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23.3.2018 | Von:
Marcelo Caruso
Stefan Johann Schatz

Politisch und bildend? Entstehung und Institutionalisierung politischer Bildung in Deutschland

Weimarer Zeit: überschätzte Zäsur?

Angesichts ihres Endes wird die Weimarer Republik bis heute eher als Bedrohungsszenario denn als produktive Veränderung heraufbeschworen. Aus der Perspektive der Geschichte politischer Bildung ist dies nur bedingt nachvollziehbar. Die Zäsur von Revolution, Abdankung, Republikausrufung und Verfassungsversammlung offenbart sich auch als Sprache von Transformation und neuer Normsetzung. In nur wenigen Monaten war man dabei, unter stark veränderten Bedingungen die Diskussion um Staatsbürgertum und Schule neu aufzurollen. Die Überzeugung, dass die Untertanenmentalität den politischen Regimewechsel überdauern würde; das Unbehagen mit dem als individualistisch gesehenen 19. Jahrhundert; der offensichtliche Bedarf an politischer Stabilisierung und der Akzeptanz der neuen politischen Ordnung – alles wies auf die Notwendigkeit einer politischen Bildung hin. Ein Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei begründete dies unmissverständlich: "Nachdem wir in der Verfassung jedem einzelnen Staatsbürger [auch den Frauen!; Anm. der Autoren] ein großes Maß von Rechten und Pflichten auf die Seele gelegt haben, ist es unbedingt nötig, daß wir ihm schon im staatsbürgerlichen Unterrichte der Schule auch den rechten Gebrauch seiner Rechte und die gewissenhafte Erfüllung seiner Pflichten klar machen."[14]

Schließlich gelang es mit dem Artikel 148 (1) der Weimarer Verfassung, die "staatsbürgerliche Gesinnung" zum erstrebenswerten Ziel zu deklarieren, und im Artikel 148 (3), "Staatsbürgerkunde" als Lehrfach an Schulen de jure einzuführen. Dort konnte sie sich aber nur marginal durchsetzen. Folglich konnte sich wiederum eine qualifizierte Lehrerausbildung kaum ausprägen, auch wenn sich in den entsprechenden Lehrerzeitschriften eine vieldiskutierte Fachdidaktik entspann.[15] Das Ringen um die Konzeption der politischen Bildung als Fach oder als Prinzip verhinderte letztlich gar die Realisierung einer demokratischen politischen Bildung.[16] Stattdessen wurde die staatsbürgerliche Erziehung weitgehend einem vergangenheits- und staatsorientierten Geschichtsunterricht anheimgegeben. Zudem instrumentalisierte eine gefühlsbetonte Deutschkunde die für politische Bildung geeigneten Fächer für ihre Zwecke. Dies lag auch schon darin begründet, dass die Staatsbürgerkunde konzeptionell gar nicht auf eine Bildung zur Demokratie ausgerichtet war. Das wird bereits beim gewählten Terminus Staatsbürgerkunde und der ihr vorgegebenen staatsbürgerlichen Gesinnung deutlich. Demgemäß wurde der Staat ins Zentrum der Bildung gestellt, nicht aber die Demokratie.[17]

Auf der anderen Seite gab es aber im schulischen Bereich und in der außerschulischen Jugendbildung auch zahlreiche Versuche und Erwägungen einer demokratischen Bildung, die heute unter dem ungenauen Sammelbegriff der kontrovers diskutierten Reformpädagogik miteingeschlossen werden. Außerschulisch nahm die politische Bildung durch neue Einrichtungen der Jugendbildung und politischen Erwachsenenbildung einen immensen Aufschwung: Gewerkschaften schulten ihre Vertreter und Vertreterinnen, sich für Formen der Mitbestimmung und Selbstverwaltung einzusetzen, und Heimvolkshochschulen sowie Volkshochschulen erlebten einen großen Boom.

