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15.7.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Das deutsche Hochschulsystem muss reformiert werden. Wie dies geschehen soll, darüber wird seit Jahren debattiert. An praktikablen Reformvorschlägen mangelt es nicht, aber die Umsetzung erfolgt nur schleppend.

Einleitung

Das deutsche Hochschulsystem muss reformiert werden. Das ist unstrittig. Wie dies geschehen soll, darüber wird seit Jahren debattiert. Sinkende Bildungsausgaben, erstarrte Strukturen, schlechte Leistungen, Studiengebühren, Deregulierung sind einige der Stichworte dieser Debatte. An mehr oder weniger praktikablen Reformvorschlägen mangelt es nicht, allerdings erfolgt deren Umsetzung nicht nur schleppend, sondern sie wird auch von den verschiedenen Lobbyistengruppen blockiert.

Dass eine auf Profilbildung, Leistungsbewertung und Wettbewerb zielende Erneuerung deutscher Hochschulen auch auf Widerstände stoße, sei verständlich angesichts des Kurswechsels, den sie erfordere, und des Mentalitätswandels, den sie bewirken solle - so Manfred Erhardt in seinem Essay. Natürlich sollten Staat und Politik die Universitäten und Hochschulen nicht in die Freiheit entlassen, ohne faire Rahmenbedingungen zu setzen. Zugleich müsse die deutsche Gesellschaft lernen, auf Talent und Tüchtigkeit beruhende Ungleichheit zu akzeptieren.

Einen ersten ernsthaften Reformversuch stellt nach Gerhard Neuweiler die kürzlich in Kraft getretene 5. Novelle zum Hochschulrahmengesetz dar. Der Autor nimmt in seinem Essay eine kritische Bewertung der beiden Elemente dieser Reform - der Einführung einer selbstständigen Juniorprofessur zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und leistungsadäquater Vergütungselemente bei der Professorenbesoldung - vor und setzt sich mit dem Problem der derzeitigen Unvereinbarkeit von guter Ausbildung an den Universitäten bei gleichzeitiger Spitzenforschung auseinander.

Vor dem Hintergrund der immer wieder vorgetragenen Kritik an der Schule - zuletzt in der PISA-Studie im Herbst 2001 - scheint auch das deutsche Schulsystem reformbedürftig. Olaf Köller und Jürgen Baumert gehen der Frage nach, ob Gymnasiastinnen und Gymnasiasten durch die Schule hinreichend für das Hochschulstudium vorbereitet werden. Auf Basis der Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien TIMSS und PISA plädieren sie dafür, an den Schulen Maßnahmen zur Sicherung der Mindeststandards mit dem Ziel zu ergreifen, breitere Anteile eines Jahrgangs auf ein erfolgreiches Universitätsstudium vorzubereiten. In Panik zu verfallen halten die Autoren angesichts der Befundlage jedoch für unangemessen.

Die Bereitschaft und die Fähigkeit zu lebenslangem oder - wie Wolfgang Bergsdorf schreibt - lebenslänglichem Lernen wird zu einer der Schlüsselqualifikationen in der Wissensgesellschaft werden. Doch unser Bildungssystem ist auf die entsprechenden Anforderungen nicht eingestellt. Bergsdorfs Beitrag ist als Mahnung an die Politik zu verstehen, endlich die notwendigen Reformschritte einzuleiten. Zugleich referiert der Autor eine interessante Reformidee: den Plan, ein Netzwerk von europäischen Universitäten zu schaffen, um den Wettbewerb mit den besten amerikanischen Hochschulen zu bestehen. Er stellt das Reformkonzept der Universität Erfurt vor, von dem Reformimpulse für die deutsche Hochschullandschaft ausgehen sollen.

Reiner Pommerin beklagt deutliche Ausbildungsdefizite der Universitäten und Hochschulen im Bereich internationaler Studien. Dies gelte auch für den Studiengang Internationale Beziehungen/International Relations, den es an deutschen Universitäten lediglich als Teilgebiet des Gesamtfaches der Politischen Wissenschaft, nicht aber als ein fach- oder gar fakultätsübergreifendes Studienangebot gebe - mit Ausnahme der TU Dresden. Der Autor beschreibt den "Dresdner Versuch", einen Studiengang Internationale Beziehungen/International Relations auch in der Bundesrepublik einzuführen.