Alte Tür mit Schlüssel

23.3.2018 | Von:
Ute Frevert

Politische Bildung – mit Gefühl?

Gefühlspolitik von oben

Was in der politischen Kultur der Bundesrepublik aber fast durchgängig fehlte, war eine Gefühlspolitik von Staats wegen. Die Regierungen hielten sich mit der Inszenierung von Gefühlen ebenso zurück, wie sie auf deren kunstfertige Erzeugung weitgehend verzichteten. Zwar musste um politische Symbole wie Flagge oder Hymne nicht mehr gerungen werden, da eine der Weimarer Republik vergleichbare politische Polarisierung ausblieb. Aber der Einsatz jener Symbole verlief äußerst diskret, vor "Gefühlsmomenten" scheute man zurück. Auch die Staatsarchitektur der 1960er Jahre verschrieb sich dem Geist der Nüchternheit und Pathosferne. Selbst charismatische Politiker wie Willy Brandt bauten "Dämme gegen den Enthusiasmus" ihrer Anhänger.[21]

In der DDR hingegen wurde ein solcher Enthusiasmus von Regierung und Staatspartei befohlen und eingefordert. Ihre Bürger sahen sich zur Dauerbegeisterung angehalten, um keine Zweifel an ihrer "Treue" zur Republik und an ihrer "Liebe" zum Sozialismus aufkommen zu lassen. Auch ihr "Vertrauen" in die Staatsführung wurde immer wieder beschworen und als "unerschütterlich" ausgegeben. Mindestens ebenso häufig appellierte man an die Gefühle "unverbrüchlicher Freundschaft" für die osteuropäischen "Bruderstaaten", allen voran die Sowjetunion. Solche rhetorischen "Beschwörungsformeln", wie sie der DDR-Schriftsteller Stefan Heym 1977 kritisch nannte, nutzten sich allerdings ebenso rasch ab wie die Praktiken, mit denen die "volksdemokratische Staatsmacht" das Vertrauensverhältnis mit ihren Bürgern in Szene setzte: Massenaufmärsche an nationalen Feiertagen mit Defilees vor den hohen Repräsentanten, öffentliche Gelöbnisse der Nationalen Volksarmee, Ehrungen verdienter Genossinnen und Genossen. Vor allem die Jugend stand im Visier gefühlspolitischer Offensiven. Entsprechende Veranstaltungsformate, vom zentralen Fackelzug über die großen Pfingsttreffen der FDJ bis hin zum gemeinschaftlichen Singen, sollten sie affektiv an ihr "sozialistisches Vaterland" binden und gegen die Verlockungen des Westens immunisieren.[22]

Solche direkten emotionalen Zugriffe wurden in der Bundesrepublik als Indoktrination abgelehnt. Aber auch hier wuchsen Zweifel an der zunächst gepflegten gefühlspolitischen Zurückhaltung. Schon 1960 sorgte sich der SPD-Politiker Carlo Schmid um das angemessene Verhältnis zwischen "rationalem Begreifen" und "seelischem Ergreifen" im neuen demokratischen Staat.[23] Bundespräsident Karl Carstens mahnte Anfang der 1980er Jahre, auch das "Emotionale" müsse seinen Platz in einem Gemeinwesen haben. Gerade die nachwachsende Generation könne und solle "Stolz" auf ihre Nation empfinden und sich mit ihr identifizieren: "Die Bindung an das Vaterland läßt Gefühle wie Vertrautheit, Liebe und Zustimmung mitschwingen", wecke Verantwortung und "das Gefühl, diesem Land und seinen Menschen einen Dienst und eine Pflicht zu schulden". Ohne positive Gefühle der Bürger, so das Credo, könne kein Staat bestehen.[24]