Trotzdem waren die für eine demokratische politische Bildung geeigneten außerschulischen Organisationen letztendlich zu schwach. Zu diesen Institutionen zählte die Berliner Hochschule für Politik, die sich bis zum Ende der Weimarer Republik mit publizistischen Aktivitäten und vielfältigen Veranstaltungen für Lehrende und Lernende für die politische Bildung einsetzte.[18] Auch die Zentralstelle für Heimataufklärung fand nun als Reichszentrale für Heimatdienst, den Heimatbegriff wieder aufnehmend, ihre institutionelle Fortsetzung. Ihr Anspruch war es, nicht im Geiste einzelner Parteien, sondern vom Standpunkt des Staatsganzen aus sachliche Aufklärung über außenpolitische, wirtschaftspolitische, soziale und kulturelle Fragen und damit staatsbürgerliche Bildung zu betreiben, um den Willen zur rechtsstaatlichen Demokratie zu fördern.[19] Indes fiel ihr schließlich vor allem die Aufgabe zu, für die Republik und die jeweils gewählte Regierung zu werben.[20] Letzten Endes sollte sie die Weimarer Republik nicht überdauern, 1933 wurde die Behörde abgewickelt und bezeichnenderweise in das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda eingegliedert.

Dass sich eine demokratisch orientierte politische Bildung bis 1945 nicht durchsetzen konnte, war auch eine Folge der spezifischen Spannung zwischen der Politisierung der Erziehung und ihrer gleichzeitigen Objektivierung. Der historische Wandel von Kindheit und Jugend, Familie und Schule war einhergegangen mit einer irreversiblen Entgrenzung, nach der Erziehung praktisch eine lebenslange Anstrengung wurde. Diese lebenslange Erziehung konnte nun Gegenstand, Thema und Objekt professioneller Arbeit werden, die politisiert werden konnte. Während aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum demokratische Erziehungstheorien entwickelt worden waren, nahmen sowohl linksradikale als auch rechtsradikale Erziehungsdiktaturen Kindheit und Jugend in Anspruch und politisierten sie entschlossen.[21]

Das "Dritte Reich" verfolgte hierbei als besonders radikale staatspädagogische Konzeption einen totalen Erziehungsanspruch auf den ganzen Menschen. Wie in keiner Epoche zuvor wurde im "totalen Erziehungsstaat" des Nationalsozialismus politische Erziehung – nicht Bildung mit ihren stärkeren Akzenten der Selbstbestimmung und Selbstaktivierung – als integraler Bestandteil allen erzieherischen, ja allen staatlichen Handelns verstanden; gerade deshalb wurde ein institutionell abgegrenzter Ort für politische Bildung in Gestalt eines besonderen Schulfaches nun als überflüssig erachtet. Die politische Bildung wurde nun vordringlich von den deutschbildenden Fächern wahrgenommen, darunter insbesondere vom Geschichtsunterricht, und im Sinne der nationalsozialistischen Unterrichtsziele angepasst.[22] Das nationalsozialistische Verständnis von politischer Bildung der Schüler stellte somit die radikalste Variante des Verständnisses von politischer Bildung als Prinzip, und nicht als Fach, in der deutschen Schulgeschichte dar.[23]

Fußnoten

14.
Zit. nach Hellmut Becker/Gerhard Kluchert, Die Bildung der Nation. Schule, Gesellschaft und Politik vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, Stuttgart 1993, S. 240.
15.
Vgl. Matthias Busch, Staatsbürgerkunde in der Weimarer Republik. Genese einer demokratischen Fachdidaktik, Bad Heilbrunn 2016.
16.
Vgl. Sander (Anm. 2), S. 59.
17.
Vgl. Detjen (Anm. 10), S. 81.
18.
Vgl. Sander (Anm. 2), S. 399ff.
19.
Vgl. Wolfgang Wippermann, Politische Propaganda und staatsbürgerliche Bildung. Die Reichszentrale für Heimatdienst in der Weimarer Republik, Bonn 1976.
20.
Vgl. Detjen (Anm. 10), S. 83.
21.
Vgl. Oelkers (Anm. 7), S. 339.
22.
Vgl. Detjen (Anm. 10) S. 87ff.
23.
Vgl. Sander (Anm. 2), S. 80.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marcelo Caruso, Stefan Johann Schatz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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