Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gad Lior

Hauptstadt Jerusalem. Eine israelische Perspektive - Essay

Die Hauptstadtfrage

Ich bin als jüdischer Israeli, wie sehr viele meiner Landsleute, selbstverständlich der Meinung, dass Jerusalem auf immer die Hauptstadt des jüdischen Volkes und des Staates Israel sein wird. Doch andererseits fällt es schwer, die Tatsache zu ignorieren, dass in dieser Stadt seit nunmehr 1.400 Jahren auch Muslime leben und dass heutzutage rund ein Drittel ihrer 900.000 Einwohnerinnen und Einwohner keine Juden sind.

Ist es also vorstellbar, die Stadt von neuem zu teilen? Die Antwort eines jeden Israelis, ganz gleich ob politisch links oder rechts stehend, lautet unisono: entschieden nein! Und doch gibt es nicht wenige Israelis, die zu einem Kompromiss bereit wären, der vielleicht so aussehen könnte, dass es einen jüdischen Bürgermeister für den Westteil und einen arabischen für den Ostteil der Stadt gibt.

Ich habe in letzter Zeit palästinensische Freunde, darunter etliche Journalistenkollegen, gefragt, ob die Möglichkeit besteht, dass die Palästinenser im Rahmen eines Friedensabkommens Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen. Ihre durchgehende Antwort lautete: Nein, wenn nicht zugleich ein Teil von Jerusalem als Hauptstadt Palästinas anerkannt wird. Im Gegenzug und aus Anlass dieses Aufsatzes habe ich die Umkehrfrage auch Israelis gestellt: Wäret ihr bereit, dass ein Teil von Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas wird? Und ich war einigermaßen überrascht von der Einheitlichkeit der Antworten. Eine absolut ablehnende Haltung gab es nicht, doch die Israelis, die seit siebzig Jahren sehnsüchtig auf Frieden und ein Ende des Konfliktes in der Region hoffen, verbanden – und zwar ausnahmslos alle – die Erhebung der arabischen Viertel in Ost-Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas mit der Bedingung, dass nicht nur ein echter und endgültiger Friedensvertrag zwischen Israel und Palästina unterzeichnet werden müsste, sondern vor allem mit der Auflage, dass die Stadt vereint bleibt und die Gesetze des israelischen Staates für alle Teile Gültigkeit behalten. Anderenfalls werde hier das schiere Chaos ausbrechen.

Die Juden haben nur einen einzigen Staat auf der Welt – Israel. Die Muslime dagegen haben 22 Staaten. Die Juden haben nur eine einzige heilige Stadt, die Muslime aber deren drei, zählt man neben Mekka und Medina auch Jerusalem hinzu. Und Juden lebten in Jerusalem über 1.600 Jahre, bevor der Islam das Licht der Welt erblickte. All jene Staaten, die sich seit Jahren und Jahrzehnten weigern, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates Israel anzuerkennen, existierten noch nicht einmal, als Jerusalem vor mehr als 3.300 Jahren bereits das Zentrum des jüdischen Landes war. Und die Hauptstädte dieser heutigen Staaten waren damals Sumpfland, Wälder und unbehauste Berge.

Verwahren sich zum Beispiel Länder wie Frankreich, in denen es heute eine große muslimische Minderheit gibt, dagegen, Jerusalem zur Hauptstadt des jüdischen Volkes zu erklären, nur aus Furcht vor den Muslimen im eigenen Land oder weil es heute – nachdem sechs Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden – nur mehr etwa 15 Millionen Juden auf der Welt gibt, während gleichzeitig jeder vierte Mensch auf der Welt Muslim ist?

Interessant ist auch, dass die Forderung, Jerusalem zur Hauptstadt einer muslimischen Gemeinschaft oder eines Staates zu machen – Jordanien eingeschlossen, das immerhin fast zwanzig Jahre dort herrschte –, lange gar nicht aufkam. Erst als 1968 die Palästinensische Befreiungsorganisation durch Jassir Arafat gegründet wurde, verkündete er sogleich, Jerusalem müsse die Hauptstadt des palästinensischen Volkes werden.

Nur Alles oder Nichts möglich?

