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27.8.2002 | Von:
Suleiman Abu Dayyeh

Das besetzte Palästina zwischen
Macht und Gerechtigkeit

Der Beitrag der Zivilgesellschaft in Palästina
zur Lösung des Nahostkonflikts

III. Palästinenser zwischen "Terrorismus" und "Befreiung"

Seit einiger Zeit wird in Palästina eine kontroverse Debatte um die Selbstmordattentate gegen Zivilisten in Israel geführt. Vorab sei klargestellt: Diese terroristischen Attacken, gleich, ob sie sich gegen israelische oder palästinensische Zivilisten richten, sind zutiefst verabscheuungswürdig. Sie sind ethisch unhaltbar und durch nichts zu rechtfertigen. Es trifft aber auch zu, was der israelische Offizier und Wehrdienstverweigerer Shamei Leibowitz sagte: "Keine noch so große Verdammung dieser Selbstmordattentate wird sie stoppen. Was Bush anscheinend nicht begreift ist, dass diese Attentate Resultat ... der Demütigung des palästinensischen Volkes sind. Bush und seine Berater schaden uns unendlich, indem sie einfach nicht einsehen wollen, dass nur ein sofortiges Ende der israelischen Okkupation ein sofortiges Ende des Palästinenseraufstandes bewirken kann." [6] Es geht darum, dass die Herrschaftsverhältnisse in diesem Kontext entscheidend geändert werden müssen. Der Besatzer muss aufhören, Besatzer zu sein, und der Besetzte muss befreit werden.

Das Bewusstmachen der Realitäten und die Veränderung des Bewusstseins der Beteiligten reicht schon lange nicht mehr aus. Die Realität der Okkupation muss ein Ende haben, damit sind u. a. auch die Grenzposten gemeint, die schwangere Frauen nicht passieren lassen, die dann ihre Kinder verlieren. [7] Von diesen und anderen Schicksalen gibt es Tausende, die mit Sicherheitsfragen nichts zu tun haben. [8]

Umso interessanter ist die Tatsache, dass die Opposition gegen die Selbstmordattentate in der palästinensischen Gesellschaft zunimmt. Obwohl in den letzten zwölf Monaten für diese Attacken ein gewisses Verständnis selbst bei Friedensbefürwortern oder bei Menschen ohne jegliche Bindung an eine ideologische oder religiöse Richtung festzustellen war, sehen viele Menschen darin einen Verzweiflungsakt des Unterlegenen und Schwächeren gegen eine übermächtige Militärmaschinerie, oder, wie der israelische Historiker Moshe Zuckermann es ausdrückte: "Es ist der Aufschrei der Geknechteten und Erniedrigten und der Beleidigten, die zu nichts anderem fähig sind als zur Zerstörung des Landes Israel, auch wenn im Gegenzug Ramallah, Nablus oder Jenin in Schutt und Asche gelegt werden." [9]

Wenn man sich einer politischen Lösung annähern will, ist es offensichtlich, dass solche Attentate - abgesehen von ihrer moralischen Verwerflichkeit - realpolitisch eher Nachteile für die Palästinenser bringen, weil sie Folgendes bewirken:

- Sie mobilisieren die israelische Öffentlichkeit gegen eine Friedensregelung auf der Basis "Land gegen Frieden" und helfen der Propaganda der Friedensgegner, dass die Palästinenser weniger an einem Staat in den Grenzen von 1967 interessiert seien als vielmehr an der Zerstörung des Staates Israel.

- Sie stärken die extremistischen Kräfte in Israel und treiben ihnen immer mehr Anhänger auf Kosten des Friedenslagers und der Befürworter der Beendigung der Besetzung zu.

- Solche Aktionen legitimieren vor der Weltöffentlichkeit die problematischen israelischen Militärschläge gegen die Palästinenser sowie gegen die in den letzten sieben Jahren aufgebaute zivile und politische Infrastruktur und Organisationen.

Es ist ein unverzeihlicher Fehler gewesen, dass die Fatah-Bewegung, die PNA und nicht zuletzt Yassir Arafat persönlich die Militarisierung der Intifada zuließen und sich somit zu Geiseln dieser mörderischen Strategie von "Hamas" und "Islamischem Jihad" gemacht haben. Die Taktik und Methoden der ersten Intifada zwischen 1987 und 1992, die weitgehend friedlicher Natur waren und sich auf Straßendemonstrationen, Maßnahmen zum Boykott israelischer Produkte und der Zivilverwaltung der Israelis sowie auf eine Zermürbung der israelischen Armee konzentrierten, konnten hingegen weltweit und nicht zuletzt in Israel selbst große Sympathien für das Anliegen der Palästinenser erzeugen.

Fußnoten

6.
S. Leibowitz (Anm. 1).
7.
Vgl. Defence for Children International, 2002 Siege on Palestine. DCI/PS Updates on the Siege.
8.
Vgl. Amnesty International, 2002. Israel and the occupied territories, the heavy price of Israeli incursions, Al-index: MDE 15/042/2002, MDE 15/058/2002.
9.
Moshe Zuckermann, Nahosten: Die Logik der Okkupation, in: IZ3W, (2002) 261.