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27.8.2002 | Von:
Suleiman Abu Dayyeh

Das besetzte Palästina zwischen
Macht und Gerechtigkeit

Der Beitrag der Zivilgesellschaft in Palästina
zur Lösung des Nahostkonflikts

IV. Der Alltag in Palästina

Es ist wohl nur für wenige vorstellbar, was es heißt, zehn Tage oder länger unter einer allumfassenden Ausgangssperre zu leben, eingesperrt mit den Kindern zu sein und oft mit den Eltern in einer nervenaufreibenden Enge, in einer zu kleinen Wohnung zu leben, oft ohne Strom- oder Wasserversorgung, während draußen ununterbrochen Panzer und Mannschaftswagen herumfahren und schießen. Es ist kaum vorstellbar, dass manchmal schon der Versuch eines Ganges nach draußen, um Luft zu schnappen, in einer menschlichen Tragödie enden kann, weil jeder Versuch, dieser Eingeschlossenheit zu entfliehen, von der israelischen Armee mit voller Härte oder manchmal sogar durch Scharfschützen beendet wird. [10] In diesem Zustand der gewaltsamen Gettoisierung leben Hunderttausende von Palästinensern seit vielen Wochen. Über 1 800 Menschen haben ihr Leben verloren, über 40 000 sind verletzt worden, und Tausende sitzen seit Monaten in den Gefängnissen, in den meisten Fällen ohne Anklage oder Gerichtsverhandlung. [11] Viele werden präventiv für Monate in so gennante Administrativhaft genommen. [12] Ministerien, öffentliche Gebäude, auch von Hilfsorganisationen, Moscheen, Kirchen und nicht zuletzt Privathäuser werden beschossen oder zerstört. Auch Straßen, Bürgersteige, Kanalisationssysteme, private und öffentliche Radio- und Fernsehstationen werden im Krieg gegen "die Infrastruktur des Terrorismus" nicht verschont.

Von einem normalen Leben in Palästina kann man schon lange nicht mehr sprechen. Das Normale ist das Ungewisse und das Irreguläre geworden. Die Schulen, Universitäten und Ämter haben allein in den letzten drei Monaten knapp 60 Unterrichts-, Vorlesungs- und Arbeitstage verloren. Das akademische bzw. Schuljahr ist nicht mehr nachholbar und als verloren anzusehen. Die Versorgung der Menschen mit ihren Grundbedürfnissen ist nur auf dem einfachsten Niveau möglich. Selbst internationale Hilfsorganisationen, Journalisten und Diplomaten beklagen die großen Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, um Hilfe leisten oder frei berichten zu können. [13]

David Hally, Mitarbeiter von Amnesty International, der als unabhängiger Militärexperte eine AI-Delegation begleitete, schrieb in seinem Bericht: "The military operations we have investigated appear to be carried out not for military purposes, but instead to harass, humiliate, intimidate and harm the Palestinian population." [14] Mustafa Barghouthi, bekannt als einer der führenden Persönlichkeiten der palästinensischen Zivilgesellschaft, beschrieb die letzte Invasion der israelischen Armee wie folgt: "The last invasion of Palestinian cities, towns and refugee camps is part of a systematic operation aiming at inflicting destruction of governmental and nongovernmental organizations to destroy the potential to establish an independent Palestinian State." [15]

Fußnoten

10.
Vgl. Gideon Levy, Eine Million Menschen unter Ausgangsperre, in: Haaretz vom 30. 6. 2002.
11.
Vgl. JMCC, Besieged go hungry and wounded deteriorate inside the presidential compound, Israeli military, tanks besiege Bethlehem's Chuch of Nativity vom 25. April 2002.
12.
Vgl. Addameer Prisoner support and Human Rights Association, Thousands of Palestinians blindfolded, handcuffed and tortured (2002).
13.
Vgl. Teacher Creativity Center/Ramallah, Israeli Occupation Forces Assault on the Palestinian Community, Mai 2002.
14.
Ebd.
15.
Ebd.