Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gad Lior

Hauptstadt Jerusalem. Eine israelische Perspektive - Essay

Vereint und doch geteilt

Vier Jahre nach jenem unvergesslichen Shabbatspaziergang mit meinem Vater erlebte ich ein weiteres Ereignis, das auf immer mit der Geschichte Jerusalems verbunden sein wird. Es geschah am Morgen des 5. Juni 1967. Ich verließ wie jeden Morgen unser Haus im Viertel Rehavia und machte mich auf zur Ma’ale-Schule, die ich besuchte. Ich war damals vierzehn und in der achten Klasse. Gerade, als ich die Schule erreicht hatte, ertönte Luftalarm, und überall in der Stadt explodierten Granaten. Viele Schüler brachen verängstigt in Tränen aus.

Mit meinen Klassenkameraden zählte ich zu den ältesten Schülern der Mittelschule. Der Schuldirektor kam in unsere Klasse und erklärte, es sei Krieg. Jeder der "großen" Schüler solle zwei Sechs- oder Siebenjährige aus den unteren Klassen nach Hause begleiten. Ich nahm also zwei Kinder, die nicht weit vom Haus meiner Familie wohnten, an die Hand. Dann rannten wir, ich erinnere mich noch genau, durch die Straßen, während im Hintergrund immer wieder Schüsse ertönten. Ich brachte die "Kleinen", die in der Bezalel und der Shmuel HaNagid wohnten, nach Hause und rannte dann atemlos zu uns in die Narkis-Straße.

Als ich etwa zwanzig, dreißig Meter vor unserem Haus angelangt war, sah ich den großen Krater in der Mitte der Straße. Eine Granate war genau vor dem Haus niedergegangen und hatte mit ihren Schrapnells auch unsere Wohnung getroffen. Glücklicherweise war niemand aus meiner Familie zuhause gewesen. Meine Mutter und meine Schwester traf ich schließlich, aufgelöst vor Sorge um mein Wohl, im Luftschutzkeller des Hauses in Rehavia, zusammen mit allen Nachbarn.

Als dieser kurze Krieg, der in Jerusalem drei Tage dauerte und im ganzen Land sechs, beendet war, hatte Israel den gesamten Ostteil der Stadt erobert. Seit dem Juni 1967 ist das vereinte Jerusalem Israels Hauptstadt, eine Hauptstadt, die von den allermeisten Staaten der Welt bis heute nicht anerkannt wird, obgleich bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts eine ganze Reihe von Botschaften ihren Sitz dort hatte.

Es besteht einige Ähnlichkeit zwischen Berlin, der Stadt, aus der meine Eltern 1939 flohen, und Jerusalem, der Stadt, in der ich wie meine Schwester geboren wurde und in der ich seit 65 Jahren lebe. Berlin wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in zwei Teile gerissen. Und 1961 wurde – genau wie in ihrer "Schwester" Jerusalem – im Herzen der Stadt eine hohe Mauer errichtet, gesäumt von "Niemandsland". Bis zur Überwindung der Teilung Berlins im November 1989 sollten 28 Jahre vergehen, während Jerusalem nur 19 Jahre geteilt blieb.

Stellenwert in den Schriften

Ich liebe Jerusalem. Für meinen Geschmack und nach Meinung vieler ist sie eine der schönsten und außergewöhnlichsten Städte auf der Welt, ganz sicher aber die frommste von allen. Im babylonischen Talmud heißt es: "Zehn Maß Schönheit kamen auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun Maß, die übrige Welt eins. Du findest keine Schönheit, welche der Jerusalems vergleichbar ist." Kein Zweifel, es sind die Heiligkeit dieser Stadt und ihre besondere Schönheit, derentwegen beide Völker ihre Hauptstadt dort haben wollen. Doch während Jerusalem im Tanach, der hebräischen Bibel, mit den unterschiedlichsten Namen nicht weniger als siebenhundert Mal erwähnt wird, findet sich die Stadt im Koran nicht ein einziges Mal namentlich genannt.

Ich bin vermutlich der einzige jüdische Israeli, der es jemals bis vor die Tore der heiligen Stadt Mekka in Saudi Arabien geschafft hat. Es war 1993, als ich in geheimer und inoffizieller journalistischer Mission für die Tageszeitung "Yedioth Ahronoth", deren Redaktion in Jerusalem ich seit 24 Jahren leite, dorthin flog. Dazu schloss ich mich der Entourage des damaligen deutschen Außenministers Klaus Kinkel an. Und als ich so an einer der Zufahrtsstraßen nach Mekka stand, wo nur Muslimen der Zugang erlaubt ist, und mich – unter meiner falschen Identität als deutscher Journalist – mit einigen strenggläubigen Muslimen unterhielt, verkündeten sie allesamt und ohne Ausnahme, Mekka und Medina seien die heiligsten Städte der Muslime. Jerusalem nahm keinen Spitzenplatz auf dieser Liste ein.

Insgesamt 72 verschiedene Namen werden Jerusalem im Tanach zugeschrieben: Jerusalem, Efrata, Ariel, Armon, Bamot, Bashan, Hügel der Boswellia, Gola, Gilad, Garten Gottes, Hoher Berg, Berg der Myrrhe, Berg Moed, Berg der Heiligkeit, Berg der Höhe Israels, Chefziba, Nabel des Landes, Jebus, Yafe Nof, Braut, Vollkommene Schönheit, Stuhl Gottes, Turm der Herde, Moriah, Ruhe, Feste, Heiligtümer, Freude des ganzen Landes, Erbteil, Stadt Davids, Eden, Stadt Gottes, nimmer verlassene Stadt, Zion, Stadt des großen Königs, Große unter den Völkern, Rachel und Shalem, um nur einige zu nennen.

