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Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Inge Günther

Munizipale Realitäten: Wer hat das Sagen in Jerusalem?

Streit um den Tempelberg

Im hebräischen Namen für Jerusalem – Yerushalayim – steckt zwar das Wort Frieden, shalom, was als göttliche Verheißung verstanden wird, und auch im arabischen Namen al-Quds, wörtlich übersetzt mit "die Heilige", spiegelt sich der religiöse Charakter der Stadt wider. Doch gerade die heiligen Stätten geraten immer wieder in den Brennpunkt des Konfliktes zwischen Juden und Muslimen. Nichts hat so oft für politischen Zündstoff, für Gewaltausbrüche und harte Konfrontationen gesorgt, wie der Streit um jenes Areal in der Altstadt, auf dem zu biblischen Zeiten ein jüdischer Tempel stand, aber wo sich heute seit 1300 Jahren Felsendom und al-Aqsa-Moschee befinden. Erinnert sei nur an die Zweite Intifada ab September 2000, die geprägt war von Selbstmordattentaten und Militäroffensiven, die nahezu 1.000 Israelis und 3.000 Palästinenser das Leben kosteten. Der Auslöser war eine Visite des damaligen israelischen Oppositionschefs Ariel Sharon, der mit massivem Begleittross den Tempelberg besucht hatte.

Auf diesem Felsplateau, von dem aus Prophet Mohammed seine nächtliche Himmelsreise angetreten haben soll, genießen muslimische Gläubige religiöse Vorrechte. Aus Respekt vor ihrem drittwichtigsten Heiligtum nach Mekka und Medina hatte der israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan nach dem Sechstagekrieg 1967 der islamischen Waqf-Behörde zugestanden, das Moscheegelände, genannt Haram al-Sharif ("erhabenes Heiligtum"), weiter zu verwalten. Nicht-Muslimen sind zwar Besuche erlaubt, aber keine Gottesdienste oder Gebete. Das Oberrabbinat untersagt frommen Juden sogar grundsätzlich ein Betreten des Tempelberges. Da niemand genau wisse, wo einst das Allerheiligste mit der Bundeslade und den auf Steintafeln eingravierten zehn Geboten lag, wäre es ein Frevel, auf diese göttliche Stelle versehentlich einen Fuß zu setzen. Dieses Verbot hat die Ultraorthodoxie 2013 erneut bekräftigt. Die heiligste Stätte des Judentums ist daher die Kotel, die westliche äußere Mauer des Tempelplateaus, die von dem im Jahr 70 zerstörten Herodes-Tempel erhalten blieb. Der Platz vor der "Klagemauer" ist einer Synagoge gleichgestellt, in der Juden beten oder Bar-Mitzvah-Feiern ausrichten.

Dieses Arrangement gilt seit 1967 als der "Status quo" Jerusalems, der anlässlich des Friedensvertrages von 1994 zwischen Israel und Jordanien noch einmal bekräftigt wurde. Als oberster Hüter des Moscheegeländes fungiert nominell der Haschemitische König. Für die Sicherheit sind indes die Israelis zuständig. Die näheren Details sind nicht schriftlich fixiert und daher Auslegungssache. Zehn der elf offenen, jahrhundertealten Tore zum Moscheegelände kontrollieren die Waqf-Wächter, die penibel darauf achten, dass nur Muslime passieren. Aber an vielen Ecken der Altstadt stehen israelische Einsatzkräfte bereit, um gegebenenfalls einzugreifen. Zudem öffnet Israel seit 2003 wochentags für vier Stunden einen Zugang für Tempelberg-Touristen. Bis zur Zweiten Intifada ab Herbst 2000 verfügte die Waqf-Behörde noch allein über die Ausgabe der Besuchertickets.

Eintrittsrechte und Sicherheitsfragen bieten immer wieder Konfliktstoff, etwa wenn Israel mit Verweis auf die Sicherheitslage Altersbeschränkungen für die Teilnahme am Freitagsgebet in der al-Aqsa-Moschee festsetzt. Wie weit die Wahrnehmung beider Seiten auseinanderklafft, zeigt exemplarisch der Streit um die Metalldetektoren, die Netanyahu im Juli 2017 nach einem tödlichen Schusswaffenangriff auf zwei Polizisten an den Zugängen zum Tempelberg aufstellen ließ. Aus Protest rief der Mufti zum Boykott von al-Aqsa auf, woraufhin Tausende Ost-Jerusalemer sich zu Sitzstreiks und Massengebeten außerhalb der Altstadt versammelten. "Was für Israelis nichts weiter als eine übliche Sicherungsmaßnahme ist, wird von Palästinensern als Expansion israelischer Kontrolle über das (Moschee-)Gelände und Abweichung vom Status quo gesehen", konstatierte die Bürgerrechtsgruppe Ir Amim.[19] Schließlich ordnete der Premierminister auf jordanischen Druck hin den Abbau der Detektoren an.

Netanyahu selbst hat zwar vielfach betont, den Status quo zu respektieren, aber genau diesen stellen jüdische Nationalisten infrage. Ihr Fernziel ist der Wiederaufbau des Tempels, was erheblich zu den Spannungen zwischen den Religionen beiträgt. Früher galten die Tempelberg-Getreuen in Israel als "exotische Spinner". Inzwischen haben ihre Verfechter Anhänger bis in die Regierungspartei Likud hinein. Ihr gehört zum Beispiel auch der Knesset-Abgeordnete Yehuda Glick an, der prominenteste Vorstreiter der Tempelberg-Bewegung. Jahrelang führte der in New York geborene Rabbi nationalreligiöse Juden persönlich auf den Haram al-Sharif, um dort in einem von ihm propagierten "Akt des zivilen Ungehorsams" zu beten – in muslimischen Augen eine Provokation. Nachdem Glick im Oktober 2014 das Attentat eines fanatisierten Arabers aus Ost-Jerusalem, der ihn mit vier Kugeln niederschoss, nur knapp überlebte, hat er seine Aktivitäten ins Parlament verlegt. Auf Weisung des Regierungschefs musste er zunächst zwar wie alle Minister und Abgeordneten zwei Jahre lang von Besuchen auf dem Tempelberg Abstand nehmen. Doch Glicks Anhänger pilgern weiter zum Tempelberg, begleitet von israelischer Polizei und argwöhnischem Waqf-Personal, die vereint aufpassen, dass keine unerlaubten religiösen Zeremonien begangen werden.

Zum "Ritual" gehören ebenso islamische Frauengruppen, Murabitat genannt, die ganze Tage auf dem Moscheeplateau verbringen, um nach Leibeskräften "Allahu Akbar" zu skandieren, sobald jüdische Siedler und andere Nationalreligiöse in Sicht sind. Israel verbietet den Palästinensern in Jerusalem zwar politische Aktivitäten. Doch der Tempelberg alias Haram al-Sharif ist ihre letzte Trumpfkarte. Der Ruf al-Aqsa sei in Gefahr, kann die gesamte arabische und islamische Welt alarmieren. Und das kann auch Israel unter Druck bringen. Gerade weil es das Sagen in Jerusalem hat.

Fußnoten

19.
Vgl. Ir Amim, Everything You Need to Know About Tensions at Jerusalem’s Holiest Site, 20.7.2017, http://www.972mag.com/everything-you-need-to-know-about-tensions-at-jerusalems-holiest-site/128799«.
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