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Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gil Yaron

Irdische Geschichte einer heiligen Stadt

Konstantinische Wende und islamisches Jerusalem

Globale Bedeutung erhielt Jerusalem wieder mit der "konstantinischen Wende", die dem Christentum den Weg bahnte. Kaiser Konstantins Toleranzedikt von Mailand im Jahr 313 und der Besuch der Kaisermutter Helena 326 etablierten das Christentum als dominante Religion der Stadt.[12] Konstantin verschönerte sie mit gewaltigen Bauprojekten, allen voran der Grabeskirche, eines der größten Bauwerke ihrer Zeit.[13] Genau wie Josiah den Tempelkult als identitätsstiftendes Element instrumentalisiert hatte, nutzte Konstantin den neuen Glauben, um sich an die Spitze einer neuen religiös-politischen Hierarchie zu stellen.

Dies bedeutete für Jerusalem einen Boom. Die nach Jerusalem verbannte oströmische Kaiserin Eudokia friedete die Stadt im 5. Jahrhundert mit einer neuen Mauer ein, und unter der Herrschaft des letzten Latein sprechenden Kaisers Justinian wurde sie im 6. Jahrhundert auch zu einem wichtigen religiösen Zentrum. Unter den vielen Gotteshäusern, die Justinian errichten ließ, war auch die Nea Kirche, die den Tempelberg überragen sollte. Jerusalem hatte zur Blütezeit der byzantinischen Herrschaft wohl 100.000 Einwohner. Im Umkreis von Kilometern entstanden Klöster und Dörfer auf terrassierten Hügeln, um jährlich Zehntausende Pilger zu ernähren. Doch Byzanz konnte Jerusalem auf Dauer nicht halten. In den Jahren 614 bis 629 eroberten die Sasaniden aus Persien die Stadt, brannten die Grabeskirche nieder, stahlen das heilige Kreuz und ließen dort kurzzeitig Juden herrschen.

Zwar eroberte der byzantinische Kaiser Herakleios die Stadt 629 erneut und brachte das heilige Kreuz zurück, doch sein Sieg war von kurzer Dauer. Schon bald überrollten die Muslime Asien, Afrika und Teile Europas. Jerusalem wurde 637 vom Kalifen Umar ibn al-Khattab erobert. Ein neues, islamisches Zeitalter hatte begonnen. Nach der Ermordung des dritten Kalifen, Uthman ibn Affan, wurde Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, zum Führer der Gläubigen. Eine Gruppe um den Gouverneur von Syrien und Ägypten, Muawiyah, forderte von Ali, Rache zu üben. Als der sich weigerte, rebellierte Muawiyah. 661 wurde Ali während des Morgengebets in einer Moschee in Kufa (heute Irak) ermordet. Muawiyah ergriff die Macht als Kalif. Er versammelte muslimische Adlige in Jerusalem, wo sie ihm die Treue schworen.

So wurde der Islam auf dem Tempelberg gespalten: Die Anhänger Alis glauben bis heute, dass nur seine Nachkommen Mohammed vertreten dürfen. Sie sind die "Partei Alis" – Schi’at Ali, oder kurz: Schiiten. Die Mehrheit der Muslime hingegen folgte der Partei Muawiyahs und ist heute als Sunniten bekannt. Muawiyah verwandelte Jerusalem in ein Zentrum seines Reiches, wohl auch, weil er aufgrund des innerislamischen Bürgerkriegs Mekka und Medina nicht beherrschte.[14]

Die Herrscher der von Muawiyah begründeten Umayyaden-Dynastie bauten die Stadt weiter aus. Auf dem Tempelberg entstanden zwei der wichtigsten Sakralbauten des Islam: Der Felsendom im Jahr 691 und die al-Aqsa-Moschee 717. Um dieselbe Zeit erwog Kalif Sulaiman gar, Jerusalem zu seiner Hauptstadt zu machen.[15] Mit der Machtübernahme der Abbasiden-Dynastie im Jahr 750 verlor Jerusalem jedoch wieder an Bedeutung. Ihre Kalifen verlegten ihre Hauptstadt nach Bagdad und schoben Mekka und Medina wieder in den Vordergrund. Ihre zentrale Rolle im Islam erhielt Jerusalem wohl erst infolge der Kreuzzüge.

Diese waren wohl, ähnlich wie der Kollaps der Bronzezeit, unter anderem eine Folge globalen Klimawandels. Während in Europa eine Wärmeperiode einsetzte, die ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum zur Folge hatte, litten der Nahe und Mittlere Osten unter Kälte- und Dürreperioden mit Hungerkatastrophen.[16] So fiel den Kreuzrittern die Eroberung Jerusalems 1099 verhältnismäßig leicht, war die muslimische Welt doch geschwächt und gespalten. Der Fall der Stadt schlug anfangs keine hohen Wellen. Zum Politikum wurde die Stadt erst ein halbes Jahrhundert später, als die Atabegs von Aleppo eine Landverbindung zu ihrem Teilreich in Ägypten schaffen wollten. Das Königreich der Kreuzritter war dabei ein strategisches Hindernis. Also erhoben sie die Befreiung von al-Quds zur religiösen Pflicht. Jerusalem wurde zum "Nabel der Welt".[17] Es blieb indes Saladin, dem Sultan von Ägypten und Syrien, vorbehalten, Jerusalem 1187 für die Muslime zurückzuerobern.[18]

