30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gil Yaron

Irdische Geschichte einer heiligen Stadt

Erster Weltkrieg und Mandatszeit

Der Sieg der Briten im Ersten Weltkrieg mit der Eroberung Palästinas 1917 legte den Grundstein für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Im Laufe des Krieges machte London vielerlei Versprechungen an potenzielle Verbündete, obschon diese sich gegenseitig widersprachen. Sir Henry McMahon, britischer Oberkommissar in Kairo, versprach dem Scharifen Hussein bin Ali, Anführer des späteren arabischen Aufstands, in einer Korrespondenz 1915/16 ein haschemitisches Königreich in "Groß-Syrien". Die Briten wollten eine Rebellion und bauten auf gute Beziehungen zum künftigen Herrscher Mekkas, um so Einfluss auf Millionen Muslime in der Kronkolonie Indien zu nehmen.

Zur selben Zeit arbeitete der britische Diplomat Mark Sykes einen Geheimvertrag mit den Franzosen aus. Gemeinsam mit François Georges-Picot, dem französischen Generalkonsul in Beirut, verfasste er 1916 das nach ihnen benannte Abkommen, das den Nahen Osten unter den Großmächten aufteilte. Ein Jahr später versprachen die Briten in der sogenannten Balfour-Deklaration der Zionistischen Weltorganisation die Errichtung einer "nationalen Heimstätte" in Palästina. Jenseits religiöser oder romantischer Beweggründe wollten sie so ein vermeintliches "Weltjudentum" und die machtvolle jüdische Lobby in den USA für sich gewinnen. Zudem versprach man sich von einem britischen Protektorat über ein jüdisches Palästina eine Machtbasis nahe dem Suezkanal. Indem die Briten Jerusalem sowohl den Arabern, als auch den Zionisten und zugleich sich selbst versprachen, verwandelten sie die verschlafene kleine Bergstadt in einen Brennpunkt internationaler Konflikte.[23]

Im Juni 1922 erhielten die Briten vom Völkerbund das Mandat für Palästina. Ihre Herrschaft und die Zuwanderung Hunderttausender zionistischer Juden, die die Fundamente für die Gründung eines unabhängigen Staates legten, bescherten dem Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das zog auch Zuwanderung aus dem arabischen Umland nach sich.[24]

Zwar war es schon bei der ersten jüdischen Einwanderungswelle 1882 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen, doch waren deren Hintergründe lokaler Natur gewesen. Mit dem britischen Mandat und dem ausdrücklichen Plan der Errichtung einer "nationalen Heimstätte" für die Juden wuchs jedoch der Unmut der arabischen Bevölkerung. So wurden 1920 bei den Unruhen während des alljährlichen Nabi-Musa-Festes fünf Juden und vier Araber getötet, zudem wurden 216 Juden und 23 Araber verletzt. Es war der erste Zusammenstoß der nationalen Befreiungsbewegungen von Juden und Palästinensern.

Angesichts der anhaltenden Einwanderung zionistischer Juden radikalisierte sich der palästinensische Widerstand. 1929 kam es erneut zu gewaltsamen Ausschreitungen, die sich – wie schon neun Jahre zuvor – am Gerücht entzündeten, die Juden wollten den Tempelberg an sich reißen. In den einwöchigen Unruhen wurden mindestens 133 Juden von Arabern getötet, zudem verloren 116 Araber ihr Leben, ein Großteil davon durch britische Polizisten. Die 800 Jahre alte jüdische Gemeinde von Hebron, eine der ältesten im Land, wurde ausgelöscht.[25] Nur sieben Jahre später rief der Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, zu einem Generalstreik auf. Dieser mündete bald in einen weiteren Aufstand gegen die Briten und die jüdische Einwanderung, der bis 1939 andauerte. Vor dem Hintergrund eines drohenden neuen Krieges gegen Nazi-Deutschland gingen die Briten mit äußerster Gewalt vor, um den Widerstand zu brechen. Insgesamt kamen in diesen Jahren Hunderte Briten und Juden und mehrere Tausend Araber ums Leben.[26]

