Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Franka Maubach

Weimar (nicht) vom Ende her denken. Ein skeptischer Ausblick auf das Gründungsjubiläum 2019

Sperrgürtel um die Hoffnung

Die Autoren des hier vorgestellten Chancendiskurses beziehen sich gerne auf Aussagen aus den programmatischen Reden der Nationalversammlung. Oft taucht in diesem Zusammenhang der tautologische und gerade deswegen so eingängige Superlativ des Präsidenten der Nationalversammlung Eduard David (SPD) auf, der in der 71. Sitzung am 31. Juli 1919, an deren Ende die Weimarer Verfassung angenommen wurde, von Weimar als der "demokratischsten Demokratie" sprach.[23] Eine Woche vorher hatte der Übergangskanzler Gustav Bauer (SPD) die neue Verfassung als "rein[e] Demokratie" bezeichnet.[24] Hinter diesen superlativischen Charakterisierungen, die in der Abgeschiedenheit der Weimarer Nationalversammlung, die Mergel so treffend als "Parlament in Klausur" bezeichnet hat, auf der Theaterbühne dargeboten wurden, stand indes noch keinerlei demokratische Erfahrung: Was sich hier Ausdruck verschaffte, waren die nach Krieg und Revolution unendlich hochgeschraubten Erwartungen an die parlamentarische Demokratie, denen gerade deswegen die Enttäuschung schon eingeschrieben war.[25]

Daneben handelte es sich aber auch um strategische Rhetorik, darauf ausgelegt, die ehemaligen alliierten Kriegsgegner, die den deutsch-preußischen Militarismus während des Kriegs propagandistisch gegeißelt hatten, von den besseren Potenzialen eines trotzdem überlegenen "deutschen Geistes" zu überzeugen – den "Geist von Weimar" also gegen den "Geist von Potsdam" ins Feld zu führen. Die Einrichtung einer demokratischen Ordnung war von Anfang an nicht nur heftig umstritten, sondern fundamental umkämpft: Als Friedrich Ebert in seiner Eröffnungsrede am 6. Februar 1919 formulierte, dass sich "das deutsche Volk gegen eine veraltete, zusammenbrechende Gewaltherrschaft" erhoben habe, erntete er "lebhafte[n] Widerspruch von rechts", und als er eben jenen "Geist von Weimar" programmatisch gegen den "Geist von Potsdam" beschwor, war nur "lebhafter Beifall links" zu hören: Ein "Warnzeichen", meint der Politikwissenschaftler Detlef Lehnert, "die Bereitschaft zum Neubeginn nicht zu überschätzen".[26]

Spätestens aber als die Parlamentarier und Parlamentarierinnen das Weimarer Nationaltheater verließen, wurden sie auf die uneindeutigen Konstellationen verwiesen, in denen die Weimarer Demokratie entstand. Nicht nur flaggte die konservativ-bürgerliche Bevölkerung Weimars, das (noch) wie eine Insel im roten Thüringen lag, häufig die Farben der Monarchie: schwarz-weiß-rot statt schwarz-rot-gold.[27] Die Sitzungen wurden zudem durch nach Weimar beorderte Berliner Polizeieinheiten gesichert, und nach Weimar hinein kam man nur mit speziellen Pässen. Die Nationalversammlung war von einem zehn Kilometer tiefen Sperrgürtel umgeben: Das Freikorps Maerker schirmte die Nationalversammlung zwar ab und hielt gegen Weimar ziehende Spartakisten "auf halber Strecke in Großkorbetha" auf, nutzte aber zugleich die Gelegenheit, um Flugblätter gegen die Ratifizierung des Versailler Vertrags inklusive Putschdrohung zu verteilen.[28]