Die Juden werden niemals die Absicht verfolgen, in Jerusalem die Religionsausübung, welcher Glaubensgemeinschaft auch immer, einzuschränken. In der Stadt sind Hunderte von Kirchen, Moscheen und annähernd zweitausend Synagogen. Die freie Ausübung ihrer Religion ist allen, auch den kleinsten Glaubensgemeinschaften gestattet, seien es Baptisten, Katholiken, Sunniten, Schiiten, die Bratslaver Chassidim oder die Anhänger des Rabbis aus Gur. Die große Befürchtung vieler Israelis ist: Sollte auch nur ein Teil von Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas werden, wäre es mit der Religionsfreiheit dort vorbei.

So ist es Juden etwa untersagt, zu Synagogen oder Heiligengräbern im Westjordanland zu gelangen. Um das Josephsgrab in Nablus zu besuchen, müssen zahlreiche Soldaten die jüdischen Betenden begleiten, da stets befürchtet werden muss, dass ihnen dort etwas angetan wird. Ja, nach 1948 hatten die Muslime sogar sämtliche Synagogen in der Altstadt von Jerusalem zerstört und den jüdischen Friedhof auf dem Ölberg verwüstet. Beispiele wie diese genügen, um die überwiegende Mehrheit aller Juden in Israel davon zu überzeugen, dass man den Palästinensern keine wie auch immer geartete Kontrolle über Teile von Jerusalem ermöglichen sollte.

Es spricht vieles dafür, dass Jerusalem bislang das Hauptproblem auf dem Weg zu einem Frieden im Nahen Osten war und auch künftig sein wird. Die Frage der palästinensischen Flüchtlinge von 1948 und ihrer Nachkommen oder die des Grenzverlaufs von 1967 lassen sich eher lösen. Sicher wird ein Kompromiss gefunden werden, wie viele Flüchtlinge, wenn überhaupt, zurückkehren dürfen, und wie weit sich Israel aus dem Westjordanland wird zurückziehen müssen. Demgegenüber scheint sich eine Lösung in Bezug auf die Frage der Kontrolle und den Status von Jerusalem als Hauptstadt nicht in Form eines Kompromisses finden zu lassen. Daher wird diese Frage bei allen künftigen Friedensgesprächen der letzte zu lösende Punkt auf der Tagesordnung bleiben.

Ausklang

Man erzählt sich, Herschele Ostropolier – ein frommer jüdischer Till Eulenspiegel, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Ukraine lebte und Held zahlloser erfundener Anekdoten ist – sei einmal mit knurrendem Magen in eine Herberge gekommen. In der Tasche hatte er nicht einen roten Heller mehr. Doch wohlgemut wandte sich Herschele an den Herbergsvater und bat um ein Abendessen. Der Wirt, der sah, mit wem er es zu tun hatte, erwiderte: "Leider ist uns für heute alles Essen ausgegangen." Herschele, der ein bisschen heruntergekommen und seltsam wirkte, begann, gereizt auf und ab zu gehen und dabei wütend zu brummen: "Wenn ich nicht auf der Stelle ein Abendessen bekomme – bin ich genötigt zu tun, was mein Vater seinerzeit tat." Dies wiederholte er mehrere Male, und seine Miene wurde zusehends finsterer, seine Augen sprühten mit jedem Schritt Funken. Der Wirt erschrak und bekam es mit der Angst zu tun, was der ungebetene Gast wohl anstellen würde. Schnell lud er ihn ein, an einem gedeckten Tisch Platz zu nehmen, und wünschte guten Appetit.

Nachdem Herschele seinen Hunger gestillt hatte und wieder freundlich dreinschaute, wagte der Herbergsvater zu fragen: "Und, was hat Ihr Herr Vater getan, wenn man ihm kein Abendessen gewährte?" "Mein Herr Vater", sagte Herschele, "pflegte in solchen Fällen ins Bett zu gehen und mit leerem Magen einzuschlafen …"

Beide Seiten – Israelis wie Palästinenser – drohen jedes Mal aufs Neue, ohne den eigenen Herrschaftsanspruch und eine Proklamation Jerusalems als die ihrige Hauptstadt werde es im Nahen Osten bitter und böse enden. Doch vielleicht sollten die Verantwortlichen beider Seiten tatsächlich einmal mit leerem Magen schlafen gehen und intensiv über eine kreative Lösung für die Zukunft dieser festgefügten Stadt, des unteilbaren Jerusalems, nachdenken.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Markus Lemke, Hamburg.

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Autor: Gad Lior für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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