Der Aufstand hatte letztlich drei Folgen: Erstens wurde die arabische Bevölkerung radikalisiert und ihre potenzielle Führungsschicht von den Briten erheblich geschwächt, was sich im ersten arabisch-israelischen Krieg zehn Jahre später verheerend auswirkte. Zweitens wurde die jüdische Einwanderung drastisch eingeschränkt, was die Zionisten gegen die Briten aufbrachte. Und drittens richteten die Briten die sogenannte Peel-Kommission ein. Diese schlug erstmals die Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vor und entwickelte die Idee, Jerusalem keiner der beiden Streitparteien zuzuschlagen, sondern für unbegrenzte Zeit einem britischen Mandat zu unterstellen. Die jüdische Seite sah die Vorschläge der Kommission als Verhandlungsbasis, die arabische Seite lehnte sie kategorisch ab.[27]

Staatsgründung und Kriege

Während des Zweiten Weltkrieges herrschte in Jerusalem gespannte Ruhe, doch nach der Kapitulation Deutschlands wurde ein Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern unvermeidlich. Juden drängten nach dem Holocaust aus Europa nach Palästina, die Araber wollten dies verhindern. Die Spannungen nahmen zu, die Lage wurde für London untragbar. Im November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen mit der Resolution 181 die Teilung Palästinas in zwei Staaten und erklärten Jerusalem zu einem "Corpus separatum". Die jüdische Führung akzeptierte den Plan, die arabische lehnte ihn ab. Großbritannien beendete sein Mandat am 14. Mai 1948, und Israel verkündete seine Unabhängigkeit.[28]

Daraufhin marschierten fünf arabische Staaten ein, um den jungen Staat auszulöschen, wurden aber zurückgeschlagen. Israel machte dabei bedeutende Gebietsgewinne und kontrollierte nun 78 Prozent des Mandatsgebiets. Einzig in Jerusalem eroberte die jordanische Legion den Ostteil der Stadt, darunter die Altstadt und den Ölberg. Die Juden verloren das jüdische Viertel in der Altstadt und den Zugang zur Klagemauer.[29] Die arabischen Verluste waren allerdings weitaus höher: Rund 700.000 Palästinenser verloren ihre Heimat, wurden entweder vertrieben oder flohen.[30] Jerusalem war nun für 20 Jahre eine entlang ethnischer Linien geteilte Stadt, durch die sich ein Todesstreifen zog. Israel stellte rasch klar, dass es Jerusalem als seine Hauptstadt betrachtete, und verlegte Parlament, Ministerien, den Sitz des Ministerpräsidenten, des Staatspräsidenten und des Obersten Gerichtshofes in den Westteil der Stadt. Bis zu Trumps Verkündung im Dezember 2017 wurde dies aber von keinem Staat der Welt anerkannt. Die Jordanier behandelten ihren Teil Jerusalems indes eher stiefmütterlich.

Im Juni 1967 griff Israel zum Präventivschlag, um einer ägyptischen Invasion zuvorzukommen.[31] Jordanien trat an Kairos Seite in den Krieg ein und eröffnete in Jerusalem eine zweite Front.[32] Innerhalb von sechs Tagen besiegte Israel mehrere arabische Armeen und eroberte die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland, den Gazastreifen und die Golanhöhen. Emotional am bedeutendsten war aber die Eroberung der Altstadt mit der Klagemauer.

Jerusalem wurde unter israelischer Herrschaft vereint, die Stadtgrenzen nur wenige Tage nach dem Krieg auf Kosten 28 umliegender Dörfer ausgedehnt. War Israel andernorts zu territorialen Kompromissen bereit – den Sinai räumte es für Frieden mit Ägypten, den Gazastreifen 2005 –, machte die Regierung in Jerusalem klar, dass die Stadt nie wieder geteilt werden würde. Der Ostteil wurde zwar erst 1980 förmlich annektiert, doch man begann sofort, Israelis jenseits der "grünen Linie", die die Waffenstillstandslinie zu Jordanien markiert hatte, massiv anzusiedeln, um die Mehrheit in der Stadt zu behalten.[33] Zugleich behinderten die Behörden das Wachstum der arabischen Bevölkerung mit bürokratischen Mitteln.[34] Erfolgreich war diese Strategie nicht: Stellten Palästinenser 1967 rund ein Viertel der Stadtbewohner, waren 2015 bereits 37 Prozent ihrer insgesamt 865.700 Einwohner arabisch.[35]

