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23.3.2018 | Von:
Manon Westphal

Kritik- und Konfliktkompetenz. Eine demokratietheoretische Perspektive auf das Kontroversitätsgebot

Konfliktkompetenz

Allerdings sollte sich die politische Bildung nicht auf die Vermittlung von Kritikkompetenz beschränken. Kontroversität wahrzunehmen und Politik im Lichte eines Kontroversitätsbewusstseins kritisch betrachten lernen ist das eine. Etwas anderes ist es, mit Kontroversität umgehen zu lernen. Wenn ernstgenommen wird, wie eng gesellschaftliche Pluralisierung und Konflikte miteinander verwoben sind, kommt man nicht umhin, das Austragen von Konflikten als eine essenzielle neue "epochaltypische" Herausforderung gegenwärtiger Gesellschaften zu verstehen. In ihren vielfältigen sozialen Rollen und Beziehungen sind Schülerinnen und Schüler immer schon Akteure in jenen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die sich derzeit stärker pluralisieren und immer häufiger mit ganz praktischen Herausforderungen der Konfliktverarbeitung einhergehen. Politische Bildung sollte den Umgang mit Konflikten deshalb zu einem zentralen Thema machen. Über das Vermitteln von Konfliktkompetenzen kann sie dazu beitragen, dass sich die Einzelnen als kompetente Akteure im Umgang mit Pluralität erleben.

Die Idee, dass der Umgang mit Konflikten eine zentrale Aufgabe von Politik ist, ist natürlich nicht nur der radikalen Demokratietheorie eigen. Deliberativen Demokratietheorien in der Tradition von Jürgen Habermas, die wohl die gegenwärtig dominierende Familie zeitgenössischer Demokratietheorien bilden, geht es in zentraler Hinsicht um die Frage, wie Meinungsverschiedenheiten in Argumentationsverfahren verarbeitet werden können.[15] Ihre Schwäche ist aber, dass sie dazu tendieren, "die konsensstiftende Kraft der Sprache und der Kommunikation zu überschätzen".[16] Sie setzen darauf, dass ein inklusiver Austausch über Streitthemen und das vernünftige Abwägen von Argumenten dazu führt, dass sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Diskursen einer geteilten Perspektive annähern können. Wie eingangs festgestellt, haben es heutige pluralistische Gesellschaften jedoch mit Konflikten zu tun, bei denen sich Meinungsverschiedenheiten als hartnäckig erweisen, unter anderem weil es den Konfliktparteien nicht nur um Interessenkalküle geht, sondern weltanschaulich und kulturell geprägte Wertvorstellungen im Spiel sind.

Der Beitrag der radikalen Demokratietheorie besteht deshalb darin, den Blick darauf zu lenken, wie wichtig Formen des Umgangs mit Konflikten sind, die nicht das Ziel verfolgen, einen Konsens im Sinne einer Übereinstimmung der Meinungen zwischen den Konfliktparteien herzustellen. Chantal Mouffe etwa schlägt vor, Konfliktzähmung zur zentralen Aufgabe von Politik zu machen. Eine solche Zähmung erfordert die Kompetenz von Beteiligten, mit ihrem Konflikt auf eine bestimmte Weise umzugehen. Mouffe argumentiert, "dass das Ziel demokratischer Politik darin liegt, Antagonismen in Agonismen zu verwandeln".[17] Agonismen sind entschärfte Antagonismen – Konflikte, in denen sich die Akteure zwar weiterhin als Gegnerinnen und Gegner wahrnehmen, aber einander nicht das Recht absprechen, für ihre jeweiligen Positionen einzutreten. Für die Verwandlung von Antagonismen in Agonismen braucht es also einen Prozess, in dem sich jede Konfliktpartei ein Verständnis für die andere Position aneignet, ohne dass sie ihre eigene aufgibt. Ein solcher Prozess ist Mouffe zufolge notwendig, damit ein gewaltfreier politischer Machtkampf stattfinden kann. Die Konfliktparteien hindern zwar nicht die jeweils andere daran, für ihr politisches Projekt zu kämpfen, versuchen aber, ihr eigenes durchzusetzen.

Es gibt jedoch auch andere Möglichkeiten, Konflikte so auszutragen, dass Meinungsverschiedenheiten als stabile Umstände der Auseinandersetzung akzeptiert werden. Zum Beispiel sind Kompromissbildungen eine Möglichkeit, Konflikte stärker kooperativ zu verarbeiten, ohne damit gleich das (über)anspruchsvolle Ziel eines Konsenses zu verfolgen. Ein Kompromiss ist eine Einigung, die zustande kommt, indem die Konfliktparteien wechselseitige Zugeständnisse machen. Er hat daher die Form eines "geschnürten Pakets". Einige radikale Demokratietheoretikerinnen und -theoretiker wie Mouffe sehen Kompromisse zwar kritisch, weil sie befürchten, dass sie die Differenzen zwischen den politischen Projekten verwischen und damit das Spektrum an Positionen wieder verengen. Allerdings gibt es gute Gründe für Kompromisse. Unter bestimmten Umständen kann es politisch klüger sein, Kooperation zu suchen, anstatt bloß das "Mitspielen" der Gegenseite im politischen Streit zu akzeptieren. In Situationen etwa, in denen es wichtig ist, dass politische Entscheidungen eine breite gesellschaftliche Akzeptanz finden und keine Konfliktpartei bereit ist, die einseitige Durchsetzung der anderen Position hinzunehmen, kann ein Kompromiss politisch integrierend und befriedend wirken.[18] Es gibt daher nicht die eine Alternative zum klassischen deliberativen Modell, sondern ein Spektrum an Möglichkeiten, Konflikte so auszutragen, dass die zugrundeliegenden Meinungsverschiedenheiten akzeptiert werden.