Zurzeit, wenige Monate nach der für heftige Kontroversen sorgenden Erklärung des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem sei die Hauptstadt Israels, und da alle Kontakte zwischen Israelis und Palästinensern im Bemühen um einen Frieden in der Region festgefahren sind, hat es den Anschein, als sei der Status von Jerusalem das Hauptproblem für jeden Friedensschluss. Soll Jerusalem nur die Hauptstadt des jüdischen Volkes sein? Oder eine zwischen beiden Völkern geteilte Hauptstadt? Die Möglichkeit, Jerusalem könnte allein zur Hauptstadt Palästinas werden, existiert nicht.

Jerusalem wird, wie gesagt, im Koran nicht ein einziges Mal erwähnt. Auch in jenen Jahren, als Israel noch nicht die Kontrolle über den Ostteil der Stadt hatte, wurde dieser nicht zur Hauptstadt des palästinensischen Volkes erklärt. Aus einem einfachen Grund: Die Existenz eines palästinensischen Volkes wurde zum damaligen Zeitpunkt noch nicht propagiert, obschon Muslime seit der Gründung des Islam im Jahre 632 durch den Propheten Muhammad ibn Abdallah (Mohammed) im Lande Israel gelebt hatten.

Juden gab es in Jerusalem jedoch bereits im ersten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung. Die Stadt wurde damals zur Hauptstadt des vereinigten Königreiches Israel und später zu der des Königreiches Juda. Seitdem hat die Stadt viele Herren und Namen erlebt – so wurde sie unter den Römern in Aelia Capitolina umbenannt, war danach erst eine byzantinische und dann eine muslimische Stadt, wanderte durch die Hände der Kreuzfahrer, der Mamluken und Osmanen und stand nach dem Ersten Weltkrieg unter britischem Mandat. 1948 wurde der Westteil der Stadt durch die Juden zur Hauptstadt des Staates Israel erklärt, während der Ostteil eine jordanische Stadt wurde. Und seit 1967 ist Jerusalem wieder unter jüdisch-israelischer Vorherrschaft vereint.

Im Tanach wird die Eroberung Jerusalems durch König David im ersten Buch der Chronik geschildert: "Und David und ganz Israel zogen hin nach Jerusalem, das ist Jebus; denn die Jebusiter wohnten dort im Lande. Und die Bürger von Jebus sprachen zu David: Du wirst nicht hereinkommen. David aber eroberte die Burg Zion, das ist Davids Stadt. Und David sprach: Wer die Jebusiter zuerst schlägt, der soll Hauptmann und Oberster sein. Da stieg Joab, der Sohn des Zeruja, zuerst hinauf und wurde Hauptmann. David aber wohnte auf der Burg, daher nennt man sie ‚Stadt Davids‘. Und er baute die Stadt ringsum, vom Milo an rundumher. Joab aber stellte die übrige Stadt wieder her. Und David nahm immer mehr zu an Macht, und der HERR Zebaoth war mit ihm."

Der jüdischen Tradition zufolge bestand der erste oder salomonische Tempel rund vierhundert Jahre lang, bis er im Spätsommer des Jahres 586 v. Chr. durch den Feldherrn des babylonischen Königs Nebukadnezar II. bei der Eroberung Jerusalems gänzlich zerstört wurde. Die nachfolgenden gut sechshundert Jahre gelten als historische Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes und des Landes Israel, die als Zeit des zweiten Tempels bezeichnet wird. Jerusalem war Hauptstadt Judäas. Das wichtigste Bauwerk in Jerusalem in jener Epoche war der Tempel, und die Juden waren die bei Weitem dominanteste ethnisch-religiöse Gruppe in der Stadt. Jerusalem war das Zentrum des religiösen Lebens aller Juden, auch jener, die im Exil lebten, die ihre Hoffnungen mit der Stadt verbanden und dorthin pilgerten. Im Sommer des Jahres 70, am 9. des Monats Av, eroberte Titus den Tempelberg, steckte das Heiligtum in Brand und legte die gesamte Stadt in Schutt und Asche.

Mit Verkündigung des Christentums als offizielle römische Religion durch Kaiser Konstantin wurde Jerusalem im Jahre 313 auch für Christen zu einer heiligen Stadt, in der fortan viele Kirchenbauten errichtet wurden. Erst 638 wurde Jerusalem nach zweijähriger Belagerung durch die Muslime erobert und vom Patriarchen Sophronius an den Kalifen Umar ibn al-Khattab persönlich übergeben. Nach Einnahme der Stadt wurde der sogenannte Umariyya-Vertrag unterzeichnet, in dem im Gegenzug für die Kapitulation allen Bewohnern Jerusalems Unversehrtheit und Schutz zugesichert und den Juden gestattet wurde, in die Stadt zurückzukehren, in der ihre Vorväter schon eintausend Jahre zuvor gelebt hatten. Der Tempelberg und die Klagemauer, die in den Tagen der christlichen Herrschaft unter Unrat und Geröll begraben gelegen hatten, wurden freigelegt und gereinigt.

Dieser kursorische historische Abriss mag dazu dienen, klarzumachen und zu beweisen, was die meisten Israelis heute sagen: Jerusalem ist seit alters her eine Stadt, in der Juden gelebt haben, und in bestimmten Epochen war sie zudem die Hauptstadt des jüdischen Volkes, da der Tempel über der Stadt thronte, der erst in Brand gesteckt und dann neu errichtet wurde, ehe er abermals angezündet wurde und den Flammen zum Opfer fiel. Seine Überreste jedoch bestehen bis heute fort.

Warum also wird überhaupt eine Kontroverse darum geführt, welchem Volk dieses schöne und außergewöhnliche Jerusalem Hauptstadt ist?

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Autor: Gad Lior für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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