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Street of Prophets

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6.4.2018 | Von:
Joseph Croitoru

Ausgrabungen als Politikum. Biblische Archäologie und das Davidsstadt-Projekt

Umstrittener Museumsplan

Elad sieht sich durch solche Erfolge immer weiter gestärkt und plant, im palästinensischen Silwan direkt am Fuß des Tempelberges ein monumentales Archäologiemuseum zu errichten. Das Areal, auf dem es stehen soll, wurde lange als Parkfläche (Givati-Parkplatz) benutzt. Zwischen 2007 und 2012 gab es dort Ausgrabungen, bei denen israelische Archäologen vor allem auf Reste aus byzantinischer, römischer und frühislamischer Zeit stießen. Aus Letzterer stammt auch eine Tonscherbe mit dem Bruchstück einer hebräischen Inschrift, die nicht rekonstruiert werden und deshalb auch nicht die Theorie bestätigen konnte, dass unter der Herrschaft des Kalifen Umar ibn al-Khattab im 7. Jahrhundert in dieser Gegend Juden siedelten. Auch für die Annahme, ein Schacht aus römischer Zeit könnte jüdischen Rebellen als Versteck gedient haben, fehlt der Beweis. Unklarer Herkunft sind außerdem Baureste aus der Eisenzeit, die somit ebenfalls nicht als jüdisch klassifiziert werden können.

Wie diese Funde in dem geplanten Museum, das auch als Besucherzentrum und Verwaltungsgebäude für den Davidsstadt-Park fungieren soll, präsentiert werden, hatte die Elad-Stiftung in ihrem Entwurf nicht präzisiert. Nicht nur deshalb wurde der Plan schon kurz nach seiner Bekanntmachung Anfang 2014 von mehreren israelischen und israelisch-palästinensischen Bürgerinitiativen heftig kritisiert.[7] Beanstandet wurde auch, dass das Bauprojekt gegen eine ganze Reihe städtebaulicher Regeln verstoße. So würde der monumentale Museumsbau durch seine Größe und seinen Standort – nur 20 Meter von der Altstadtmauer entfernt – das Jerusalemer Stadtbild massiv verändern. Die Kritiker befürchten, dass dadurch das architektonische Erbe der Stadt Schaden nehmen könnte. Außerdem berge die Platzierung direkt vor dem muslimischen Teil des Tempelberges politischen Zündstoff, weil sie als bewusste Provokation verstanden werden könnte.

Darüber hinaus wurde moniert, dass die palästinensischen Bewohner von Silwan zu keinem Zeitpunkt in die Planung einbezogen wurden. Dabei benötigten gerade sie, wo ihnen die Jerusalemer Stadtverwaltung kaum Baugenehmigungen erteile, viel dringender die Mittel und die Erlaubnis, längst überfällige Bildungs- und Sozialeinrichtungen zu bauen. Aus palästinensischer Sicht ist das Bauvorhaben untrennbarer Teil der expansiven israelischen Siedlungspolitik in Ost-Jerusalem, die darauf ziele, auf Kosten der Palästinenser vollendete Tatsachen zu schaffen.[8]

Trotz der Proteste wurde der Museumsplan im April 2014 genehmigt, wogegen die Jerusalemer NGO Emek Shaveh und eine Gruppe von Archäologen beim zuständigen nationalen Städtebauausschuss Einspruch erhoben. Dieser führte dazu, dass Elad ein Jahr später aufgefordert wurde, die eingereichten Entwürfe zu ändern: Der Bau dürfe, hieß es nun, statt sieben nur sechs Stockwerke haben. Doch zu einer Korrektur kam es nicht. Anfang 2016 griff schließlich das israelische Justizministerium, das seit 2015 von Ayelet Shaked von der Siedlerpartei HaBajit haJehudi ("Das jüdische Heim") geleitet wird, in das Genehmigungsverfahren ein: Es forderte den nationalen Städtebauausschuss auf, über die Entwurfsänderung erneut abzustimmen, was im März 2016 geschah und damit endete, dass der Beschluss zur Korrektur des Plans revidiert wurde.[9] Die darauf folgende öffentliche Kritik am Entscheidungsprozess des Städtebauausschusses bewirkte aber nichts: Im Juli 2017 wurde Elad offiziell die Baugenehmigung nach dem ursprünglichen Plan erteilt.[10]