Diese Vielfalt sollte die politische Bildung bei der Vermittlung von Konfliktkompetenz produktiv nutzen. Schülerinnen und Schüler sollten erfahren, welche unterschiedlichen Wege es gibt, Konflikte auszutragen. Dazu gehört zwar auch, zu lernen, wie man argumentiert und sich bemüht, andere zu überzeugen. Aber die Vermittlung von Handlungsmöglichkeiten in Konflikten, die Toleranz und Kooperation ermöglichen, ohne dass versucht werden muss, die andere Seite zu überzeugen, sollte einen ähnlichen Stellenwert haben. Um die Unterschiede und jeweiligen Vorzüge verschiedener Konfliktaustragungsformen praktisch erlebbar zu machen, könnte es sich erneut anbieten, exemplarisch die von Klafki genannten Schlüsselprobleme zu nutzen.

Wenn ein bestimmtes gesellschaftspolitisches Problem, etwa der Klimawandel, aufgegriffen wird und eine Konstellation zwischen gesellschaftlichen Gruppen nachempfunden wird, die konfligierende Vorstellungen davon haben, was richtige oder gerechte politische Antworten auf dieses Problem wären, ließe sich konkret diskutieren, was die Hürden für die Herstellung eines Konsenses sind, und wie es praktisch aussehen könnte, den Konflikt in einem demokratischen Machtkampf oder durch Kompromisse zu lösen. Weil das nicht losgelöst von der Frage diskutiert werden kann, wer auf der politischen Bühne präsent ist und sein sollte, zeigt sich an dieser Stelle, wie eng Kritik- und Konfliktkompetenz in einer radikaldemokratisch gedachten politischen Bildung miteinander verknüpft sind.

Fazit

In diesem Beitrag wurde aus einer demokratietheoretischen Perspektive diskutiert, welche Implikationen die zunehmende Pluralisierung von Gesellschaften für die politische Bildung hat. Ich habe argumentiert, dass die radikaldemokratische Theorie, deren Stärke eine Offenheit gegenüber Konflikten ist, dazu anregt, das Kontroversitätsgebot in den Fokus zu stellen und in zweierlei Hinsicht zu schärfen. Es sollte erstens eine Kritikkompetenz vermittelt werden, die anregt, Gesellschaft und Politik auf ihre Ausschlüsse hin zu befragen. Zweitens sollte eine Konfliktkompetenz vermittelt werden, die neben der Suche nach Konsensen auch Konfliktzähmung und Kompromissbildung als Wege der Konfliktaustragung beinhaltet.

Eine wichtige Frage, die hier nicht behandelt werden konnte, betrifft die Grenzen demokratischen Streits. Die geforderte Offenheit von pluralistischen Gesellschaften für immer andere Sichtweisen darf nicht verwechselt werden mit einem Plädoyer für eine grenzenlose Öffnung. Es gibt zweifelsohne Positionen, die einer pluralistischen Politik gefährlich werden können und entsprechend nicht akzeptiert werden sollten. In aller unbefriedigenden Kürze: Eine radikaldemokratische Perspektive schlägt vor, dass das nicht die sind, die eine bestimmte Interpretation von demokratischen Grundwerten nicht teilen, sondern die, die einen lebendigen Streit über die Interpretation dieser Grundwerte verhindern wollen.

Fußnoten

15.
Für einen Überblick vgl. Claudia Landwehr, Demokratische Legitimation durch rationale Kommunikation, in: Oliver W. Lembcke/Claudia Ritzi/Gary S. Schaal (Hrsg.), Zeitgenössische Demokratietheorie, Bd. 1: Normative Demokratietheorien, Wiesbaden 2012, S. 355–385.
16.
Manfred G. Schmidt, Demokratietheorien. Eine Einführung, Wiesbaden 20084, S. 249.
17.
Chantal Mouffe, Pluralismus, Dissens und demokratische Staatsbürgerschaft, in: Nonhoff (Anm. 5), S. 41–53, hier S. 45.
18.
Vgl. Manon Westphal, Compromise as a Normative Ideal for Pluralistic Politics, in: Theresa Scavenius/Christian Rostbøll (Hrsg.), Compromise and Disagreement in Contemporary Political Theory, London–New York 2018, S. 79–94.
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