. September in Verbindung gebracht werden) oder Fragen der Völkerverständigung interessieren sich dann "nur" noch jeweils 20 Prozent der Bevölkerung.

Die meisten Angebote politischer Bildner setzten aber erst Ende Oktober oder gar erst im neuen Semester Anfang 2002 an. Wollen politische Bildner Menschen ansprechen, die sie außerhalb solcher ereignisreichen Zeiten nicht erreichen, ihnen einen ersten Kontakt mit den Angeboten politischer Bildung ermöglichen und ihrer Verpflichtung zur Aufklärung nachkommen, müssen sie also schneller reagieren (können). Das Fach darf sich nicht von immer wieder vorkommenden internationalen oder nationalen Ereignissen überraschen lassen, um dann der weitergezogenen Welle "nachzupaddeln". Dessen müssen sich Bildungsträger bewusst werden und entsprechend reagieren, sonst misslingt es nicht nur, die Reichweite der eigenen Angebote zu erhöhen, es werden sogar wertvolle Ressourcen verschwendet und politische Bildung versagt, wenn es darum geht, den Menschen von ihnen gewünschte Hilfestellungen zu bieten. Das Kriterium "Aktualität" bietet einen hervorragenden Ansatzpunkt für die Dienstleistungsfunktion. Vor allem verdeutlicht es die Notwendigkeit zur flexibleren und schnelleren Angebotsplanung, aber auch den notwendigen Wandel bezüglich der Struktur, der Arbeitsweise und der Mittelvergabe. Hier gilt es, in der Angebots- und Mittelplanung entsprechende Ressourcen bereitzuhalten und eine Art "Task force" von mehreren Trägern oder bei den Zentralen für politische Bildung aufzubauen, um so flexibler und in kürzerer Frist reagieren zu können. Diese Servicestelle darf nicht versuchen, als besserer Journalist noch mehr und schnellere Informationen zur Verfügung zu stellen. Das würde politische Bildner überfordern und ihren Auftrag verfehlen lassen. Viel wichtiger wären spezifizierte Tipps und Hilfestellungen (Referentenlisten, Listen mit Fördergebern, Aktionsmodelle, Musterfolien und -texte etc.) für Bildungsträger und eine Koordination ihrer Aktivitäten. Bei den Angeboten, die sich dann direkt an die Bürger richten, ist darauf zu achten, dass sie einen Mehrwert gegenüber den Medien bieten und nicht nur auf das Internet als Vermittlungsform setzen.