Weitere Projekte

Seitdem konnte die Elad-Stiftung weitere, für die archäologische Landschaft der Stadt möglicherweise folgenreiche Erfolge für sich verbuchen. So wurde ihr nach einem langen Rechtsstreit und trotz öffentlicher Proteste im November 2017 das Recht eingeräumt, ihre Aktivitäten auch auf die an der Südwestecke des Tempelberges gelegene archäologische Stätte "Davidson-Park" auszuweiten. Hier sind derzeit hauptsächlich Funde aus herodianischer Zeit zu besichtigen, aber auch solche aus der byzantinischen und der islamischen Epoche. Präsentation und Vermittlung sind dort weit neutraler als in der nationalistisch ausgerichteten Davidsstadt-Anlage. Kritiker befürchten aber, dass das nicht mehr lange so bleiben wird, wenn Elad diese Stätte wie vorgesehen ab Sommer 2018 betreibt.[11]

Im Frühjahr 2017 hat Elad mit dem "Mikwe-Weg" – er liegt östlich des Davidson-Parks im sogenannten Ophel an der Außenseite der Stadtmauer direkt unterhalb der al-Aqsa-Moschee – ein weiteres ihrer umstrittenen touristisch ausgerichteten Archäologieprojekte für Besucher geöffnet. Die Anlage besteht aus einem System von Brücken und Treppengängen, und der Rundgang führt über freigelegte antike Wasserbecken, die als jüdische Ritualbäder präsentiert werden. Der Mikwe-Weg beginnt nahe dem Ort, wo künftig das umstrittene Archäologiemuseum stehen soll, und endet bei der antiken Treppe, über die man nach Ansicht mancher Forscher einst zum herodianischen Tempel gelangte. Gegner des Projekts beanstanden, dass bei der Präsentation der Funde die Überreste aus islamischer und byzantinischer Zeit zu kurz kämen – es werde eine fiktive Route konstruiert, die jüdische Tempelbesucher benutzt haben sollen.

Ähnliche Bedenken werden gegen den fortschreitenden Ausbau eines Tunnels unterhalb der Davidsstadt geäußert. Er verläuft entlang der Trasse einer freigelegten römischen Straße und soll sich bis unter die Altstadt hinziehen. Das Projekt wurde Ende 2016 von der israelischen Ministerin für Kultur und Sport, Miri Regev, und dem Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat als "Weg der (Tempel-)Pilger" feierlich eingeweiht. Was Elad jedoch dort sonst noch plant, blieb trotz der medialen Inszenierung ein streng gehütetes Geheimnis – bis die NGO Emek Shaveh im Sommer 2017 Licht ins Dunkel brachte, nachdem sie Einsicht in die Pläne von Elad und deren Briefverkehr eingeklagt hatte.

Wie sich herausstellte, ist für einen Abschnitt des Tunnels eine großräumige touristisch-kommerzielle Anlage geplant, die sich stilistisch an die römische Architektur anlehnen soll. Die von Emek Shaveh enthüllten Einzelheiten über die interne Korrespondenz zwischen Elad und israelischen Archäologen belegen, dass das Projekt bei führenden Wissenschaftlern der israelischen Antikenbehörde, die seit Jahren mit der Elad-Stiftung zusammenarbeitet, auf heftigen Widerstand stößt. Der Tunnelausbau, heißt es, der unterhalb eines palästinensischen Wohnviertels verläuft, sei ein nicht kalkulierbares Sicherheitsrisiko für die Ortsbewohner. Die Grabungen – die als "schlechte Archäologie" kritisiert werden – würden wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen. Überhaupt wird das Grundkonzept des Projekts infrage gestellt: Mit der Einrichtung einer touristischen Anlage wie auch der "Rekonstruktion" eines angeblichen Weges der Tempel-Pilger würden die römischen Funde ihrer historischen Authentizität beraubt. Die komplexe Geschichte Jerusalems werde dadurch ungerechtfertigterweise "judaisiert".[12]