Die Stadt fiel bald darauf in die Hände der Mamluken – Kriegssklaven, die von den Abbasiden aus Osteuropa oder Zentralasien verschleppt worden waren. Während Jerusalem unter dem Sultan Baibars zur politischen Peripherie wurde – 1267 lebten nur noch rund 2.000 Menschen dort, darunter 300 Christen und nur zwei Juden –, blieb die Stadt unter späteren Mamlukensultanen ein religiöses Zentrum, in dem prachtvolle Koranschulen, Bäder und Moscheen entstanden. Sie vergoldeten 1317 die Kuppel des Felsendoms und verschönerten das Areal mit Springbrunnen und Torbögen. Minarette sprossen in den Himmel. Trotz dieser Bauaktivität blieb die politische Bedeutung Jerusalems überschaubar. Die Stadt hatte wahrscheinlich kaum noch 10.000 Einwohner, und ihre wichtigste Einnahmequelle waren christliche Pilger, die manchmal für Lösegeld entführt wurden.[19]

Osmanisches Reich

Nach seinem Sieg über die Mamluken zog 1516 Sultan Selim I. in Jerusalem ein. Bis auf kurze Ausnahmen sollten die Osmanen Jerusalem 400 Jahre lang beherrschen. Sie machten die Stadt zur Bezirkshauptstadt. Vier Jahre später, ab 1520, prägte Sulaiman der Prächtige als neuer Sultan das heutige Stadtbild vor allem durch die Errichtung der Stadtmauer. Trotz derartiger Investitionen diente Palästina den Osmanen hauptsächlich als Korridor für den Hadsch, die islamische Pilgerfahrt, von Damaskus nach Mekka. So verwandelte die Stadt sich in das verlassene, heruntergekommene Bergdorf, das europäische Besucher im 19. Jahrhundert mit Abscheu beschrieben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten in ganz Palästina wohl kaum mehr als 250.000 Menschen. Jerusalem hatte laut einer Schätzung des englischen Malers William Turner 1815 nur 26.000 Einwohner.[20]

Der Einmarsch ägyptischer Truppen des ehemaligen osmanischen Vasallen Muhammad Ali 1831 gab den Startschuss für die Modernisierung Palästinas.[21] Die von Ali eingeführten Reformen modernisierten nicht nur das Militär und das Steuerwesen, sondern brachten auch europäische Experten und westliche Ideen in den Nahen Osten. Die Osmanen konnten Jerusalem nur dank britischer Hilfe 1839 zurückerobern; Alis Reformen konnten sie jedoch nicht in allen Fällen wieder rückgängig machen. So wurde Jerusalem nach Istanbul wahrscheinlich zur zweiten Stadt im Osmanischen Reich, in der Vertreter verschiedener Bevölkerungsgruppen in einem gewählten Stadtrat vertreten waren.

Die Einwanderung europäischer Missionare und die osmanische Landreform 1858 trugen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung des Landes und Jerusalems bei. Auch strömten immer mehr Pilger in das Land, nach 1870 an die 20.000 pro Jahr. Für sie wurde 1868 die Bergstraße nach Jaffa, der Hafenstadt Jerusalems, befestigt; 1892 zischte die erste Eisenbahn Asiens die Bergstrecke hinauf. Vor Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zählte der osmanische Zensus für Palästina 722.000 Einwohner, davon 83 Prozent Muslime, elf Prozent Christen und fünf Prozent Juden. In Jerusalem bildeten die Juden laut einem osmanischen Zensus 1905 mit 13.300 von insgesamt 32.400 Personen die größte Bevölkerungsgruppe.[22]

Fußnoten

12.
Vgl. James Carroll, Constantine’s Sword: The Church and the Jews, New York 2002.
13.
Vgl. Jürgen Krüger, Die Grabeskirche zu Jerusalem: Geschichte – Gestalt – Bedeutung, Regensburg 2000.
14.
Vgl. Simon Sebag Montefiore, Jerusalem: The Biography, London 2011.
15.
Vgl. ebd.
16.
Vgl. Ronnie Ellenblum, The Collapse of the Eastern Mediterranean: Climate Change and the Decline of the East, 950–1072, New York 2012.
17.
Zu der zentralen Rolle, die religiöse Propaganda in diesem Sinneswandel spielte, vgl. Ofer Livne-Kafri, On Jerusalem in Early Islam, in: Cathedra 51/1989, S. 35–66 (Hebräisch).
18.
Vgl. Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus Sicht der Araber, München 2003.
19.
Vgl. Yaron (Anm. 7), S. 155f.
20.
Vgl. Ruth Kark/Michal Oren-Nordheim, Jerusalem and Its Environs: Quarters, Neighborhoods, Villages, 1800–1948, Detroit 2001, S. 28.
21.
Vgl. Gudrun Krämer, Geschichte Palästinas, München 2015.
22.
Vgl. Usiel Oscar Schmelz, Population Characteristics of Jerusalem and Hebron Regions According to Ottoman Census of 1905, in: Gad G. Gilbar (Hrsg.), Ottoman Palestine, 1800–1914, Leiden 1990, S. 15–68, hier S. 35.
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