Kurz vor dem Sechstagekrieg wurde in Jerusalem die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) gegründet. Ursprünglich als Instrument ägyptischer Außenpolitik konzipiert, führte das Trauma der arabischen Niederlage zu einem Sinneswandel. Anfangs machte sie hauptsächlich als Terrororganisation auf sich aufmerksam. Dennoch wurde die PLO unter Yassir Arafats Führung in den 1970er Jahren von immer mehr Staaten als legitime Vertreterin der Palästinenser anerkannt. Dennoch konnte sie keine diplomatischen Fortschritte vorweisen und wurde 1982 im zweiten Libanonkrieg von Israel bis nach Tunis vertrieben. Die Palästinenser in den besetzten Gebieten begannen daraufhin 1987 die erste Intifada. Die ausufernde Gewalt verdeutlichte den Bewohnern Jerusalems, dass die Stadt geteilt bleiben würde: Juden mieden den arabischen Ostteil, Araber den jüdischen Westteil.

Gescheiterter Friedensprozess

Doch die Intifada bereitete auch dem Friedensprozess den Weg. Sie machte Israels Führung klar, dass sie die Besatzung eines Tages beenden muss, wenn sie Israels jüdischen und demokratischen Charakter erhalten möchte. Eine massive jüdische Einwanderungswelle aus der zusammengebrochenen Sowjetunion erzeugte zugleich bei der PLO Druck, eine ausgehandelte Lösung zu finden, bevor Israel zu stark wurde. Das Resultat war der Osloer Friedensprozess.[36] Israel und die PLO erkannten sich 1993 gegenseitig an[37] und nahmen Verhandlungen über eine Endstatuslösung auf. Dabei erwies sich Jerusalem als einer der größten Stolpersteine.

Nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin durch einen israelischen Extremisten im November 1995 führte der Kandidat des rechten Lagers, Benjamin Netanyahu, unter anderem mit der Drohung Wahlkampf, sein Kontrahent Shimon Peres werde Jerusalem teilen. Die Angst vor einer solchen Teilung, gekoppelt mit einer Reihe schwerer Attentate durch Palästinenser, entschied die Wahl schließlich zu Netanyahus Gunsten. Dieser legte daraufhin den Friedensprozess auf Eis.

Sein Nachfolger Ehud Barak versuchte im Jahr 2000, in Camp David eine Lösung mit Arafat auszuhandeln, was ihm jedoch nicht gelang. Wieder war Jerusalem, insbesondere der Tempelberg, das größte Hindernis. Als bekannt wurde, dass Barak über die Zukunft Jerusalems verhandeln wollte, zerbrach seine Regierung. Arafat selbst war zu keinerlei Zugeständnissen bereit und weigerte sich, jede jüdische Bindung an die Stadt anzuerkennen. Es folgten die zweite Intifada, eine andauernde Terrorkampagne und letztlich der komplette Zusammenbruch von Verhandlungen. Zahlreiche Attentate, vor allem in Jerusalem, führten bei Israels Premier Ariel Sharon schließlich zu der Überzeugung, dass ein Bollwerk gegen das Eindringen von Terroristen gebaut werden müsse. So entstand in Jerusalem eine Mauer.

Sharon erlitt 2006 eine Gehirnblutung, und Ehud Olmert übernahm sein Amt. Dieser belebte die Verhandlungen mit Mahmud Abbas, dem Nachfolger Arafats, und machte diesem 2008 das bislang weitreichendste Angebot: Die Räumung fast des kompletten Westjordanlands und eine Teilung Jerusalems, in deren Rahmen die Altstadt unter internationale Aufsicht kommen sollte. Abbas lehnte ab.[38] Kurz darauf trat Olmert wegen eines Korruptionsskandals zurück, Netanyahu gewann 2009 erneut die Wahlen. Unter ihm und Abbas endeten die Friedensgespräche.