Zwischen Verfassungspatriotismus und Beheimatung

Seitdem schafft es das Thema periodisch in die Schlagzeilen. Man kommentiert, ob Fußballer vor Länderspielen die Nationalhymne singen oder nicht und was daraus zu folgern sei; man streitet heftig über die Politik öffentlicher Soldatengelöbnisse; man sorgt – oder freut – sich über die schwarz-rot-goldene Beflaggung von Privatautos und Wohnungen anlässlich großer internationaler Sportveranstaltungen. Über das richtige Maß an Nationalbewusstsein gehen die Meinungen auseinander, wobei radikal ablehnende Stimmen seit den 1990er Jahren seltener zu hören sind. Um den Habermas’schen Verfassungspatriotismus ist es stiller geworden; zugleich aber verbreitet der ebenso martialische wie xenophobische Nationalismus der extremen Rechten, wie ihn neuerdings die AfD proklamiert, tiefes Unbehagen.

Die jüngsten Auseinandersetzungen um Migration und Flüchtlinge haben darüber hinaus ein helles Licht auf die Rolle geworfen, die Gefühle bei der politischen Mobilisierung und Artikulation der Bevölkerung spielen. Die AfD, geübt in der Kunst emotionaler Manipulation und Instrumentalisierung, nutzt sämtliche Freund-Feind-Stereotype, Bedrohungsszenarien und Verschwörungstheorien, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Dem affektiv aufgeladenen Konstrukt der Heimat und ihrem angeblich drohenden Verlust durch "Überfremdung" kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Gefühle gewinnen in dieser ideologisch überdeterminierten Kampagne eine bislang ungekannte Dignität. Sie werden, positiv oder negativ gewendet, zum Argument eigenen Rechts. Wer stark fühlt, heißt das, kann nicht irren. Selbst wenn jenes Fühlen auf einer verzerrten Realitätswahrnehmung beruht, müsse man sich damit ins Benehmen setzen.

Was folgt daraus für politische Bildung und ihre Praxis in Schulen, Medien, Akademien, Gesprächskreisen und Engagement vor Ort?

Erstens ist grundsätzlich anzuerkennen, dass Politik nicht ohne Emotionen funktioniert. Solange politische Kommunikation Grundfragen unseres Zusammenlebens verhandelt und zur Entscheidung bringt, erzeugt sie in demokratischen, auf Bürgerpartizipation beruhenden Gesellschaften starke Gefühle: Gefühle der Zugehörigkeit und des Ausgeschlossen-Seins, Gefühle des Neides, des Zorns und des Ressentiments, Gefühle des Stolzes, der Solidarität und der Empathie. Solche und andere Gefühle sind eine wichtige Ressource für unsere Demokratie: Sie verbürgen die Lebendigkeit des Politischen, kanalisieren Interesse und Aufmerksamkeit, sichern moralische Vorstellungen und Urteile.

Angesichts der Allgegenwart und Unverzichtbarkeit politischer Gefühle darf politische Bildung, zweitens, nicht im Modus der Verneinung verharren, wie sie das lange getan hat. Vielmehr gilt es, sich von der krassen, mit Werturteilen gespickten Entgegensetzung von Emotionalität und Rationalität zu verabschieden. Auch das Beharren auf rationaler Kommunikation, wie es etwa die 1950er und 1960er Jahre geprägt hat, war ein spezieller emotionaler Stil, der mit machtgestützten Strategien des politischen Ein- und Ausschlusses operierte. Politische Bildung kann helfen, solchen Strategien auf die Schliche zu kommen und zu entziffern, was es bedeutet, Argumente als "rational" aufzuwerten oder als "emotional" abzuqualifizieren.

Drittens muss politische Bildung die Rolle von Gefühlen kritisch reflektieren. Dabei kann sie an den Gefühlen der Schülerinnen und Schüler (und Erwachsenen) ansetzen. In den letzten Jahren ist mehrfach darauf hingewiesen worden, wie zentral und unabweisbar Emotionen für historisch-politisches Lernen sind.[25] Ihnen auf die Spur zu kommen und ihre Funktion als Weichensteller für individuelle Neugier und Identifikation, aber auch für Desinteresse, Abwehr und Lernblockaden zu ergründen, ist eine Übung in Selbstaufklärung. Zugleich lassen sich persönliche (Ab-)Neigungen und kollektive Gefühlslagen in der Auseinandersetzung mit Politik und Geschichte (Scham, Empathie, Hass, Ressentiment etc.) aufeinander beziehen, so dass Selbsterkenntnis und gesellschaftliche Analyse sich wechselseitig informieren.

