Alte Tür mit Schlüssel

23.3.2018 | Von:
Marcelo Caruso
Stefan Johann Schatz

Politisch und bildend? Entstehung und Institutionalisierung politischer Bildung in Deutschland

DDR: Fortsetzung der Staatspädagogik

Die politische Bildung in der DDR blieb demgegenüber im staatspädagogischen Anspruch des Regimes verhaftet. Die SED reklamierte für sich, nicht nur die notwendigen Erfahrungen im Klassenkampf zu besitzen, sondern auch wissenschaftliche Einsichten zu haben, um eine Erziehung zur wissenschaftlich fundierten, unverrückbaren Klassenposition auf Grundlage des Marxismus-Leninismus zu ermöglichen.[36] Die daraus folgende Erziehung der "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit", deren Handeln durch eine "sozialistische Ethik" geleitet werden sollte, umfasste dabei weit mehr als nur die Schule. Bereits die Familie wurde einbezogen. Laut Familiengesetzbuch der DDR war es die vornehmste Aufgabe der Eltern, "ihre Kinder in vertrauensvollem Zusammenwirken mit staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen zu gesunden und lebensfrohen, tüchtigen und allseitig gebildeten Menschen, zu aktiven Erbauern des Sozialismus zu erziehen."[37]

In der Schule war die sozialistische Erziehung wichtigstes Unterrichtsprinzip, das sich in den Lehrplaninhalten ebenso widerspiegelte wie in der tatsächlichen Schulpraxis. Dass dabei der Staatsbürgerkunde trotz ihrer relativ geringen Stundenzahl eine zentrale Rolle für die ideologische Erziehung beigemessen wurde, erklärt sich daraus, dass das Fach gewissermaßen eine Leitfunktion für die politische Bildung auch anderer Schulfächer einnehmen sollte. Ihr Vorläufer war die Gegenwartskunde, die zunächst als Unterrichtsprinzip gedacht und häufig im Geschichtsunterricht unterrichtet wurde. Sie wurde ab 1950 auf Beschluss des III. Parteitags der SED formell als eigenes Schulfach eingeführt, das nach und nach den Staatsaufbau der DDR und Elemente des Marxismus-Leninismus als zentralen Lerngegenstand zugewiesen bekam. Die Staatsbürgerkunde trat ab 1957 an die Stelle der Gegenwartskunde und wurde zunächst ab Klasse 8, dann ab Klasse 7 mit einer bis zwei Wochenstunden unterrichtet.[38] Eine besondere politische Rolle spielte des Weiteren der Wehrunterricht, der ab dem Schuljahr 1978/79 obligatorisch eingeführt wurde.[39]

Auch nach dem Schulabschluss setzte sich die sozialistische Erziehung fort: Bei der Tätigkeit in einem der Volkseigenen Betriebe (VEB) fand man sich in einer "permanenten Lerngemeinschaft im sozialistischen Wettbewerb"[40] wieder. Und an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen setzte sich die weltanschauliche Schulung mit dem für alle verpflichtenden marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium fort.

Mit dem Ende der DDR 1990 endete auch der bisher letzte staatspädagogische Anspruch in der deutschen Geschichte. Sowohl das Kaiserreich als auch die nationalsozialistische Diktatur wie auch die DDR versuchten die Loyalität ihres Staatsvolks mit staatspädagogischen Mitteln zu sichern. Die beabsichtigte Qualifizierung der Lernenden zu funktionierenden Mitgliedern des Gemeinwesens stand offensichtlich im Gegensatz zur Förderung der politischen Mündigkeit, wie sie in der Bundesrepublik als Lernziel formuliert wurde.[41] Selbstverständlich ist die politische Identifikation mit der bestehenden politischen Ordnung auch ein wichtiges Ziel der politischen Bildung in der Bundesrepublik. Dennoch unterscheiden sich die Strukturen dieses politischen Systems und die Mittel und Zielsetzungen der diesbezüglichen Maßnahmen erheblich von denen der DDR.

Politisch! Bildend!

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Aufstellung, Positionierung und Einrichtung politischer Bildung in den neuen Ländern eine wichtige Aufgabe der politischen Bildung. Während in den 1990er Jahren der Kampf gegen den Rechtsextremismus wichtiges Thema der politischen Bildung war, wurden nach der Jahrtausendwende die Einführung von Bildungsstandards und der Einbezug empirischer Fragen der Lehr-Lern-Forschung in die politische Bildung Ausgangspunkte vieler Diskussionen und konzeptioneller wie institutioneller Veränderungen.

Unzweifelhaft hat die politische Bildung in Deutschland, die sich heute in einer großen institutionellen Pluralität präsentiert, nach 1945 einen großen Qualitätssprung machen können. Zudem gehören die sozialwissenschaftlichen Fächer heute zu den studierendenstärksten Fächern an den Universitäten überhaupt, und zahlreiche Träger der außerschulischen Jugendbildung wie auch politischen Erwachsenenbildung unterschiedlichster politischer Ausrichtung leisten politische Bildung. Dennoch steht politische Bildung in steter Gefahr der institutionellen Hintansetzung. So findet sie sich zwar in der Schule als Unterrichtsprinzip in vielen anderen Fächern wieder, insbesondere im Geschichts- und Geografieunterricht, wird aber als Fachunterricht nur am curricularen Rand angeboten.

Unbeachtet all dieser Wechsellagen, Risiken und Herausforderungen bleibt die Institutionalisierung der politischen Bildung jedoch nicht zuletzt aufgrund ihrer Teilbegriffe eine eigentümliche Geschichte. Sowohl die Ersetzung von Erziehung durch Bildung als auch die Ersetzung der Staatsbürgerlichkeit durch einen eminent demokratischen Begriff des Politischen zeugen von den Möglichkeiten belangreicher Transformationen in der Konzeption schulischer und außerschulischer Unterweisung in der Bildungsgeschichte.

Fußnoten

36.
Vgl. Tilman Grammes, Sozialistische Erziehung in der DDR – Ziele, Institutionen, Wirkung, in: Sander/Steinbach (Anm. 24), S. 196–222, hier S. 196.
37.
Vgl. Familiengesetzbuch der DDR/FGB 1965, §3 Abs. 1 Satz 2.
38.
Zur Staatsbürgerkunde siehe auch den Beitrag von May Jehle in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
39.
Vgl. Sander (Anm. 2), S. 100ff.
40.
Vgl. Grammes (Anm. 36), S. 200.
41.
Vgl. Hellekamps (Anm. 12), S. 967.
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