Zwar argumentiert der Verfassungshistoriker Heiko Holste in einer gerade erschienenen Arbeit, dass die Wahl des Ortes nicht, wie oft kolportiert, in erster Linie eine Flucht gewesen sei vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Berlin; wichtiger sei die nicht nur symbolisch, sondern auch räumlich vollzogene Abkehr von Preußen gewesen.[29] Dennoch verdeutlicht die Weimarer Konstellation den Kontext der "revolutionären Nachkriegskrise": Die demokratischen Hoffnungen gediehen im Ungewissen der Nachkriegszeit und einer gewaltgeladenen Situation – der Geschichtswissenschaftler Mark Jones spricht mit Blick auf das Handeln der Regierung gar von "Gründungsgewalt" –, die im Chancendiskurs nur selten thematisiert wird.[30]

"Demokratischste Demokratie" in ungewisser Zeit

Diese fundamentale Ungewissheit der historischen Situation müsste auch das gegenwärtige Gedenken spiegeln. Die (deutsche) Geschichte als offene zu verstehen und mit den Augen der Zeitgenossen und Zeitgenossinnen auf das Geschehen zu schauen, ihre Erwartungshorizonte und Zukunftshoffnungen ernst zu nehmen – all dies heißt ja nicht nur, das Positive aufzuspüren: die Hoffnungsgeschichte eines demokratischen Experiments. Zu Ende gedacht, impliziert das Plädoyer für eine offene Geschichte den riskanten Versuch, sich der fundamentalen Ungewissheit der Zeit neuerlich auszusetzen, die Implikationen politischer Gestaltungsoffenheit zu verstehen, die die historischen Akteure eben in die eine wie in die andere Richtung nutzen konnten. Eine solche Geschichtsaufklärung müsste sich trauen, das Ungewisse zu denken und die Risiken einer offenen Zukunft begreifbar zu machen. Lehrsätze für die Gegenwart – gleich welcher Art – lassen sich daraus nicht ableiten. Aus der Ungewissheit der Zukunft lässt sich höchstens ein diagnostisches Gespür für die Gegenwart gewinnen: Wohin wird die Reise gehen? Eine positive Normierung der deutschen Geschichte kommt jedenfalls nur denjenigen entgegen, die den "Schuldkult" lieber heute als morgen gegen eine sichernde, positive Nationalgeschichte eintauschen möchten.

Fußnoten

23.
Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 71. Sitzung, 31.7.1919, S. 2195: "Nirgends in der Welt ist die Demokratie konsequenter durchgeführt als in der neuen deutschen Verfassung. Die deutsche Republik ist fortan die demokratischste Demokratie der Welt."
24.
Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 64. Sitzung, 23.7.1919, S. 1844.
25.
Vgl. die Zwischenüberschrift bei Mergel (Anm. 6), S. 41. Vgl. Peukert (Anm. 5), S. 36, der das "erhöht[e] Erwartungspotential" aus "den enttäuschten Hoffnungen von 1914 und aus der Forderung" erklärt, "die ungeheuren Opfer des Krieges müßten sich doch wenigstens durch eine grundlegend bessere Nachkriegsordnung lohnen".
26.
Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 1. Sitzung, 6.2.1919, S. 1, S. 3; Detlef Lehnert, "Weimars" Chancen und Möglichkeiten, Strukturen und Normen – eine Problemskizze, in: Dreyer/Braune, Weimar als Herausforderung (Anm. 13), S. 103–121, hier S. 103.
27.
Vgl. Peter Merseburger, Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht, München 2000, S. 291. Vgl. für die weitere Entwicklung Thüringens, das das erste Land war, in dem die Nationalsozialisten mitregierten, Jürgen John, "Land im Aufbruch", in: Ulbricht (Anm. 13), S. 17–46.
28.
Merseburger (Anm. 27), S. 293.
29.
Vgl. Heiko Holste, Warum Weimar? Wie Deutschlands erste Republik zu ihrem Geburtsort kam, Köln–Weimar–Wien 2018.
30.
Vgl. Mark Jones, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017.
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