Die Elad-Stiftung zeigte sich jedoch auch von dieser Kritik unbeeindruckt. Ihre Ambitionen beschränken sich neuerdings auch nicht mehr nur auf den unterirdischen Bereich, sondern streben in die Höhe. So soll die Davidsstadt eine der Stationen der für Jerusalem geplanten Seilbahn werden, deren Bau das israelische Kabinett im Mai 2017 beschlossen hat. Die Zahl der Besucher des Davidsstadt-Parks könnte dadurch nochmals kräftig steigen, so zumindest hofft dessen Leitung. Weiterhin ist Elad an den Planungen für eine 200 Meter lange Seilbrücke über das Gehinnom-Tal – einer breiten Schlucht, die sich vom Fuß des Berges Zion in östlicher Richtung bis zum Kidrontal erstreckt und an den Ostteil von Silwan grenzt – sowie für eine 800 Meter lange Gleitseilbahn im eineinhalb Kilometer südlich gelegenen "Wald des Friedens" beteiligt. Diese Pläne erregen den Zorn linker Aktivisten. So wirft Hagit Ofran, die bei der israelischen Friedensbewegung Peace Now die Aktivitäten der Siedlerbewegung beobachtet, der Stiftung vor, das historische Juwel des Landes, die Jerusalemer Altstadt und ihre Umgebung, in "einen billigen Vergnügungspark mit touristischen Attraktionen von der Art Disneylands" zu verwandeln.[13]

Dass Elad ungeachtet aller Kritik es immer wieder vermag, ihre Pläne in die Tat umzusetzen, verdankt die Stiftung ihren guten Beziehungen sowohl zur Jerusalemer Stadtverwaltung als auch zur Politik. Ein Beleg dafür, dass dieses Band immer fester wird, ist auch die Verleihung des angesehenen staatlichen Israel-Preises 2017 an David Be’eri, den Gründer und Chef von Elad, der – trotz vehementer öffentlicher Proteste – für sein "Lebenswerk" ausgezeichnet wurde. Der für die Verleihung dieser Auszeichnung zuständige Bildungsminister, Naftali Bennett von HaBajit haJehudi, pries Be’eri als "einen der größten Erbauer Jerusalems in der modernen Zeit". "Viele Jahre", so Bennett, "haben wir davon geträumt, dafür gebetet und uns danach gesehnt, in die Stadt, in der sich David einst niedergelassen hatte, zurückzukehren, um sie wieder aufzubauen." Be’eri verwirkliche diesen Traum: "Sein Lebenswerk ist auch unser Lebenswerk." Aus der "Initiative eines Einzelnen", heißt es entsprechend in der Begründung der Jury, sei ein "nationales Werk" geworden.[14] Dass Preisträger Be’eri ein Jahr später selbst zum Juror im betreffenden Ausschuss des Israel-Preises avanciert ist, lässt keinen Zweifel daran, dass die Elad-Stiftung auch künftig von der Regierung volle Rückendeckung erhalten wird.

Fußnoten

7.
Vgl. Nir Hasson, Intellektuelle, Architekten und die Unesco gegen das Projekt eines Besucherzentrums im oberen Teil Silwans, in: Haaretz, 2.1.2014 (Hebräisch).
8.
Vgl. Ruba Anabtawi, Die angebliche Davidsstadt: Die Verwandlung der israelischen Lüge in vollendete Tatsachen, Bericht der palästinensischen NGO Ma’an Development Center, 1.12.2013, http://bit.ly/2pvViO1« (Arabisch).
9.
Vgl. Emek Shaveh, Decision to Approve Elad’s "Kedem Compound" Plan in Silwan Awakens Fear of Extreme Politicization of Planning and Building Institutions, Pressemitteilung, 30.3.2016, http://alt-arch.org/en/press-release-kedem-decision-march-2016«.
10.
Vgl. dies., Elad’s Kedem Center in Silwan Was Approved by All the Planning Committees, Pressemitteilung, 19.7.2017, http://alt-arch.org/en/kedem-center-in-silwan-was-approved-by-all-the-planning-committees«.
11.
Vgl. dies., Israeli Government Approved the Transfer of Operational Responsibilities for the Davidson Center to the Elad Foundation, Pressemitteilung, 14.2.2018, http://alt-arch.org/en/elad-davidson_en«.
12.
Nir Hasson, Führende Angehörige der Antikenbehörde: Die Ausgrabung der Elad-Stiftung in der Davidsstadt – schlechte Archäologie, in: Haaretz, 17.2.2017 (Hebräisch).
13.
Nir Hasson, Nicht nur Seilbahn: Elad wird in Ost-Jerusalem die längste Gleitseilbahn Israels bauen, in: Haaretz, 27.2.2018 (Hebräisch).
14.
Zitate von Bennet nach Sue Surkes, Controversial "Builder" of Jewish East Jerusalem Awarded Israel Prize, 16.3.2017, http://www.timesofisrael.com/builder-of-jewish-east-jerusalem-awarded-israel-prize«.
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