Dabei sollte, viertens, transparent werden, in welchem Maße und durch welche Verfahren Gefühle produziert, gestaltet und geteilt werden. Schließlich sind Gefühle alles andere als "naturwüchsig", spontan und voraussetzungslos, sie fallen nicht vom Himmel – im Gegenteil. Sie werden kulturell geformt, gebildet und bearbeitet, gepflegt, tabuisiert und verfemt. Daran beteiligen sich viele gesellschaftliche Institutionen, von der Familie über die Schule bis zum Arbeitsplatz, ob er sich an einer Universität befindet, in einer Behörde oder in einem Unternehmen. Früher waren Kirche und Militär in der Gefühlserziehung prominent vertreten, heute spielen Filme, TV-Formate und Social Media eine größere Rolle. Auch Vereine, in denen immer noch Millionen Menschen organisiert sind, kommen als Gefühlsproduzenten in Betracht, ebenso wie Sportveranstaltungen, Popkonzerte oder Karnevalsumzüge. Welche Bedeutung die hier in Szene gesetzten und kollektiv geteilten Gefühle für gesellschaftliches und politisches Handeln besitzen, wäre an konkreten Beispielen aus Geschichte und Gegenwart zu untersuchen.

Fünftens kann politische Bildung die kreative Funktion von Gefühlen für politische Imagination betonen und daran erinnern, dass Politik nicht in der Macht des Faktischen aufgeht. Wer darüber nachdenkt, wie Menschen in der Polis miteinander umgehen wollen, welche Ziele sie gemeinsam verfolgen und welche Wünsche sie zusammen – oder gegeneinander – realisieren, stößt rasch und unweigerlich darauf, wie stark solche Überlegungen auf Wertorientierungen basieren: auf Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness, vom guten und besseren Leben, von Menschenfreundlichkeit oder -skepsis. Werte aber, die nicht emotional eingebettet und unterfüttert sind, entfalten nur schwer eine bindende Kraft. Prozesse der Gefühls- und Wertbildung vor einem prinzipiell offenen politischen Wunsch- und Erwartungshorizont kritisch zu begleiten und zu moderieren, stünde politischer Bildung in einer dynamischen, selbstorganisierten Gesellschaft gut an.

Fußnoten

21.
Michael Jeismann, Die Nationalhymne, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 3, München 2001, S. 660–664; siehe auch Ute Frevert, Rationalität und Emotionalität im Jahrhundert der Extreme, in: Martin Sabrow/Peter Ulrich Weiß (Hrsg.), Das 20. Jahrhundert vermessen. Signaturen eines vergangenen Zeitalters, Göttingen 2017, S. 115–140, bes. 133ff.
22.
Vgl. Frevert (Anm. 6), S. 192; Juliane Brauer, "Mit neuem Fühlen und neuem Geist". Heimatliebe und Patriotismus in Kinder- und Jugendliedern der frühen DDR, in: David Eugster/Sibylle Marti (Hrsg.), Das Imaginäre des Kalten Krieges, Essen 2015, S. 163–185.
23.
Carlo Schmid, Der Mensch im Staat von morgen, in: ders., Politik muß menschlich sein, Bern–München 1980, S. 9–30.
24.
Karl Carstens, Über unser Verhältnis zum Staat (1981), in: ders., Reden und Interviews, Bd. 3, Presse- u. Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1982, S. 166–174, Zitate S. 171, S. 173.
25.
Vgl. Bernd Mütter/Uwe Uffelmann (Hrsg.), Emotionen und historisches Lernen: Forschung – Vermittlung – Rezeption, Hannover 19963; Juliane Brauer/Martin Lücke (Hrsg.), Emotionen, Geschichte und historisches Lernen, Göttingen 2013.
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