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27.8.2002 | Von:
Avi Primor

Keine Lösung durch Gewalt

V. Abschnitt

Wie auch schon in der Vergangenheit, muss man sich auf die Kontrahenten selbst verlassen. Selbst die Amerikaner haben noch nie einen Friedensprozess im Nahen Osten ins Leben gerufen. Jeder Friedensprozess, ob gelungen oder gescheitert, hat hinter dem Rücken der Amerikaner begonnen. So wussten die Amerikaner von Sadats Friedensinitiative nichts, solange Sadat sie nicht veröffentlicht hatte. So haben die Amerikaner von den Verhandlungen mit der PLO in Oslo nichts geahnt, solange Palästinenser und Israelis diese nicht publik gemacht hatten. Und so war es auch mit dem Friedensprozess mit Jordanien und sogar mit Syrien. Erst wenn die Kontrahenten so weit sind, einen Friedensprozess zu wollen, kommen die Amerikaner als Vermittler in Frage und sind dann auch tatsächlich unentbehrlich. Der erste Schritt muss also vor Ort gemacht werden. Es gibt nur eine Macht, die eine Politik in Israel initiieren und erzwingen kann, und das ist die israelische Bevölkerung. Sie hat die Politik Israels gegenüber Sadat bestimmt, auch gegenüber König Hussein, und sie war eine Zeit lang bereit, einen Friedensprozess mit der PLO zu unterstützen. Diese Bevölkerung muss man heute von den Friedensabsichten der anderen Seite überzeugen.

Als der saudische Kronprinz Abdullah dem New-York-Times-Korrespondenten Thomas Friedmann im Frühjahr ein überraschendes Interview gegeben hatte, sah es so aus, als würde den Israelis seitens der arabischen Welt ein revolutionäres Angebot unterbreitet. Natürlich sprach Abdullah von der Räumung aller besetzten Gebiete und Siedlungen wie auch von der Anerkennung eines unabhängigen Palästinenserstaats, versprach aber den Israelis, was sie bisher noch nie gehört hatten, nämlich einen umfassenden Frieden mit der arabischen Welt, d. h. nicht nur mit den unmittelbaren Nachbarn Israels, und vor allem versprach er eine "Normalisierung" der Beziehungen. Damit ist viel mehr als nur ein Frieden gemeint, der keine Alltagskontakte zwischen den Bevölkerungen ermöglicht oder sogar entwickelt, mehr als ein kalter Frieden - das heißt mehr als ein Frieden, der in Wirklichkeit nicht mehr als ein Waffenstillstand ist bzw. ein vorübergehender Waffenstillstand, als Frieden getarnt.

Als man den Außenminister Shimon Peres fragte, ob er den Saudi-Plan nicht als Licht am Ende des Tunnels betrachte, erwiderte er positiv, fügte aber hinzu: "Mein Problem ist, dass ich den Tunnel selbst nicht sehen kann." Der Tunnel diesbezüglich ist die arabische Welt. Wenn wir davon ausgehen, dass wir seitens der Palästinenser keinen glaubwürdigen Gesprächspartner haben, dann könnte doch die gemeinsame arabische Welt die Verantwortung übernehmen, auch für die Palästinenser. Die Unterstützung des Saudi-Plans durch die arabischen Staaten kam aber nur zögernd. Und nicht den ursprünglichen Plan haben sie unterstützt, sondern eher einen verwässerten. Insofern haben sie das Ziel, die israelische Bevölkerung von den arabischen Friedensabsichten zu überzeugen, verfehlt.

Klar ist, dass es keine Lösung geben wird, auch nicht für die Israelis, solange die Palästinenser im Elend und ohne Würde leben. Die Israelis werden in keiner glaubwürdigen und endgültigen Art und Weise Ruhe und Sicherheit erzielen können, solange ihre Nachbarbevölkerung unter ihrer Besatzung lebt und deren Kinder nicht dieselben Zukunftschancen bekommen, die ihre eigenen Kinder haben. Klar ist aber auch, dass weder die Palästinenser noch die Israelis ihr Ziel durch Gewalt erreichen können. Die Palästinenser sind nicht mächtig genug, die Israelis zu vertreiben, und die Israelis sind nicht mächtig genug, langfristig über eine andere Bevölkerung zu herrschen. Napoleon sagte einmal, man könne mit Bajonetten vieles erreichen, nur auf ihnen sitzen könne man nicht. Wir sitzen schon allzu lange auf Bajonetten und brauchten dringend eine Leiter, um herunterzuklettern. Diese Leiter können wir aber nur von unseren Nachbarn bekommen.