Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Franka Maubach

Weimar (nicht) vom Ende her denken. Ein skeptischer Ausblick auf das Gründungsjubiläum 2019

Periodisierungsprobleme und Deutungsstreit

Eine Ursache für den in Abständen aufbrechenden Interpretationsstreit über die Geschichte Weimars ist ihre Deutungsoffenheit. Was für alle historischen Zeitphasen zu konstatieren ist, gilt für die Jahre zwischen 1918 und 1933 in ganz besonderer Weise. Die Weimarer Republik habe nämlich, so formulierte bereits der Historiker Detlev Peukert in seiner mittlerweile kanonischen Studie 1987, "weder einen klaren Anfang noch ein klares Ende". Wo Anfang und Ende aber unbestimmt sind, lässt sich auch das Dazwischen nur schwerlich definieren: "Allein im Vergleich mit den mehr als einmal existenzgefährdenden Krisenjahren der frühen Nachkriegszeit und dann wieder der Weltwirtschaftskrise können die Jahre von 1924 bis 1929 als ‚stabil‘ erscheinen", so Peukert.[5]

Spätere Kritiker wie der Geschichtswissenschaftler Thomas Mergel mochten dies so lesen, als werde der Weimarer Republik unter dem Rubrum der Diagnose einer krisenhaften Moderne auch noch der letzte Lebenssaft entzogen – ihre stabile Mitte, die goldenen Zwanziger.[6] Peukert indes, der Ende der 1980er Jahre selbst gegen die damals noch geläufige, wenngleich bereits in die Kritik geratene Sonderwegdeutung antrat, wollte vor allem für die Tatsache sensibilisieren, dass und wie sehr Periodisierungen – als Markierung von Anfang und Ende historischer Entwicklungen und damit von Epochengrenzen – über Deutungsinhalte entscheiden. Daran zu erinnern, erscheint gegenwärtig im Kontext des anstehenden Doppelt- und Dreifachgedenkens an 1918/19 – an Novemberrevolution und Verfassungsgebung, aber auch an Versailles – wieder relevant.

Das gilt aber nicht nur für den Anfang, sondern auch für das Ende der Republik. Mit guten Gründen ließe sich der Schlusspunkt der Weimarer Geschichte weit vor 1933 setzen: 1930, als die Debatte um die Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung den Anlass zum Koalitionsbruch gab. Das Regieren qua Notverordnung und Reichstagsauflösung, das danach begann und die drei Kabinette bis 1933 prägte, förderte den Anschluss an die autoritär auszudeutenden Elemente der Weimarer Reichsverfassung, die eben, wie Peukert formulierte, ein "offener Kompromiss" war – zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Interessen und politischen Fraktionen ebenso wie zwischen Unitarismus und Föderalismus, Kaiserreich und Republik.[7] Sie ließ, so der Historiker Gunther Mai im Anschluss an Peukert, eine "Entwicklung nach beiden Seiten [offen]: zu einer sozialen, pluralistischen Republik oder zur autoritären, präsidialen Herrschaft".[8] Über die durch die Wahlerfolge der Nationalsozialisten bei den Septemberwahlen forcierte Entwicklungsrichtung war 1930 entschieden und der "Übergang zu einer ganz anderen Verfassung" eingeleitet worden.[9] In Peukerts Gesamtdarstellung bilden die Jahre von 1930 bis 1933 entsprechend nur noch einen Nachklapp, zumal die Suhrkamp-Reihe, zu der das Buch gehört, diesen Jahren unter dem Titel "Die gescheiterte Zähmung" einen eigenen, von Gotthard Jasper geschriebenen Band widmete.[10]

Dass die Weimarer Reichsverfassung uneindeutig blieb, dass sie heterogene Entwicklungspotenziale enthielt und eben nicht nur in Richtung einer parlamentarischen Demokratie wies, war ein Resultat jener uneindeutigen Situation, in der sie entstand. Ohne den weiteren Kontext jener "revolutionären Nachkriegskrise" – die Nachwirkungen des Kriegs, die revolutionären, gewaltgeladenen Bürgerkriegswirren in Berlin und anderswo, aber auch die Verhandlungen in Versailles – ist der demokratische Gründungsakt in der kleinen Provinzstadt Weimar nicht zu verstehen. Zwar wurden in den insgesamt 71 Sitzungen zwischen Februar und Juli 1919 zahlreiche programmatische Reden auf die Demokratie gehalten, aber die Unterzeichnung der Verfassung des Deutschen Reichs (nicht: der Deutschen Republik) war unspektakulärer als jede Hochzeit: Reichspräsident Friedrich Ebert ratifizierte sie im Thüringischen Schwarzburg, wo er seinen Urlaub verbrachte und wohin ihm das gesamte Kabinett nachreiste.[11] Von diesem eigentlich so zentralen Gründungsakt der Weimarer Republik zeugt bis heute kein Foto. Speisten Ebert und die Kabinettsmitglieder im "Weißen Hirsch" und setzten ihre Unterschrift beim Erdbeereis unter die Verfassung? Oder wählten sie dafür das Hotel Schwarzburg, wo Ebert nächtigte? Ein historischer Moment mit Gedenkpotenzial war das nicht, ein Gründungsmythos lässt sich daraus kaum gewinnen.

Fußnoten

5.
Detlev J.K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987, S. 14f.
6.
Vgl. Thomas Mergel, Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik, Düsseldorf 2002, S. 16.
7.
Peukert (Anm. 5), S. 46ff., hier S. 48.
8.
Gunther Mai, Die Weimarer Republik, München 2014, S. 30.
9.
Peukert (Anm. 5), S. 15.
10.
Vgl. ebd., S. 243–272; Gotthard Jasper, Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930–1934, Frankfurt/M. 1986.
11.
Daran erinnern in Schwarzburg ein Gedenkstein und ein jährliches "Verfassungsfest". Vgl. Christian Wiesel, Staatsgründung beim Erdbeereis, 7.8.2009, http://www.spiegel.de/einestages/-a-948433.html«.
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