Die Lage ist seither immer komplizierter geworden. Die palästinensische Gesellschaft ist scheinbar unwiderruflich gespalten,[39] seit 2006 herrscht die radikalislamische Hamas in Gaza. Sie lehnt jeden ausgehandelten Kompromiss mit Israel ab. Die Legitimität von Abbas Herrschaft ist fünf Jahre nach Ablauf seiner legalen Amtszeit indes mehr als fraglich.[40] Nur eine Konstante ist geblieben: Die Palästinenser fordern weiterhin den Ostteil der Stadt, einschließlich der Altstadt und des Tempelberges, als Hauptstadt für ihren Staat. Und Israels Regierungen unter Netanyahu bauen die jüdische Präsenz im Ostteil Jerusalems immer weiter aus. Eine Aufteilung der Stadt – und somit eine Einigung, die von beiden Seiten getragen wird – wird so immer unwahrscheinlicher.

Fußnoten

23.
Vgl. Yaron (Anm. 7), S. 172f.
24.
Vgl. Tom Segev, Es war einmal ein Palästina: Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, München 2005.
25.
Vgl. ebd.
26.
Zu den diversen Schätzungen vgl. Zionism and Israel Information Center, Encyclopedic Dictionary, Stichwort "Arab Revolt (in Palestine)", o.D., http://www.zionism-israel.com/dic/Arab_Revolt.htm«.
27.
Vgl. Segev (Anm. 24).
28.
Vgl. Friedrich Schreiber/Michael Wolffsohn, Nahost: Geschichte und Struktur des Konflikts, Opladen 19923.
29.
Vgl. Chaim Herzog, The Arab-Israeli Wars, New York 2005.
30.
Eine Liste mit den unterschiedlichen Schätzungen findet sich hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_estimates_of_the_Palestinian_Refugee_flight_of_1948«.
31.
Vgl. Michael B. Oren, Six Days of War: June 1967 and the Making of the Modern Middle East, New York 2003.
32.
Vgl. Tom Segev, 1967: Israels zweite Geburt, München 2007.
33.
Vgl. Menachem Klein, Jerusalem: The Contested City, London 2001.
34.
Vgl. Yaron (Anm. 7), S. 230ff.
35.
Vgl. Jerusalem Institute for Policy Research, Jerusalem – Facts and Trends 2017, Kap. 2: Population, Jerusalem 2017, http://en.jerusaleminstitute.org.il/.upload/publications/Jeruslaem%20Facts%20and%20Trends%20-%202.Population.pdf«.
36.
Vgl. Yaron (Anm. 7), S. 244.
37.
Es ist umstritten, ob die PLO Israels Existenzrecht tatsächlich anerkannt hat. Vgl. zu dieser Debatte Hussein Ibish, How Many Times Must the Palestinians Recognize Israel?, 13.3.2014, http://www.haaretz.com/1.5333475« (mit Paywall); Caroline Glick, Why Make Light of PLO Non-Recognition of Israel, 3.10.2014, http://carolineglick.com/why-make-light-of-plo-non-recognition-of-israel«; und seit Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen: Jeremy B. White, Palestinian Leaders Call on PLO to Suspend Recognition of Israel in Latest Fallout from Trump Jerusalem Decision, 15.1.2018, http://www.independent.co.uk/a8161006.html«.
38.
Vgl. Josef Federman, Abbas Admits He Rejected 2008 Peace Offer from Olmert, 19.11.2015, http://www.timesofisrael.com/abbas-admits-he-rejected-2008-peace-offer-from-olmert«.
39.
Vgl. Gil Yaron, Hopes for Palestinian Unity Delayed, 3.12.2017, http://www.straitstimes.com/world/middle-east/hopes-for-palestinian-unity-delayed«.
40.
Vgl. ders., Wie Mahmud Abbas zum Autokraten mutiert, 30.11.2016, http://www.welt.de/article159850628«.
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